So funktioniert Kapitalismus

Schulden mit Schulden bekämpfen – geht das denn?

Von 27. Januar 2012 um 00:37 Uhr

Ein häufiger Einwand in den Kommentaren zu meinem letzten Beitrag lautet: Die Schulden des Einen sind das Vermögen des Anderen und insofern lassen sich Schulden nur durch die Eliminierung von Guthaben abbauen. Einen anderen Weg gebe es nicht. Auch keinen Schuldenabbau durch Wachstum. Damit sei die Hoffnung vergeblich, durch wachstumsfördernde kreditfinanzierte Konjunkturprogamme die Haushalte zu konsolidieren.

Schulden und Guthaben sind zwei Seiten einer Medaille – das stimmt natürlich streng genommen. Aber der Clou ist: Es spielt keine Rolle. Der Staat muss seine Schulden nämlich überhaupt nicht abbauen, zumindest nicht wenn man unter abbauen versteht, dass er sie auf Null zurückführen muss. Staaten tun das auch in der Regel nicht. Wenn Anleihen auslaufen, werden sie durch neue ersetzt. Hier als Beispiel die öffentliche Verschuldung der USA seit 1939 in Millionen Dollar:

Chart: US Federal Government Debt

Die Schulden steigen und steigen – und nicht erst seit den dreißiger Jahren, wie in dem Chart abgebildet. Die Staatsschulden nehmen im Trend seit dem Ende des 18. Jahrhundert zu, wie sich hier nachlesen lässt. Mehr als 200 Jahre Schulden. Komisch, dass die USA zur Weltmacht aufsteigen konnten und nicht schon seit 100 Jahre pleite sind. Warum ist das so?  Genau, weil nicht die absolute, sondern die relative Schuldenlast gemessen an der Wirtschaftsleistung entscheidend ist. Und die Wirtschaft ist eben mit den Schulden mit gewachsen.

Wir müssen also keine Schulden tilgen, um die Verschuldung in den Griff zu bekommen, solange wir genug Wachstum erzeugen. Und deshalb müssen auch keine Vermögen dran glauben. Eine andere Frage ist, ob Europa in der Lage ist, soviel Wachstum zu erzeugen. Aber das ist eine andere Frage.

Update: Aus der Grafik lässt sich auch ablesen, dass die Schulden ab den siebziger Jahren schneller steigen. Darum geht es mir hier aber nicht, sondern nur darum, dass sie – ob langsam oder schnell – fast immer steigen. Hier ist noch eine Kurve mit der Schuldenquote in Prozent der Wirtschaftsleistung – und die zeigt eben nicht immerzu nach oben.

Chart: US Federal Debt Ratio

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 97.

    @ Arjen van Zuider #93

    Sie haben zu der Forderung, keine Zinsen mehr auf (bestimmte) Geldanlagen zu zahlen, aus ökonomischer Sicht schon einiges gesagt. Ich möchte kurz einige historisch-politische Bemerkungen ergänzen.

    Das Zinsverbot hat, wie eigentlich bekannt sein dürfte, eine sehr prolematische Geschichte.

    Zwar gibt es seit der Antike in den monotheistischen Religionen in gewissem Maße ein Zinsverbot. Im Judentum gilt dies jedoch nur gegenüber Freunden und Familienangehörigen (wo es selbstverständlich sein sollte).

    Die Katholische Kirche hat das Zinsverbot längst fallen gelassen. Die Theologen mussten sich der Einsicht beugen, dass eine freie Marktwirtschaft ohne Zinsen nicht funktionieren kann.

    Die entsprechenden Scharia-Bestimmungen werden in den meisten islamischen Ländern m. W. lediglich als Soll-Bestimmungen betrachtet. So nehmen z. B. Banken in Pakistan weithin Zinsen.

    In modernen Zeiten ist ein Zinsverbot vor allem von Gottfried Feder, einem der widerwärtigsten antisemitischen Hetzer der NSDAP, verfochten worden. Er forderte, dass Staaten ihren Kreditgebern und den Inhabern von Staatspapieren keine Zinsen mehr zahlen.

    Heute wird ein Zinsverbot insbesondere von “völkischen Zinskritikern” gefordert, die ihre geistige Heimat oft in der NPD haben.

    Diese historisch-politischen Zusammenhänge sollten eigentlich jedem Menschen klar sein, der mit offenen Augen durch die Welt läuft. Warum Leute, die sich lautstark vom Antisemitismus distanzieren, dennoch das höchst belastete Zinsverbot einführen wollen? Keine Ahnung.

