So funktioniert Kapitalismus

Wo hat sich der Wohlfahrtsstaat versteckt?

Von 13. Juli 2010 um 19:53 Uhr

Für ein anderes Projekt beschäftige ich mich mit einer historischen Betrachtung der Besteuerung in der industrialisierten Welt. Die Analyse der Daten weckt doch Zweifel an der These des geschätzten Kollegen Rainer Hank, auf die Weissgarnix aufmerksam gemacht hat. Hank reitet eine Attacke gegen den Wohlfahrtsstaat:

“Die Goldenen Jahre der wohlfahrtsstaatlichen Nachkriegszeit, die Nostalgiker wie der britische Historiker Tony Judt („Ill Fares the Land: A Tretease on our Present Discontents.” London: 2010) bis heute als Fliehgröße utopischer Sehnsucht betrachten, verfallen vor dem nüchternem fiskalischen Rückblick zum „Zeitalter permissiver Staatsfinanzen”.

Und weiter:

“Der Sozialstaat zaubert sich seine Leistungserfüllung aus Schulden zusammen. Seit den 70er Jahren sind die Haushalte nahezu aller Staaten notorisch defizitär, auch und gerade trotz wachsender Steuer- und Beitragszahlungen.”

Ist das so?

Die OECD hat ein wunderbares neues Spielzeug, das Zugriff auf ihre Datenbanken verschafft. Sehen wir uns also das Steueraufkommen (total tax revenues in der Klassifikation der OECD also unter Einbeziehung bestimmter Sozialabgaben) an gemessen am Bruttoinlandsprodukt an, um den “wachsenden Steuer- und Beitragszahlungen” auf die Spur zu kommen.

Im Jahr 1960 nahm der Staat laut OECD in Deutschland 31,3 Prozent des BIP und in den USA 26,5 Prozent des BIP an Steuern ein. Bis 1979 steigen die Werte auf 36,4 in Deutschland und fallen in den USA auf 26,0 Prozent an. 2008 liegen wir bei 36,4 und  26,9 Prozent. In einem halben Jahrhundert hat sich das Steueraufkommen in Deutschland um gerade einmal fünf Prozentpunkte erhöht, obwohl das Land fünf zusätzliche Bundesländer versorgen muss. In den USA ist es sogar weit gehend unverändert geblieben. Soviel zum Thema steigende Steuern.

Die Staatsausgaben übrigens lagen dem gleichen Datensatz zufolge in den USA im Jahr 1970 bei 32,5 Prozent des BIP, im Jahr 2006 – dem letzten Jahr vor der Krise – waren es 35,9 Prozent des BIP. In Deutschland – leider gibt es keine Daten vor der Wiedervereinigung – fielen sie von 46,25 auf 45,35 Prozent. Soviel zum Thema permissive Staatsfinanzen.

Wo ist er also, der Leviathan? In den Daten jedenfalls hat er sich nicht versteckt.

Update und Reaktion auf Daniel: Als Maß für den Sozialstaat empfehle ich Social benefits and social transfers in kind (Social benefits reflect current transfers to households in cash or in kind to provide for the needs that arise from certain events or circumstances, for example sickness, unemployment, retirement, housing, education or family circumstances  that may adversely affect the well-being of the households concerned either by imposing additional demands on their resources or by reducing their incomes – die Erläuterung der OECD).

Germany 1991: 25.63

Germany 2008: 27,57

USA 1970: 13,14

USA 2007: 18,48

Mich macht das als Steuerzahler nicht nervös

Leser-Kommentare
  1. 25.

    @Ich 23
    Also selbst nach den Schätzungen des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, indem erklärte Befürworter (und Lobbyisten) sitze, kommt auf eine Realverzinsung von etwa 1%. Das muss man mit einer privaten Versicherung nach Kosten erst einmal schaffen – für inflationsgeschützte Staatsanleihen bekommst du nicht mehr. Unabhängig davon gibt es guter Gründe für eine gesetzliche Rentenversicherung, in der internationalen Diskussion wird die deutsche RV wegen ihrer Gerechtigkeit gelobt.

