So funktioniert Kapitalismus

EZB will notfalls weiter senken

Von 2. Juli 2009 um 18:49 Uhr

Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins, den Hauptrefinanzierungssatz, wie erwartet bei 1% belassen. Aber wer hätte das gedacht: auf der Pressekonferenz der EZB am Donnerstag hat Jean-Claude Trichet von sich aus, ohne dass ihn ein Journalist dazu gedrängt hätte, noch einmal ausdrücklich erklärt, dass es im EZB Rat keine Entscheidung gegeben hätte, dass das Zinsniveau seinen tiefsten Punkt erreicht habe. Es klang ein bisschen wie: Die Lage ist ernst, die Inflation liegt deutlich unter unserer Zielmarke von knapp unter 2%, und wir werden alles tun, damit wir da wieder hin kommen.

Die schwedische Notenbank ist am Donnerstag schon mal vorangegangen und hat ihren Zins von 0,5% auf 0,25% gesenkt und ist damit de facto bei Null angekommen. Ich vermute, dass auch die EZB lieber an der Zinsschraube dreht als sich auf das vollkommen unbekannte Territorium der mengenmäßigen Lockerung, des “quantitative easing” zu begeben. Da drohen nämlich Verluste im Falle, dass die angekauften Rentenpapiere nicht-staatlicher Emittenten deutlich an Wert verlieren. Das kann bei diesen “covered bonds”, also Pfandbriefen angesichts der katastrophalen Lage etwa des spanischen Immobilienmarkts, demnächst vielleicht auch des französischen, durchaus geschehen. Wer übernimmt dann diese Verluste? Steht der deutsche Steuerzahler indirekt für die Folgeschäden der spanischen Immobilienblase ein? Reichen die Rettungsaktionen für Opel, Quelle und die diversen Banken nicht schon? Die EZB könnte sich unbeliebt machen.

Insofern ist eine weitere Zinssenkung, oder vielleicht auch mehrere, aus politischer Sicht plausibler als ein baldige Aufstockung der Volumina bei den “unkonventionellen Maßnahmen”.

Was würde dann übrigens mit der Einlagenfazilität geschehen, die es den Banken erlaubt Überschussreserven verzinst bei der EZB zu parken, wenn der Hauptrefinanzierungssatz demnächst 0,25% erreichen sollte? Die Differenz zwischen dem Satz der Einlagenfazilität von 0,25% und der Spitzenrefinanzierungsfazilität von 1,75% beträgt zur Zeit 150 Basispunkte oder 1,5 Prozentpunkte. In der Vergangenheit waren es auch schon mal 200 Basispunkte.

Da die Kreditvergabe der Banken an Nicht-finanzielle Unternehmen und Haushalte im Euroraum etwa seit dem dritten Quartal saisonbereinigt stockt, wird die EZB allmählich nervös. Die Banken haben Geld in Hülle und Fülle, aber sie bleiben darauf sitzen, weil ihnen das Verleihen in dieser tiefen Rezession zu riskant erscheint oder weil sie wegen ihrer Abschreibungen auf die Schrottpapiere, auch “toxic waste” genannt, ihre Bilanz verkürzen möchten: Durch die Verluste aus den Abschreibungen vermindert sich ihr Eigenkapital, um die gewünschten oder geforderten Relationen zwischen (risikogewogenen) Aktiva und Eigenkapital wieder herzustellen, müssen sie die Aktivseite der Bilanz eindampfen. Da hilft auch noch so viel billige Liquidität von der EZB wenig. Irgendwann wird Axel Weber seine Drohung wahrmachen müssen und unter Umgehung des Bankensektors Kredite direkt an die Privatwirtschaft vergeben. Das ist allerdings so lange noch nicht relevant, wie es noch Spielraum bei den Zinsen gibt.

Eine Option für die EZB besteht sicher darin, den Einlagensatz in den negativen Bereich zu drücken. Das wäre dann der Einstieg in eine Welt negativer Notenbankzinsen, über die ich mich vor kurzem hier im Herdentrieb schon mal ausgelassen hatte.

Dass die Inflationsrate im Juni im Euroland “nur” -0,1% (ggVj) betrug, ist eigentlich erstaunlich. Wäre der Ölpreis auf dem Niveau von Dezember geblieben und hätte sich nicht seitdem mehr als verdoppelt, läge die Inflationsrate schon längst bei -0,5%. Dahin gehen wir aber. Die Öltanks quellen über, überall steigt die Arbeitslosigkeit steil an, die Löhne kommen zunehmend unter Druck, und die ungenutzten Kapazitäten sind so groß wie seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Der Auslastungsgrad ist die wichtigste Variable zur Erklärung der Preisentwicklung.

