So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Deutschland wird immer exportlastiger

Von 24. Februar 2012 um 14:24 Uhr

Die eigentlich interessanten Informationen, die in dem heute veröffentlichten gesamtwirtschaftlichen Zahlenwerk für das vierte Quartal stecken, sind nicht die Zuwachsraten des realen BIP – minus 0,2 Prozent gegenüber dem dritten Quartal, und für 2011 insgesamt plus 3,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr –, sondern die diversen Strukturzahlen. Einige Beobachtungen:

1. Eine Hauptbotschaft ist, dass die Wirtschaft immer exportlastiger wird. Im vierten Quartal 1999, also vor zwölf Jahren, machten die Exporte (von Gütern und Dienstleistungen) nur 30,4 Prozent des BIP aus, inzwischen hat sich der Anteil auf 50,6 Prozent erhöht. Das zeigt vor allem zweierlei: Die internationale Arbeitsteilung wird immer intensiver; das nominale BIP ist in diesem Zeitraum im Durchschnitt jährlich um 2,1 Prozent gestiegen, die Exporte dagegen mehr als dreimal rascher (6,5%). Zum anderen wird Deutschland relativ zur Weltwirtschaft ein immer kleineres Land – je kleiner ein Land, desto mehr ist es vom Ausland abhängig.

Grafik: Exportquoten ausgewählter IndustrieLänder 1991-2011

2. Aber auch die Importe nehmen überproportional zu: 1999 machten sie 29,7 Prozent der inländischen Verwendung aus, im vergangenen Quartal dagegen 48,0 Prozent. Die Tendenz scheint ungebrochen. Unsere Wirtschaft hängt immer mehr vom Ausland ab, aber das Ausland hängt auch immer mehr von uns ab, vor allem die Nachbarländer. Die Wucht der Integration hätte über kurz oder lang auf alle Fälle eine Währungsunion erzwungen, zumindest einen Festkursverbund. Das wird auch in Schweden, Dänemark und der Schweiz zunehmend so gesehen. Es gibt keine Alternative. Es geht nur darum, das Beste daraus zu machen.

3. Die Ausgaben für Ausrüstungen, eine Schlüsselkomponente für unseren künftigen Wohlstand, haben in den vergangenen vier Quartalen real um 3,1 Prozent zugenommen, verglichen mit der Zuwachsrate des realen BIP von 2,0 Prozent (gg. dem 4. Quartal 2010). Das ist eigentlich nicht genug für diese Phase im Konjunkturzyklus: Noch immer lagen die Ausrüstungen um 8,6 Prozent unter dem Höchststand von Ende 2007, und die Quote Ausrüstungen zu BIP ist von 7,9 Prozent Ende 1999 auf zuletzt 7,1 Prozent zurückgegangen.

4. Dazu passt, dass die Produktivität, definiert als reales BIP je Erwerbstätigenstunde, seit dem vierten Quartal 2007 im Jahresdurchschnitt um 0,3 Prozent gesunken ist – in den zwölf Jahren zuvor gab es eine durchschnittliche Zuwachsrate von plus 1,8 Prozent. Das ist trotzdem nicht so richtig plausibel – es sieht danach aus, als ob die Unternehmen seit einiger Zeit den Arbeitseinsatz erhöhen, obwohl die Produktion eher stagniert. Sie horten Arbeit. Möglicherweise zeigt das auch nur, dass sie außerordentlich optimistisch sind, was ihre künftigen Marktchancen angeht. An fehlenden Arbeitskräften wollen sie es nicht scheitern lassen, wenn die Expansion in die nächste Runde geht.

5. An den Gewinnen kann es nicht liegen, dass sich die Ausrüstungen nicht dynamischer entwickeln. Seit dem Tiefpunkt Ende 2009 haben “Betriebsüberschuss und Selbständigeneinkommen” um 12 Prozent zugelegt und damit fast wieder den Rekordwert vom dritten Quartal 2008 erreicht. Weil so wenig investiert wird, sind die Unternehmen offenbar sehr liquide. Sie könnten, aber sie wollen nicht so recht. Aber warum horten sie Arbeitskräfte? Insgesamt braucht man sich um die finanzielle Gesundheit des produzierenden Sektors keine Sorgen zu machen. Er könnte übrigens ohne Probleme höhere Lohnabschlüsse verkraften.

6. Um etwas abzuschweifen: Sorgen muss man sich nach wie vor jedoch um den Finanzsektor machen: Wenn man sich ansieht, wie weit der Marktwert der Banken unter ihrem Buchwert liegt, könnte einem angst und bange werden. Die Differenz steht für den vermuteten Abschreibungsbedarf. Selbst bei der “gesunden” Deutschen Bank beträgt sie mehr als 24 Milliarden Euro.

