So funktioniert Kapitalismus

Für die Währungsunion ist die Krise auch eine Chance

Von 12. Oktober 2008 um 17:43 Uhr

Ich bin einigermaßen überrascht, dass der Euro in letzter Zeit gegenüber dem Dollar so viel an Boden verloren hat. Ich hatte erwartet, dass $1,40 der Wendepunkt sein würde. Jetzt kostet er nur noch $1,3408 und damit knapp 16 Prozent weniger als am 11. Juli, seinem letzten Höchststand. Das kann man schon als Crash bezeichnen, auch wenn das realwirtschaftlich keine so schlechte Sache ist. Was ist los?

Eine Erklärung ist, dass amerikanische Unternehmen angesichts der schwierigen Lage in den USA verstärkt ihr europäisches Vermögen verkaufen und repatriieren – sie importieren also Kapital und fragen auf diese Weise Dollar nach, was den Eurokurs entsprechend belastet. Ähnliches kennen wir aus Japan: als der Nikkei nach dem Platzen der Aktienblase von Anfang 1990 bis Ende April 1995 um 57 Prozent gefallen war, verteuerte sich der Yen gleichzeitig gegenüber dem Dollar um 74 Prozent. Auch in Japan gab es damals übrigens, wenn auch mit zweijähriger Verzögerung, einen Crash der Immobilienpreise – seit 1992 gingen sie 15 Jahre in Folge zurück, um insgesamt 52 Prozent!

So extrem wie damals der Yen wird sich der Dollar ganz sicher nicht aufwerten. Zum einen gibt es nach wie vor ein großes Dollarangebot durch das immer noch gewaltige Defizit in der amerikanischen Handelsbilanz; Japan hatte dagegen in der ersten Hälfte der neunziger Jahre in der Leistungsbilanz Überschüsse von rund $9 Mrd pro Monat. Zum anderen ist auch die Lage der öffentlichen Haushalte diametral unterschiedlich: Japan hatte damals zumindest anfangs große Überschüsse (1990: 2,1 Prozent des BIP), während die USA jetzt mit einem Defizit in der Größenordnung von 2,5 Prozent des BIP in die Krise segeln. Angesichts des negativen Nettoauslandsvermögens der USA ist natürlich auch gar nicht so viel da, was sich repatriieren ließe. Das war in Japan damals als Folge der rekordhohen Sparquoten ganz anders.

Insgesamt finde ich das Repatriierungsargument nicht sonderlich überzeugend. Ich denke vielmehr, dass die Stärke des Dollars ganz andere Ursachen hat: Die Anleger meinen offenbar, dass die amerikanische Politik über die Mittel verfügt, mit denen die Krise überwunden werden kann, die 15 Länder des Währungsraums aber nicht. Es gibt zwar die EZB und damit eine gemeinsame Geldpolitik, es gibt aber keinen europäischen Finanzminister, und auch keine europäische Bankenaufsicht. Welcher amerikanische Politiker hatte noch gefragt, was denn die Telefonnummer des europäischen Außenministers sei? Kissinger? Wir lernen gerade wieder einmal, dass es schön und gut ist, dass die EZB die Inflation und die Inflationserwartungen stabilisieren kann, dass sie aber überfordert ist mit ihrer eigentlich zentralen Aufgabe (über die man nicht gern spricht), die Funktionsfähigkeit des Geldwesens zu sichern, wenn ihr kein potenter Finanzminister zur Seite steht. Mit wem soll Herr Paulson telefonieren? Jean-Claude Juncker?

Es geht in diesen Wochen ein bisschen auch um das Fortbestehen der Währungsunion, scheint mir. So gut diese dasteht in Bezug auf Leistungsbilanz, öffentliche Haushalte, Sparquote, Unternehmensgewinne und Immobilienmärkte, so wenig ist aus Sicht der Marktteilnehmer klar, ob sich die Länder wirklich solidarisch verhalten werden, wenn es, wie jetzt, darum geht, das Bankensystem vor dem Kollaps zu bewahren.

