Die EZB muss – und wird – die Zinsen senken
Was ist eigentlich fundamental los? Viele Banken haben, wie wir jetzt immer klarer erkennen, mit unglaublichen Hebeln gearbeitet, sie haben langfristige Aktiva – Hypotheken, Aktien, Unternehmensanleihen und amerikanische Asset Backed Securities – vorwiegend mit geliehenem Geld finanziert. Das wäre nicht weiter gefährlich, wenn diese Verbindlichkeiten (Schulden) ebenfalls langfristig fällig gewesen wären. Eine geringe Diskrepanz in den Fristen ist normal und gehört zum Bankgeschäft. Als Schutz gegen das Risiko, dass plötzlich Schulden fällig sind, sich aber nicht genügend Aktiva zu vernünftigen Konditionen verkaufen lassen, gibt es Kreditlinien bei anderen Banken sowie die Fazilitäten der Notenbank. Damit lassen sich Engpässe überbrücken. Wenn es dennoch zu verlustreichen Notverkäufen kommen sollte, vermindert das die Reserven und damit das Eigenkapital der Bank. Dafür sind Reserven aber schließlich da. Ein tüchtiger Treasurer ist zudem gewöhnlich in der Lage, diese Art von Risiken unter Kontrolle zu halten.
In der Regel sind die kürzerfristigen Zinsen deutlich niedriger als die Erträge aus den längerfristigen Anlagen. Daher der Anreiz, die Möglichkeiten der sogenannten Fristentransformation so weit es geht auszureizen. Je höher die Reserven einer Bank, desto aggressiver kann sie dabei sein.
Die jetzigen Probleme kommen daher, dass zum Einen der Wert der Aktiva stark gesunken ist – an den Märkten für Aktien und Immobilien sind die Blasen geplatzt – und dass zum Anderen die Refinanzierungskosten, also die Kosten der Verbindlichkeiten, über den Erträgen aus den Aktiva liegen. Letzteres gilt vor allem für den Euroraum, wo die Zinsen für den 3-Monats-LIBOR, eine Art Referenzsatz für Geschäfte unter Banken, 5,37 Prozent betragen, während zehnjährige Bundesanleihen nur 3,76 Prozent bringen. Diese Art von Fristentransformation ist augenblicklich ganz sicher ein Verlustgeschäft.
Die amerikanische Fed hat angesichts der Bankenkrise eine solche Konstellation zu vermeiden versucht, indem sie die Funds Rate, den wichtigsten Notenbankzins, schon früh auf 2 Prozent heruntergefahren hat. Das hatte allerdings nur anfangs geholfen. Inzwischen beträgt der Dollarzins im Interbankenmarkt schon wieder 4,32 Prozent statt, wie in ruhigeren Zeiten üblich, etwa 2,20 Prozent. Der Geldmarkt ist praktisch tot. Da die Renditen 10-jähriger Staatspapiere bei nur 3,48 Prozent liegen, ist auch da also kein Geld zu verdienen. Die Fristentransformation frisst weiter die Reserven der amerikanischen Banken auf.
Für die europäischen und amerikanischen Banken gibt es nur wenige Alternativen: Sie müssen ihr Eigenkapital oder ihr langfristiges Fremdkapital aufstocken, was inzwischen wegen des allseitigen Misstrauens gegenüber Banken sehr schwer fällt, oder sie müssen Aktiva verkaufen, ihre Bilanzsumme also vermindern. Da die Märkte aber bereits schwach sind, werden solche Aktionen den Abwärtstrend der Kurse verschärfen. Dadurch ergibt sich erneut Abschreibungsbedarf auf die Aktiva, wodurch weiteres Eigenkapital vernichtet und die Bankenkrise erneut verschärft wird – ein Teufelskreis.
Die Lösungen bestehen staatlicherseits bisher darin, die Einlagen zu garantieren (damit es nicht zu Bank Runs kommt), Überbrückungskredite zu gewähren, das Kapital aufzustocken, oder Übernahmen finanziell zu unterstützen. Um eine zusätzliche Maßnahme wird man aber nicht herumkommen: die Zinsen zu senken.
