So funktioniert Kapitalismus

Niemand hat Angst vor Inflation

Von 28. November 2008 um 09:32 Uhr

Die Notenbankzinsen sind in den wichtigsten Ländern entweder im freien Fall, oder sie sind bereits nahe Null. Gleichzeitig überbieten sich die Regierungen mit finanzpolitischen Rettungsprogrammen (Deutschland ausgenommen). Expansiver könnte die Wirtschaftspolitik im Moment nicht sein. Die Angst vor einer globalen Rezession ist aber offenbar so groß, dass die Anleger aus diesem Aktionismus nicht etwa folgern, dass das über kurz oder lang zu deutlich steigenden Inflationsraten führen wird.

In den USA, wo sowohl die Geldpolitik als auch die Finanzpolitik auf volle Kraft voraus geschaltet haben, sind die Inflationserwartungen nach mindestens einem wichtigen Indikator, der Renditedifferenz zwischen normalen und inflationsindizierten Staatsanleihen, entweder deutlich negativ (auf Sicht von fünf Jahren) oder in der Nähe von Null (bei den Zehnjährigen). Bis Anfang Juli hatten die Erwartungen bei beiden Laufzeiten noch bei etwa 2½ Prozent gelegen. Die Wende fiel zeitlich exakt zusammen mit dem Platzen der Rohstoffblase, vor allem beim Erdöl.

TIPS-derived expected inflation

Die Rendite der zehnjährigen Treasuries ist inzwischen auf 2,98 Prozent gefallen. Bisher war die Annahme stets, dass das mittelfristige Wachstum der US-Wirtschaft bei 3¼ Prozent liegt, schon allein weil die Erwerbsbevölkerung mit einer Rate von jährlich etwa einem Prozent wächst. Wenn das noch gilt, reflektieren auch normale Staatsanleihen die Erwartung, dass die nächsten Jahre von Deflation geprägt sein werden.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich einige amerikanische Preisindices seit dem Sommer im Rückwärtsgang befinden: Im Oktober lagen die Verbraucherpreise um 0,3 Prozent unter dem Wert vom Juni, die industriellen Erzeugerpreise um 1,2 Prozent unter denen vom Mai, während die Einfuhrpreise in den vergangenen drei Monaten um 11,4 Prozent gefallen sind. Selbst die Exportpreise sind zuletzt dreimal in Folge gesunken. Man extrapoliert, wie wir wissen, immer ganz gern, was zumindest teilweise erklärt, weshalb die Anleger augenblicklich auf Deflation setzen. Bestätigt wird diese Sichtweise im Übrigen von den immer pessimistischeren Konjunkturprognosen.

Ein Indikator dafür, wie sich der Welthandel und damit die Weltkonjunktur entwickeln werden, ist der Baltic Dry-Frachtindex. Er bildet die Frachtraten für Hochseeschiffe ab. So wie er von 600 Mitte 2002 auf 11.600 im vergangenen Juni gestiegen ist und damit den globalen Wirtschaftsboom mit leichtem Vorlauf gut widergespiegelt hat, so ist er in den letzten Monaten um nicht weniger als 94% auf 733 eingebrochen. Der internationale Warenhandel schwächelt so sehr, dass die Reeder beinahe jeden Preis akzeptieren müssen, wenn sie ihre Schiffe nicht leer fahren lassen wollen. Seit dem Weltkrieg ist so etwas noch nie vorgekommen.

Baltic Dry Index

Im Euroland gehen die Verbraucherpreise seit ihrem Höhepunkt im Juni ebenfalls zurück. Wenn ich annehme, dass das Preisniveau auch außerhalb Deutschlands im November um 0,3 Prozent gesunken ist (+2,3 Prozent im Vorjahresvergleich), bekomme ich für den Zeitraum Juni bis November aufs Jahr hochgerechnet eine Inflationsrate von –0,9 Prozent. Es handelt sich also auch bei uns nicht länger darum, dass das Preisniveau gelegentlich von einem Monat auf den anderen auch mal fallen kann. Es sieht, auch wenn man die vorgelagerten Großhandelspreise oder die Einfuhrpreise betrachtet, nach einem gut etablierten Trend in Richtung Deflation aus. Jetzt brauche ich mir nur noch vorzustellen, dass der Euro angesichts der gesunden Fundamentals wieder aufwertet, die Baisse der Rohstoffpreise fürs Erste anhält und die Löhne ab sofort wieder moderater ausfallen, dann fällt es mir nicht schwer, die jüngsten Preistrends bis mindestens in die Mitte des nächsten Jahres zu verlängern. Das heißt, die Headline-Rate könnte dann weniger als 0 Prozent betragen.