Wenn jetzt noch hinzukommt, dass der Euro gegenüber dem Dollar deutlich aufwerten sollte, könnten wir bald japanische Verhältnisse haben. Die USA könnten angesichts der nach wie vor stark steigenden Arbeitslosigkeit ein Interesse an einem schwachen Dollar haben. Auch nach der angeblichen Besserung der Lage am Arbeitsmarkt ging auch im Juni die Anzahl der abhängig Beschäftigten (die “payrolls”) kräftig zurück. Um Vollbeschäftigung zu halten, brauchen die USA jeden Monat etwa 150.000 neue Jobs – es gingen aber stattdessen erneut 467.000 verloren, eine Differenz von 617.000 – in einem Monat. Von Juni 2008 bis Juni 2009 betrug der Rückgang 5,66 Mio, oder 4,1%. Wenn man weiß, wie wichtig Vollbeschäftigung für die Amerikaner ist, einschließlich der Notenbank, kann man sich vorstellen, welche wirtschaftspolitischen Szenarien durchgespielt werden dürften. Die Briten haben es bereits vorgemacht, wie die Schornsteine durch eine starke Abwertung am Rauchen gehalten werden können. Wenn es zu einer kompetitiven Abwertung des Dollar kommen sollte, einem Abwertungswettlauf oder beggar-thy-neighbor-Politik, kann die Inflationsrate in Nullkommanichts bei -1% landen.

Ich vermute, dass die Rentenmärkte angesichts dieser Entwicklungen freundlich bleiben werden. Die Renditen sind im Zehnjahresbereich seit Anfang Juni bereits um etwa 40 Basispunkte auf jetzt 3,32% gesunken. Da die Refinanzierungskosten für die Banken so niedrig sind und weiter sinken werden, ergibt sich eine starke Nachfrage nach attraktiven und auf Jahre hinaus festen Renditen. Wenn die EZB dann doch noch mal ihre Covered Bond-Fazilität aufstocken sollte, weil nichts so richtig Schwung in die Bude der Kreditvergabe bringen will, gäbe es von daher ein zusätzliches Motiv, Festverzinsliche zu kaufen.

Kategorien: Leitwährungswatch
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Aprops japanische Verhältnisse: Ich dachte die hätten auch versucht ihre Banken mit Zinsen nahe Null wiederzubeleben und sind mit genau dieser Politik kläglich gescheitert. Wie hoch ist denn die Chance eigentlich, das wir es ihnen jetzt nachmachen, während die USA und GB ihre Hausaufgaben gemacht haben?

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    • 2. Juli 2009 um 21:36 Uhr
    • Karl
  2. 2.

    Es besteht jetzt kein Zweifel mehr, dass es Richtung Deflation geht. Nur in Deutschland kann man sich noch ein bisschen Angst vor Inflation erlauben.

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    • 2. Juli 2009 um 23:09 Uhr
    • EuroOptimist
  3. 3.

    Man muß sich doch wirklich mal die Logik in der Handlungsweise der EZB ansehen: die glauben ja wirklich daran, daß aus markttheoretischen Gründen die Senkung der Zinsen von Festverzinslichen dazu führt, daß eine Kreditvergabe in Realkapital (vulgo: Unternehmenskredite) dadurch attraktiver wird und die Banken jetzt anfangen, wieder ihrer “originären” Aufgabe nachzukommen.