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    • 6. Februar 2012 um 21:42 Uhr
    • Wirtschaftssachverständiger
  2. 98.

    @WSV:

    Nicht jede Zinskritik ist antisemitisch. Struktureller Antisemitismus liegt dort vor, wo der Zins als Instrument der Ausbeutung durch die “Juden” (auch wenn dieser Term heute nur noch selten direkt verwendet wird) rezipiert wird. Wenn die Welt so dargestellt wird, dass “wir” den Zins zahlen und “sie” abkassieren. Bei Buschbeck sehe ich eher, dass er den Zins als Fehlanreiz für den normalen deutschen Sparer sieht, mehr als volkswirtschaftlich sinnvoll zur Seite zu legen. “Wir” profitieren zwar im Moment davon, aber auf lange Sicht ist “unser” Wirtschaftsmodell nicht nachhaltig. Falls es Antisemitismus ist, dann solcher, der die Deutschen pauschal den Juden zuschlägt, was doch eher untypisch ist.

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    • 6. Februar 2012 um 22:17 Uhr
    • Arjen van Zuider
  3. 99.

    @ Arjen van Zuider #98

    Natürlich ist nicht jeder Zinskritiker gleich ein Antisemit.

    Doch es sollte allen Leuten, die sich mit solchen Konzepten beschäftigen, eines klar sein: Aufgrund der höchst bedenklichen Vergangenheit (um es milde zu formulieren) hätte ein Zinsverbot nicht die geringsten Chancen, politisch realisiert zu werden – ganz gewiss nicht in Deutschland.

    Warum es dennoch immer wieder in gewissen Kreisen gefordert wird? Es muss doch jedermann klar sein, dass er damit den Verdacht des Antisemitismus auf sich zieht. Die Motive sind mir völlig schleierhaft. Die unsinnigen und ziellosen Diskussionen können wir uns wirklich ersparen.

    Antworten

    • 6. Februar 2012 um 22:49 Uhr
    • Wirtschaftssachverständiger
  4. 100.

    Aufgrund der höchst bedenklichen Vergangenheit (um es milde zu formulieren) hätte ein Zinsverbot nicht die geringsten Chancen, politisch realisiert zu werden – ganz gewiss nicht in Deutschland.

    Ich hoffe sehr, dass die Debatte um ein Zinsverbot, wenn ein solches denn eines Tages von einer ernstzunehmenden, sich glaubwürdig vom strukturellen Antisemitismus distanzierenden Bewegung gefordert würde, und nicht bloß von Nazis, Verschwörungstheoretikern und Einzelgänger-Weltverbesserern wie Buschbeck, mit rationalen ökonomischen Argumenten (die sprechen nämlich schon genug gegen ein Zinsverbot) geführt würde und nicht mit der Nazikeule.

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    • 6. Februar 2012 um 23:30 Uhr
    • Arjen van Zuider
  5. 101.

    @ Arjen van Zuider #100

    Wenn ich mit sachlichen Argumenten darauf aufmerksam mache, dass die Zins-Kritik kräftige antisemitische Konnotationen hat, schwinge ich doch keineswegs die Nazi-Keule!

    Mit geht es im Grunde um etwas Allgemeineres: Seit dem Ausbruch der Finanzkrise ist hierzulande zu beobachten, dass auch Akademiker und Finanzexperten, die es besser wissen müssten, wieder mit allerlei seltsamen bräunlichen Ideen flirten bzw. offenbar nichts dagegen haben, ihre Thesen in einem rechtslastigen Umfeld zu verbreiten.

    Hierfür ein paar Beispiele: Die Euro-Kritiker Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Karlheinz Schachtschneider und Joachim Starbatty haben vor kurzem gemeinsam ein Buch im Kopp-Verlag publiziert, Deutschlands führendem Verlag für braune Esoterik, in dem ganz wüste antisemitische Verschwörungstheorien veröffentlicht werden. Wieso ausgerechnet dort? Immerhin sind drei der Autoren doch recht angesehene Geld- und Währungsexperten.

    Ein zweites Beispiel: Bei der Suche nach den Schuldigen für das globale Finanz-Debakel werden sehr häufig Goldman Sachs und ihr Chef Lloyd Blankfein genannt. Nun weiss oder vermutet wohl jeder, dass es sich hierbei um jüdische Namen handelt.

