So funktioniert Kapitalismus

Frankreich – Deutschland 1:0

Von 16. März 2010 um 00:11 Uhr

Das war ja zu erwarten. Die französische Finanzministerin kritisiert die deutschen Exportüberschüsse und wir schlagen zurück.

Leider nicht sehr überzeugend. Rainer Brüderle in der FAZ: “Die gute Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen ist weder ein deutsches noch ein französisches Problem. Sie ist vielmehr Grundlage für Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand in Deutschland wie auch in Europa”.

Marc Beise in der Süddeutschen: “Wer vorankommen will, sollte man meinen, orientiere sich am Beispiel der Erfolgreichen und versuche nicht, diese auf sein eigenes schwächeres Niveau herunterziehen. Das fehlende Selbstbewusstsein selbst der französischen Regierung ist bemerkenswert. Ministerin Lagarde könnte einen flammenden Appell an ihre Landsleute richten: Franzosen, macht es den Deutschen nach!”

Das Problem ist nur: Was passiert denn, wenn die anderen es den Deutschen nachmachen? Wenn ganz Europa das tut, stehlen wir Nachfrage bei den Amerikanern und den Asiaten. Die werden sich freuen und ein paar Handelsschranken errichten.

Aber warum soll nicht der Rest der Welt am deutschen Wesen genesen. Nehmen wir also an, alle Staaten senken ihre Lohnstückkosten um – sagen wir – zehn Prozent. Was passiert dann? Wenn wir nicht unseren Außenhandelsüberschuss mit dem Mars erhöhen können, dann passiert gar nichts, außer vielleicht einer Deflation.

Natürlich kommt der französische Vorstoß nicht von ungefähr. Frau Lagarde will ein paar Leitplanken einziehen, jetzt wo über die Zukunft Europas verhandelt wird. Und natürlich geht es ihr zuallererst um Frankreich.

Aber die Ungleichgewichte in der Währungsunion sind real – und sie müssen angegangen werden. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, aber eben auch die Löhne. Es geht nicht einmal darum, dass wir zu viel exportieren. Es geht darum, dass wir dauerhaft und im großen Stil viel mehr exportieren als wir importieren. Der schwäbische Mittelständler soll weiter seine Maschinen in aller Welt verkaufen – aber er soll auch Löhne bezahlen, die es seinen Arbeitern erlauben, sich mit französischem Käse einzudecken.

Mit den zuletzt verhandelten Abschlüssen im öffentlichen Dienst und in der Metallindustrie jedenfalls wird sich überhaupt nichts ändern. Und wer Madame Lagarde schlagen will, braucht bessere Argumente.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Metaller werden nur dann höhere Löhne durchsetzen, wenn sie eine Chance sehen, dass sie nach einem Arbeitsplatzverlust in einem anderen Bereich ähnlich viel verdienen können. Es ergibt keinen Sinn, bei einem Gehalt von 50000 Euro pro Jahr 5% mehr Lohn zu verlangen, wenn ich damit meinen Arbeitsplatz riskiere und als stattdessen einen annehmen muss, der nur 30000 Euro pro Jahr bringt.

    Stärkere Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst hätten überhaupt keinen positiven Effekt auf den Aushandelsüberschuss. Aufgrund der neuen Klausel im Grundgesetz müsste der Staat das, was er mehr an die Angestellten im öffentlichen Dienst zahlt, an anderer Stelle einsparen.
    Wenn man aber der Meinung ist, dass der Staat ein höheres Defizit hinnehmen sollte, gibt es effizientere Möglichkeiten den Außenhandelsüberschuss zu senken, als den Angestellten mehr Geld zu zahlen: Mehr Angestellte zum gleichen Einkommen einstellen! Solange wir Millionen von Arbeitslosen haben, ist das eindeutig zu bevorzugen.

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    • 16. März 2010 um 00:58 Uhr
    • Ich
  2. 2.

    @Ich:
    Wenn der Staat mit Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst dazu beiträgt, das Lohnniveau nach oben zu schieben, dann hat das eine positive Wirkung.

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    • 16. März 2010 um 07:25 Uhr
    • MacT
  3. 3.