Hat das schon jemand auf der Rechnung? Erstaunlicherweise liegen die Renditen der Bunds im Zehnjahresbereich bei 3,29 Prozent und damit um rund 30 Basispunkte über vergleichbaren US Treasuries, und das trotz des Aufwertungspotentials des Euro und der insgesamt viel konservativeren Finanzpolitik im Euroraum. Ich denke, wenn es in den USA so ausgeprägte Deflationserwartungen gibt, müsste das hierzulande erst recht der Fall sein. Die deutschen Renditen werden weiter sinken, und am langen Ende der Zinskurve werden sie auch wieder unter die amerikanischen fallen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Am kurzen Ende wird es wohl nicht dazu kommen, weil die EZB den Refinanzierungssatz kaum auf weniger als 1 Prozent zurückfahren wird. Das könnte sich allerdings dann ändern, wenn der Euro eines Tages wieder 1,60 Dollar oder mehr kostet und sich die Deflation einzunisten beginnt. Nicht das wahrscheinlichste Szenarium, aber auch kein unwahrscheinliches.

Leser-Kommentare
  1. 81.

    @Peter JK

    Ja, ich glaube dass hinsichtlich der Bankenverstaatlichung und Finanzmarktentflechtung das Zeitfenster wieder geschlossen ist, sofern es denn jemals offen war. Diese sog. “Verflechtungen” kommen ja nicht von ungefähr, ebensowenig wie das Übergewicht des Finanzsektors man kann das auch “Globalisierung” nennen, oder, nach Lenin, “Imperialismus” als letztes “Fäulnisstadium des Kapitalismus”.
    Weissgarnix empfiehlt heute in seinem Blog die Lektüre von Lenin statt Heinsohn/Steiger…
    mlwerke.de/le/le22/le22_189.htm

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    • 16. Dezember 2008 um 22:57 Uhr
    • edicius
  2. 82.

    @ edicius

    Zwar führt mich Ihr Link ins Nirgendwo, aber ich weiß, welches Werk von Lenin Sie meinen. Ich versuche die recht umfangreiche Diskussion bei Weissgarnix ja auch so gut es geht zu verfolgen, muss aber diesbezüglich leider Verständnis für die von @taurus im parallelen Thread getroffene Einschätzung bekunden. Außerdem stelle ich mir bei der Lektüre der dortigen Debatten zunehmend die Frage, ob man sich im Netz am Tourette-Syndrom anstecken kann.

    “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” – ich habe das vor vielen Jahren gelesen. Ich denke, bei Lenin muss man immer berücksichtigen, dass seine späteren Schriften nicht so sehr als souveräne Theoriebildung verstanden werden sollten, sondern dass sie stark von revolutionstaktischen Erwägungen inspiriert und im engen zeitlichen Kontext zu sehen sind. Das genannte Buch ist 1916/1917 entstanden und stand zweifellos auch unter dem Eindruck der erstmals in der Weltgeschichte zu beobachtenden modernen Kriegswirtschaften.

    Die “Verschmelzung des Industrie- und Bankenkapitals zum Finanzkapital” – das ist ja so eine grundlegende These. Handelt es sich dabei nun aber tatsächlich um einen unumkehrbaren Prozess, der für die entwickelten kapitalistischen Wirtschaftsräume seither so nachweisbar ist? Wohl eher nein:

    mpifg.de/aktuelles/themen/doks/Netzwerk_in_Aufloesung-w.pdf

    In den USA gab es meines Wissens schon immer einen überwiegend kapitalmarktzentrierten und nicht bankenzentrierten Industriekapitalismus.

    Insofern will ich auch meine Bemerkung zu Kapitalverflechtung aus dem letzten Beitrag etwas relativieren. Die sollte im Finanzsektor zwar auch begrenzt werden, aber der entscheidende Ansteckungsweg ist das ja nicht gewesen. Auch ein Wiederaufleben der Kreditverbriefung müsste natürlich verhindert werden.

    Ja, wenn aus aktuellem Anlass jetzt schon die ganzen Klassiker auf dem Gabentisch liegen werden, dann darf natürlich auch der hier nicht fehlen:

    antiqbook.nl/boox/kli/P79283.shtml

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    • 17. Dezember 2008 um 23:53 Uhr
    • Peter JK
  3. 83.

