So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Können Deutschlands Ökonomen nicht rechnen?

Von 25. Februar 2011 um 15:12 Uhr

Nicht wirklich überraschend, dieser Aufruf der deutschen Ökonomen gegen die Euro-Rettung. Erstaunlich aber ist diese Aussage:

Das gegenwärtige AAA-fähige Volumen des Rettungsschirms übersteigt den gesamten Refinanzierungsbedarf Irlands, Portugals und Spaniens bis 2013 um nahezu 80%. Es ist daher nicht nachvollziehbar, weshalb der Schirm erweitert werden muss.

Wie bitte? Das effektive Ausleihevolumen des EFSF beträgt rund 250 Milliarden Euro von den nominal zugesicherten 440 Milliarden Euro, weil nur die Anteile der AAA-Länder berücksichtigt werden und die Ratingagenturen eine Übersicherung verlangen (ich weiß, dass Hans-Werner Sinn anders rechnet, aber damit steht er alleine auf weiter Flur und ich habe weder bei den Agenturen noch beim EFSF selbst jemanden gefunden, der diese Einschätzung teilt).

Dazu kommen 60 Milliarden aus dem EFSM und nach bisherigen Gepflogenheiten – 50 Prozent der Hilfen aus EFSF und EFSM – maximal 155 anteilig aus dem Topf des Internationalen Währungsfonds. Macht insgesamt 465 Milliarden Euro.

Irland hat bereits 62,7 Milliarden Euro erhalten – bleiben 402,3 Milliarden Euro. Goldman Sachs schätzt den Refinanzierungsbedarf für Spanien und Portugal (bis 2013) auf 503 Milliarden Euro, die Deutsche Bank (die den Refinanzierungsbedarf der Gliedstaaten und den Bedarf der Banken anders einschätzt) auf 377 Milliarden Euro.

Also: 402,3 Milliarden Euro gegenüber 503 oder 377 Milliarden Euro. Wenn wir Glück haben, reicht es gerade einmal so.

Womit sich dieser Aufruf disqualifiziert hat.

Update: Thomas Fricke macht auf einen köstlichen Absatz in einem früheren Gutachten der Professorenrunde aufmerksam:

“Die unfreiwillig komischste Passage stand damals unter Punkt 10. Deutschland, befanden die Professoren damals, müsse “willens sein die (..) nötigen Anpassungen in ähnlicher Form zu leisten, wie z. B. Großbritannien, Finnland und (Anm: jetzt kommt’s) Irland dies erfolgreich getan haben”

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Rettungsschim:

    “Irland hat bereits 62,7 Milliarden Euro erhalten – bleiben 402,3 Milliarden Euro.”

    ….und nicht vergessen irgendwann müssen die 326Mrd. Bundesbankforderungen innerhalb des Eurosystems wieder aus den Büchern raus und wahrscheinlich steht auch noch bei der holländischen Zentralbank ein erquicklicher Betrag in den Büchern, die in langfristige Kredite unter dem Rettungsschirm umgerubelt werden müssen.

  2. 2.

    Und selbst wenn sie richtig rechnen wuerden, die erste Regel bei Liquidity-Support ist: over-finance.

    • 25. Februar 2011 um 16:52 Uhr
    • Henry Kaspar
  3. 3.

    Hans-Werner Sinn ist auch kein Ökonom, sondern Anbieter bestimmter Meinungen und von “Untersuchungen” mit vorgefertigten Ergebnissen, eine Art Wanderpokal der liberalen Wirtschaft und eine Plage für die Welt seit Jahrzehnten. Nur Rechnen kann er wirklich, das macht er nämlich beständig: Was bringt mir (oder meinen Auftraggebern) den größten Profit? So rechnet er jeden Tag.

    Nebenbei, das wäre ein eigenartiger Schirm, der nur für diese drei Fälle gebraucht werden soll. Er soll doch für die gesamte EU gelten und da gibt es mehr Nationen als nur Irland, Spanien, Portugal. Und eigentlich soll er nicht nur das bereits Geschehene mildern, sondern ähnlich Schlimmes in der Zukunft abdecken. Aber mit Risikobewertung haben es diese Ökonomen ohnehin nicht so: alles klein reden oder leugnen; wenn es aber passiert ist, ganz altklug daher reden. Sinn ist ein Meister in dieser Art des Sch(w)ätzens.

  4. 4.

    Mich hat dieser Kommentar nicht überrascht!
    Noch nie haben die Wirtschaftswahrsager eine Weissagung gemacht, die auch nur annähernd richtig gewesen wäre.
    Das diese Zunft permanent Fehlleistungen produzieren darf ohne dafür mit Auftragsentzug bestrqft zu werden, ist für mich nicht nachvollziehbar.
    Aus meinem großen Bekanntenkreis, dem auch Unternehmer und Selbständige angehören, glaubt nicht einer diesen Kristallkugeldeutern.
    Der Bürger, der sich nicht nur durch Springerhandzettel und aus den Ergüssen des Hauses Burda informiert, nimmt die Voraussagen dieser Gurus nicht ernst. Wenn Politik damit Stimmung im Volke machen will, gelingt das nur bei den “Verlorenen”.

    • 25. Februar 2011 um 18:13 Uhr
    • Aguirre1
  5. 5.

    Wie kläglich ist das denn? Da geht es um eine elementare Zukunftsfrage Deutschlands, die versammelte Ökonomenriege tritt gegen die Kanzlerin an, und Ihnen fällt nichts besseres ein, als an einem Detail herumzumäkeln?

    • 25. Februar 2011 um 18:15 Uhr
    • Suspiro
  6. 6.

    Fast wäre ich ohne Taschenrechner an der Spamschutz-Frage “Was ist 5*7″ gescheitert (und es wäre nie zu diesem intelligenten Beitrag gekommen :-)

    Dass es einen solchen, von Deutschlands führenden Ökonomen unterschriebenen, Aufruf gibt musste ich aus der Neuen Züricher Zeitung, deren regelmäßiger Leser ich bin, erfahren. Meines Wissens kein Wort darüber in der ” unabhängigen” deutschen Presse. Die kannst du, in Sachen neutrale Berichterstattung, inzwischen eh’ in der Pfeife rauchen.

    • 25. Februar 2011 um 18:32 Uhr
    • Ingo Cnito
  7. 7.

    Dementsprechend geht der Autor davon aus, dass die gesamte Finanzierung dieser Staaten durch die Kreditaufnahme und Bürgschaften anderer Staaten betrieben werden muss?
    Logisch – das ist ja auch der Fehler im System und war auch so abzusehen.

    • 25. Februar 2011 um 18:41 Uhr
    • Pfannkuchenvergifter
  8. 8.

    Gut, dass die Zeit sich über die Professoren empört, aber kein Wort dazu verliert, dass Deutschland mit unfassbaren Summen für andere Staaten haftet. . Tja, wozu auch darüber berichten, wenn man vielen Seiten über lächerliche 5€ mehr für Hartz IV Empfänger oder tagelang über Guttenberg berichten kann. Schon interessant wie Guttenberg hier an den Pranger gestellt wird, während kein Wort zur Rechtswidrigkeit der EU-Hilfen verloren wird.
    http://www.euractiv.de/finanzplatz-europa/artikel/euro-rettungsschirm—bruch-mit-dem-grundgesetz-003329
    http://www.mmnews.de/index.php/politik/6969-schaeuble-qungenierte-rechtsbruecheq
    http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE6BH05H20101218

    • 25. Februar 2011 um 18:47 Uhr
    • nici2412
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)