Wie sonst sind die riesigen Renditeunterschiede für zehnjährige Staatsanleihen zu erklären? Für deutsche Papiere gibt es 3,99 Prozent, für spanische 4,62 Prozent und für italienische und griechische sogar 4,86 Prozent und 4,98 Prozent. In ruhigeren Zeiten betrugen die Differenzen selten mehr als 20 oder 30 Basispunkte. Französische Anleihen, bei denen es lange Jahre trotz der geringeren Liquidität kaum Risikoaufschläge gab, bringen gegenwärtig nicht weniger als 30 Basispunkte mehr als “Bunds”. Selbst bei Laufzeiten von weniger als einem Jahr zeigen sich erstmals deutliche Zinsunterschiede zwischen den jeweiligen nationalen Märkten.

Die Kernschmelze hat, wie es am Freitag im Economist (S.39) hieß, auf grausame Art die institutionellen und politischen Schwächen des europäischen Projekts offengelegt. Bisher hat jede Regierung nur für sich gekämpft, mit Maßnahmen zur Beruhigung der Sparer und zur Rettung von Banken.

Damit war natürlich in einer echten Krise zu rechnen. Aber niemand hatte den Mut, Vorkehrungen für den Fall der Fälle zu treffen, weil das zusätzliche Schritte in Richtung politische Union bedeutet hätte und in der Öffentlichkeit nicht gut angekommen wäre. Der Fall ist jetzt jedoch eingetreten. Eine engere Kooperation in der Finanzpolitik ist unbedingt erforderlich, damit die Währungsunion überleben kann. Das bedeutet eine starke Aufwertung der Eurogroup, Schritte in Richtung horizontalem Finanzausgleich (über die Agrar- und Regionalpolitik hinaus), eine breitere Einnahmebasis für die zentralen Institutionen (auf die mehr Kompetenzen übertragen werden müssten), ein gemeinsamer Markt für Regierungsanleihen und gemeinsame Vertretung im IWF und in der Weltbank. Das läuft auf einen zweiten Maastricht-Vertrag hinaus. Einer der Vorteile bestünde darin, dass sich der Euro zu einer echten Reservewährung fortentwickeln könnte, was vor allem den Vorteil hätte, dass die langfristigen Realzinsen dauerhaft niedriger wären als heute, das Wirtschaftswachstum also höher.

Ebenso dringend muss man sich dem Problem widmen, dass es immer mehr pan-europäische Banken gibt, die in mehreren Länder gleich stark aktiv sind. Das ist wegen der besseren internationalen Allokation der Ersparnisse eine erfreuliche Entwicklung. Gleichzeitig liegt die Aufgabe, die Banken zu beaufsichtigen, aber weiterhin bei den nationalen Organen. Unterschiedliche Ansichten und Ziele verhindern im Ernstfall ein zielgerechtes und effizientes Reagieren. (Eine gute Übersicht der Problemlage findet sich in einem Papier des Breugel Instituts von Nicolas Véron.)

Im Augenblick mag es unrealistisch klingen, es könnte aber sein, dass die Krise letztlich die europäische Sache voranbringen kann. Der Zwang, die Institutionen zu stärken, war selten so offenkundig wie jetzt. Die EU selbst ist letztlich auch das Kind einer – natürlich viel größeren – Krise, des Zweiten Weltkriegs.

Kategorien: Leitwährungswatch
Leser-Kommentare
  1. 17.

    Ich habe hier mal eine Dystopie zur Währungsunion geschrieben, die sicherlich noch des ein oder anderen reality-checks bedarf:
    mcberater.wordpress.com/2008/10/15/dystopia-2010/

    Würde micht interessieren, wie unwahrscheinlich ein solches Szenario nach Meinung des versammelten Gehirnschmalzes wäre.

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  2. 18.

    Die ganzen Rettungsmaßnahmen der europäischen Staaten für den Bankensektor scheinen mir nicht so recht der Logik einer “Europäischen Union” zu folgen, sondern mehr der Logik eines “Europäischen Konzerts” des 19. Jahrhunderts: Eine nicht institutionalisierte Form der Koordination, die nur deshalb funktioniert, weil jeder der Beteiligten die Kosten und Risiken eines Ausscherens als zu hoch erachtet. Das Europäische Konzert hat seinerzeit versagt, als u. a. diese gemeinsame perzeptive Ebene (samt der ihr verpflichteten Akteure) nicht mehr vorhanden war. Eine Konsequenz dieses Scheiterns war dann ja der Aufbau gemeinschaftlicher europäischer Institutionen nach 1945.

