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Die Verstaatlichungswelle rollt

 

Für eine richtige Bilanz der Finanzkrise, die diese Woche einen weiteren Tiefpunkt erlebt hat, ist es noch viel zu früh, ich versuche aber mal eine Zwischenbilanz zu ziehen. Die gegenwärtige Krise an den Finanzmärkten ist vergleichbar mit der amerikanischen der Jahre 1929 folgende und der japanischen ab Januar 1990. In beiden Fällen hat es viele Jahre gedauert, bis sich die Wirtschaft davon erholt hatte. Im Grunde ist die japanische noch gar nicht richtig überwunden, und die amerikanische endete erst mit den staatlichen Ausgabenprogrammen des New Deal und des Zweiten Weltkriegs. Interessanterweise hat Robert Shiller in seinem neuen und sehr lesenswerten Buch mit dem Titel „The Subprime Solution“ Parallelen zur Situation in Europa nach dem Ersten Weltkrieg gezogen. „Der Versailler Vertrag … forderte von Deutschland verschärfte Reparationszahlungen, die weit jenseits seiner Zahlungsfähigkeit lagen. … Die starken Ressentiments, die der Vertrag hervorrief, waren einer der Faktoren, die eine Generation später zum zweiten Weltkrieg führten. … Ein vergleichbares Desaster, wenn auch nicht ganz in diesem Ausmaß, braut sich gerade wieder zusammen … Erneut sind breite Bevölkerungsschichten nicht in der Lage, ihre Schulden zu bezahlen und die Gläubiger lassen ihnen keine Ruhe. Erneut haben viele Leute das Gefühl, dass nicht sie sondern andere Kräfte für die Lage verantwortlich sind. Erneut sehen sie um sich herum Institutionen der Wirtschaft zu Grunde gehen, denen sie einst vertraut haben. Und erneut fühlen sie sich durch zu optimistische Geschichten betrogen, die sie ermutigt hatten zu hohe Risiken einzugehen.“ (S. 2f) Shiller sieht den sozialen Zusammenhalt durch die Krise gefährdet und sagt voraus, dass das amerikanische Wirtschaftswachstum auf Jahre hinaus sehr niedrig bleiben wird.

Die Liste der Finanzinstitute, die seit Jahresbeginn in den USA entweder von der Regierung und der Notenbank oder auf deren Drängen von liquiden privaten Käufern gerettet werden mussten, hätte sich noch bis vor kurzem wie das Who is Who des Sektors gelesen: Bear Stearns, Freddie und Fannie, Merrill Lynch, Lehman Brothers, AIG, weiland der größte Versicherer der Welt, oder auch in Großbritanien, die dort führende Hypothekenbank HBOS. Jetzt sind Morgan Stanley und womöglich bald auch Goldman Sachs im Visier der Märkte. Das Investment Banking, wie wir es kannten, ebenso die Immobilienfinanzierung und die Versicherungsbranche, sind dabei zu verschwinden oder in stark geschrumpfter und veränderter Form Unterschlupf beim Staat oder solventen privaten Unternehmen mit „langweiligen“ Geschäftsmodellen zu suchen. Die Masters of the Universe gehen in Rente, und mit ihnen hunderttausend kleinerer Angestellter. Ein einst überdimensionierter Sektor schrumpft auf Normalmaß.

Die Abschreibungen auf die Aktiva der Finanzinstitute waren in jedem der Fälle so hoch, dass ihr Eigenkapital dahin schmolz wie der Schnee in der Sonne. Liquiditätsspritzen der Fed oder niedrigere Zinsen hätten nicht entscheidend geholfen, da es sich in keinem der Fälle um kurzfristige Engpässe, sondern um eine drohende Insolvenz handelte. Zudem gab es wegen der Größenordnung der Institute erhebliche systemische Risiken. Untergehen lassen war bis auf den Fall Lehman keine Option. Erfreulicherweise haben die Aktionäre und Manager einen großen Teil der Verluste tragen müssen. Die Käufer, ob staatlich oder privat, sind daher zu vermutlich sehr günstigen Kursen an die kollabierenden Unternehmen gekommen, so dass sich manche Rettungsaktion später einmal auszahlen dürften.

