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Einführung in die Geldpolitik mit Hans-Werner Sinn

 

Deutschlands “klügster Ökonom” (Bild) hat mal wieder einen echten Skandal aufgedeckt, wie in der neuen Wirtschaftswoche zu lesen ist, und deren Chefredakteur Roland Tichy macht sich seine Ansichten zu eigen:

Die Deutsche Bundesbank hatte Ende des Jahres 2010 für etwa 326 Milliarden Euro Nettoforderungen gegenüber anderen Notenbanken des Euro-Systems. Es handelt sich dabei um eine Art Kontokorrentkredit, der anderen Ländern gewährt wird und im Wesentlichen aus Forderungen im Rahmen des Zahlungsverkehrs für Großbeträge besteht (Target 2). (…) Wenn die Länder, deren Banken die Kredite gegeben wurden, zahlungsunfähig werden, haftet Deutschland.

Mit 326 Milliarden Euro zusätzlich stehen wir also im Risiko. Ein Skandal – wenn es denn so wäre. Über Target 2 wird Zentralbankgeld im Euro-Raum verteilt, gegen Sicherheiten, wie das bei Refinanzierungsgeschäften so üblich ist. Zu Verlusten kommt es also nur, wenn eine Bank während der Refinanzierungsperiode insolvent wird und sich die Sicherheiten nicht zu Geld machen lassen.

Mehr noch: Die nationalen Notenbanken sind nur ausführende Organe bei den Refinanzierungsgeschäften. Mögliche Verluste werden immer vom Eurosystem insgesamt getragen. Die Bundesbank ist daran über ihren Kapitalschlüssel beteiligt. Ob sich also marode irische Banken bei der irischen Zentralbank oder der Bundesbank refinanzieren, spielt keine Rolle für mögliche Verluste. Die nationalen Target 2 Salden sind hier irrelevant, worauf die Bundesbank in einer hervorragenden Ausführung zu dem Thema selbst hinweist. Der deutsche Saldo ist positiv, weil die hiesigen Banken anders als viele Institute in Irland oder Griechenland ihren Bedarf an Zentralbankgeld am Markt decken können, und nicht mehr direkt bei der EZB bieten müssen.

Nun kann man in der Tat lange darüber diskutieren, ob das Eurosystem seine Regeln für die Sicherheiten vielleicht zu sehr aufgeweicht hat und damit zu viele Risiken eingeht, beziehungsweise den Banken de facto nicht mehr Liquidität sondern Kapital bereit stellt. Das ist aber eine sehr komplizierte Debatte – und Schlagzeilen macht man damit nicht so leicht.

Aber immerhin: Sinns Doktorarbeit ist nicht schlecht….

18 Kommentare


  1. Es wird behauptet, das maximale Risiko aus den 325Mrd. Euro beträgt gemäß unserem Anteil an der EZB ca. 28% also 91Mrd. Euro. Nehmen wir folgendes Szenario an, Gott behüte uns davor, der Euro lässt sich nicht mehr halten und die EZB müsste abgewickelt werden. Im diesem Augenblick hätten die alten notleidenden Euroländer direkt 640Mrd. DM via ihren Zentralbanken Nettoauslandschulden gegenüber der Bundesbank, die wir wiederum fast zu 100% in den Wind schreiben müssten, wollten wir diese Länder nicht sofort in den Konkurs treiben. Schon alleine wegen dieser Altlast gegenüber Deutschland darf sich keiner wünschen, dass der Euro auseinanderfällt. Wir sitzen halt in der Klemme.


