So funktioniert Kapitalismus

Die Verstaatlichungswelle rollt

Von 19. September 2008 um 17:29 Uhr

Für eine richtige Bilanz der Finanzkrise, die diese Woche einen weiteren Tiefpunkt erlebt hat, ist es noch viel zu früh, ich versuche aber mal eine Zwischenbilanz zu ziehen. Die gegenwärtige Krise an den Finanzmärkten ist vergleichbar mit der amerikanischen der Jahre 1929 folgende und der japanischen ab Januar 1990. In beiden Fällen hat es viele Jahre gedauert, bis sich die Wirtschaft davon erholt hatte. Im Grunde ist die japanische noch gar nicht richtig überwunden, und die amerikanische endete erst mit den staatlichen Ausgabenprogrammen des New Deal und des Zweiten Weltkriegs. Interessanterweise hat Robert Shiller in seinem neuen und sehr lesenswerten Buch mit dem Titel “The Subprime Solution” Parallelen zur Situation in Europa nach dem Ersten Weltkrieg gezogen. “Der Versailler Vertrag … forderte von Deutschland verschärfte Reparationszahlungen, die weit jenseits seiner Zahlungsfähigkeit lagen. … Die starken Ressentiments, die der Vertrag hervorrief, waren einer der Faktoren, die eine Generation später zum zweiten Weltkrieg führten. … Ein vergleichbares Desaster, wenn auch nicht ganz in diesem Ausmaß, braut sich gerade wieder zusammen … Erneut sind breite Bevölkerungsschichten nicht in der Lage, ihre Schulden zu bezahlen und die Gläubiger lassen ihnen keine Ruhe. Erneut haben viele Leute das Gefühl, dass nicht sie sondern andere Kräfte für die Lage verantwortlich sind. Erneut sehen sie um sich herum Institutionen der Wirtschaft zu Grunde gehen, denen sie einst vertraut haben. Und erneut fühlen sie sich durch zu optimistische Geschichten betrogen, die sie ermutigt hatten zu hohe Risiken einzugehen.” (S. 2f) Shiller sieht den sozialen Zusammenhalt durch die Krise gefährdet und sagt voraus, dass das amerikanische Wirtschaftswachstum auf Jahre hinaus sehr niedrig bleiben wird.

Die Liste der Finanzinstitute, die seit Jahresbeginn in den USA entweder von der Regierung und der Notenbank oder auf deren Drängen von liquiden privaten Käufern gerettet werden mussten, hätte sich noch bis vor kurzem wie das Who is Who des Sektors gelesen: Bear Stearns, Freddie und Fannie, Merrill Lynch, Lehman Brothers, AIG, weiland der größte Versicherer der Welt, oder auch in Großbritanien, die dort führende Hypothekenbank HBOS. Jetzt sind Morgan Stanley und womöglich bald auch Goldman Sachs im Visier der Märkte. Das Investment Banking, wie wir es kannten, ebenso die Immobilienfinanzierung und die Versicherungsbranche, sind dabei zu verschwinden oder in stark geschrumpfter und veränderter Form Unterschlupf beim Staat oder solventen privaten Unternehmen mit “langweiligen” Geschäftsmodellen zu suchen. Die Masters of the Universe gehen in Rente, und mit ihnen hunderttausend kleinerer Angestellter. Ein einst überdimensionierter Sektor schrumpft auf Normalmaß.

Die Abschreibungen auf die Aktiva der Finanzinstitute waren in jedem der Fälle so hoch, dass ihr Eigenkapital dahin schmolz wie der Schnee in der Sonne. Liquiditätsspritzen der Fed oder niedrigere Zinsen hätten nicht entscheidend geholfen, da es sich in keinem der Fälle um kurzfristige Engpässe, sondern um eine drohende Insolvenz handelte. Zudem gab es wegen der Größenordnung der Institute erhebliche systemische Risiken. Untergehen lassen war bis auf den Fall Lehman keine Option. Erfreulicherweise haben die Aktionäre und Manager einen großen Teil der Verluste tragen müssen. Die Käufer, ob staatlich oder privat, sind daher zu vermutlich sehr günstigen Kursen an die kollabierenden Unternehmen gekommen, so dass sich manche Rettungsaktion später einmal auszahlen dürften.

Das Ganze hatte mit den Subprime-Hypotheken angefangen. Zwar hatten sich immer breitere Bevölkerungsschichten wegen der äußerst laxen Kreditbedingungen erstmals ein eigenes Haus leisten können, was ja erfreulich ist, aber als die Blase dann platzte, die Preise verfielen, die Schulden jedoch blieben, setzte sich eine Todesspirale in Gang: Zwangsverkäufe, weiter fallende Immobilienpreise, Überschuldung der ärmeren Haushalte, Einschränkung des Konsums, schwächere Konjunktur, Verlust von Arbeitsplätzen, noch mehr Notverkäufe, Untergang von Hypothekenbanken, und so weiter. Das eigentlich Erstaunliche ist, dass die US Konjunktur anscheinend noch so robust ist.

