Niemand hat Angst vor Inflation
Die Notenbankzinsen sind in den wichtigsten Ländern entweder im freien Fall, oder sie sind bereits nahe Null. Gleichzeitig überbieten sich die Regierungen mit finanzpolitischen Rettungsprogrammen (Deutschland ausgenommen). Expansiver könnte die Wirtschaftspolitik im Moment nicht sein. Die Angst vor einer globalen Rezession ist aber offenbar so groß, dass die Anleger aus diesem Aktionismus nicht etwa folgern, dass das über kurz oder lang zu deutlich steigenden Inflationsraten führen wird.
In den USA, wo sowohl die Geldpolitik als auch die Finanzpolitik auf volle Kraft voraus geschaltet haben, sind die Inflationserwartungen nach mindestens einem wichtigen Indikator, der Renditedifferenz zwischen normalen und inflationsindizierten Staatsanleihen, entweder deutlich negativ (auf Sicht von fünf Jahren) oder in der Nähe von Null (bei den Zehnjährigen). Bis Anfang Juli hatten die Erwartungen bei beiden Laufzeiten noch bei etwa 2½ Prozent gelegen. Die Wende fiel zeitlich exakt zusammen mit dem Platzen der Rohstoffblase, vor allem beim Erdöl.

Die Rendite der zehnjährigen Treasuries ist inzwischen auf 2,98 Prozent gefallen. Bisher war die Annahme stets, dass das mittelfristige Wachstum der US-Wirtschaft bei 3¼ Prozent liegt, schon allein weil die Erwerbsbevölkerung mit einer Rate von jährlich etwa einem Prozent wächst. Wenn das noch gilt, reflektieren auch normale Staatsanleihen die Erwartung, dass die nächsten Jahre von Deflation geprägt sein werden.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich einige amerikanische Preisindices seit dem Sommer im Rückwärtsgang befinden: Im Oktober lagen die Verbraucherpreise um 0,3 Prozent unter dem Wert vom Juni, die industriellen Erzeugerpreise um 1,2 Prozent unter denen vom Mai, während die Einfuhrpreise in den vergangenen drei Monaten um 11,4 Prozent gefallen sind. Selbst die Exportpreise sind zuletzt dreimal in Folge gesunken. Man extrapoliert, wie wir wissen, immer ganz gern, was zumindest teilweise erklärt, weshalb die Anleger augenblicklich auf Deflation setzen. Bestätigt wird diese Sichtweise im Übrigen von den immer pessimistischeren Konjunkturprognosen.
Ein Indikator dafür, wie sich der Welthandel und damit die Weltkonjunktur entwickeln werden, ist der Baltic Dry-Frachtindex. Er bildet die Frachtraten für Hochseeschiffe ab. So wie er von 600 Mitte 2002 auf 11.600 im vergangenen Juni gestiegen ist und damit den globalen Wirtschaftsboom mit leichtem Vorlauf gut widergespiegelt hat, so ist er in den letzten Monaten um nicht weniger als 94% auf 733 eingebrochen. Der internationale Warenhandel schwächelt so sehr, dass die Reeder beinahe jeden Preis akzeptieren müssen, wenn sie ihre Schiffe nicht leer fahren lassen wollen. Seit dem Weltkrieg ist so etwas noch nie vorgekommen.

Im Euroland gehen die Verbraucherpreise seit ihrem Höhepunkt im Juni ebenfalls zurück. Wenn ich annehme, dass das Preisniveau auch außerhalb Deutschlands im November um 0,3 Prozent gesunken ist (+2,3 Prozent im Vorjahresvergleich), bekomme ich für den Zeitraum Juni bis November aufs Jahr hochgerechnet eine Inflationsrate von –0,9 Prozent. Es handelt sich also auch bei uns nicht länger darum, dass das Preisniveau gelegentlich von einem Monat auf den anderen auch mal fallen kann. Es sieht, auch wenn man die vorgelagerten Großhandelspreise oder die Einfuhrpreise betrachtet, nach einem gut etablierten Trend in Richtung Deflation aus. Jetzt brauche ich mir nur noch vorzustellen, dass der Euro angesichts der gesunden Fundamentals wieder aufwertet, die Baisse der Rohstoffpreise fürs Erste anhält und die Löhne ab sofort wieder moderater ausfallen, dann fällt es mir nicht schwer, die jüngsten Preistrends bis mindestens in die Mitte des nächsten Jahres zu verlängern. Das heißt, die Headline-Rate könnte dann weniger als 0 Prozent betragen.
Hat das schon jemand auf der Rechnung? Erstaunlicherweise liegen die Renditen der Bunds im Zehnjahresbereich bei 3,29 Prozent und damit um rund 30 Basispunkte über vergleichbaren US Treasuries, und das trotz des Aufwertungspotentials des Euro und der insgesamt viel konservativeren Finanzpolitik im Euroraum. Ich denke, wenn es in den USA so ausgeprägte Deflationserwartungen gibt, müsste das hierzulande erst recht der Fall sein. Die deutschen Renditen werden weiter sinken, und am langen Ende der Zinskurve werden sie auch wieder unter die amerikanischen fallen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Am kurzen Ende wird es wohl nicht dazu kommen, weil die EZB den Refinanzierungssatz kaum auf weniger als 1 Prozent zurückfahren wird. Das könnte sich allerdings dann ändern, wenn der Euro eines Tages wieder 1,60 Dollar oder mehr kostet und sich die Deflation einzunisten beginnt. Nicht das wahrscheinlichste Szenarium, aber auch kein unwahrscheinliches.