  2. Übrigens, das manchmal als Hauptursache für die Schieflage ins Felde geführte Kapitalfluchtmodell ist zumindest fragwürdig , denn ein Leistungsbilanzdefizit, und dieses liegt weiter heftig in Griechenland und Co. vor, bedingt einen gleichgroßen Nettokapitalimport. Es gilt selbstverständlich Leistungsbilanzdefizit=Nettokapitalimport. Genau dieses Leistungsbilanzdefizit (in diesem Fall über die Verhältnisse leben) wollte der Finanzmarkt ab 2007!!! nicht mehr dulden. Hätte man den bösen Finanzmarkt wirken lassen wie er wollte, wären die Leistungsbilanzunterschiede und Nettokapitalim-, exporte zwischen den Euro-Ländern fast verschwunden, oder zumindest gravierend kleiner geworden. Deutschland kaum Überschüsse und Griechenland usw. kaum Defizite. Die exportierte überschüssige Bundesbankliquidität hat genau dieses verhindert. Mit diesen Billigkrediten zu 1% (in 2007 war der Satz etwas höher) hat man den Zustand, der erst zu den Eurospannungen geführt hat, konserviert ja zwischen 2007 bis 2010 noch ausgebaut. Nochmals der Markt wollte vollkommen rational die Spannungen beseitigen oder zumindest seit 2007 abbauen. Ich sehe ein, dass die Ungleichgewichte nicht schockartig durch extrem hohe Zinsen für die Defizitländer zurückführen werden sollten, aber so hat man den Schockzustand vom März 2010 (Griechenlandkrise) teilweise erst ermöglicht, weil das 1%-Instrumentarium komplett ausgereizt war und sich die Lage dieser Länder trotz Billigkredite zwischen 2007 und 2010 weiter verschlimmert hatte. Der Markt meldete sich darauf folgerichtig mit exorbitanten Zinsen zurück. Nun und seitdem ist Holland in Not. Das 1%-Instrumentarium ist ausgereizt, da Deutschland mittlerweile „seine“ gesamte Euroliquidität zu fast 100% den notleidenden Euroländern via EZB zur Verfügung gestelllt hat. Eine weitere Aufstockung wäre nur dann möglich wenn die deutschen Geschäftsbanken langfristig Geld bei der Bundesbank anlegen würden oder die Gesamte Zentralbankliquiditätsmenge erhöht würde, beides ist absolut unwahrscheinlich und würde nur zu weiteren Problemen führen. So bleibt als letzte Möglichkeit der Aufkauf von Staatsanleihen zu 5-6% (Rettungsschirm) um die Marktzinsen nicht auf 15% oder höher schnellen zu lassen und somit die Insolvenz der notleidenden Euroländer ruckartig und schnell herbeizuführen.

  3.   Rebel

    @ Bernd Klehn

    Mit der Analyse sollte verständlich sein warum keine Binnenkonjunkturentwicklung ernsthaft verfolgt wird.
    Die handelnden Akteure profitieren nicht davon.

  4.   eymon

    Das heißt also, die Haftungsgemeinschaft ist schon umgesetzt. Wenn der Schuldner den Euro verläßt ist ist er Pleite und wenn der Gläubiger austritt, schickt er die Schuldner in die Pleite. Und wenn der Gläubiger seinen Schuldner in die Pleite schickt, so ist er selber Pleite, weil wertlose Forderungen nunmal kein Vermögen darstellen. Diese Konsequenz ist in einem Schneeballsystem normal und für die Verantwortlichen ein unvorhersehbares Ereignis.

    Die Leute, die das schon erkannt haben heißen: Weber, Köhler, Koch usw.

    Da ist es doch wunderbar, dass wir uns über eine Doktorarbeit aufregen können. Der volkswirtschaftliche Schaden der Doktorarbeit ist gleich null. Der Schaden, der durch die Euroeinführung verursacht wurde ist nicht zu beziffern.

    Zum Schluß noch ein Hinweis für die moralische Elite in den Medien. Eine Doktorarbeit mit unsauberen Methoden ist zu verurteilen, der Ankauf von gestohlenen Daten erfüllt den Tatbestand der Hehlerei, wird aber begrüßt. Tolle Doppelmoral!


  5. @ eymon

    Leider ist es so. Die Konsequenzen und Wirkungsweise einer Gemeinschaft kann man nur vollständig analysieren, wenn man fiktiv die Eröffnungsbilanzen nach dessen Auflösung erstellt. Und diese wären wie folgt: Die Bundesbank hätte sehr kurzfristig fällige, deren Bedingenungen sie je nach geldpolitschen Erfordernissen freihändig schnell anpassen kann, Guthaben / Forderungen von 640Mrd. DM an DM-Zentralbankliquidität bei den nationalen Zentralbanken der notleidenden Euroländern. Die Länder wären n i e m a l s in der Lage diese DM-Devisen zu beschaffen. Wie auch, bei bilateralen Leistungsbilanzdefiziten und dem daraus folgenden weiteren DM-Bedarf, sondern sie hätten sogar weiteren Devisenbedarf. Ich hoffe, ich habe die Sachlage richtig analysiert, sonst bitte (z.B. Rebel, Thomas Müller, engima usw.) sofort widersprechen, damit ich dann nicht weiter Blödsinn im Internetverbreite. Dazu ist diese Analyse zu gefährlich und brisant.

  6.   Rebel

    @ Bernd Klehn

    Zwei Aspekte die allgemein und wesentlich sind:
    die Zielvorgabe ausgeglichener Handels-, Leistungsbilanzen im magischen Zielviereck (zumindest langfristig)und
    der zeitliche Anfall von Zahlungsströmen – also die Problematik wann sind welche Summen fällig und wie können diese dann beglichen werden.
    Hier müssen zum Teil ungewisse Annahmen getroffen werden – Unsicherheit.

  7.   Karl

    @ Bernd Klehn, eymon

    Woher nehmen sie denn den DM-€-Wechselkurs? Warum sollte der so sein?

