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Sind wir jetzt 55 Milliarden reicher?

 

Natürlich nicht, und wenn es stimmt, was ich höre, dann ist die ganze Aufregung eher ein Beleg für die Dysfunktionalität der Medien (und des politischen Systems) als ein Versagen der Bank beziehungsweise ihrer Aufseher.

Offensichtlich also hat die HRE, genauer gesagt ihre Bad Bank, die FMS Wertmanagement, Forderungen und Verbindlichkeiten aus Derivatepositionen nicht gegeneinander aufgerechnet. Was bedeutet das? Die Bank hatte also  – sagen wir – 1000 Euro Forderungen und zugleich 1000 Euro Verbindlichkeiten.  Ihre Bilanz verlängert sich dadurch, aber an der Gewinn- und Verlustrechnung ändert sich nichts.

Die FMS ist aber eine Staatsbank. Die Staatsverschuldung wiederum wird – anders als eine Bankbilanz –  gemäß EU-Konvention als Bruttogröße ausgewiesen – das bedeutet: Nur die Verbindlichkeiten (nicht aber die Forderungen) werden berücksichtigt. Weil die Buchhalter der FMS Forderungen und Verbindlichkeiten nicht aufgerechnet haben und das jetzt nachholen, sinkt also die Bruttoschuldenquote. Die Nettoquote sollte damit unverändert bleiben, denn am Verhältnis von Forderungen und Verbindlichkeiten hat sich nichts geändert.

Kurz: Wir sind keinen Cent reicher oder ärmer. Der Blätterwald rauscht trotzdem.

12 Kommentare

  1.   H.K.Hammersen

    Bei den aufgerechneten Werten handelt es sich doch wohl um Derivate. Dann stellt sich die Frage, warum eine Bank Wetten im Umfang von 55 Milliarden je zur Hälfte in die eine Richtung und in die exakt gegenteilige Richtung eingeht. Zu fragen wäre auch noch, ob die Wetten in die gegensätzlichen Richtungen auch mit den selben Wettpartnern abgeschlossen wurden. Nur dann wäre ein Aufrechnen richtig. Ansonsten müsste auch das Ausfallrisiko berücksichtigt werden.

    Und vor allem : was hat das ganze noch mit Bankgeschäften zu tun? Oder hat die HRE sich von Institutionen Geld geliehen, das sie an die selben Institutionen zurück verliehen hat?

  2.   W. Breuer

    Mit einer Kombination aus Käufen oder Verkäufen des gleichen Derivats in gegengesetzte Richtungen (Long/Short) lässt sich auf den Grad der Wertschwankung (Volatilität) spekulieren. Ein Beispiel für ein solches Geschäft ist der „Straddle“. Es gibt daneben weitere sog. „Optionsstratgien“. Details dazu lassen sich z.B. in Wikipedia nachlesen („Optionsstrategie, „Straddle“).

    Inwiefern ein solches Vorgehen makroökonomisch Sinn macht, lasse ich mal dahingestellt.


  3. @Mark Schieritz
    „Die Staatsverschuldung wiederum wird – anders als eine Bankbilanz – gemäß EU-Konvention als Bruttogröße ausgewiesen – das bedeutet: Nur die Verbindlichkeiten (nicht aber die Forderungen) werden berücksichtigt. Weil die Buchhalter der FMS Forderungen und Verbindlichkeiten nicht aufgerechnet haben und das jetzt nachholen, sinkt also die Bruttoschuldenquote. “

    Eine Bankbilanz wird natuerlich auch als Bruttogroesse ausgewiesen. Brutto Forderungen stehen Brutto Verbindlichkeiten gegenueber. Der Unterschied zwischen beiden Groessen (Forderungen minus Verbindlichkeiten) ist das Eigenkapital.

    Wenn es richtig ist, nach EU Konventionen die Bruttogroessen zu beruecksichtigen, warum sollten also unsere Staatsschulden sinken. Es kann durchaus sein dass eine Bank keine seine Forderungen eintreiben kann, aber alle Verbindlichkeiten zahlen muss. Das wird bei den Bad Banks wohl hauptsaechlich der Fall sein, denn so waeren sie ja nicht „Bad“!

    Warum wird also bei der EU eine Reduzierung der Bruttoverschuldung Deutschlands beantragt? Wie das die Bundesregierung ja anscheinend macht? Sollen hier das wirkliche Ausmass der katastrophalen Finanzpolitiks Schauebles, der ja wie kein anderer in der Geschichte die Staatsverschuldung der BRD in die Hoehe schnellen liess, verheimlicht werden?

  4.   egghat

    Ja schön auch mal zu lesen, dass Deutschland keinen Cent reicher ist als vorher. Wohltuend, wenn alle tun so, als wäre Deutschland jetzt 55 Mrd. reicher. Getan hat sich jedoch nichts.

    @H.K.Hammersen

    Die FMS hat sogar über 800 Milliarden Euro Derivate in den Büchern … Bei 800 Mio. Eigenkapital … Hebel 1000 … Klar, das ist das Bruttovolumen, das Nettovolumen ist viel niedriger.

    egghat.tumblr.com/post/12068373733/fms-bilanzierungsfehler-beschert-sch-uble-keinen-cent

  5.   Rebel

    @ egghat

    nach Stand der Meldungen handelt es sich nicht nur um Saldierungen sondern Doppelbuchungen wegen falscher Vorzeichen beim Kobtenabschluss 😉


  6. Abgesehen von dem aktuellen Fehler, der wahrlich ein dicker Hund zu sein scheint, versteht keiner mehr die Vorgehensweise. Siehe Rebel.