Das Ganze hatte mit den Subprime-Hypotheken angefangen. Zwar hatten sich immer breitere Bevölkerungsschichten wegen der äußerst laxen Kreditbedingungen erstmals ein eigenes Haus leisten können, was ja erfreulich ist, aber als die Blase dann platzte, die Preise verfielen, die Schulden jedoch blieben, setzte sich eine Todesspirale in Gang: Zwangsverkäufe, weiter fallende Immobilienpreise, Überschuldung der ärmeren Haushalte, Einschränkung des Konsums, schwächere Konjunktur, Verlust von Arbeitsplätzen, noch mehr Notverkäufe, Untergang von Hypothekenbanken, und so weiter. Das eigentlich Erstaunliche ist, dass die US Konjunktur anscheinend noch so robust ist.

Auf den Subprime Mortgages (zweitklassige Hypotheken) wurde bis zum Jahr 2006 eine ganze Pyramide von handelbaren abgeleiteten Finanzkonstrukten aufgebaut, wobei in vielen Fällen das Kunststück gelang, durch Bündelung aus Forderungen, die alles andere als gesund waren, hoch bewertete Papiere zu machen. Da sie eine deutlich höhere Rendite abwarfen als Staatspapiere, waren sie lange Jahre echte Renner. Viele sogenannte Financial Engineers, Rechtsanwälte, Händler und Manager wurden reich dabei. Das Problem war, dass am Ende niemand so recht wusste, wo die wirklichen Risiken lagen. Wie kann es gehen, dass alle nur gewinnen, ohne dass es irgendeine zusätzliche Wertschöpfung in der realen Wirtschaft gab? Das funktionierte nur deshalb, weil die Finanzprodukte sehr intransparent waren. Wenn etwas eine ebenso hohe Bonität hat wie Staatspapiere, aber viel mehr Rendite abwirft, kann etwas nicht stimmen. Davon aber wollte niemand so recht etwas wissen. Insgesamt hatte der Markt für abgeleitete Finanzkonstrukte – nicht nur auf der Basis von Schrottimmobilien, sondern zunehmend auch anderer Aktiva, wie Unternehmensanleihen, Rohstoffe, Geldmarktpapiere, Kreditkartenforderungen, Autokredite – zuletzt eine astronomische Größenordnung erreicht.

Das Kartenhaus ist nun dabei zusammenzubrechen. Es wird noch viele Opfer fordern, auch wenn es am heutigen Freitag so aussieht, als würden die Rettungsaktionen von Regierung, Parlament und Notenbanken die Situation erst einmal stabilisieren. Da die Marktwirtschaft im Finanzsektor versagt hat – wegen ungenügender Aufsicht, oder weil Märkte nicht von sich aus ein Gleichgewicht erzeugen – muss nun der Staat die Aktiva übernehmen oder garantieren, die zur Zeit nicht handelbar sind. „Kapitalismus im Boom, Sozialismus im Abschwung“ hat das eine Kollegin von mir genannt. Ich bin gespannt, ob die de facto Verstaatlichung des Finanzsektors, die wir gerade erleben, dauerhaft sein wird, oder ob erneut eine schrittweise Privatisierung gelingen wird. Anfang der neunziger Jahre hatte das bei der Rettungsaktion für die Savings&Loan-Branche geklappt. Diesmal reden wir aber über ganz andere Größenordnungen.

158 Kommentare


  1. Gute Zusammenfassung: Nur wir wussten das doch hier im blog schon spätestens Ende September/Anfang Oktober vergangenen Jahres. Interessanterweise könnte man das den Konsens nennen – von Goodnight bis Heinrich Kaspar. Ansonsten stritt man sich über die Ursachen, die Folgen, Lösungsstrategien. Das deutsche Bankensystem … . Was mich jetzt aber heute abend an diesen Beitrag irritiert, ist der Satz „Die Verstaatlichungswelle rollt“. Wenn ich mich heute so umsehe, habe ich eher den Eindruck, dass die Akteure an den Märkten von einem Tatbestand ausgehen: Dass die Verstaatlichungswelle jetzt nur die Schulden umfasst – und eben nicht das Eigentum an den mit Schulden tatsächlich völlig wertlosen Banken. Mittlerweile ist es selbst mir zu blöd von den de facto bankrotten Banken zu reden. Unter Verstaatlichung wird also die Übertragung des Mülls auf den Staat verstanden – damit schließlich die Banken wieder ihre Funktion ausüben können. Das ist aber ein bail-out – und keine Verstaatlichung.

    Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Szenario stimmt. Das habe ich bei Weissgarnix im blog auch formuliert. Aber ich glaube, man muss auf diese Differenz zwischen Verstaatlichung – nämlich der Produktionsmittel (wobei dieser Begriff in diesem Fall doch eine gewisse Komik hat …) und bail-out hinweisen. Das wird an diesem Wochenende wohl entschieden.

