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Deutschland verschärft die Euro-Krise

Von 10. Mai 2011 um 23:57 Uhr

Es sind erschreckende Zahlen, die die Frankfurter Rundschau heute auf den Markt geworfen hat: Nach ihren Recherchen war das Ergebnis der bisherigen Tarifverhandlungen 2011 unglaublich mickrig. “In den drei großen Branchen Bau, öffentlicher Dienst und Chemie erhalten die Beschäftigten in diesem Jahr gerade einmal 2 bis 2,6 Prozent mehr Geld als im Vorjahr”, heißt es in der Analyse. Abzüglich der Inflation bedeutet dies sogar einen Reallohnverlust. Die Arbeitnehmer werden ärmer und das trotz kräftigen Wachstums gepaart mit einer signifikant abnehmenden Arbeitslosigkeit. Damit verschärfen die deutschen Arbeitgeber und Gewerkschaften die Eurokrise. Denn einerseits kann die Binnennachfrage so kaum richtig anziehen und zum Abbau der Ungleichgewichte in Euroland beitragen. Andererseits fährt Deutschland damit weiter einen Kurs der Abwertung innerhalb der Währungsunion und konterkariert alle Anstrengungen von Griechenland, Spanien und Co. wieder Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen.

Wettbewerbsfähigkeit ist nämlich ein relatives Konzept, kein absolutes. Und solange die Löhne in Deutschland unterdurchschnittlich steigen, solange verbessert sich seine Wettbewerbsfähigkeit. Solange rückt das Land keinen Meter von seiner merkantilistischen Exportstrategie ab. Solange kann der Stress im Eurosystem nicht geringer werden. Damit es kein Vertun gibt: Die Ursache der Euro-Krise sind die Divergenzen in den Mitgliedsländern. Hier das Überschussland schlechthin, das alleine im März Waren im Wert von 15 Milliarden Euro mehr ausgeführt hat als eingeführt, dort die Defizitländer, die mehr verbrauchen als sie produzieren.

Was sind unterdurchschnittliche Lohnerhöhungen? Alle unter drei Prozent auf jeden Fall. Durchschnittliche Lohnsteigerungen ergeben sich aus der angestrebten Inflation der Europäischen Zentralbank von nahe zwei Prozent sowie dem langfristigen Produktivitätsfortschritt, der vorsichtig mit einem Prozent pro Jahr angesetzt wird. Diese drei Prozent geben auch den oft zitierten Verteilungsspielraum an. Werden sie erreicht, ändern sich Lohn- und Gewinnquoten in der Volkswirtschaft nicht. Werden sie unterschritten, steigt die inzwischen rekordhohe Gewinnquote nur noch weiter.

Die enormen Ungleichgewichte in Euroland resultieren daraus, dass Deutschland seit dem Jahr 2000 noch in keinem Jahr Lohnsteigerungen in Höhe von drei Prozent erreicht hat. Das hat die Lohnstückkosten nach unten getrieben und deutsche Produkte immer billiger gemacht. Werfen Sie einen Blick auf die Lohnstückkostenkurven, die in einer Währungsunion die Funktion des Wechselkurses übernehmen.

Grafik: Relative Entwicklung der Lohnstückkosten in der EWU seit 2000

Sie sehen, wie drastisch Deutschland abgewertet hat – zum Nachteil der hiesigen Arbeitnehmer, deren Einkommen seit elf Jahren real stagnieren oder gar rückläufig sind, zum Nachteil des Euroraumes, der jetzt kurz vor dem Zerreißen steht. Dass es so kommen würde, dafür brauchte man kein Hellseher sein. Die Lohnstückkostenkurven haben dieses schon vor Jahren angezeigt. Lesen Sie diesen fünf Jahre alten Blog-Eintrag “Merkel, die Merkantilistin”. Damals, weit vor der Finanzkrise, schrieb ich: “Macht Deutschland so weiter wie in den vergangenen Jahren, bleibt nur zweierlei: Entweder Italien, Spanien und Frankreich verlassen die Währungsunion, werten ab und machen die Wettbewerbsvorteile der Deutschen auf einen Schlag zu Nichte. Oder sie verfolgen dieselbe Politik der Lohnzurückhaltung, gepaart mit wirtschaftspolitischen Annehmlichkeiten für die Unternehmen. Die Folgen wären ein auf Jahre hinweg schwaches Wachstum in Euroland und deflationärer Druck.”

Kurzum: Ich ertrage die heuchlerische wirtschaftspolitische Debatte in Deutschland kaum. Schuld sind nicht nur die Griechen, die schludern, die Spanier, die ihren Immobilienmarkt haben heiß laufen lassen, die Iren, die ihre Banken nicht richtig beaufsichtigt haben. Schuld an der Euro-Krise haben auch und vor allem die Deutschen. Sie spielen seit mindestens sechs Jahren Foul, sie sind Trittbrettfahrer auf der Nachfrage der anderen Länder, sie exportieren in hohem Maße Arbeitslosigkeit. Spätestens 2005 war die Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt, hätten die Löhne wieder mit drei Prozent steigen müssen. Dass sie es selbst im Superjahr 2011 nicht tun, heißt nichts Gutes für den Fortbestand der Währungsunion.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Zustimmung.
    Nachdem die Stahlbranche Hoffnung machte, vor allem auch mit der Durchsetzung von equal pay (für die AG kein wirkliches Problem, da Leiharbeit kaum eine Rolle spielt).

