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Investieren in Zeiten der Rezession und Deflation

 

Nach dem jüngsten Working Paper von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff („The Aftermath of Financial Crises“) entwickelt sich die gegenwärtige Finanzkrise genau nach Plan, also genauso wie ein Dutzend frühere Krisen in verschiedenen Ländern. Das ist beängstigend. Denn Krisen, die mit einem Verfall der Vermögenspreise einhergehen, sind besonders tief und halten lange an. Die Arbeitslosenquote steigt im Durchschnitt um sieben Prozentpunkte, das reale Pro-Kopf-BIP sinkt von der Spitze bis zum Tiefpunkt um nicht weniger als 9,3 Prozent, und die Staatsschulden erhöhen sich um 87 Prozent.

Anleger sollten realistisch sein und solche Entwicklungen als Arbeitshypothese verwenden – auch wenn es hoffentlich nicht so schlimm kommen wird. Stagnierende oder fallende Preise, also Deflation, gehören mit ins Bild, ebenso wie rückläufige Unternehmensgewinne und Rohstoffpreise. Staatsanleihen, ausgewählte Unternehmensanleihen und inflationsindizierte Anleihen sind immer noch erste Wahl.

Auch wenn sich die Notenbanker und Finanzpolitiker noch so viel Mühe geben und vielfach über ihren professionellen Schatten springen, sie werden zunächst nicht viel bewirken. Wir müssen uns darauf einrichten, dass wir mehrere Jahre mit der Rezession leben müssen.

Ausführliches zu den jüngsten Entwicklungen in den wichtigsten Industrieländern und Russland und den Aussichten für Aktien, Bonds, Rohstoffe und Wechselkurse in meinem neusten Investment Outlook:

Wermuth’s Investment Outlook – January 2009*) (pdf, 238 KB)

*) Den Investment Outlook von Dieter Wermuth in englischer Sprache gibt es einmal im Monat und er wird zunächst kostenlos auf Herdentrieb zum Herunterladen bereitgestellt. (ur)

32 Kommentare


  1. […] der Möglichkeiten zum weiteren Verlauf der Krise ist eng, es reicht nur noch von “die Welt ist auf mehrere Jahre im Arsch” bis zu “im Sommer 2009 lassen wir die Korken […]

  2.   edicius

    @DW
    Denn Krisen, die mit einem Verfall der Vermögenspreise einhergehen, sind besonders tief und halten lange an.
    Das mag so sein. Würde sich aber lohnen, mal zu schauen, ob den anderen Krisen auch eine derartige Vermögenspreis-INFLATION vorangegangen ist wie der jetzigen. Wenn nicht, handelt es sich vielleicht nur um eine Korrektur, und deren Dauer und Tiefe, sowie die adäquate Lokalisierung der Verluste bei den vormaligen Profiteuren, hinge vor allem davon ab, inwieweit sich andere Akteure, vor allem der Staat mit seinen Steuerzahlergeldern, hier mit in dieses sinkende Boot ziehen lässt. Oder wir Bürger ihm das durchgehen lassen…
    Auch wenn es schon zu spät dafür ist: Ich bin immer noch dafür, die Banken mit den unbewertbaren Bilanzen insgesamt zur Großen Bad Bank zu erklären und die ganzen Staatsmittel in einer Good Bank zu verwenden. Honestly.

  3.   mylli

    und die Staatsschulden erhöhen sich um 87 Prozent.

    Das heißt also, entweder die Zinsen bleiben langfristig unten wie in Japan (gut für die Anleihengläubiger) oder fast die ganze Welt spielt Argentinien (schlecht für Lebensversicherungen, Pensionsfonds, Rentiers) und die nächste Generation fängt das Spiel von vorne an.

  4.   Dieter Wermuth

    @ edicius

    Es gibt zwei frühere Paper der beiden Autoren, in dem sie beschreiben, wie es zu den Krisen kam und was die gemeinsamen Merkmale waren. Das jüngere („Banking Crises: An Equal Opportunity Menace“) ist vom Dezember 2008 und das älter findet sich in dem Blog-Beitrag „Die US-Rezession wird lang und hart“ von Fabian Lindner.

    Grüße, DW

  5.   spiritformoney

    @wermuth
    Ja es gibt eine lange und schwere Krise. War allerdings aus den Rahmenbedingungen absehbar. Schon lange. Wie sie allerdings darauf kommen, dass Staatsanleihen irgendwelcher Art erste Wahl sein sollen? Wegen der paar Zinsen und der Aussicht im Nirwana der Währungsreform zu verschwinden?
    Und im Übrigen – so wie jede Aktie hat auch jede sonstige reale Anlage (Immobilien, Gold, Land, Wasser) IMMER EINEN EIGENTÜMER. Es wäre eine interessante Überlegung wer wohl in den nächsten Jahren diese realen Güter aufkaufen kann?
    Für die Zeit danach – für das ERSTE GELD als Pfand für Kredit.

  6.   Dieter Wermuth

    @ spiritformoney

    Was ist gegen Anleihen zu sagen, außer dass es ein – zugegebenermaßen erhebliches – Kursrisiko gibt. Das haben Sie bei BuBills nicht, oder auch nicht bei Bargeld. Aber: wenn die Inflation stark steigen sollte, vermindert sich auch die Kaufkraft dieser angeblich sicheren Anlagen. Gehen wir doch erst mal davon aus, dass wir in Richtung Deflation wandern – bei minus 1% Inflation bekommen Sie 10 Jahre lang real 3,26% – (-1%) = 4,26% (wenn die Deflation 10 Jahre anhält). Da das nicht so wahrscheinlich ist (obwohl Japan gezeigt hat, dass das jedenfalls möglich ist), profitieren Sie von einem anständigen Einkommenszuwachs und sind bei der Einkommensumverteilung auf der Gewinnerseite. Sie können ja auch 3-jährige kaufen – da gibt es 2,06% oder, bei Pfandbriefen, 2,58%.