    In der Rentenversicherung gibt es einen ganz klaren Zusammenhang zwischen Einzahlungen und Auszahlungen, in der Arbeitslosenversicherung (die nur als Pflichtversicherung funktioniert) ebenso. Insofern ist es problematisch, das (nur) als Kosten zu verbuchen. Bei der Kranken- und Pflegeversicherung liesse sich die Staatsquote durch Privatisierung senken, nicht aber die Kosten. Rechne die Kosten des Gesundheitssystems in den USA mal zur Quote dazu und sie ist so hoch wie in Europa auch.

    “Die Situation ist aber bei diesen Dingen auch anders, ich z.B. beim Lebensmitteleinkauf weiterhin die Wahl habe, was ich einkaufen möchte, und keine Verpflichtung für das Einheitsbrötchen besteht.”

    Du hast nun auch die Wahl, zusätzlich fürs Alter privat vorzusorgen, Krankenzusatzversicherungen abzuschliessen, einen privaten Wachdienst anzuheuern etc. Die Wahl nimmt dir keiner und umgekehrt hast du eben nicht die Wahl komplett auf Lebensmittel, Wohnung etc. zu verzichten.

    Antworten

    • 17. Juli 2010 um 06:50 Uhr
    • Thomas
  2. 26.

    @enigma
    Was oberschlaues Gerede angeht, kann ich mir von Ihnen offensichtlich noch was abgucken:
    Wozu Gewinnmaximierung? Na deswegen, damit man einen Existenzsatz über die Möglichkeit eines allgemeinen Gleichgewichts ableiten kann. Alles andere ist Quatsch.
    Ich weiss nicht, was und ob Sie überhaupt etwas meinen, aber ich weiss, dass “ein Existenzsatz über die Möglichkeit eines allgemeinen Gleichgewichts” ein purer Quark ist.

    Antworten

    • 19. Juli 2010 um 20:24 Uhr
    • ceteris
  3. 27.

    Tautologie?

    Der Satz ist schon hammerhart !!!
    Versuche ich auch noch zu verarbeiten.
    Dabei bereitet mir die Ableitung eines Existenzsatzes ? über die Möglichkeit eines allgemeinen ? Gleichgewichts Probleme.
    Wo ist da der Sinn von Gewinnmaximierung ? Ausser das es sie geben mag.

    Antworten

    • 19. Juli 2010 um 21:16 Uhr
    • Rebel
  4. 28.

    @ enigma zu Frank Hahn bzw. Gleichgewichtsmodelle

    Wenn ein mathematisches Modell als Conclusion empfiehlt dieses zu lernen – bleibt das für mich eine Tautologie :

    web.mit.edu/globalchange/www/MITJPSPGC_TechNote4.pdf

    “When the secant method converges it usually does so in 5 to 7 iterations if the initial guesses are
    good enough.” Seite 19 oder

    “We make our guess
    using this knowledge. Note that if our guess is “too far”, the algorithm does not work. Also, if
    investment is “too far” from the steady-state value, the algorithm does not work as well.” ebenfalls Seite 19 zeigen die Begrenztheit und nicht realistischen Voraussetzungen.
    Was kann die Welt daraus ableiten bitte?

    Antworten

    • 19. Juli 2010 um 21:55 Uhr
    • Rebel
  5. 29.

    @enigma
    Die Verwechslung von Ressourcen und Gewinn oder Profit ist wirtschaftstheoretisch schon lange als Unsinn bekannt. Versuch mal Sraffa zu verstehen
    Oh, ich hatte vergessen, dass wir uns wg. anderer Orte ja duzen.
    Insgesamt sind deine Äußerungen – wenn ich nicht zu deinen Gunsten einen ironischen Charakter annehme – ein weiterer vortrefflicher Beleg dafür, wie sinn- und ziellos Debatten über ökonomische Theorie ist. Sie läuft tatsächlich auf deine Absurdität hinaus, dass die Gewinnmaximierung der Unternehmen das Ziel hat, theoretische Gleichgewichtssätze im Gleichgewicht zu halten, d.h. zu belegen.
    Was für eine traurige Karrussel-Veranstaltung, oder?
    Eigentlich nur für die wirklich nützlich, die von Publikationen zum Thema, d.h. von der allg. Unkenntnis leben. Da kann man dann mit Sraffa & Hahn und sonstigen Quellen protzen, ohne sich auch nur im Mindesten dafür rechtfertigen zu müssen, wie artifiziell und ideologisch dieses ganze Argumentieren doch funktioniert.

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    • 22. Juli 2010 um 00:20 Uhr
    • ceteris
  6. Kommentar zum Thema

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