Schwierig, schwierig.
Der Markt ist im Augenblick von lauter Irrationalitäten geprägt. Der Schuss kann plötzlich in alle Richtungen losgehen. Geld ist nichts weiter als das Vertrauen es Morgen, in nächster oder ferner Zukunft es in reale Werte umtauschen zu können. Der Schrei nach weiterer Geldschöpfung, der uns ja erst in die Krise geführt hat, macht mich skeptisch. Ich würde jedenfalls keine 10jährigen US-Staatsanleihen kaufen.
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Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Innerhalb von ein paar Monaten fällt die durchschnittliche Inflationserwartung auf 10 Jahre gesehen von 2.5%p.a. auf 0%. Zuerst denkt der Markt also, die Preise steigen insgesamt um 28%, und dann plötzlich, die Preise werden gleich bleiben (10 Jahre lang, nicht nur bis 2010!). Die langristigen Anleihen (gibts eigentlich keine 1000jährigen Nullkuponanleihen, die hätten einen irren Hebel) springen deswegen fröhlich in die Höhe.
Das einzige, was annähernd fix bleibt in den ganzen Marktbetrachtungen, ist das reale Wachstumspotential, das bedeutet, dass in beiden Szenarien also die gleiche Menge an Gütern in 10 Jahren zu erwarten ist. Warum dann dieses irre Herumspringen der nominalen Werte?
Ach (Halb-)Gott, bring uns zurück in die reale Welt!
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@mylli: Wo steht, das das reale Wachstumspotential gleich bleibt. Ich denke man dieses Potential nur nicht vernünftig messen. DW beschreibt das Wachstumspotential auch immer als den langjährigen Durchschnitt, des Wachstums. Es handelt sich also um einen geglätteten Indikator.
Ich bin mir sicher, dass das Wachstumpotential tatsächlich viel größere Sprünge macht. Aber da man seinen momentanen Wert nicht kennt und nicht protokolliert, bekommt man davon nichts mit.
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Entsteht bei Staatsanleihen die nächste Blase, nach der im Juli geplatzten Rohstoff-Blase?
Könnte der Run auf sogenannte “sichere” US-Staatsanleihen nicht eine wesentliche Ursache für die Euro-Schwäche sein?
Was ist, wenn durch aggressives Gelddrucken der Fed beispielsweise Mitte 2009 die Deflationserwartungen genauso schlagartig wie dieses Jahr in galoppierende Inflation umschlagen? Könnte dann der Markt für US-Staatsanleihen crashen? Besteht nicht die Gefahr, dass europäische Anleger nach Subprime-Giftmüll erneut Unsummen in den USA versenken, diesmal in T-Bills?
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@ Thomas
Die Existenz eines mittel- oder langfristig konstanten Wachstumpotentials ist eine Annahme, von der ich immer wieder lese. Die langfristigen Inflationserwartungen hingegen sind offensichtlich nicht stabil, aber zumindest aus den Zinskurven messbar.
Mich wundert einfach die Hypothese der Existenz eines kaum zu beobachtenden, kurzfristig vielleicht schwankenden, aber langfristig gleich bleibenden Potentials. Noch mehr wundert mich, dass man sogar den Gap zwischen Realität und Potential angeben kann.
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@taurus 4
Wenn wir davon ausgehen, dass es kein Zufall war an wen diese veschachtelten Finanzkonstrukte, unterlegt mit uneinbringlichen Forderungen, verkauft wurden – um in erster Linie hohe Provisionen und Bonis zu erzielen und in zweiter Linie den “Feind” zu schwächen – dann erschließt sich auch, dass die dadurch eintretente Verunsicherung der Anleger, erwartungsgemäß dazu führt, dass nun Staatsanleihen so gerne als “sicherer Hafen” genutzt werden.
Und die Erwartung in die US-Wirtschaft und Politik scheint doch, was die Problemlösungsfähigkeit anbelangt, höher und positiver zu sein als in die anderen Industrie- bzw. Schwellenländer.
Und so kaufen die ganzen Kapitalsammelstellen und der eine oder andere Privatanleger, nicht um spannende Renditen zu erzielen, die ach so sicheren US-Staatsanleihen.
Da weltweit der überwiegende Teil der genutzten Zahlungsmittel (wer weis genaue Zahlen?) in Dollar existiert, wird eine baldige US-Währungsreform – na wen schädigen???
Kurze Deflation – dann Hyperinflation, dieses Szenario halte ich für am wahrscheinlichsten. Ob dann Aktien JETZT die richtige Anlageform sind?
Wir bleiben dran…;-)
Gruß,
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@derplangehtauf #6
“Und die Erwartung in die US-Wirtschaft und Politik scheint doch, was die Problemlösungsfähigkeit anbelangt, höher und positiver zu sein als in die anderen Industrie- bzw. Schwellenländer.”
Mich wundert immer wieder, dass bei Auslandsgeldanlagen folgender einfacher Zusammenhang nicht gesehen wird. Das Leistungsbilanzdefizit muss durch Finanzmarktgewinne oder durch zukünftige Leistungsbilanzüberschüsse ausgeglichen werden. Letzteres seh ich für die USA noch nicht.
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@ taurus
So ist es – die US-Wirtschaft wird aggressiv stimuliert. Noch ist aber das tendenziell deflationäre Deleveraging der stärkere Effekt. Niemand weiß so recht, was für ein Volumen an Stimulierung angebracht ist. In Japan war es zu wenig, in Amerika kann es zu viel sein.
Grüße, DW
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