    Ich finde es doch ein wenig bedenklich, wenn jetzt gelegentlich von Kommentatoren im Zusammenhang mit Europa der besondere Charme und die Effizienz solcher informellen Bindungen behauptet wird. Auf einigen
    Politikfeldern mag man das ja als längeren Übergangsmodus so sehen können, aber was den Umgang mit der Finanzkrise betrifft, so wird doch ein grundlegendes Missverhältnis sichtbar: die Diskrepanz zwischen vergemeinschafteter Währung und Währungspolitik einerseits sowie nationalstaatlicher Fiskalpolitik und Finanzmarktregulierung andererseits. Die Staaten haben keine Zentralbank mehr, die zu geldpolitischen Anpassungen in der Lage wäre, die EZB hat aber – wie hier schon problematisiert – keinen Staat und keinen Staatshaushalt im Hintergrund.

    Es ist ja vor Jahren viel diskutiert worden, ob es die richtige Reihenfolge war, die Währungsunion einer politisch-rechtlichen Union vorangehen zu lassen. Sicher ist es müßig, diese Debatte wieder aufleben zu lassen. Aber man sollte aus der derzeitigen Lage doch den Schluss ziehen, dass dieser Zustand – bestehende Währungsunion bei nicht bestehender institutioneller Angleichung – nur vorübergehend Bestand haben und keine Dauerlösung darstellen kann. Entweder wird es in den kommenden Jahren eine verstärkte rechtliche Integration der Eurozone geben (eventuell zuerst auch nur in einer “Kerngruppe”), oder aber die Diskrepanz droht sich zur anderen Seite hin aufzulösen: Zunehmende zentrifugale Kräfte in der Währungsunion und möglicher Zerfall. Ich neige aber nach wie vor dazu, das optimistische Szenario als das wahrscheinlichere anzusehen.

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    • 15. Oktober 2008 um 13:43 Uhr
    • Peter JK
  3. 19.

    ach, wie peinlich! luxemburgs premier minister heißt Jean-Cluade Juncker!!! beim nächsten mal einfach besser recherchieren…:)

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    • 15. Oktober 2008 um 22:39 Uhr
    • Anni
  4. 20.

    @ Anni

    Oh je, das ist wirklich peinlich. Natürlich ist Jean-Claude Juncker gemeint. Wird sofort korrigiert.

    Vielen Dank für den Hinweis.

    Beste Grüße

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    • 15. Oktober 2008 um 22:42 Uhr
    • Uwe Richter
    • 15. Oktober 2008 um 23:33 Uhr
    • Peter JK
  5. 22.

    @ PK

    Aktuell und recht lesenswert, aber auch sehr irrefuehrend. Muenchau scheint davon auszugehen dass das 500-Milliarden-Paket auf einen Schlag die Staatschuld um 20 Prozentpunkte wuerde hochschnellen lassen — dabei ist das meiste eine kontigente Verpflichtung im Falle eines Defaults.

    Die Staatsanleihenmaerkte scheinen seine Befuerchtungen uebrigens nicht zu teilen. Erstaunlicher ist allerdings, dass die Interbank-Maerkte bislang kaum auf die Staatsgarantien reagiert haben — Spreads auf 3-Monatsgeld sind praktisch unveraendert. Hat jemand eine Erklaerung?

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    • 16. Oktober 2008 um 17:01 Uhr
    • Heinrich Kaspar
  6. 23.

    @Heinrich Kaspar:

    Offenbar gibt es einen Geldmarkt, aber nicht jeder darf “mitspielen”:

    ftd.de/boersen_maerkte/aktien/marktberichte/426792.html?p=3

    “Ich weiß gar nicht mehr, wohin mit der überschüssigen Liquidität”, klagte ein Geldmarkthändler. “Ich habe heute alle Banken, an die ich noch Kredite vergeben darf, angerufen – und alle haben abgewunken.” Ein anderer Disponent äußerte sich ähnlich: “Diejenigen, die gut dastehen, brauchen keine zusätzliche Liquidität. Diejenigen, die nicht gut dastehen, bekommen nur noch bei der EZB Geld.”

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    • 17. Oktober 2008 um 14:17 Uhr
    • taurus
  7. 24.

    [...] mehr Zeit sich nun, dass die Krise der Weltwirtschaft auch auf den Einzelhandel in der Währungsunion der EU einwirkt. Während zuvor nur der Bereich der Industrie stark von der Krise betroffen war, schwappt [...]

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  8. Kommentar zum Thema

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