So funktioniert Kapitalismus

Mit Euro-Anleihen durch die Krise

Von 15. September 2008 um 22:32 Uhr

Die Weltwirtschaft wächst zur Zeit mit Raten von weniger als 1½%, gemessen am realen BIP und bewertet zu aktuellen Wechselkursen. Raten von weniger als 2% signalisieren gewöhnlich eine Rezession. So etwas gab es zuletzt 1975. Ein Wendepunkt ist noch nicht in Sicht. Vielmehr deuten alle Frühindikatoren darauf hin, dass sich das Wachstum weiter abschwächen wird.

Dabei erreicht die amerikanische Finanzkrise immer neue erschreckende Dimensionen. Auch die US-Haushalte haben angesichts fallender Hauspreise und Aktienkurse zunehmend Probleme mit ihren Finanzen und müssen den Gürtel enger schnallen. Das erinnert alles sehr an die japanische Krise, die inzwischen fast 20 Jahre lang anhält. Die USA stehen vor einer “balance sheet recession”, die auch mit niedrigen Zinsen und viel Liquidität nicht nachhaltig bekämpft werden kann.

Da der Rest der Welt ebenfalls nur noch sehr langsam wächst, gehen immerhin die Preise für Öl, Metalle und Nahrungsmittel jetzt stark zurück. Aus dem Kaufkraftschock, der die Rezession im Wesentlichen bewirkt hatte, wird eine positive Überraschung. Die Inflationsraten gehen zügig zurück und die Leute haben real wieder mehr Geld in der Tasche. Der Abschwung hat aber so viel Eigendynamik entwickelt, dass er auch dadurch nur schwer zu stoppen sein wird. Auf die Schwellenländer, die in den letzten Jahren zum Motor der globalen Wirtschaft geworden waren, ist inzwischen auch nicht mehr Verlass. Einbrechende Aktienmärkte und Krisen am Immobilienmarkt sind ein Indiz dafür, dass es auch dort zu kostspieligen Fehlinvestitionen gekommen ist, die nun korrigiert werden müssen und nun das Wachstum bremsen.

Was kann der Anleger tun? Grundsätzlich sollte man die Finger von Aktien lassen, solange die Gewinne wegen der schwachen Nachfrage unter Druck bleiben. Wenn überhaupt, dann solche Werte, die von fallenden Rohstoffpreisen profitieren. Da der Dollar wieder abwerten wird, sind amerikanische Exporteure und Multinationals plausible Alternativen. Vor allem aber ist dies eine Zeit für langlaufende Anleihen aus dem Euroraum, einschließlich Pfandbriefe und italienische Staatsanleihen. Wenn es so wird wie in Japan, sollte man sich die Portefeuilles voll stopfen damit. Wie viel bringen die 10-jährigen JGBs (Japanese Government Bonds) heute? 1,5%! Selbst am Bondmarkt kann es also große Kursgewinne geben – vorausgesetzt die Inflation geht dauerhaft stark zurück. Danach sieht es zur Zeit aus.

Ausführliches zur wirtschaftlichen Lage in den USA, Euroland, Japan, China und Russland, sowie den damit verbunden Implikationen für Aktien, Bonds und Wechselkurse in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – September 2008*) (pdf, 239 KB)

*) Den Investment Outlook von Dieter Wermuth in englischer Sprache gibt es einmal im Monat und er wird zunächst kostenlos auf Herdentrieb zum Herunterladen bereitgestellt. (ur)

Leser-Kommentare
  1. 9.

    @ Olaf Printz #8

    “Müssen wir im Ausblick von 10 Jahren mit einer Inflation höher 3% rechnen?”

    Der Rentenmarkt sagt dazu derzeit eher nein.

    Rendite Staatsanleihen im 10J-Bereich:

    EUR, GBP … ca. 4.5%
    USD ………. ca. 3.6%

    Aber es ist natürlich möglich, daß der Markt seine Meinung (abrupt) ändert. Im übrigen sind Prognosen bekanntlich schwierig, wenn sie die (10jährige) Zukunft betreffen.

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    • 22. September 2008 um 15:27 Uhr
    • I.I.Oblomow
  2. 10.

    [...] Herdentrieb (Zeit.de), Mit Euro-Anleihen durch die Krise [...]

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  3. 11.

    Ich rechne schon mit einer höheren Inflationsrate, denn die Inflation hängt an der Konjuktur und die ist europaweit sinkend, siehe aktuell die Türkei von ca. 10% auf 1,9 % das aktuelle Halbjahresergebnis.

    Die Finanzkrise tut ihr übriges…denn Sie wirkt sich Nachhaltig aus.