Auf den Subprime Mortgages (zweitklassige Hypotheken) wurde bis zum Jahr 2006 eine ganze Pyramide von handelbaren abgeleiteten Finanzkonstrukten aufgebaut, wobei in vielen Fällen das Kunststück gelang, durch Bündelung aus Forderungen, die alles andere als gesund waren, hoch bewertete Papiere zu machen. Da sie eine deutlich höhere Rendite abwarfen als Staatspapiere, waren sie lange Jahre echte Renner. Viele sogenannte Financial Engineers, Rechtsanwälte, Händler und Manager wurden reich dabei. Das Problem war, dass am Ende niemand so recht wusste, wo die wirklichen Risiken lagen. Wie kann es gehen, dass alle nur gewinnen, ohne dass es irgendeine zusätzliche Wertschöpfung in der realen Wirtschaft gab? Das funktionierte nur deshalb, weil die Finanzprodukte sehr intransparent waren. Wenn etwas eine ebenso hohe Bonität hat wie Staatspapiere, aber viel mehr Rendite abwirft, kann etwas nicht stimmen. Davon aber wollte niemand so recht etwas wissen. Insgesamt hatte der Markt für abgeleitete Finanzkonstrukte – nicht nur auf der Basis von Schrottimmobilien, sondern zunehmend auch anderer Aktiva, wie Unternehmensanleihen, Rohstoffe, Geldmarktpapiere, Kreditkartenforderungen, Autokredite – zuletzt eine astronomische Größenordnung erreicht.

Das Kartenhaus ist nun dabei zusammenzubrechen. Es wird noch viele Opfer fordern, auch wenn es am heutigen Freitag so aussieht, als würden die Rettungsaktionen von Regierung, Parlament und Notenbanken die Situation erst einmal stabilisieren. Da die Marktwirtschaft im Finanzsektor versagt hat – wegen ungenügender Aufsicht, oder weil Märkte nicht von sich aus ein Gleichgewicht erzeugen – muss nun der Staat die Aktiva übernehmen oder garantieren, die zur Zeit nicht handelbar sind. “Kapitalismus im Boom, Sozialismus im Abschwung” hat das eine Kollegin von mir genannt. Ich bin gespannt, ob die de facto Verstaatlichung des Finanzsektors, die wir gerade erleben, dauerhaft sein wird, oder ob erneut eine schrittweise Privatisierung gelingen wird. Anfang der neunziger Jahre hatte das bei der Rettungsaktion für die Savings&Loan-Branche geklappt. Diesmal reden wir aber über ganz andere Größenordnungen.

Leser-Kommentare
  1. 153.

    @ HK # 149

    Vielleicht ist das der Anfang von Steinbrücks politischem Ende. Bisher hätte ich immer auf eine Weiterführung der großen Koalition nach der Bundestagswahl 2009 gewettet, u. a. weil Steinbrück wohl in keiner anderen Konstellation Finanzminister bleiben kann. Aber wenn er jetzt in einer Nacht die Haushaltskonsolidierung vergeigt, ohne dafür einen Gegenwert zu erhalten, dann wird er nächstes Jahr wahrscheinlich kaum noch über die notwendige politische Verhandlungsmacht verfügen.

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    • 30. September 2008 um 03:25 Uhr
    • Peter JK
  2. 154.

    Heinrich Kaspar

    Es wird hässlich, wohl wahr. Die US Wirtschaft wird ohne staatliches Eingreifen kollabieren. Vielleicht habe ich aber eine Lösung: Als ehrenamtlicher Pressesprecher des Volksmusikerbundes NRW könnte ich ein Blasorchester bitten, den Damen und Herren in DC den Marsch zu blasen … . Wenn sie zu spät kommen, haben sie aber auch einen Trauermarsch im Angebot. Und Trauerarbeit ist ja für die spätere psychische Gesundheit wichtig … .

    Viel Glück in DC!

    Gruss f.lübberding

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  3. 155.

    wieso hässlich? meine puts auf den dow sind mit 50% im plus. also solange die deutsche bank nicht pleite geht, ist meine welt in ordnung. und den einbruch des amerikanischen konsums haben wir immer noch nicht gesehen. mittelfristiges kursziel 9500. volle kraft voraus, jetzt steppt der bär!

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    • 30. September 2008 um 09:06 Uhr
    • undertaker
  4. 156.

    @ Heinrich Kaspar #150 + #148

    Nun ja, immerhin scheint in den USA das System der Gewaltenteilung zu funktionieren, während wir in Deutschland eine liberale Partei im Parlament haben, deren Vorsitzender den staatlichen Bailout für eine Privatbank als “patriotische Aufgabe” bezeichnet.

    Aber auch wenn der Pulverdampf über DC zieht, ich möchte doch noch einmal auf Ihre #148 eingehen. Sie kritisieren die Kapitalsubventionen für den “Aufbau Ost” in den 90-er Jahren und meinen, Lohnsubventionen wären sinnvoller gewesen.

