So funktioniert Kapitalismus

A Tribute to Das Kapital

Von 28. März 2010 um 23:38 Uhr

Meistens sind mir meine früheren Kollegen Jörg Berens und Matthias Pindter von der FTD viel zu österreichisch, aber in jedem Fall ist ihre Kolumne “Das Kapital” eine der klügsten in der deutschen Presse. Und neulich haben sie den Nagel so etwas von auf den Kopf getroffen. Ich zitiere und genieße:

“Im Leben kommt es bekanntlich auf die richtige Balance an. Das betrifft die Ernährung ebenso wie die Arbeitsbelastung, die Kindererziehung oder die Finanzplanung. Doch ähnlich wie im privaten kommt es natürlich auch im öffentlichen Leben auf das richtige Gleichgewicht an. Idealerweise sollte die Politik ein Programm verfolgen, das die Interessen aller gesellschaftlichen Gruppen berücksichtigt. Bloß kann von Ausgewogenheit inzwischen eben fast keine Rede mehr sein.

Im Gegenteil scheinen die politischen Lager immer radikaler. Auf der einen Seite des Spektrums stehen jene, die doch glatt eine neosozialistische Konterrevolution wähnen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: In Deutschland war der Lohnanteil am Volkseinkommen im vierten Quartal 2009 um 5,6 Prozentpunkte niedriger als Ende 1999. Die Unternehmensteuersätze haben sich seit den 90ern fast halbiert. Die Medien sind voll von Berichten über Hartz IV, Mini- oder Ein-Euro-Jobs. Und von Firmenvorständen, die Millionen verdienen. Auf den Straßen sieht man alte Frauen, die in Mülltonnen wühlen, um ein paar Pfandflaschen zu ergattern.

Dennoch wollen die Marktradikalen eine Fortsetzung der Entwicklungen der vergangenen Jahre: Unternehmen sollen nicht ihre Kapitalkosten verdienen, sondern das Doppelte davon. Und wie gehabt sollen sie ihre Überrenditen nicht für Investitionen verwenden, sondern für Ausschüttungen oder Übernahmen. Schon gar nicht sollen die Firmen oder die Spitzenverdiener für dringend benötigte Staatsausgaben in Bereichen wie Bildung oder Kultur herangezogen werden. Lieber nimmt man eine Spaltung der Gesellschaft in Kauf – und gräbt sich nebenbei selbst das Wasser ab. Denn nicht nur soll die Zahl der 16- bis 25-Jährigen bis 2020 um rund 15 Prozent sinken, nein, der Nachwuchs wird vermutlich auch ziemlich dürftig ausgebildet sein.”

Kategorien: Der Zeitungsleser
Leser-Kommentare
  1. 17.

    Was tun, um die wirtschaftliche Situation in Deutschland zu verbessern?

    Damit die Antwort nicht zu theoretisch ausfällt, sollte sie meiner Ansicht nach,

    1. damit in der Geschichte, genauer in der deutschen WIRTSCHAFTSGESCHICHTE, mit konkreten Fakten beginnen, und
    2. da es um eine ökonomisch generelle Frage geht, sollte man dabei nach der Evolution in der ÖKONOMISCHEN Philosophie der deutschen Wirtschaftspolitik suchen.

    Am Besten in den 50-er und 60-er Jahren d. v. Jh. als damals Deutschland faktisch die Nr.1 in Europa hinsichtlich WIRTSCHAFTSWACHSTUM, den LÖHNEN und den GEWINNEN war, ohne nennenswerte Arbeitslosigkeit. Dieses damals so sprichwörtliche, klassische Wirtschaftswunder „verdankte“ Deutschland keinesfalls nur dem Ende des II.WK, sondern vor allem der bis dahin ausgeglichenen Entwicklung der 3 volkswirtschaftlichen Produktionsfaktoren, „Arbeit“, Kapital“ und „Umwelt/Boden“.
    Die ca. 10-12 Jahre währende dynamische BALANCE zwischen den 3 makroökonomischen Faktoren war genau genommen der wichtigste GRUND für das damals einzigartig hohe und innovative Wirtschaftswachstum Deutschlands, das seitdem nie wieder erreicht worden ist, weil diese ökonomisch außerordentlich wichtige BALANCE, ob zufällig oder vorsätzlich, von der deutschen Wirtschaftspolitik nicht mehr weiter verfolgt und angestrebt wurde.