Das gilt für die Fed, vor allem aber für die EZB, so sehr sie sich auch noch zieren mag. Zur Gesundung des Finanzsektors ist nicht zuletzt eine positiv geneigte Zinsstrukturkurve erforderlich. Die Refinanzierungskosten müssen deutlich unter die Rendite der Aktiva, also die langen Zinsen, gesenkt werden. Die Banken müssen sich durch lukrative Fristentransformation wieder sanieren dürfen. Japan hat es uns nach den Crashs der neunziger Jahre vorgemacht, als die Banken ebenfalls ins Schleudern geraten waren und es systemische Risiken gab – das größte Risiko war damals, wie heute bei uns, ein Kollaps der Marktwirtschaft. Für eine ziemlich lange Zeit betrug der Diskontsatz der Bank von Japan Null Prozent (ich schreibe das zur Sicherheit mal aus).
Selbst wenn die Strategie erfolgreich sein sollte, der Satz für 3-Monats-Libor im Gefolge eines deutlich abgesenkten EZB-Refinanzierungssatzes also um 100 Basispunkte oder mehr unter die Renditen der langfristigen Staatsanleihen gedrückt werden kann, dürfte es noch Jahre dauern, bis unsere Banken wirklich wieder auf die Füße kommen. Sie werden bei ihrer Kreditvergabe sehr restriktiv sein müssen.
Das erklärt auch, weswegen die Zinssenkungen nicht mit steigenden Inflationsraten einhergehen werden. Wir haben es mit einem Prozess des allgemeinen Schuldenabbaus zu tun, auch “Deleveraging” genannt. Sowohl für Haushalte als auch für Unternehmen geht es darum, ihre Bilanzen wieder in Ordnung zu bringen. Sie müssen viel mehr sparen als bisher, um wieder kreditwürdig zu werden. In Japan hatte dieses Bestreben zu einer jahrelangen Deflation geführt. Vor nichts haben Notenbanken so große Angst wie vor einer Deflation: Wenn die Inflationsrate -5 Prozent beträgt, bedeutet das selbst bei 0 Prozent nominalen Zinsen einen Realzins von +5 Prozent. So etwas hält keine Volkswirtschaft aus.
Für die Rettung werden die Banken einen Preis zu zahlen haben. Sie können nicht erwarten, ihre Geschäfte so unbeaufsichtigt wie bisher fortzuführen oder, wie beispielsweise die Depfa, ungestraft regulatorische und steuerliche Unterschiede zwischen den Ländern auszunutzen (zulasten der deutschen Steuerzahler).
Der Staatseinfluss wird einige Jahrzehnte lang sehr stark sein. Ob wir darüber uneingeschränkt froh sein sollten, wage ich nach den Erfahrungen mit den Landesbanken, der KfW und der IKB zu bezweifeln. Klar ist aber auch, dass ein sich weitgehend selbst regulierender privater Bankensektor tendenziell nicht stabil ist. Immer wieder und überall muss er durch die Allgemeinheit gerettet werden. Die Risiken, es einfach mal auf eine Welle von Bankkonkursen ankommen zu lassen, werden einfach als zu groß angesehen. Auf diese Angst können sich die privaten Banken bisher noch verlassen. Das animiert sie dazu, viel größere Risiken einzugehen, als es ihnen gut tut. Ein Mittelweg wird gesucht!
Wermuth
Glückwunsch! Nur das ist wie einen Großbrand mit einem Feuerlöscher zu bekämpfen … . Das Büro wird aber erst einmal nicht in Flammen stehen … . Also es muss spätestens am Freitag bei G 8 ZTreffen in Washington was anderes passieren.
Gruss
Frank Lübberding
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Die nun erfolgte Leitzinssenkung ist ein Fehler.
Vordergründig soll durch den Aktionismus der Zentralbanken und Regierungen die Kernschmelze verhindert werden. Tatsächlich geht es aber nur um eines, den status quo ante wiederherzustellen: Dass die USA wieder auf Pump in großem Stil konsumieren können, finanziert durch Länder wie China, Japan, Deutschland.
Der status quo ante aber war von starken Ungleichgewichten geprägt. “Das Wasser fließt den Berg nach oben”, wie Dieter Wermuth mehrfach schrieb. Zu diesem (instabilen) Zustand zurückzukehren erfordert einen immer höheren Einsatz, und die Zentralbanken haben ihr Pulver bald verschossen.