    Ansonsten Kompliment, Herr Wermuth: Das Platzen der Ölblase haben Sie fast perfekt vorher gesehen. Muss man hier einmal erwähnen, finde ich.

  2.   Dietmar Tischer

    @ f. lübberding

    >Unter Verstaatlichung wird also die Übertragung des Mülls auf den Staat verstanden – damit schließlich die Banken wieder ihre Funktion ausüben können. Das ist aber ein bail-out – und keine Verstaatlichung.>

    Eine richtige Differenzierung.

    Auch richtig, dass die Banken wieder ihre (ureigentliche) Funktion ausüben müssen und das möglichst schnell.

    Es gibt keine vernünftige Alternative dazu.

    Die US-Konjunktur erscheint in der Tat noch erstaunlich robust.

    Hinter dem Schein sieht es anders aus.

    Lesenswert:

    Die Krise hinter der Krise.

    ftd.de/…/:Das-Kapital-Die-Krise-hinter-der-Krise/415707.html

    Die angekündigte Rettungsaktion repariert nicht die Balance Sheets von Millionen von US-Haushalten. Das heutige Feuerwerk an den Börsen blendet.

    Selbst wenn die Rettungsaktion glückt, bleibt die Frage:

    Wie werden die involvierten westlichen Demokratien zurechtkommen, wenn das umfassende Wohlstandsversprechen selbst perspektivisch nicht mehr gehalten werden kann und weiterhin Druck aus den Schwellenländern auf den Arbeitsmärkten lastet?

  3.   egghat

    Ack. Gute Zusammenfassung. Und neben dem Öl hatten Sie auch den Dollar richtig, oder?

    Dafür aber werden Sie die Inflationswette nicht gewinnen.

    Übrigens denke ich, dass die Marktwirtschaft im Finanzsektor nie richtig funktionieren wird. Weil man nicht Pleite gehen kann, wenn man groß genug ist. Wüsste nicht, wie man das Problem lösen sollte. Firmen konstruieren, die nicht Pleite gehen können geht auch nicht. Und ein Finanzwesen ohne die Möglichkeit Pleite zu gehen? Das ging schon in der Tulpenzwiebel Zeit …

  4.   equityshark

    Die schöne Theorie von den effizienten Kapitalmärkten ist schlichtweg falsch. Glücksspiele haben mit marktwirtschaftlichem handeln nichts gemein. Mit Marktgesetzen kommt man in der Sache nicht weiter. Solange nicht begriffen wird, dass das Geschehen in der Finanzwirtschaft nichts mit marktwirtschaftlichen Regeln zu tun hat, werden sich die Exzesse immer wiederholen, inklusive der Sozialisierung der Verluste. Ich empfehle immer wieder das Buch „Geld arbeitet nicht“ zu lesen. Darin wird aufgezeigt, dass die Finanzwirtschaft zu einem Spielcasino verkommen ist. Es werden nur Glücksspiele getätigt, getarnt als „Finanzinnovation“. Die Berichte über das erneute Verbot (verboten war es schon immer, aber keiner hat sich drum gekümmert!) von „naked short selling“ zeigen beispielhaft auf, was hier geschieht: gehandelt werden nicht existente „Werte“! Gleiches gilt für all die schönen „Produkte“ wie ABS, CDS, CDO etc. Das Perverse ist, dass bei diesem Glücksspiel erzielte „Renditen“ den Unternehmen der Realwirtschaft als Sollrenditen vorgegeben werden. So kommen die berühmt-berüchtigten 25%+ zu Stande. Dagegen muss vorgegangen werden. Auf die Selbstheilungskräfte eines Marktes zu hoffen, wo es keinen Markt gibt sondern Glücksspiel betrieben wird, ist illusorisch. Ebensowenig hilft es, das Glücksspiel zu verstaatlichen. Es muss verboten werden!

  5.   Hermann Keske

    Ich kann mich nur anschliessen, und das ohne Vergnügen an Satire.

    Die Form der Krisenbearbeitung, wie sie jetzt deutlicher sichtbar wird, ist die Krönung des ganzen monströsen Desasters. Wenn es denn Verstaatlichung wäre.