    Ich kann diese Auffassung nicht teilen. Wenn man mal eine kontrafaktische Überlegung anstellt: Was wäre das zu erwartende Ergebnis gewesen, hätte der Staat seit 1990 in Ostdeutschland massiv arbeitsintensive Industrien subventioniert? Spätestens ab Ende der 90-er Jahre mit der Stabilisierung des rechtlichen Rahmens in einer Reihe osteuropäischer Staaten wären diese Industrien einem starken Verlagerungsdruck ausgesetzt gewesen. Entweder hätte der Staat abermals zig Milliarden Fördergelder einsetzen müssen, um die Produktionsstätten in Ostdeutschland zu halten, oder aber sie wären in Billiglohnländer abgewandert. Vermutlich wäre sogar zuerst das eine und dann das andere geschehen (siehe Nokia in Bochum). Es scheint mir also völlig richtig gewesen zu sein, auf moderne kapitalintensive Verfahren zu setzen. Dort, wo viel fixes Kapital und technologisches Know-how im Wertschöpfungsprozess stecken, gibt es ja deutlich weniger Anreize für eine Verlagerung der Produktion.
    (Mal ganz davon abgesehen werden die von Ihnen beanstandeten Industrieroboter z. g. T. auch in Deutschland hergestellt und schaffen hier vernünftig bezahlte und nicht subventionierte Arbeitsplätze.)

    Gleichwohl ist der “Aufbau Ost” gewiss unbefriedigend verlaufen. Aber liegt das an zu hoher Kapitalintensität? Wohl kaum. In den letzten zehn Jahren sind die Anlageinvestitionen in Ostdeutschland beständig zurückgegangen. Einer der wesentlichen Gründe für den bislang enttäuschenden Aufholungsprozess scheint mir vielmehr darin zu bestehen, dass die meisten der neu entstandenen hypermodernen Produktionsstandorte gleichsam isoliert von ihrem wirtschaftlichen Umland und statt dessen in überregionale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Es ist sozusagen ein “vicious circle”: Weil potentielle Investoren im Osten vielfach kein eingespieltes Geflecht von Zulieferern und unternehmensnahen Dienstleistern vorfinden, sind Transaktionskosten und Risikoprämien bei Investitionen im Osten ungleich höher, und so wird trotz höherer Lohnkosten dann eben in BW oder NRW investiert. So verstetigt sich die relative Unterentwicklung, aber man wird das nun gerade in Ostdeutschland gewiss nicht auf zu hohe Löhne schieben können.

    Es wäre ja eigentlich die Aufgabe der Wirtschaftsförderung in den östlichen Bundesländern, durch gezielte Investitionslenkung die erwähnten Standortnachteile allmählich auszugleichen. Aber die Wirtschaftsförderung Ost ist nun ein ziemlich trauriges Kapitel, auf das ich hier nicht detailliert eingehen will. Da wird alles mögliche gefördert – die Skihalle und das Spaßbad sind nur der Exzess -, und gerade bei den sinnlosesten Subventionen wird immer gern mit dem Beschäftigungseffekt argumentiert. Und wenn dann mit Ausdrücken wie “Schwerpunkt”- oder “Leuchtturm”-Förderung operiert wird, dann wird damit meist eine territoriale, nicht aber eine strukturelle Fokussierung verstanden.

    Nicht sehr viel anders sieht es bei Infrastruktur-Investitionen aus, die oft am Bedarf vorbei geplant werden. Der Landesrechnungshof in Mecklenburg-Vorpommern hat z. B. 2007 festgestellt, dass MV das Bundesland mit der größten Dichte an Flughäfen pro Einwohner ist, die bei einer Förderquote von bis zu 99% (beim Passagierterminal in Rostock-Laage) heute überwiegend defizitär wirtschaften. In Halle/ Saale wiederum ist der Binnenhafen mit 30 Millionen Euro für den Güterumschlag ausgebaut worden, die “Süddeutsche Zeitung” vom 3. September schreibt über das Ergebnis: “Zwar werden Tag für Tag Container auf dem Gelände des Hafens umgeschlagen, freilich nur von der Schiene auf die Straße und zurück… Mithin handelt es sich wohl um den seltenen Fall eines Flusshafens, der nur vom Land aus erreichbar ist.”

    Soviel zu diesem Exkurs. Ich hielte es also für angebracht (wenn auch politisch leider kaum durchsetzbar), das föderale Prinzip bei der Wirtschaftsförderung aufzuheben, der Ministerialbürokratie in den Ländern dieses Spielzeug wegzunehmen und die Sache bei einer Bundesagentur anzusiedeln. Aber ich denke, es sollte gezielt (und zielgenau) hochproduktive Wertschöpfung gefördert werden.

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    • 1. Oktober 2008 um 23:41 Uhr
    • Peter JK
  5. 157.

    @ undertaker #155

    Aber Herr Undertaker, Sie sollten doch wissen: Der Gentleman genießt und schweigt.

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    • 1. Oktober 2008 um 23:52 Uhr
    • Peter JK
  6. 158.

    [...] Euro 2. Beteiligungen des Staates an den Geldinstituten in der Höhe von 80 Milliarden Euro. Die Staatsbeteiligungen erfolgen entweder als Aktien oder durch stille Einlagen. 3. Für den möglichen Ausfall von [...]

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  7. Kommentar zum Thema

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