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Zehn Wetten für 2010

Von 1. Januar 2010 um 20:06 Uhr

Die Hirten Lucas Zeise, Dieter Wermuth und ich haben zwischen den Jahren wieder getagt und eine neue Prognose erstritten. Von der Tendenz her, die für Deutschland und Europa am besten mit deflationär, wachstumsarm und Bilanzrezession beschrieben werden kann, sind wir uns einig. Nicht aber in der Frage, wie die Weltwirtschaft mit der Krise mittelfristig fertig wird. Dabei gab Dieter den Optimisten und Lucas den Pessimisten, wobei ich selber näher an Lucas Einschätzung bin. Erst jedoch haben wir uns über das brillante Abschneiden unserer Wetten für 2009 gefreut – und uns auf die Schultern geklopft. Dort, wo wir falsch lagen, nämlich bei der Einschätzung der Finanzmärkte, haben wir einfach fast dieselben Wetten für 2010 rausgelegt, weil wir mittelfristig Recht behalten wollen.

Dann ging es los: Der wichtigste Streitpunkt war China und seine Power. Gelingt es China dauerhaft in die Rolle der Konjunktur-Lokomotive für die Weltwirtschaft zu schlüpfen? Gelingt es China, Asien und die anderen Schwellenländer zu befeuern, damit die alten Industrieländer sich die Wunden der Finanzkrise lecken können und trotzdem stabilisiert werden? Oder bricht China in Kürze zusammen, da die Exportkapazitäten, die immer weiter aufgebaut werden, nie ausgelastet sein werden. Denn der US-Konsument wird noch lange streiken müssen, genauso wie der britische, der spanische, der irische, der griechische… um nur einige wenige zu nennen. Dann, ja dann gibt es nicht nur in China Aufstände, sondern die Weltwirtschaft bricht ein zweites Mal ein.

Gelöst haben wir den Streit nicht, obwohl Konsens bestand, dass China vieles tut, um die Binnennachfrage anzukurbeln. Doch wie lange dauert es, bis sich eine Wirtschaftsstruktur umstellt, bis aus Puppen sagen wir Planierraupen werden? Allerdings waren wir uns schließlich sicher, dass die Entscheidung nicht 2010 ansteht, sprich China dieses Jahr noch meistern wird und zwar brillant.

Eng damit zusammenhängend haben wir die Frage debattiert, ob es je in der Geschichte des Kapitalismus eine Phase gab, in der die Peripherie das Zentrum stabilisiert, ja gerettet hat? Wir konnten uns an keine Phase erinnern, was den Pessimisten einen kleinen Vorsprung brachte. Denn den Satz „diesmal ist alles anders“, wollten wir trotz guter Laune nicht aussprechen.

Sei es drum. Hier nun unsere zehn Wetten für 2010:

Wette eins: Die globale Wirtschaft wird gemessen in Kaufkraftparitäten (KKP) um rund 3,5 Prozent wachsen. Das ist deutlich unter Potenzial, das wir bei circa 4,5 Prozent anlegen. Und, noch schlimmer: Die 3,5 resultieren auch noch zu einem guten Teil aus dem berühmten Überhang, den ich bei meiner Wachstumswette für Deutschland schon erklärt habe. Das Wachstum in den Schwellenländern, die nach KKP rund 45 Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukt (rund 37 Prozent in Dollar gemessen) ausmachen, sollten um 4,5 Prozent wachsen, die Industrieländer um rund 1,5 Prozent.

Wette zwei: Die effektiven Stundenlöhne in Deutschland werden 2010 um 0,5 Prozent sinken, nominal, versteht sich! Die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen und die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer schwächen, die in Deutschland dank Hartz IV und dem Fehlen des Mindestlohns sowieso nicht stark ist.

Wette drei: Die Inflation wird in Deutschland im ersten Halbjahr in Richtung zwei Prozent marschieren. Das liegt allein am Ölpreis und dem dazugehörigen Basiseffekt. Die Kerninflationsrate, jene ohne Energie und Nahrungsmittel, wird unter ein Prozent sacken und Deflationsalarm geben. Ab Mitte 2010 wird sich auch für die gesamte Inflationsrate wieder die null vor dem Komma zeigen.

Wette vier: Die Entwicklung der Inflationsrate verrät die Annahme über den Ölpreis: Er dürfte sich das Jahr über um die 75 Dollar das Fass bewegen. Der schwächeren Nachfrage aus den Industrieländern wird eine stärkere aus China entgegenstehen. Darüber hinaus wird es der Opec wie schon 2009 gelingen strikte Disziplin zu üben und den Preis in dieser Region zu halten.