    Hallo Peter JK,

    tut mir leid wg. dem Link, der hat das Einkopieren ins Kommentarfeld wohl nicht ohne Schaden überstanden. Aber das in diesem Fall dank Ihrer ausgedehnten Kenntnisse ja nicht geschadet…
    Ich wüsste, so a propos, gern, welchen Kommentar von @taurus in welchem parallelen Thread Sie hier gemeint haben. Der wgnx Blog ist in der Tat bemerkenswert, so auch in der Hinsicht, dass er Tourette-Assoziationen bewirken kann…
    Aber der Blogherr versucht gerade, hier etwas mehr Ordnung herzustellen, und eine Akkreditierung der Kommentatoren würde in diesem Fall vmtl. helfen. Anders als in diesem Herdentrieb-Blog, der doch ziemlich verlassen wirkt, und DW fast wie ein Hüter eines verlassenen Hauses.
    Ein bisschen was zur Sache sollte ja auch sein:
    Wenn Sie zu Lenin meinen:
    dass seine späteren Schriften nicht so sehr als souveräne Theoriebildung verstanden werden sollten, sondern dass sie stark von revolutionstaktischen Erwägungen inspiriert und im engen zeitlichen Kontext zu sehen sind
    … dann frage ich mich in der Tat, für welche Schrift, oder sei es nur Blog-Eintrag das heutzutage denn NICHT gilt – mal von der revolutionstaktischen Komponente abgesehen.
    Souveräne Theoriebildung habe ich zu meinen Lebzeiten noch nicht erlebt – ich kenne dieses phantastische Phänomen nur aus alten Schriften…

    schöne Weihnachten!

    Antworten

    • 20. Dezember 2008 um 00:26 Uhr
    • edicius
  4. 84.

    @ edicius

    Ich meinte diesen Kommentar (# 24):

    blog.zeit.de/herdentrieb/2008/12/04/
    schwarze-locher-und-die-zukunft-des-euro_498#comment-49448

    Was die “souveräne Theoriebildung” angeht, so ahnte ich, dass Sie diese Formulierung unter Beschuss nehmen würden, und Sie haben damit ja auch nicht unrecht. Gewiss theoretisiert niemand von einem völlig entrückten Standpunkt aus. Vor längerer Zeit las ich einmal in einem Zeitungsartikel, einer der großen Wirtschaftsdenker der Vergangenheit habe im Nachhinein eingeräumt, dass eine polemisch scharfe Passage in einer seiner Schriften unter dem Einfluss eines Karbunkels am verlängerten Rücken zustande gekommen sei, welches ihm vorübergehend die sitzende Tätigkeit verleidet habe. Mögen auch solcherlei somatische Bedingtheiten nicht die Regel sein, so ist die Abhängigkeit vom gesellschaftlichen Kontext sicher in jedem Fall gegeben.

    Wenn man bei der Einordnung von entsprechendem Schrifttum die Umstände der Entstehung einbezieht, dann scheint es mir aber schon einen Unterschied zu geben etwa zwischen den Werken von Quesnay, Smith und Marx, die jeweils nach jahrelangen Studien zustande kamen, und dem Spätwerk von Lenin, das dieser als politischer Protagonist während eines rasanten Umbruchs in Krieg, Revolution und Bürgerkrieg so ein wenig mit heißer Nadel gestrickt hat. Das spricht überhaupt nicht gegen Lenin; ich will hier keinem weltabgewandten Gelehrtentum das Wort reden. Nur wird man das eben bedenken müssen, wenn man Lenins Schriften nach fast einem Jahrhundert wieder liest.

    Was das “Finanzkapital” angeht, so fände ich es ja sinnvoll, auch mal die Studien des leider ziemlich in Vergessenheit geratenen russischen Wirtschaftshistorikers Alexander Gerschenkron in die Betrachtung einzubeziehen. Der verhandelt die Frage Kapitalkonzentration & Stamokap unter modernisierungstheoretischen Gesichtspunkten. Und interessant wäre es m. E., Gerschenkrons quasi-institutionalistische Darlegungen zur Industriegeschichte mal mit einem zyklischen Ansatz wie dem Kondratieffs zu verbinden. Mit Sicherheit hat das auch schon mal jemand gemacht, aber ich habe da keinen Überblick über die Literatur.

    Antworten

    • 21. Dezember 2008 um 14:23 Uhr
    • Peter JK
  5. Kommentar zum Thema

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