    Die Konsensorientierten Chemiker ließen sich wohl von der recht stattlichen Nominalen Zahl blenden, dass es real nur 2 Prozent sind, ist ja geradezu erschreckend; und man hört nichts davon.

    Den Abschluss in der Baubranche habe ich schon diverse Male kommentiert; aber was will man erwarten, mit Clemens als Schlichter. Abschluß für nächstes Jahr unter der aktuellen Preissteigerung, bei 3 Prozent Wachstum, da fehlen die Worte.

    ÖD ist halt ein Problem, angesichts der Schuldenstände; da hätte man wohl nach der Steuerschätzung verhandeln sollen.

    Das Problem begann mit den Metallern im Februar 2010; quasi nominale Nullrunde für 2010, das Jahr des Rekordwachstums. Und 2,7 Prozent für 2011, das ähnliche Wachstumsraten bringen dürfte.

    Ich erwarte für nächstes Jahr dann eine heftige Metallrunde. Vielleicht ohne equal pay, aber das wird dann richtig teuer, der Nachholbedarf ist erheblich.

    Aber wahrscheinlich zeigen sich dann zarte Wölkchen am Konjunkturhimmel, und dann muss man ja Zurückhaltung üben; sonst könnte sich der ANstieg des Exportüberschusswachstums eventuell verringern. :roll:

    Viele Menschen spüren es seit Jahren sehr deutlich. Und jedes Jahr vermeldetes Rekordwachstum bei Verschleichterung der realen Lebensumstände werden nicht spurenlos bleiben; die Forderungen an die Politik, endlich die staatlich installierten Lohndrückungssysteme zumindest zu verringern, wird wachsen (wie sich die Freizügigkeit auswirkt, wird man sehen).

    Das groteske an der ganzen Debatte: gerade die Euroschieflage mit den notwendigen Einlagen wird als Argument herhalten, dass doch alle über ihre Verhältnisse gelebt haben und der Gürtel enger geschnallt werden muss. Bis keiner mehr Luft kriegt.
    Das “ökonomische” “Wissen” über Standortwettbewerb hat sich derart tief in die veröffentlichte Meinung gefressen, dass selbst der FDP-Wirtschaftsminister (noch issers ja) mit seinen Aufrufen zu Lohnerhöhungen ungehört verhalt.

    Na dann soll er halt handeln.

    • 11. Mai 2011 um 00:43 Uhr
    • Thomas Pittner
  2. 2.

    Das Problem ließe sich auch dadurch lösen, dass deutsche Unternehmen /(Teile) ihre(r) Produktion nach Griechenland verlagern, denn dann wäre die Handelsbilanz wieder ausgeglichen. Ob das geht? Natürlich würde das einen Schwall von Empörung auslösen, wenn die “faulen” Griechen jetzt “unsere” Jobs kriegen. Aber mit dem 0ffshoring nach Asien passiert auch nichts anderes – nur dass Griechenland innerhalb der EU ist und dann weniger von “unseren” Transferleistungen braucht. Wirtschaftlich realistisch ist das freilich nur wenn die Stückkosten in Griechenland niedriger sind bzw. die in Deutschland höher, siehe Artikel oben.

    • 11. Mai 2011 um 08:50 Uhr
    • iboo
  3. 3.

    @ iboo

    Nun sind allerdings Lohnstückkosten nur ein Aspekt unter vielen. Infrastruktur, ausgebildete Menschen, gewachsene Produktionsstrukturen mit Zulieferern und Abnehmern.

    Es ist unrealistisch, dass jetzt deutscher Maschinenbau-Mittelstand nach Griechenland abwandert. Viele, die nach China aus Kostengründen gegangen sind, dürften daran wenig freude haben; dort gibt es aber noch einen riesigen Absatzmarkt, der Aspekt fällt in Europa nahezu weg.

    Es gibt ja Strukturförderung in der EU, und es gibt Orte, an denen sich auch Produktion neu ansiedelt. Dies könnte man ausbauen (ähnlich der Strukturförderung in normalen Währungsunionen, also Nationalstaaten).

    Der größte Teil der EU-Gelder fließt in die Landwirtschaft, und dasnn noch vieles in Länder, die es nicht wirklich brauchten.

    Hier wäre also ein Ansatzpunkt: Veränderung des EU-Agrarwahnsinns, Umbau zu einem Instrument lokaler Wertschöpfungsförderung in den Defizitländern.

    Ein noch größerer Punkt könnte die Förderung nationaler Energieproduktion sein. Wenn ein Land seine Energie selbst produziert, und auch die Low-Tech-Teile der Windräder und Solarthermieanlagen etc., die dazu nötig sind, dann ändert sich auch der Leistungsbilanzsaldo.