Wette fünf: Die Europäische Zentralbank wird den Leitzins, den Repo, das ganze Jahr bei einem Prozent belassen. Das bisschen Exit wird sich auf die Steuerung des Geldmarktes beziehen. Hier dürfte der Satz wieder in Richtung Repo steigen. Das bisschen höhere Zinsen dürften die Banken verkraften. Beim Thema Kreditklemme bestand weitgehend Einigkeit, dass es vernachlässigbar sei. Schlimmer als das bisschen Klemme seien die Firmen, die ihre Bilanzen bereinigen, sprich die Erträge nehmen, um Schulden zurückzuzahlen, statt zu investieren.

Wette sechs: Die Staatsanleihen in Euroland werden 2010 zu den Gewinnern gehören. Die Zehnjahresrendite für Bundesanleihen wird bis auf 2,5 Prozent fallen.

Wette sieben: Die Standardaktien, die das vergangene Jahr so überraschend gut abgeschnitten haben, werden zu den Verlierern zählen. Alle drei Hirten haben auf niedrigere Kurse als zum Jahresende 2009 getippt. Gemittelt ergab das für den Dax: 4.667!

Wette acht: Der Dollar wird weiter gegenüber dem Euro nachgeben und sein altes Tief aus 2008 erreichen (1,60 Dollar je Euro). Die Debatte um ein neues Weltwährungssystem wird weiter gehen. Die Chinesen werden den Wechselkurs des Yuan nicht freigeben, sondern auf ein neues Bretton Woods pochen.

Wette neun: Chinas reales BIP wird um elf Prozent gegenüber 2009 zunehmen, der Überschuss im Warenhandel wird von 350 Milliarden Dollar im Jahr 2008, 200 Milliarden Dollar im Jahr 2009 auf etwa 100 Milliarden Dollar im Jahr 2010 sinken – Chinas Einfuhren nehmen zu, während die Ausfuhren rückläufig sind! Chinas Binnennachfrage ist angesprungen, so dass das Land zur Konjunkturlokomotive der Welt wird. (Unschwer zu erraten, von wem diese Außenseiterwette stammt.)

Wette zehn: Gegen Ende 2010 wird die schwarz-gelbe Bundesregierung nicht an einer Debatte um ein weiteres Konjunkturprogramm vorbei kommen. Und sie werden aller FDP-Ideologie zum Trotz ganz pragmatisch handeln.

So wird 2010. Wetten?

Allen Kommentatoren, Lesern, Fans und Kritikern vom HERDENTRIEB wünschen die Hirten ein glückliches 2010!!!

Kategorien: Die Heusinger-Wetten
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Wetten, dass uns spätestens im Jahre 2021 eine neue große Weltwirtschaftskrise ins Haus stehen und die Geldentwertung dabei ihren Höhepunkt finden wird?

    • 2. Januar 2010 um 09:42 Uhr
    • wendelin89
  2. 2.

    Wette gilt und ein frohes neues Jahr!

    • 2. Januar 2010 um 09:55 Uhr
    • Florian Baumgartner
  3. 3.

    Ich würde gerne mit Ihnen wetten. Dazu müssten die Aussagen aber klar definiert sein:

    “Die globale Wirtschaft wird gemessen in Kaufkraftparitäten (KKP) um rund 3,5 Prozent wachsen.”

    Wann haben Sie diese Wette gewonnen, wann verloren?

    Geben Sie also sinnvollerweise Bandbreiten und Quoten an (sagen wir etwa 1:1, also wenn Sie gewinnen erhalten Sie 1 Euro, wenn ich gewinne erhalte ich 1 Euro). Die Währung muss nicht Geld sein, sie kann meinethalben gerne auch Prestige sein.

    • 2. Januar 2010 um 13:18 Uhr
    • emann
  4. 4.

    Wetten nicht … nicht ganz. 2010 wird nicht so nett.
    Die Statistiken der http://www.emdat.be/ zeigen seit 2007 alle nach unten. Auch 2009 lag bei den Katastrophen unter dem Schnitt.
    Klima, Atommächte, Kernkraftwerke, Öl. Alle potentielle Auslöser für Katastrophen. Ich gehe 2010 ganz stark von mindestens einer verehrenden Katastrophe aus, die weltweite Auswirkungen haben wird.
    Daraus folgen dann unmittelbar Konsequenzen für alle kapital-relevanten Titel.
    Gruß an die Welle.

  5. 5.

    Ziemlich pessimistisch.
    Und ein bisschen ideologisch verkrampft.
    So wird die “Verhandlungsposition” in Wette II als ausschlaggebend für das sinken der Löhne verantwortlich gemacht. Wirtschaftswissenschaftler würden eher den Schluss ziehen, dass durch die Krise gesunkene Gewinne von Unternehmen eben diese Lohnzurückhaltung zur Folge haben.
    Aber der Artikel bleibt seinem Stil treu.