    Wo steht heute Deutschland wirtschaftlich gesehen: weder bei den Wachstumsraten, noch bei der Lohn- und der Innovationsentwicklung ist Deutschland heute noch Spitze, – einzig und allein bei den Gewinnen der deutschen Unternehmen und bei der Massenarbeitslosigkeit.

    Somit stellt sich logisch die nächste Frage: wie kam es zu dieser generellen KEHRTWENDE in der deutschen Wirtschaftspolitik, von der ursprünglich vorherrschenden Zielstellung zur ausgeglichenen, balancierten Entwicklung aller 3 makroökonomischen Faktoren, zur einseitigen, ungleichmäßigen Förderung einzelner Faktoren, ab den 70-er Jahre d. v. Jh.?

    Um diesen bedeutenden „philosophischen Richtungswechsel“ in der Wirtschaftspolitik Deutschlands, vom sozusagen ganzheitlichen, NATIONALÖKONOMISCHEN Modell der „Wirtschaftswunderzeit“, zum derzeitigen selektiven, NEOLIBERALEN Modell begreifen zu können, muss man die damalige Veränderung in der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie und Praxis in Deutschland kennen. Während der sog. Wirtschaftswunderzeit war ganz besonders mit der Person des damaligen Wirtschaftsministers und ausgewiesenen deutschen Nationalökonom, Ludwig Erhard, die Einheit von PRAXIS und THEORIE in der deutschen Wirtschaftspolitik auch PERSONELL gegeben. Deswegen sprach man auch zu Recht von L. Erhard als „Vater des Wirtschaftswunders“.

    Ab 1963, d.h. nach dem Ausscheiden L. Erhards als Bundeswirtschaftsminister, setzte man jedoch für die Koordinierung der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie & Forschung in Deutschland den „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“, besser bekannt als der Rat der 5 Wirtschaftsweisen, ein. Auf diese Weise wurde jedoch die bisherige Ausgewogenheit in der deutschen Wirtschaftsforschung grob und einseitig verletzt, da die 5 Wirtschaftsweisen in ihrer Mehrheit und in der Regel Chefs von Wirtschaftsforschungsinstituten sind, die von deutschen Arbeitgeberverbänden gesponsert werden. So kam es schließlich nach und nach zur o.g. Evolution der deutschen „Wirtschaftsphilosophie“ NICHT MEHR nach einem gesamtstaatlichen, RELATIVITÄTSÖKONOMISCHEN Konzept, sondern nach dem NEOLIBERAL einseitigen Konzept der deutschen Arbeitgeber, dessen Krönung die HARTZ IV – Regelungen sind.
    Ergo, muss um die wirtschaftliche Situation in Deutschland zu verbessern, so wie zur Zeit des „Wirtschaftswunders“, die o.g. Änderung der Wirtschaftspolitik rückgängig gemacht werden, um damit der deutsche Staat nicht mehr nur der „Helfershelfer“ bloß der Arbeitgeber, sondern WIEDER der überparteiliche WIRTSCHAFTSMODERATOR aller an der Wirtschaft Beteiligten, ist.
    Demzufolge sollte auch der derzeitige „Rat der Wirtschaftsweisen“ in seiner jetzigen Struktur so verändert werden, dass ausschließlich ganzheitliche, makroökonomische Wirtschaftsforschung im gesamtstaatlichen Interesse, betrieben wird. Am Besten in Form einer BUNDESEIGENEN Wirtschaftsforschungseinrichtung.

    Antworten

    • 7. April 2010 um 21:14 Uhr
    • DISA123
  2. 18.

    @ DISA123
    Ist das “Wirtschaftswunder” Deutschlands nicht auch durch einen Dollar-Peg ermöglicht worden, wie ihn China in den letzten 20 Jahren nachgemacht hat?
    Kann es sein, dass sich dieses Modell weder für Deutschland langfristig erhalten ließ noch von hier aus auf die ganze Welt verbreiten lässt?

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    • 8. April 2010 um 08:39 Uhr
    • EuroOptimist
  3. 19.

    Newmoney predigt das schon Jahre

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  4. Kommentar zum Thema

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