Deleveraging? Die Banken hatten über ein Jahr Zeit. Was haben sie gemacht: Eine Rohstoffblase aufgebaut und die eigenen Produkte geshortet, um nochmal kurzfristig Gewinne zu machen. Ansonsten “deleveraging at leisure”, wenn man halt mal Lust drauf hat.
Die Zentralbanken und Regierungen sollten sich hinstellen und klar sagen, dass der status quo ante nicht mehr erreicht wird, und zielstrebig auf die neue Weltordnung hinarbeiten. Dies setzt zu allererst eine gewaltige Abwertung des momentan vollkommen überbewerteten US-Dollars voraus.
Da keiner der Verantwortlichen Klartext redet, wird es ohne Crash wohl nicht funktionieren.
Nichtsdestotrotz: Kompliment und Danke, Herr Wermuth, für die erneut präzise Vorhersage!
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@ f.lübberding
Es muss in der Tat noch mehr geschehen – vor allem brauchen wir eine Rekapitalisierung der Banken durch den Staat, also eine Teilverstaatlichung, mit neuen Vorständen und neuen Aufsichtsräten (bitte so wenige Politiker wie möglich!). Da muss richtig Geld in die Hand genommen werden. Die 700Mrd$, die die Amerikaner einsetzen, sind nur 5% des diesjährigen BIP. Zum Vergleich: In den Jahren, in denen das japanische Bankensystem durch subordinated loans und eine Nullzinspolitik gerettet wurde, lag das staatliche Defizit bei einer Größenordnung von 8% des japanischen BIP.
Grüße, DW
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Die Zentralbanken und Regierungen sollten sich hinstellen und klar sagen, dass der status quo ante nicht mehr erreicht wird, und zielstrebig auf die neue Weltordnung hinarbeiten.
Inwiefern dies mit Zinssenkungen inkompatibel sein soll bleibt allerdings unklar.
Dies setzt zu allererst eine gewaltige Abwertung des momentan vollkommen überbewerteten US-Dollars voraus.
Hmmmm….. kann ich aus meiner persoenlichen Erfahrung so nicht bestaetigen. Nach Kaufkraftparitaet liegt der Dollar ungefaehr bei 1.10-1.20, ist also gegenueber dem Euro eher unterbewertet.
Die Beseitigung der globalen Ungleichgewichte erfolgt mAn exakt durch den umgekehrten Prozess, der sie geschaffen hat: haertere Finanzierungskonditionen fuer die US-Volkswirtschaft, und eine dementsprechende Rueckfuehrung der US-Absorption. Und dies ueber Jahre. Zudem wird hoehere Inflation einen Teil der Verbindlichkeiten entwerten.
Wechselkurse spielen bei der Anpassung mAn eine drittrangige Rolle.
Gruss,
HK
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Also es muss spätestens am Freitag bei G 7 Treffen in Washington was anderes passieren.
Was mAn passieren muss ist dass die G7-Regierungen fuer einige Zeit das Zahlungsystem garantieren. Geldmaerkte, den Commercial Paper Markt, in den USA den Municipal Bond Markt.
Im Wesentlichen muessen das die Zentralbanken tun. Fuer die EZB heisst dies dass die Euro-Finanzminister umgehend die Assets der EZB garantieren muessen. Bevor die EZB quasi-fiskalische Risken annimmt muss klar sein, wer sie im Zweifelsfall rekapitalisiert.
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[...] geben mir Recht – es gibt keine messbaren. Nun versuchen die Notenbanken konzertiert die Leihbereitschaft durch Zinssenkungen zu erhöhen. Doch der Zinszug ist längst abgefahren, der Effekt wird verpuffen. [...]
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Wenn Panik an den Märkten in Hysterie umkippt, dann helfen die althergebrachten Mittel zur Beruhigung nicht mehr, dann muss die ganz große Keule geschwungen werden. So argumentiere ich in meinem frischen Leitartikel in der FR. Jetzt müssen alle systemrelevanten Banken teilverstaatlicht werden und mit Steuergeld rekapitalsiert werden, ob sie wollen oder nicht. Danach gíbts eine zeitlich begrenzete Garantie auf alle Verbindlichkeiten. Um das halbwegs glaubwürdig und wasserdicht vorzubereiten werden die Börsen und Banken füe ein paar Tage geschlossen. Mehr unter: fr-online.de/top_news/1610168_Das-Spiel-ist-aus.html
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Heusinger
Nur als Hinweis:
weissgarnix.de/?p=594
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