    Nur dafür müsste man die Banalität des Mechanismus zur Kenntnis nehmen, und nicht so tuzn, als ob bei striktem Sparkurs die Währungsunion automatisch in die Stabilität läuft; das ist Unsinn, es dauert nur etwas länger bis zum Crash.

    • 11. Mai 2011 um 09:11 Uhr
    • Thomas Pittner
  4. 4.

    Inhaltlich hervorragend. Jedoch sind es nicht DIE DEUTSCHEN die Schuld tragen an der Euro-Krise. Es ist die Gier deutscher Unternehmer und deutscher Politiker, die die Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben. Auch deutsche Arbeitnehmer und Rentner stehen auf der Verliererseite, wie es der Artikel beschreibt. Es stellt sich nur die Frage, wie man dem Teufelskreis entkommen kann und in welcher Form die Gewinner davon abgehalten werden können, sich ihre Vorteile von Arbeitern und Rentnern bezahlen zu lassen. Was die sogenannten PIIGS angeht, haben diese Ihre Vorteile gegenüber Deutschland ausgespielt, einen Einkommensvorteil von 20-30% für das Vermögen ihrer Bevölkerung in den letzten 8 Jahren zum Nachteil deutscher Arbeitnehmer und Renter erreicht. Nun soll letztgenannte Gruppe nochmals zur Zahlung verpflichte werden.

    • 11. Mai 2011 um 09:29 Uhr
    • Engelbert Wefers
  5. 5.

    Absolute Zahlen fehlen
    Sicherlich ist die relative Entwicklung der Lohnstückkosten ein Indikator dafür, wie sich die Wettbewerbsbedingungen zueinander verhalten – man darf aber nicht die absolute Höhe der Produktivität gänzlich unberücksichtigt lassen. Und da stellt sich die Lage etwas anders da:
    Das GDP per h worked liegt nämlich in D bei $53, und damit unter den Franzosen ($55) und den USA (57$). Ziel können hier wohl kaum die Griechen ($34)sein.
    Nun darf D wegen anderer Wettbewerbsvorteile sicherlich etwas höhere Lohnstückkosten haben als manch anderer, im globalen Wettbewerb v.a. mit China ist die Richtung nach unten aber weiterhin nicht verkehrt. Die Imbalance der EU Mitgliedsstaaten ist daher wohl eher durch eine Produktivitätssteigerung der anderen auszugleichen – im Sinne einer nach außen wettbewerbsfähigen EU. Dies ist nicht zwingend mit einem Nachfragerückgang verbunden, wenn man sich endlich davon lösen würde Löhne als die wichtigste Einnahmequelle des Staates zu betrachten und Kapitaleinkünfte der ansässigen Bevölkerung mit dumping Steuern zu versehen.
    Wieso es ein “Foul-Spiel” sein soll, zu Weltmarktpreisen produzieren zu wollen statt sich an den lame ducks zu orientieren, bleibt offen, Herr Wermuth.

    Zahlen aus http://stats.oecd.org/

    • 11. Mai 2011 um 09:40 Uhr
    • etiam
  6. 6.

    Herr von Heusiger verkörpert geradezu die politische Richtung im Land( Grün), die nach dem Motto lebt: “Wohlfahrt ohne Wachstum”.Diese noch weitgehend “verdeckte” politische Zielrichtung der Grünen ist auf Sand gebaut.Hoffentlich wird das in BW bald deutlich.

    • 11. Mai 2011 um 10:43 Uhr
    • Politikverdruss
  7. 7.

    Ein weiterer Schuldiger sind aber auch und leider die Medien. Was hat man den Deutschen doch über die Jahre eingebleut, dass die Lohnstückkosten in Deutschland viel zu hoch sind. Dass der einzelne Arbeitnehmer im Gegensatz zu den übrigen Europäern viel, viel zu teuer sei. Dadurch würde die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland sinken. Belegt wurden diese Aussagen dann durch hübsch anzuschauende bunte Grafiken. Arbeitgeber haben diesen scheinbaren Unsinn gerne aufgenommen. Die Folge ist genau die derzeitige Lohnsituation.

    Zudem ist der deutsche Arbeitnehmer auch handzahmer geworden. Während wahrscheinlich 1978 ein Angebot der ARbeitgeber von 2% monatelange Streiks zur Folge gehabt hätte, wird dies heute als Erfolg für beide Seiten gewertet. Arbeitnehmer glauben, dies wäre das Maximum dessen was geht.

    Ich glaube hier muss Deutschland umdenken und zwar schnell.

    • 11. Mai 2011 um 10:46 Uhr
    • Erbsenfreud
  8. 8.

    Vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel. Allerdings stellt sich mir die Frage, warum die Lohnstückkosten als Gradmesser verwendet werden, wo sie die Unternehmensgewinne gar nicht berücksichtigen.

    Man könnte ja dann argumentieren, dass einfach nur die Unternehmensgewinne erhöht werden müssten, so dass die Preise deutscher Produkte steigen. Deshalb müssen ja nicht gleich die Löhne steigen.

    • 11. Mai 2011 um 10:53 Uhr
    • erichwuet
  9. Kommentar zum Thema

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