    Bevor man sich solchen schöngeistigen Erwägungen hingibt muß man sich eines mal klarmachen: Banken sind dazu da, um Geld zu machen. Eine andere Funktion haben sie nicht! Das kann schon mal dadurch passieren, daß Unternehmenskredite als aussichtsreich eingeschätzt werden. Aber seitdem die Banken mitbekommen haben, daß man einmal ausgereichte Kredite über die Verbriefungen aus der eigenen Bilanz entfernen kann, gefallen sie sich nunmehr nur noch als Makler, die Finanzengagements zwar anleiern, aber sich hinterher über Verbriefungen wieder aus dem Risiko verpissen. Nun ja, das hat, oder sollte, ja mal geklappt haben. Ist gerade als Geschäft nicht so aussichtsreich. Aber da sie ja nun einmal Blut geleckt haben, wird man so einfach nicht mehr erwarten können, daß die Sache mit der Kreditvergabe an Unternehmen seitens der Banken als tolle Geschichte zum Geldverdienen wieder für sie attraktiv wird. Und wenn Weber sagt, daß man in letzter Konsequenz die Banken umgehen könnte, dann bedeutet das schlichtweg, daß man nicht mehr darauf setzen kann, daß die abschreibungsgebeutelten Banken in den nächsten zehn Jahren wieder zu der – aus ihrer Sicht – drögen Risikobewertung von Realkapitalinvestitionen zurückkehren werden. Na igitt, das sind ja vorsintflutliche Zeiten, wo man heutzutage mit feinen finanzmathematischen Modellen vielleicht mehr Geld machen kann, als mit diesen ständig nörgelnden Unternehmern, die ja doch nur Ansprüche anmelden wollen. Die dann auch noch Geld haben wollen? Gott bewahre!

    Das Dumme ist nur, daß sich die EZB bis zum heutigen Tage an Vorstellungen und Konzepten festklebt, die vor 20 Jahren noch so einigermaßen richtig gewesen sind. In der Zwischenzeit hat sich bekannterweise so einiges ereignet, was man durch “regelmäßige Analysen” eigentlich hätte herausfinden können. Wenn man sich einfachheitshalber vergegenwärtigt, daß die gesamte Finanzmarkttheorie schon immer behauptet hat, daß Risikodiversifikation möglich ist (was ja für den Einzelnen stimmt) aber auch darüber hinaus die Erwartung geweckt hat, daß man Risiken nicht selber tragen muß (was schon mal in Erfüllung gehen kann, siehe Deutsche Bank) und darüber hinaus, durch Risikoverschiebung die Verantwortung für das eigene Handeln an andere übertragen werden kann (was in Bezug auf die Gesamtheit der Akteure an den Finanzmärkten der reine Schwachsinn ist), dann muß man sich doch nicht darüber wundern, daß Maßnahmen, die auf dem Denken in Preis / Mengen – Relationen verhaftet sind, eine reine Geldverschwendung darstellen.

    Was sagt denn die Finanzmarkttheorie mit ihrer Risikomythologie eigentlich? Na klar doch, daß die Entscheidung, finanzielle Engagements einzugehen an der Bonität der Kreditnehmer hängt. Das wußte man in Deutschland schon vor 100 Jahren (und auch anderswo und schon viel länger). Das heißt aber wiederum, daß schon mal bekannt war, daß man sich nicht so einfach aus dem selbst eingegangenen Risiko so einfach wieder davonschleichen kann. Davon will aber heutzutage niemand was mehr wissen. Geld verdienen, ja klar. Risiko übernehmen, um Gottes willen. Ergebnis: alle versuchen nur noch Makler zu spielen, dann kann man die Provision einstreichen und hat mit der Abwicklung des Geschäfts nichts mehr zu tun. Die Strategie heißt: “hit and run”!

    Solche Erkenntnisse sind natürlich in den markttheoretisch bornierten Köpfen der EZB nicht wiederzufinden. Die glauben ja tatsächlich noch, daß irgendwelche popeligen Zinsveränderungen in dieser Situation noch irgendwas bewirken. Und das “quantitative easing”, als Blaupause aus Amiland importiert ignoriert doch völlig, daß das Aufpusten von Kreditverhältnissen überhaupt nicht dazu führen muß, daß daraus auch nur ein Euro EINKOMMEN entsteht. Das das nicht funktioniert hätte man spätestens seit dem Fall Japan verstehen können, aber das kann man als markttheoretisch ge(ver-)schulter Ökonom eben nicht kapieren (nee, die können das wirklich nicht). Und wenn man mit seinem markttheoretischen Latein am Ende ist, dann kommen immer wieder die “strukturellen Verwerfungen” in die Diskussion. Und das ist dann das, was man Neoliberalismus zu nennen pflegt. Privatisierung, Deregulierung und der ganze andere Quatsch auch noch!