7. Wegen der schwächelnden Produktivität und der neuerdings etwas rascher steigenden Löhne haben die Lohnstückkosten (die Lohnkosten je Produkteinheit) zuletzt etwas kräftiger angezogen und übertrafen im vergangenen Quartal ihren Vorjahreswert um 2,4 Prozent. Das braucht nicht zu beunruhigen: Auf Dauer haben sie sich immer als sehr stabil erwiesen. Es handelt sich auch bei ihnen um eine Art Strukturkonstante. In den vergangenen 16 Jahren sind sie im Durchschnitt nur um 0,4 Prozent gestiegen! Am besten wäre es, wenn sie als Folge eines neuen Investitionsbooms wieder sinken würden – danach aber sieht es leider erst einmal nicht aus. Investitionen reagieren bekanntlich überproportional auf eine Abkühlung der Konjunktur. Und in einer solchen Phase stecken wir heute.

8. Da die Lohnkosten etwa zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Kosten ausmachen – der Rest entfällt zu etwa gleichen Teilen auf Kapitalkosten und Importe – gibt es in Deutschland von der Kostenseite her de facto keine Inflationsrisiken. Das breiteste Inflationsmaß, der Preisindex des Bruttoinlandsprodukts, lag im vierten Quartal um 1,0 Prozent über seinem Vorjahreswert und hatte sich damit in den letzten 15 Jahren durchschnittlich nur um 0,7 Prozent erhöht. Das ist weit unter dem Inflationsziel, das die EZB bei den Verbraucherpreisen anstrebt.

Insgesamt ergibt sich ein Bild robuster Gesundheit und beherrschbarer Risiken, vor allem wenn man Vergleiche mit anderen großen Industrieländern wie Italien, Frankreich, Großbritannien und den USA anstellt. Unser Land hat Reserven und daher einiges an ungenutztem Potenzial. Eine vorausschauende Wirtschaftspolitik könnte das nutzen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Es ist schon sehr erstaunlich, mit welch niedriger Investitionsquote in Deutschland die Industrie- und Exportproduktion gesteigert werden konnte. Während Länder mit hohen Investitionsquoten, wie Spanien, Griechenland und die USA abschmierten. Dieses stellt die Unternehmens-, Volkswirtschaftsrechnungen und die darüber angeblich erfolgende Ressourcenoptimierung auf den Kopf. Hierüber sollte sich die Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre mit ihren angepriesenen Formeln, Rechungen mal ernsthafte Gedanken machen.

    • 24. Februar 2012 um 15:12 Uhr
    • Bernd Klehn
  2. 2.

    @ Bernd Klehn

    ich lese ja nur gerne hier mit. Gibt schon genug Verwirrung. Aber hier müsste ich doch mal was schreiben.

    —>>>Es ist schon sehr erstaunlich, mit welch niedriger Investitionsquote in Deutschland die Industrie- und Exportproduktion gesteigert werden konnte. ”

    Ist das so erstaunlich? Die meisten Investitionen werden in Asien getätigt. Wie deutsch ist zB ein Mercedes Benz? Ich hatte gehört, ca. 85% Zuliefererteile kommen aus dem asiatischen Raum. Hier ist nur noch ein wenig Endfertigung. Wie lange noch? Wer weiß es? Dann ist die Frage, muss ich in meine Maschinen überhaupt noch investieren, oder laufen die noch ein wenig? Ansonsten gibt es ja noch die AfA. Und nun auch noch zum Export und Import. Es scheint da auch die Frage zu sein, wohin gehen die Güter anteilsmäßig. In den USD Raum oder bleiben die überwiegend im Euroraum. Weil: Alles was in den USD Raum geht, unterliegt dem WK zum Euro. Ob Export oder Import.

    Nun wird alles Handeln nun nicht in Kilogramm berechnet sondern nominal. Wenn der Energiepreis nun steigt, ebenso wie der Preis für Eisenerz es getan hat oder Rohstoffe allgemein, steigt nun das BIP oder fällt es.

    Das wars auch schon.

    • 24. Februar 2012 um 15:32 Uhr
    • holger
  3. 3.

    @DW

    1. Mich würde interessieren, wie die Inmport/Exportquoten für die EU bzw EURO-Zone insgesamt aussehen.

    2. Dass Japan eine so niedrige Quote hat, wundert mich.

    @Bernd Klehn

    Es kommt immer drauf an in was man investiert, Bauruinen oder eher was Produktiveres … :-)

  4. 4.

    Wieviele Arbeitsplätze sind seit 2000 in der produktionsverarbeitenden Industrie verloren gegangen?

    Wieviel Arbeitszeit in Stunden sind in der produktionsverarbeitenden Industrie seit 2000 verloren gegangen?

    Bedeutet mehr Exportfixiertheit Wohlstandsgewinne oder -verluste seit 2000, für das unterste, das zweite , usw. Dezil der Einkommenspyramide?

    • 24. Februar 2012 um 16:00 Uhr
    • Marlene
  5. 5.