    Andere Banken von der Wall Street – Bank of America, Citigroup, Morgan Stanley oder JP Morgan werden hingegen sehr viel seltener erwähnt, obwohl sie nachweislich in gleichem Maße verantwortlich sind.

    Ein drittes Beispiel ist die verschwurbelte Diskusssion in den deutschen Medien über die Frage, ob Anshu Jain der richtige Chef für die Deutsche Bank sei. Schließlich komme der gebürtige Inder aus einer ganz anderen Kultur und einer fremden Religionsgemeinschaft. Er könne kein Deutsch und trinke nicht einmal Alkohol!

    (Ein paar Journalisten haben Jain allerdings dabei beoabchtet, wie er auf deutsch in einem Frankfurter Hotel Rotwein bestellt hat. Soviel zu Vorurteilen, die sich leicht überprüfen lassen.)

    Der Gipfel für mich war eine Glosse im Stern, überschrieben mit “Gott erhalte Joe den Banker”. Darin verwandelte Autor Hans-Ulrich Jörges sein geliebtes Feindbild Josef Ackermann urplötzlich in den guten Menschen von Frankfurt, der als Aufsichtsratschef den bösen Investment-Banker Jain bremsen müsse.

    Mit Verlaub: Für die Exzesse im Investment Banking ist Ackermann mindestens in gleichem Maße veranwortlich wie Anshu Jain.

    Die Diskussion, ob ein Ausländer die Deutsche Bank führen könne, ist absolut lächerlich. In den USA hat Vikhram Pandit, der ebenfalls in Indien geboren wurde, recht erfolgreich die Citigroup wieder auf Kurs gebracht. Der Chef von JP Morgan, Jamie Dimon, hat griechische Vorfahren. Und an der Spitze der Schweizer Großbank UBS stehen jetzt zwei Deutsche.

    Die Diskussion um die Finanzkrise driftet hierzlande oft in seltsame Gefilde ab. Deshalb ist meines Erachtens höchste Wachsamkeit geboten.

    Antworten

    • 7. Februar 2012 um 11:37 Uhr
    • Wirtschaftssachverständiger
  6. 102.

    WSV:
    Wenn ich mit sachlichen Argumenten darauf aufmerksam mache, dass die Zins-Kritik kräftige antisemitische Konnotationen hat, schwinge ich doch keineswegs die Nazi-Keule!

    Wenn Sie auch einer zinskritischen Position, die grundsätzlich von der antisemitischen Zinskritik verschieden ist (wobei ich mich nicht dafür verbürgen will, dass das auf Buschbeck zutreffe; dafür habe ich seine Einlassungen zuwenig genau gelesen), eine antisemitische Konnotation nachsagen, dann ist das eine Nazi-Keule.

    Hierfür ein paar Beispiele: Die Euro-Kritiker Wilhelm Hankel, Wilhelm Nölling, Karlheinz Schachtschneider und Joachim Starbatty haben vor kurzem gemeinsam ein Buch im Kopp-Verlag publiziert, Deutschlands führendem Verlag für braune Esoterik, in dem ganz wüste antisemitische Verschwörungstheorien veröffentlicht werden. Wieso ausgerechnet dort? Immerhin sind drei der Autoren doch recht angesehene Geld- und Währungsexperten.

    Vielleicht weil kein “anständiger” Verlag ihre unorthodoxen Ansichten abdrucken wollte. Oder weil die Autoren es zumindest danach aussehen lassen wollten, um vom Bonus des mutigen Widerstandskämpfers gegen eine gleichgeschaltete Medienwelt profitieren zu können. Wobei das natürlich Fragen aufwirft über die Kundschaft, die auf diesen Marketingtrick reinfällt.

    Andere Banken von der Wall Street – Bank of America, Citigroup, Morgan Stanley oder JP Morgan werden hingegen sehr viel seltener erwähnt, obwohl sie nachweislich in gleichem Maße verantwortlich sind.
    Wie sehr das zutrifft, vermag ich mangels Sachverstands nicht zu beurteilen. Meines Wissens wird an Goldman Sachs aber nicht nur die Rolle beim Ausbruch der Krise kritisiert, sondern auch die engen Verbindungen in die Politik. Ich weiß nicht, ob die bei den von Ihnen genannten Banken genauso bestehen.

    Die Debatte um Jain ist in der Tat unwürdig, da gebe ich Ihnen vollkommen recht.

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    • 7. Februar 2012 um 19:52 Uhr
    • Arjen van Zuider
  7. Kommentar zum Thema

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