    Tatsächlich sieht es im Augenblick jedenfalls so aus, als würden von den Staaten nur die Verbindlichkeiten, nicht aber die Vermögenswerte (das Eigentum) übernommen. Die Anteilseigner haben Wertverluste zu tragen, aber nicht den vollständigen Verlust der Anteile. Aber nicht nur das. Die Anteilseigner und vor allem ihre Angestellten, das Management, haben über Jahre teils gigantische Gewinne eingefahren und als Privatvermögen in Sicherheit gebracht – und es sieht nicht so aus, als werde daran gedacht, diese Gewinne zurückzufordern, weil sie das Ergebnis betrügerischen Handelns sind. Wir fordern nicht nur nicht die Gewinne zurück, wir entlasten die Anteilseigner auch noch von den Verbindlichkeiten, die bei dieser Gewinnerzielung entstanden sind. Wir machen aus Brutto Netto.

    Träumer (mit einer Idee von Gerechtigkeit) könnten noch auf einen ganz verwegenen Gedanken kommen: Man könnte daran denken, denjenigen, die den Schaden angerichtet haben, nicht nur die betrügerischen Gewinne und die dafür eingesetzten Mittel zu entziehen, sondern sie auch auf Schadensersatz in Anspruch zu nehmen. Aber das ist natürlich jenseits jeder vernünftigen Vorstellung, eine wilde Utopie sozusagen. Eine ganz und gar systemwidrige, groteske Idee.

    Ich habe eingangs zu früh von der Krönung des Desasters gesprochen. Die Krönung steht uns erst noch bevor. Sie wird darin bestehen, dass die Anteilseigner und ihr Management nach ihrer sozialisierten Entlastung von Verbindlichkeiten Gelegenheit haben werden, die nun wieder gesunden Unternehmen fortzuführen, selbst dort, wo tatsächlich enteignet worden ist. Sie werden diejenigen sein, die das Kapital besitzen, das für die Wiederaufnahme der Geschäfte nötig ist.

    Wie gut, dass unsere verantwortlichen Politiker bisher der Versuchung widerstanden haben, die Hartz-IV-Sätze zu erhöhen oder das Kindergeld. Von gigantischen 10 Mrd. € war die Rede, die solcher Unfug gekostet hätte. Da ist doch unseren Hilfeempfängern weitaus besser damit gedient, dass mal so ungefähr 10 Mrd € für eine kleinere Bank aufgewendet worden sind, damit sie für ein Spottgeld an einen Investor aus den USA verkauft werden konnte.

    Wir erleben eine ziemlich heftige Krise, aber es sieht bisher nicht so aus, als sollte sich etwas ändern. Meine Mutter hat gesagt: Sei fröhlich und und arbeite fleissig, es könnte noch schlimmer kommen. Und ich war fröhlich und fleissig, und es kam noch schlimmer.

  6.   Michael

    ..müsste die Frage aber nicht eher lauten: ist es wünschenswert, dass nach den „bail-outs“ alles wieder dem freien Spiel des Marktes übergeben wird? Der geschichtliche Abriß, den Sie aufmachen, ist auch nicht ganz vollständig, in der Tat belegt die Geschichte der Finanzmärkte, dass sich derlei immer und immer wieder wiederholt hat. Ist dies der Preis der Marktwirtschaft, die natürlich trotz derlei Problemen in der Bilanz einen höheren Lebensstandard für die Normalbevölkerung mit sich bringt? Dann muß dies als eine systemeigene „Sollbruchstelle“ benannt und beobachtet werden. Ganz sachlich, ohne Skandalgeschrei. Oder hat die Marktwirtschaft mit dieser Art der Kapitalwirtschaft nichts mehr zu tun, dann muß man damit aufhören.

    I hazard to guess: die Realwirtschaft gerade in Deutschland profitiert bis dato mehr vom als „verkrustet“ verschriehenen Sparkassensektor was Finanzierung angeht als von den privaten Geschäftsbanken. Nun haben wir nicht die Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken wie in den USA, die Deutsche Bank, die unter Ackermann versuchte aus sich eine Investmentbank zu machen, galt aber die letzten Jahre als Vorbild der ganzen Branche. Auch mit den aus der Luft gegriffenen Renditeanforderungen. Ironischerweise wird die Deutsche Bank zB aus dieser ganzen Geschichte eher mit einer gestärkten Marktbedeutung hervorgehen, während die öffentlichen Banken möglicherweise durch die medial aufmerksam verfolgten Verluste den Todesstoß versetzt bekamen und deren Verkauf wohl nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte.