    Naja, wenn man sich mal ansieht was die griechische Regierung ihren Staatsbediensteten und Rentnern so an Sparmaßnahmen verordnet, also Kürzungen beim 13. und 14. Monatsgehalt, Nullrunden und dann vergleicht was hier in Deutschland in den Jahren zwischen 2000 und heute so gemacht wurde, also Kürzungen bzw. Abschaffung des 13. Monatsgehalts für Beamte, Abschaffung des Urlaubsgeldes, Erhöhung der Arbeitszeit auf bis zu 42 Stunden verbunden mit entsprechendem Personalabbau, Nullrunden zwischen 2004 bis 2007, dann Erhöhungen, die meist unterhalb der Inflationsrate lagen, Umstellung der Tarifverträge im Angestelltenbereich auf die Verschiedenen TVÖD mit teils deutlichen Einbußen im Vergleich zum BAT, x Nullrunden bei den Rentnern…. dann kratzt man sich schon am Kopf und es dünkt einen seltsam, wieso sich Deutschland in diesem Zeitraum verhalten hat wie ein Land, das kurz vor dem Staatsbankrott steht oder schlimmer!

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    • 16. März 2010 um 08:10 Uhr
    • Anonymus
  4. 4.

    @MacT
    Der Staat hat das Pech, dass er gleichzeitig die volkswirtschaftliche und die betriebswirtschaftliche Logik anwenden muss und die schließen sich leider aus. Was dem Betriebswirt der Lohn, der aus Konkurrenzgründen ziemlich niedrig sein sollte, ist dem Volkswirt das Einkommen, das aus Gründen der Nachfrage ziemlich hoch sein muss.

    Beides gleichzeitig geht nicht und bei den Finanzministern hat meistens die betriebwirtschaftliche Seele die Oberhand.

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  5. 5.

    Erfreulicher Beitrag und ausgewogen.
    Habe ich das bei Ihnen gelesen, dass die Exporte zum Beispiel Griechenlands in Länder gehen, die sehr viel weniger über den Euro zu regulieren sind, also vorwiegend ins europäische Ausland?
    Deutschland exportiert dagegen doch auch sehr viel innerhalb Europas. Das hat doch nichts mit Löhnen zutun oder?
    Es muß aber genau wegen dieser Ungleichgewichte die Möglichkeit des Ausgleichs geben und zwar nicht bilateral, sondern EUmäßig.
    Die Kritik an Deutschland kann sehr wohl aus den Besonderheiten Deutschlands abgeleitet werden.
    Damit hat Frankreich zwar immer noch recht, aber es wäre auch richtig abgeleitet.

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  6. 6.

    Solange die IG Metall die Tarife in dieser Industrie verhandelt wird es auch keine Reallohnsteigerungen mehr geben. Wie bereits in den letzten Jahren, auch und gerade im Boom mit explodierenden Gewinnen, geriert sich die IG Metall eher als Interesseenvertretung der Unternehmen als die der Beschäftigten.

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    • 16. März 2010 um 10:18 Uhr
    • elwu
  7. 7.

    Wenn Deutschland weniger wettbewerbsfähig wird, dann produzieren nicht GB oder F mehr, sondern es wird schlicht mehr aus den Schwellenländern importiert.

    Bisher war die globalisierte “Arbeitsteilung” so: Deutschland baut die Maschinen, die Billiglohnländer die Konsumgüter, die USA nutzt zudem seine Patente und Know How um High Tech unter amerikanischen Marken in Billiglohnländern fertigen zu lassen.

    Wenn man zu mehr Konsum im Binnenland will, müssen wir zwangsläufig hohe Handelsbarrieren für Konsumgüter um die EU errichten. Dazu müsste man aber bestehende internationale Verträge ändern. Eine Stärkung der Inlandsnachfrage hat nur dann einen positiven Effekt, wenn die Konsumgüter auch hier produziert werden.
    Ein Umsteuern zu mehr Inlandskonsum kann nur sehr langsam erfolgen, weil zuerst eine bedeutsame Konsumgüterindustrie in Europa aufgebaut werden muss.

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    • 16. März 2010 um 10:20 Uhr
    • DarkSun
  8. 8.

    Frau Merkel verteidigt Deutschland mit dem Argument Wettbewerb, wenn aber europäische Staaten tiefere Steuern verlangen ist der Wettbewerb (Steuerwettbewerb) plötzlich etwas Schlechtes. Dabei wird natürlich verschwiegen, dass im Land des Exportweltmeisters viele Arbeiter nicht von ihrem Lohn leben können und zusätzlich vom Staat unterstützt werden müssen. Dies ist aus meiner sicht eine versteckte Subventionierung von Betrieben. Wenn vor allem kleinere EU-Staaten weniger Steuern verlangen, weil ihre Staaten eine günstigere Infrastruktur haben, werden sie von den grossen wie z.B. Deutschland massiv unter Druck gesetzt. Das heisst für kleinere EU-Länder, nur der Wettbewerb den die grossen gewinnen können ist ein guter Wettbewerb. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, mit Steuerwettbewerb ist nicht das Bankgeheimnis gemeint.

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    • 16. März 2010 um 10:28 Uhr
    • Roger
  9. Kommentar zum Thema

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