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    • 26. September 2008 um 17:04 Uhr
    • Manuela
  4. 12.

    höhere Inflationsrate: Wenn die Zentralbanken den Banken Schrott abkaufen. Reflatitionierung ist aber relativ. Hat man eine Inflation von -5% (Defl.) und reflationiert 6% ist das in Ordnung. Bei 60% Reflationierung… Amen!

    Aber der Geldkreislauf ist eh am Ende. Wenn alles von unten nach oben umverteilt wurde, gibt es nur oben Zirkulationen, wenn überhaupt. Volkswirtschaft: Rezession.

    Gruß
    Bernhard

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  5. 13.

    Und ich dachte, meine getrübten Augen sähen (unggesplittet) internationale blue chips auf 10-Jahres- oder sogar Allzeittiefs. HDAX, der Median der Aktien zeigt gerade einen Kursverlust von 53 % jj. Meine Ohren sind schon fast taub vom Kanonendonner. Erstklassige Dividendenpapiere. Auch wenn die Kurse noch stark fallen können, es zählt die Dividende.

    Und erstklassige Unternehmensanleihen brächten Renditen von 6% bis > 7%. Natürlich gute Unternehmens – Anleihen werden bis Dezember bestimmt noch attraktiver. Die Abgeltungssteuer läßt grüßen. Da kegelt so mancher Investor vor Jahresende alles raus, um in der ersten Januarwoche zu kaufen. Bei großen Summen sind Steuern bisher 42 % dann 25 % natürlich ab 2009 sehr viel attraktiver. Zeros, Null Steuern. Und da andere Investoren gerade etwas blank zu sein scheinen, würde das aufgehen. Wozu horten die Banken wohl Liquidität ? “Vertrauen” sich nicht ? Vielleicht.

    Nichts gegen gute Staatsanleihen, aber sehr gute Unternehmensanleihen lassen auch so manches Herz höher schlagen. Es zählt die Rendite. Der Untergang von EON, Thyssen oder BMW ist derzeit genauso wahrscheinlich, wie der Untergang Deutschlands. Ich vermute, bei Anleihen ist Ende Dezember die Tafel in der größten Pracht seit Jahrzehnten hergerichtet.

    Bei den Kosten, die Steinmeier in der IKB “gerettet” hat und die Bund und Länder in der “bad bank” “retten” werden, sowie der Tatsache, dass 2009 auch noch bei uns ein Wahljahr ist, sind zwar implodierende Kredite deflationär, nicht aber die “Rettungsmaßnahmen”. Und anders als durch wirkliche Inflation, Geld zu den Massen, nicht zu den “Reichen” und nicht von den “Reichen”, läßt sich diese Krise niemals lösen.

    HeliBens Rotoren sind ganz deutlich zu vernehmen, damit liegt er völlig richtig, aber die Nebenwirkungen werden unangenehm. Alles schon gehabt. 1980-er Jahre. Dollarabwertung, 1992. Selbst meine fast tauben Ohren hören schrapp, schrapp, schrapp …

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    • 19. Oktober 2008 um 22:28 Uhr
    • Michael
  6. 14.

    Zum Zeitpunkt des Artikels war die IKB bereits pleite und die Immobilienkrise der USA offenbar – wenn auch Lehmann Brothers wohl noch nicht gefallen war.
    Daher hätte der Autor schon im September erkennen können, dass die Kredite, Geldspritzen, Bürgschaften und Konjunkturpakete viel Geld – Papiergeld – kosten.
    In der Folge ist eine erhöhte Inflation unausweichlich. Italien konnte bereits nicht mehr alle Euro-Anleihen platzieren, die es verkaufen wollte. Neben der publizierten Staatsschulden in Europa gibt es eine ungeheure viel größere Masse an Pensionsverpflichtungen der Euro-Staaten, für die keinerlei Rückstellungen gebildet wurden. Wegen des demographischen Wandels wird es auch nicht genügend junge Steuerzahler geben, die das nötige Geld erarbeiten. Weitere offene Staatsverschuldung und höhere Inflation, also Geldentwertung ist unausweichlich die Folge. Für Investoren sind daher Sachwerte wie Aktienfonds und Immobilien in nicht überteuerten Ballungsräumen die einzige sinnvolle Geldanlage. Festverzinsliche Anlageformen wie Anleihen für mittel und langfristige Investments wie auch für Altersvorsorge zu empfehlen grenzt an Verantwortungslosigkeit.

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    • 28. Dezember 2008 um 14:40 Uhr
    • Georg Seibt
  7. Kommentar zum Thema

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