    Leisten wir damit aber nicht eher der nächsten Krise bereits Vorschub? Und zwar eine der Realwirtschaft die es schon jetzt schwerer hat sich eine Finanzierung für reale Investitionen in Anlagen und Projekte zu beschaffen. Öffentliche Banken sind hier traditionell weniger restriktiv und stimulieren damit auch den Wettbewerb, zwingen sie doch auch die privaten Geschäftsbanken zu einer etwas weniger restriktiven Kreditpolitik. Risikolose Kredite gibt es nicht, ein Unternehmen, dass einen Kredit zu 100% mit Sicherheiten unterfüttern kann, braucht schließlich keinen Kredit. Also: laufen wir nicht Gefahr, dass das Pendel nun in die andere Richtung ausschlägt? Eine Dekade von zu restriktiver Kreditkvergabe und damit das Abwürgen der Marktwirtschaft?

  7.   taurus

    Der Artikel von Dieter Wermuth liest sich für mich wie ein best case Szenario: „Die Masters of the Universe gehen in Rente, und mit ihnen hunderttausend kleinerer Angestellter.“ Und wenn sie nicht gestorben sind…

    Aus meiner Sicht zunehmend wahrscheinlicher wird der worst case: Der US-Steuerzahler bricht unter der Schuldenlast, die ihm jetzt aufgebürdet wird, zusammen. Die USA, wo sich, wie Heinrich Kaspar einmal zutreffend schrieb, jeder „einen Drittwagen oder eine zweite Spülmaschine“ auf Kosten des Auslands zulegte, werden sich von ihrem Schuldenberg davonzustehlen suchen. Es kommt, entsprechend der von Dieter Wermuth zitierten Parallele zum Versailler Vertrag, zum Krieg. Auch das wird von der US-Administration dann als „necessary“, gar „essential“ verkauft.

    Die USA haben jegliche Kredibilität eingebüßt, man muss sich auf das Schlimmste gefasst machen.

  8.   angelesenes Halbwissen

    Guten Tag,

    ich hatte letzte Nacht einen Traum. Deutschland hatte eine Regierung und die Regierung fühlte sich zuständig. Sie startete einen Freilandversuch zur Lösung der Liquiditäts- und Vertrauenskrise. Im Zuge dieses Experiments verkauften deutsche Banken sich gegenseitig und der Allianz Kredite eine Reihe erlesener mittelständischer Schuldner. Die Schuldner waren groß genug, um bekannt und über jeden Zweifel erhaben zu sein, aber klein oder schlau genug, mit dem ganzen Finanzmarktgedöns nichts zu tun gehabt zu haben. Sie wissen schon: Unternehmen, die alles können, außer Hochdeutsch. Das Risiko war überschaubar. Relativ geringe Beträge, kurze Laufzeiten. Ideale Laborbedingungen eben.

    Aus pädagogischen Gründen durften die verbriefenden Banken jeweils nur 50% der Kreditsumme weiterverkaufen, das wurde staatlich kontrolliert. Den Rest mussten sie bis zur Fälligkeit halten. Der Kaufpreis für die Kreditpapiere ging nicht direkt an die ausgebende Bank, sondern zunächst auf ein staatliches Treuhandkonto. Er wurde anteilig zur Laufzeit in mehreren Raten an die Bank überwiesen. Während der gesamten Laufzeit konnte der Käufer das Papier an den Treuhandfonds zurückgeben und erhielt den Kaufpreis anteilig zur Laufzeit erstattet, wenn der Marktwert des Papiers unter 90% des Kaufpreises sank.

    Die ausgestellten Papiere waren damit sozusagen notverkaufssicher. Was immer an den Finanzmärkten abgehen würde, die 90% waren garantiert. Sollte der verbriefenden Bank während der Laufzeit etwas zustoßen, dann hätte der Käufer des Papiers Vorrang und direkten Durchgriff auf die Zahlungen des Kreditschuldners. Im Gegenzug wurde bei dieser Konstruktion auf Ratingagenturen und Kreditversicherer verzichtet. War ohnehin nur etwas für Warmduscher. Wer einen bezahlen muss, der ihm sagt, welche Investitionen riskant sind und welche nicht, und dann noch einen, der für ihn das Anlagerisiko streut, der hat an den Finanzmärkten eh nichts verloren. Für den gibt es ja das Postsparbuch.

    Was soll ich sagen, in meinem Traum waren diese Papiere ein Riesenhit. Die Kurse schossen in absurde Höhen. Nur gut, dass der Diplomand, der sich das Ganze ursprünglich mal ausgedacht hatte, die Möglichkeit einer dynamischen Besteuerung vorgesehen hatte, und dass der gelangweilte Sachbearbeiter beim Finanzministerium die Projektunterlagen vor dem Abstempeln nicht gelesen hatte. Jede irrationale Exuberance wurde gnadenlos weggesteuert. Die Steuer wurde beim Verbriefer fällig, und sie musste in Hypothekenpapieren bezahlt werden.