    Wenn die Unternehmen ihr Kapital horten und nicht investieren, heißt das, dass sie ungeduldig in den Startlöchern hocken, um mit dem den Arbeitern vorenthaltenen überschüssigen Kapital, die nächste Finanzmarktblase aufzupumpen.

    Wie man hört, steigen die Immobilienpreis schon wieder, dass den Spekulanten der Puls flattert.

    Wie Herr Wermuth schon schreibt, es besteht kein Grund zur Sorge. Wie schon #3 schreibt, viel wichtiger als die Anteile von Import und Export interessieren die absoluten Vergleiche von Import zu Export.

    Wenn mehr importiert wird als exportiert, verschuldet sich das Land im Ausland. Wenn mehr exportiert wird als importiert, muss das Defizit à la Long ausgeglichen werden. Z. B. mittels eines Schuldenschnittes ebenso wie Griechenland das derzeit macht.

    Jubele, wer meint, er müsse.

    Die exportierenden Unternehmen braucht das alles jedenfalls nicht zu jucken. Volkswirtschaft geht den am Wertesten vorbei. Die geben nicht die Kredite. Die bekommen eher noch Staatsbürgschaften. Und wenn in einem Land gar nichts mehr geht, zieht man sich von dort zurück.

    So funktioniert Kapitalismus.

    Deswegen ist seit der Krise so häufig die Rede von einer koordinierten europäischen Wirtschaftspolitik. Damit nicht nur der Kapitalismus funktioniert sonder auch Europa.

  6. 6.

    Ordentliche Bestandsaufnahme, falsche Schlussfolgerung. Die Exportlastigkeit ist eine Grundursache der aktuellen Krise.
    1. Deutschland hat sich von Beginn nicht an das Inflationsziel gehalten u.a. durch Lohndruck. Rund 60% des Exportes gehen in den Euroraum, zwingen die Nachbarn in die Knie, während der Fließbandarbeiter wie diagnostiziert nichts von den Exportgewinnen abbekommt, auf denen die Unternehmen sitzen.
    “Es [Lohnstückkosten] handelt sich auch bei ihnen um eine Art Strukturkonstante. In den vergangenen 16 Jahren sind sie im Durchschnitt nur um 0,4 Prozent gestiegen! Am besten wäre es, wenn sie als Folge eines neuen Investitionsbooms wieder sinken würden”

    Falsch, sie sollten steigen, bzw. sich entsprechend dem EU-Durchschnitt entwickeln. Sie sind Ausdruck des Ungleichgewichtes in der Eurozone.

    “… . Das zeigt vor allem zweierlei: Die internationale Arbeitsteilung wird immer intensiver; das nominale BIP ist in diesem Zeitraum im Durchschnitt jährlich um 2,1 Prozent gestiegen, die Exporte dagegen mehr als dreimal rascher (6,5%). Zum anderen wird Deutschland relativ zur Weltwirtschaft ein immer kleineres Land – je kleiner ein Land, desto mehr ist es vom Ausland abhängig.”
    Was sind das denn für Schlussfolgerungen? Die bringen einem überhaupt nichts…
    Forderungen kann man nicht essen! Im Gegenteil, wir müssen Rettungsschirme aufspannen, um dafür zu sorgen, dass die Allgemeinheit dafür gerade steht, wenn die Forderungen privater Dritter durch die Schuldnerländer nicht bedient werden können. Der Export hilft in DE nur dem Unternehmer! Statt dass die Menschen die VWs hier fahren können, werden sie ins Auslang gebracht. Super

  7. 7.

    Absinken der Produktivität
    Eine Ursache ist eben, dass in Deutschland zunehmend weniger produktiv gearbeitet wird. Hier wird verwaltet, jede Menge Papier schmutzig gemacht und von links nach rechts gestapelt. Das ist zunehmende Bürokratie in der Wirtschaft.
    Allein schon der ganze Zertifizierungswahnsinn, der nur selten etwas mit der Realität zu tun hat, aber eine Unmenge an unproduktivem Zeitaufwand erfordert.

    MfG
    AoM

  8. 8.

    Das Schrumpfen des deutschen BIP im 4. Quartal 2011 sollte noch nicht als Rezession bezeichnet werden, da es erst zwei aufeinander folgender negativer Quartale bedarf, um den Ausdruck Rezession zu verwenden. Erst am Ende des laufenden Quartals wird sich dies zeigen.

    Wenn aber der Exportanteil an diesem bereits schrumpfenden BIP gleichzeitig noch anwächst, so bedeutet das einen immer geringeren Binnenkonsum. Luxusautomobile, einer unserer wichtigsten Exportartikel, werden ja auch tatsächlich überwiegend für das Ausland produziert.

    • 25. Februar 2012 um 01:39 Uhr
    • ergo sum
  9. Kommentar zum Thema

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