    Kleiner Hinweis an Weber: wollte man wirklich effizient die Banken umgehen (die wie gesagt die nächsten zehn Jahre hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind), müßte man ein Gesetz erlassen, was die Vertragsklausel der Vorfälligkeitsentschädigung unwirksam machen würde, denn sonst bekommt man die Kreditnehmer nicht aus den Klauen der Banken heraus. Die Prinzipienreiterei bei der dann folgenden ordnungspolitischen (Nicht-) Diskussion wäre ein geradezu kafkaeskes Schauspiel. Schade nur, daß mit den hiesigen Politschlaffis dieses Highlight niemals stattfinden wird!

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    • 3. Juli 2009 um 03:51 Uhr
    • enigma
  4. 4.

    “Aprops japanische Verhältnisse: Ich dachte die hätten auch versucht ihre Banken mit Zinsen nahe Null wiederzubeleben und sind mit genau dieser Politik kläglich gescheitert.”

    Klar, denn mit Carry-Trades und all dem Scheiß wurde im Wesentlichen nur eines gemacht: in Aktien investiert und die Kurse künstlich hochgetrieben. Realwirtschaft hat ja schon längst keinen mehr interessiert. Die Deflation hat sich daduch noch verstärkt, dass mit billigem Geld chinesische Ware gekauft wurde, die ja bekannter maßen auch alles war – nur nicht teuer ;-)
    Dieses Pendel schwingt aber nicht mehr weiter in die eine Richtung, sondern zurück…und aus der Deflation wird ne gewaltige Inflation, denn diese ganzen Papierschnipsel wird in letzter Instanz keiner mehr nehmen wollen bzw. wenn, dann nur mit einem gewaltigen Aufschlag. Danke, ihr schlauen Volkswirtschaftler von INSM, EZB, Bundesbank, FED und was es sonst noch alles gibt.

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    • 3. Juli 2009 um 18:03 Uhr
    • Christian Wagner
  5. 5.

    @ Eurooptimist (# 2):

    Mir scheint, dass die Preise bereits rapide im Fallen begriffen sind. Bei gleichzeitigem Null-Wachstum hätten wir damit wohl tatsächlich die gefürchtete Stagflation erreicht, die ich hier schon vor einem halben Jahr prophezeite.

    Damals drehte sich unsere Diskussion um die Notwendigkeit, wie andere Länder rechtzeitig den Leitzins zu senken. Trichet weigerte sich jedoch noch, weshalb ich vorschlug, die kommende Stagflation nach Trichet zu benennen. Inzwischen sah sich Trichet natürlich ebenfalls gezwungen, dem Beispiel anderer Länder zu folgen, doch könnte es jetzt bereits zu spät sein, um noch eine Rolle zu spielen.

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    • 4. Juli 2009 um 22:02 Uhr
    • ergo sum
  6. 6.

    @ ergo sum

    Umm, stagflation = stagnation + inflation; inflation = steigendes Preisniveau = steigende Preise, nicht fallende. Sorry.

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    • 5. Juli 2009 um 02:28 Uhr
    • Karl
  7. 7.

    Werden denn die Werteverluste an den Börsen, und die Abwärtsspirale aus Einkommensverlusten, Produktionsrückgängen, Entlassungen, überhaupt noch zu stoppen sein?
    Erst durch die neue, quasi feudale Arbeitsteilung , zwischen den USA und China, war es vielen Firmen in den USA , die selbst nichts Greifbares mehr besitzen und erzeugen, möglich immer höhere Gewinne zu realisieren.
    Nike z.B. verdiente so zuletzt acht Milliarden Dollar jährlich allein mit in den USA verkauften Nike-Schuhen, während 450.000 Arbeiterlnnen in Süd- und Ostasien zu Hungerlöhnen beschäftigt wurden.

    Quelle:

    freitag.de/2001/28/01281101.php

    Andre Gorz: die Immobilien und Finanzkrise, ist nichts anderes, als das den Waren ermöglicht wurde ,sich ihre Käufer zu kaufen.

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    • 5. Juli 2009 um 16:39 Uhr
    • Marlene
  8. 8.

    Schwedens Reichsbank hat das Undenkbare schon getan.
    Ist im zweistufigen Banksystem zwar mehr Psychologie als Weg – trotzdem – der Anfang ist gemacht.

    global-change-2009.com/blog/die-mauer-
    fallt-und-keiner-bekommt-es-mit

    Und die Japaner diskutieren schon die wirklichen Lösungen:

    global-change-2009.com/blog/japan-denkt-
    uber-die-abschaffung-von-bargeld-nach/

    Grüße Jörg Buschbeck

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  9. Kommentar zum Thema

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