    Selbstverständlich wurde den Banken zum Ausgleich für ihre Mühe ein gewisser Preisaufschlag über Marktwert eingeräumt. Die Allianz hatte protestiert, sie wollten auch gerne besteuert werden. Die Guten. Aber in dieser Frage hatte man sich vor Beginn des Experiments nicht mehr einigen können. Alle Beteiligten entschlossen sich einhellig, den Versuch auszuweiten und das Angebot an Produkten schrittweise zu diversifizieren. So wurden nach und nach auch weniger erstklassige Schuldner in das Programm aufgenommen, die Banken durften zunächst bis zu 55%, dann 60% der Kreditsumme weiterverkaufen, die angebotenen Laufzeiten stiegen auf ein halbes Jahr und das gehandelte Gesamtvolumen an Krediten erhöhte sich deutlich.

    Die Amerikaner hatten derweil ihre staatlich finanzierte Bad Bank zum Laufen gebracht. Die Märkte waren noch immer recht angetan davon, aber hier und da wurde bereits gemunkelt, dass das Geld nicht reichen würde, dass man wohl bald würde nachschießen müssen. Die üblichen Verdächtigen rechneten in ihren Blogs bereits vor, dass der erforderliche Finanzaufwand für das Projekt nicht in Staatshaushalten, sondern in Bruttosozialprodukten zu bemessen sein würde. Dollar und Treasuries zeigten erste Anzeichen, dass das neu erwachte Vertrauen schwand. Da plötzlich richteten sich weltweit alle Augen auf Frankfurt: Der Dax explodierte, ohne Vorwarnung. Zweimal unterbrachen sie den Handel mit deutschen Bankaktien, dann schlossen sie vorzeitig gleich die ganze Börsensitzung. Was war nur passiert?

    In irgendeinem Hinterzimmer irgendwo in Berlin hatte irgendein Schreibtischinhaber in einer Pressekonferenz vor drei Journalisten die Zwischenergebnisse des Modellversuchs vorgestellt. Im Laufe von nur drei Monaten waren die Finanzierungskosten der teilnehmenden Unternehmensschuldner erfreulich gesunken, der Zugang der Realwirtschaft zu Krediten war leichter geworden, die teilnehmenden Banken waren insgesamt einen niedrigen einstelligen Milliardenbetrag an Funny Paper losgeworden und liehen sich, wenig aber fröhlich, gegenseitig Geld gegen die neuen, hochliquiden Kreditpapiere. Einer der Journalisten war vorzeitig aufgewacht, hatte verstanden und zum Handy gegriffen.

    Wie das Ganze ausgegangen ist, weiß ich leider nicht, denn in diesem Moment hörte ich, wie Herr Lübberding weissgarnix laut »Währungsreform!« zurief. Ich erschrak und erwachte. Er hatte mich durchschaut.

    (Entschuldigung für den großmäulig langen Erstbeitrag. Kommt nicht wieder vor, bin kein Blogquerulant. Aber wenn hier von Versailles und Krieg die Rede ist, dann kriege ich Notstand und möchte helfen.)

  9.   Pedro Brunhart

    Hermann Keske hat in seinem Beitrag Nr 5 schon alles gesagt was ich auch sagen wollte. Nur würde ich neben den Bankern auch die Herren aller Ratingsagenture und teilweise auch die Rechnungsprüfer in die Plicht nehmen. In die Plicht nehmen heisst sie erst mal einsperren, Verdachtsmomente auf kriminelle Handlungen gibt es genug.

    Die Zukunft ist ethisch oder gar nicht. (Hans Ruh)

    Saludos Pedro

  10.   sv1en

    Spätestens seit den vergangenen Tagen (Lehman Brothers, etc.) denke ich bei diesem Thema immer mal wieder daran, dass die großen Investmentbanken doch auch in nicht unerheblichem Maße zur Macht der USA beigetragen haben.

    Mich würde mal eine professionelle Analyse der Situation unter diesem Gesichtspunkt interessieren (Übernahme amerikanischer Banken durch ausländisches Kapital? Stärkung anderer Finanzplätze? Folgen für die internationale (wirtschafts)politische Situation und Entwicklung des weltweiten Wirtschaftsraumes?)