    Im letzten Jahr sind die Staatsschulden um 13% gestiegen, die Nettoneuverschuldung aber nur um 3%. Die Differenz ist das Resultat der bad banks. In die Nettoneuverschuldungen gehen die nur die Ergebnisse der bad banks ein, bei der Aufsummierung der Staatsschulden werden deren Forderungen zu 100% abgeschrieben. Diese Vorgehensweise ist kein muss und inkonsistent. In Irland sind die Forderungen der bad banks zu 50% auf der Grundlage von Wirtschaftsprüfungen abgeschrieben worden. Und hierbei gilt alte Staatsschulden +Neuverschuldung = neue Staatsschulden. Geht doch. So aber dürfen wir auf ca. weitere 125Mrd. bis 250Mrd. Staatsschuldenreduzierung bei Abwicklung der bad banks hoffen, die aber keine Auswirkungen auf die Nettoneuverschuldungen haben. Wie soll so die Eurozone zusammenarbeiten, wenn noch nicht mal die Bilanzregeln gleich sind.

  7.   Sterngucker

    Das komplette Accounting der FMS wird, weil sie hierzu offenbar nicht in der Lage ist, nicht von ihr selbst, sondern von der Firma Capco Service GmbH in Eschborn durchgeführt.

    Bei Capco wie bei der WP-Gesellschaft Price Waterhouse war das Problem schon seit längerem bekannt. Ein Anruf hätte genügt festzustellen, dass hier nur durch die Umstellung des Netting“ – Verfahrens, diese Differenzbeträge zustandekamen. Die FMS hatte hierüber aber weder die ihre Bilanzen erstellende Capco noch ihre WP-Gesellschaft informiert.

    Statt dessen schwelgt die Presse in dümmlicher Polemik.


  8. Erschreckend – und Anlass, Konsequenzen zu ziehen

    Es ist bestürzend: Das Management einer Bank, die seit Monaten unter Aufsicht steht – nachdem sie verstaatlicht werden musste – hat es geschafft, sich über Jahre um zweistellige Milliardenbeträge zu verrechnen – und niemandem ist es aufgefallen.

    Eine derartige Geschichte würde Staaten auf anderen Kontinenten beschämen. Diese Geschichte ist aber weder fiktiv noch im Ausland passiert, sondern in der Bundesrepublik Deutschland.

    Wo war das Management der Hypo Real Estate (HRE) und welchen Bezug haben diese Führungskräfte zu ihren Aufgaben, zu ihrer Verantwortung und zu den Werten, die sie verwalten?

    Wo waren die Prüfungsgesellschaften, die die wirtschaftlichen Ergebnisse der HRE und ihrer sogenannten Bad Bank FMS geprürüft und testiert haben müssen?

    Und: Was hat die Aufsicht des Eigentümers, das Bundesfinanzministerium, etan, um das Vermögen der Bundesrepublik zu schützen und zu kontrollieren?

    Wenn diese Bundesregierung das Vertrauen der deutschen Bürgerinnen und Bürger nicht ganz verspeilen will, dann sind nicht nur Erklärungen sondern dann sind Konsequenzen fällig.

  9.   Moxy

    Im Halbjahresabschluss 2011 der FMS sind die Bewertungsgrundlagen geschildert, ebenso die Änderung um ca. 25 Mrd. Ich habe das so gelesen, dass mit der Neuregelung des „Saldierungsverbots“ und der Bildung von Bewertungseinheiten nach dem BilMoG die FMS bzw. deren Buchhaltungsservice die Vorgabe zur Saldierung, also die Verrechnung der Verbindlichkeiten mit den engegenstehenden, transaktionsbezogenen Aktiv-Werten, noch nicht umgesetzt hatte. Erst als auffiel, dass nicht nur solche Aktiva und Passiva aus dem gleichen Geschäft gebucht waren, sondern auch „Netting“-Vereinbarungen dazu gehörten, war nun plötzlich die Saldierung Pflicht.
    Ob da ein Vorzeichenfehler, eine Falschbuchung, ein Datenfehler oder die fehlende Datenübermittling zu den „Netting“-Vereinbarungen ausschlaggebend waren? Ich tippe wg. der outgesourcten Buchhaltung auf letzteres…

    PS: Gäbe es neben der „Staatsverschuldung“ auch eine Statistik mit dem Wert „Staatsvermögen“, dann wäre der Wert so jetzt natürlich auch um die 25 Mrd. niedriger.

  10.   passbild

    Die HRE benötigt mehr Gelder als geplant. Das ist erschreckend, da die Verantwortlichen des Bundes erst jetzt das „Bernsteinzimmer im Keller der HRE“ gefunden haben (Zitat aus der.postillon.com).

    Aber warum die überraschenden Kommentare hinsichtlich der benötigten Mittel? Es wäre nicht das erste Mal, dass die Politik ihre Hilfsmaßnahmen aufstocken muss.

    Die zwingenden Fragen lauten daher:

    1. Fehlt den Verantwortlichen in der Politik die Kompetenz, um wirtschaftliche Situationen ausreichend zu beurteilen?

    2. Fehlt den privaten Wirtschafstprüfern die Kompetenz, um wirtschaftliche Situationen ausreichend zu beurteilen?

    3. Wer kann es überhaupt noch?

    Vielleicht muss man festhalten, dass die Komplexität mancher Systeme (obwohl Buchhaltung nicht dazu gehören sollte) den Einzelnen überfordert, wenn er nicht ständig mitarbeitet und kontrolliert. Wer am Ende aufholen möchte, weil er zuviel verpasst hat, dem kann es dann so ergehen wie der Bundesregierung mit der HRE.