    • 2. Januar 2010 um 16:03 Uhr
    • Florian Zeiml
  6. 6.

    Na gut,mit den Wettprognosen 1-5 kann man leben,obwohl ich der Meinung bin wir werden bei dem Geldmengenumlauf gegen Ende 2010 Anzeichen einer allmählich beginnenden Inflation sehen,es wird sich etwas im Zinsbereich tun…
    Wette sechs sehe ich anders,Staatsanleihen sind zu gut gelaufen,das wird 2010 platzen,da werden Gewinne mitgenommen und auf Zinssteigerungen spekuliert…Anleger und Fondmanager werden den Ausgleich dort suchen,wo man aufgrd.angehobener Zinsen mehr bekommt das ist z.T.bei Auslandanleihen der Fall,wird wieder vermehrt bei Fremdwährungsanleihen der Fall sein…
    Wette sieben…natürlich werden Standardaktien nicht so laufen wie 2009 immerhin gab es bei einzelnen Werten Gewinne von weit mehr als 100 %,aber der Aktienmarkt wird nicht abschmieren,auch wenn man dafür Volkswirtschaftliche Argumente hätte,nur ist hier in der Tat der Herdentrieb von Anlegern vorhanden,der Kapital gewinnbringend anlegen will,noch einmal wird man an der Börse nicht danebenstehen wollen.Ausserdem gibt es genügend Titel,bei denen bereits die Dividendenrendite höher ist als bei Anleihen …
    Wette acht..ich sehe den Dollar bei 1,20,die Amerikanische Wirtschaft wird sich wie auch schon zuvor am ehesten erholen,trotz der umlaufenden Geldmenge wird der Dollar fester und die Wall Street weiterhin Impulse für den Dax liefern,dafür sorgen nicht zuletzt auch Euroschwächende Länder wie Griechenland.
    Wette 9 ist o.k.
    Wette 10,..man wird spätestens Mitte des Jahres die Notwendigkeit nachhaltiger Konjunkturprogramme diskutieren und die werden,mit Blick über den Teich umfassender ausfallen als bisher,im übrigen bleibt der Innlandkonsum stabil,die Deutschen enttäuschen nicht beim Konsumverhalten,haben sie trotz Krise nicht gemacht und auch das Weihnachtsgeschäft lief gut und Wissenschaftler tun nur so,als ob sie sich darüber wundern,in Wahrheit funktioniert doch das Werbebombardement,dem wir ständig ausgesetzt sind ob im Radio,Fernsehen oder im öffentlichen Bereich,geh`n sie mal davon aus,das die Gehirnwäsche funktioniert…
    Trotzdem..ein glückliches 2010

    • 2. Januar 2010 um 16:31 Uhr
    • Paulus 65
  7. 7.

    Der Aktienmarkt ist übermässig gepuscht worden und steht in keinem Verhältnis zur Entwicklung der Realwirtschaft. Da sich die Realwirtschaft nicht anders entwickeln wird, wird es zu einer Bereinigung kommen, die tiefer ausfällt, als 4500 Punkte.

  8. 8.

    Meine Prognose: Das deutsche BIP wird real um 1% schrumpfen, wobei die Verteilung sehr schief ist und extreme Einbrüche bis 6% möglich sind. Nach oben halte ich ein Wachstum von über 1% für ausgeschlossen und über 0,5% für sehr unwahrscheinlich.
    Der Dax wird entsprechend einbrechen und garantiert unter 4500 Punkte fallen. Die EZB wird daher gezwungen sein, die Leitzinsen weiter zu senken. Vor allem da kein Inflationsdruck aufkommen wird, die Preise im Gegenteil um 0,5-1% fallen werden. Hier hilft vor allem der Ölpreis, der wieder unter $60 fallen wird.
    Staatsanleihen taugen lediglich noch als Wettscheine für kurzfristige Zocker. Schlechter konjunktureller Ausblick plus niedrige Leitzinsen beflügeln zwar normalerweise Staatsanleihen, doch dieses Mal fällt die Verschlechterung der Kreditwürdigkeit stärker ins Gewicht. Allerdings erst langdristig. In 2010 können Zocker sich eventuell tatsächlich eine goldene Nase mit Staatsanleihen verdienen. Über Erwerbstätigenzahlen und Staatsdefizit sollte besser Stillschweigen vereinbart werden, hier ist der absolute Super-GAU zu erwarten.

    In diesem Sinne: Guten Kursrutsch ins neue Jahr!

    Btw, habe ich es geschafft, noch pessimistischer als Herr Zeise zu sein?

    • 3. Januar 2010 um 03:17 Uhr
    • undertaker
  9. Kommentar zum Thema

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