    Grüße, DW

  7.   Dieter Wermuth

    @ mylli

    Ein einzelnes Land kann sich für zahlungsunfähig erklären, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass die Welt als Ganzes aufhört, Schulden zu streichen. Was ist mit den Gläubigern? Alle Sparer sind Gläubiger! Und sie sind in der Mehrheit.

    Im übrigen, auch wenn die Zinsen nominal sehr niedrig bleiben sollten, sagen wir 1%, kann es gleichzeitig Deflation und (und!) Wachstum geben. Das erschwert es, wieder richtig kräftig zu wachsen – weil Schuldenmachen real wehtut -, aber, wie wir in Japan gesehen haben, es ist möglich.

    Grüße, DW

  8.   Peter JK

    @ DW

    Schön, dass Sie Russland wieder besonders beleuchtet haben. Im wesentlichen scheinen Sie ja eine ähnliche Auffassung zu vertreten wie Ulrich Thießen vom DIW, der übrigens davon ausgeht, dass die Zentralbank einfach Rubel druckt, um den Banken auszuhelfen:

    mdz-moskau.eu/print.php?date=1232309508&gid=

    Ich habe nicht mehr den Einblick wie vor 7-8 Jahren, aber in einem Punkt gestatten Sie mir bitte Zweifel an Ihrer (und Thießens) Darstellung.

    Sie rechnen beide mit Import-Substitution als einem Wachstumsfaktor infolge der Rubel-Abwertung. In der Tat gab es ja nach dem Rubel-Crash 1998 Import-Substitution in großem Umfang, und insofern war die damalige Abwertung sogar kurzfristig sehr heilsam. Aber damals war der Rubel nach einer deflationären Episode abgewertet worden. Viele Kapazitäten der verarbeitenden Industrie lagen seinerzeit brach oder waren nicht ausgelastet, und sie konnten nach 1998 wieder hochgefahren werden.

    Diesmal ist die Situation ja eine andere. Die Rubel-Abwertung kommt am Ende eines langen Booms, in dessen Folge die Realeinkommen der Bevölkerung deutlich angestiegen sind und damit auch das Konsumniveau. Wie Sie ja auch schreiben, ist die verarbeitende Industrie in Russland eher unterentwickelt. Ich nehme an, die Kapazitäten der Konsumgüterindustrie waren 2008 weitgehend ausgelastet, abgesehen davon dürften vermutlich etliche Konsumgüter (z. B. Lederwaren und alle mögliche Haushaltstechnik) nach wie vor überhaupt nicht in hinreichender Qualität in Russland hergestellt werden. Deshalb könnte m.E. die Rubelabwertung diesmal weniger zu Import-Substitution führen, sondern vielmehr zu weiter steigenden Konsumentenpreisen.

    Um den Konsumbedarf der russischen Bevölkerung tatsächlich verstärkt aus inländischer Herstellung zu decken, müsste wohl erst einmal in die entsprechenden Produktionsanlagen investiert werden, aber wer hat dazu derzeit die Mittel?

    Was russische Aktien angeht, so denke ich allerdings auch, dass hier auf Sicht von 3-4 Jahren eine Wertsteigerung von über 100% drin ist.

    Eine Kritik an Ihrer Wortwahl muss sein: „[Russia’s] autocratic and belligerent government“… Autokratisch, gut. Aber „kriegerisch“ oder „kriegslüstern“?? Seit den frühen 90-er Jahren war Russland an einem – wenige Tage dauernden – internationalen militärischen Konflikt beteiligt. (O.K., anderthalb, wenn man das seinerzeitige eher spontane Eingreifen der 14. Armee in Transnistrien einbezieht.) Deutschland dagegen war bzw. ist an zwei deutlich länger andauernden Konflikten beteiligt, Großbritannien an mindestens drei, die USA an mindestens fünf, und auch Frankreich schaut ja immer mal irgendwo in Westafrika nach dem Rechten… Also, vor diesem Hintergrund die russische Führung als „belligerent“ zu bezeichnen, scheint mir doch das Ergebnis einer ziemlich verzerrten westeuropäischen Wahrnehmung zu sein.

  9.   mylli

    @ DW

    „Was ist mit den Gläubigern? Alle Sparer sind Gläubiger! Und sie sind in der Mehrheit.“

    Eben daher gebe ich der Oma, die im Glauben an ein Naturrecht auf risikolose Realverzinsung bei der Landsbanki lebt und allen anderen auf wohlerworbene Rechte pochenden Gruppen die Schuld.

    Wir werden die Lösung nicht in einer stattlichen staatlichen Garantie unhaltbarer Leistungsversprechen finden!

  10.   Wolfgang

    Wenn Analysten immer wüßten, was kommt, brauchten sie keine Analysen mehr zu schreiben, sondern nur noch ihre Taschen vollzustopfen.
    Tatsache ist:
    Mal profitiert der Optimist, mal der Pessimist,
    mal profitiert der Übermütige, mal der Angsthase.
    Es ist schön, dass es so viele verschiedene Charaktere gibt.

    Am meisten profitiert, wer im richtigen Augenblick genau das Gegenteil von dem macht, was alle machen: Kaufen, wenn alle verkaufen und verkaufen, wenn alle kaufen. Das fällt manchmal sogar Profis schwer.