    Und das man aus der Währungsunion nur sehr schwer wieder herauskommt, war doch schon vor der Euro-Einführung bekannt. Und wenn ich mich richtig erinnere wurde auch ein Austritt bewusst nicht geregelt.

  8.   eymon

    @ Karl

    Mit der Euroeinführung wurde der Devisenmarkt in Euroland abgeschafft.

    In Zeiten vor der Währungsunion musste ein Grieche, wenn er deutsche Güter kaufen wollte, DM auf den Tisch legen. Diese DM kauft er am Devisenmarkt. Ist nun die Nachfrage nach DM höher als nach Drachmen, so wird der Kurs der DM steigen. Wenn die DM teurer wird, kauft der Grieche weniger deutsche Waren.

    In der Währungsunion kann die DM nicht aufwerten, also kauft der Grieche immer gleich viel deutsche Waren und verschuldet sich. Letztes Jahr wurde nun der Zeitpunkt erreicht an dem die Gläubiger Zweifel bekamen, ob die Griechen ihre Schulden bedienen können, deshalb Eurorettungspakete.

    Wenn also keiner griechische Anleihen kaufen will, so wird er auch keine Drachmen kaufen und deshalb ist eine Abwertung sicher.


  9. @ Karl

    “Woher nehmen sie denn den DM-€-Wechselkurs? Warum sollte der so sein?”

    Im j e d e m Monatsbericht der Bundesbank sind die unwiderruflichen Euro-Umrechnungskurse erwähnt (Seite 75 Anhang).

    “Euro-Mitgliedsländer und die unwiderruflichen Euro-Umrechnungskurse ihrer Währungen in der dritten Stufe der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion”

    DEM 1,95583= 1Euro

    Drachme 340,750 = 1Euro

    Usw. usw.

    Dieses heißt s o l a n g e der Euro existiert gilt genau diese Notierung. Sie wäre auch die erste Notierung nach der unmittelbaren Auflösung oder dem Austritt, also für die nationalen Eröffnungsbilanzen. Erst dann würden die Währungen wieder frei floaten. Welches unmittelbar dann, allerdings zusätzlich die DM Schulden der Griechen in Drachme sofort weiter in die Höhe treiben würde. Da beißt juristisch keine Maus den Faden ab.

  10.   Karl

    Erst dann würden die Währungen wieder frei floaten.

    Vor her müsste man sich allerdings noch darüber einigen, in welche Währung die in € denominierten Schuldtitel den jetzt umgerechnet werden.

    Aber nehmen wir an, dass die dann in DM wären. Was würden bei frei floatender Währung passieren? Die DM würde gegenüber der Drachme wahrscheinlich ins (annähernd) unendliche steigen und die Wahrscheinlichkeit, dass die Griechen ihre Schulden bedienen (können) gegen Null sinken. Womit dann alle Überlegungen zur Eröffnungsbilanz der ZBs auch hinfällig wären und man die Forderungen direkt abschreiben könnte. Wer zahlt das dann? Ich nehme mal stark an: Der Steuerzahler. (Auch wenn ein Verlust der EZB und der nationalen ZBs zumindest im Eurowährungssystem nicht vorgesehen zu sein scheint.)

    @ eymon

    In der Währungsunion kann die DM nicht aufwerten, also kauft der Grieche immer gleich viel deutsche Waren und verschuldet sich.

    Und wer glaubte bis letztes Jahr, dass die Griechen ihre Schulden bezahlen können, also wer ist der Gläubiger? Wir, unter anderem. Warum haben wir das geglaubt? Weil irgendwie mit der Euroeinführung vergessen wurde, dass Zinsen nicht nur ein Wechselkursrisiko beinhalten, sondern auch noch das Risiko eines Zahlungsausfalls beinhalten sollten. Haben sie aber nicht mehr. Stattdessen haben wir den Griechen fröhlich Zeug verkloppt und sie anschreiben lassen und uns gefreut Exportweltmeister zu sein. Nur: Zum Schulden machen gehören immer Zwei.

    Wenn also keiner griechische Anleihen kaufen will, so wird er auch keine Drachmen kaufen und deshalb ist eine Abwertung sicher.

    Unbestritten. Und mit einer kräftigen Abwertung sinkt auch die Wahrscheinlichkeit die Forderungen je wiederzusehen.

    Nochmal: Man kann nicht einfach aus einer Währungsunion ausscheiden. Oder stärker: Wenn man eine Währungsunion hat, braucht man immer einen Mechanismus um entstehende Ungleichgewichte auszugleichen. Das kann entweder eine Transferunion (siehe Deutschland) sein oder eine hohe Mobilität der Bevölkerung (die es in den USA gibt, in der EU aber nicht).