So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Wollt ihr die totale Blase?

Von 11. April 2012 um 15:28 Uhr

Es ist international Konsens, dass Deutschland “mehr” tun muss, damit die Krise im Euro-Raum überwunden werden kann. Gemeint ist damit in der Regel, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hierzulande angekurbelt werden soll.

Davon profitieren die Südländer über zwei Kanäle: Erstens erhöhen sich mit steigendem Einkommen die Importmengen und zweitens führt eine höhere Auslastung der Kapazitäten zu steigenden Preise und Kosten. Das hat zur Folge, dass deutsche Unternehmen im Vergleich mit ihren Konkurrenten in Südeuropa tendenziell weniger wettbewerbsfähig werden – und deutsche Produkte durch italienische ersetzt werden. Wir haben es also mit einem Einkommens- und einem Substitutionseffekt zu tun, die beide in die gleiche Richtung weisen.

So weit so gut, denn in der Tat führt kein Weg daran vorbei, dass der Süden billiger wird und auf Konsum verzichtet und der Norden teurer wird und mehr konsumiert. Das zeigt der Blick auf die Alternativen.

  1. Der Süden verzichtet auf die Anpassung und konsumiert munter weiter: Dann sind aber mehr oder weniger dauerhafte Transfers nötig, weil das private Kapital nicht mehr bereit ist, diesen Konsum zu finanzieren.
  2. Der Norden verzichtet auf die Nachfrageausweitung, dann muss das Sozialprodukt insgesamt sinken, weil der Nachfrageausfall im Süden nicht kompensiert wird. Es droht also eine lang anhaltende Konjunkturkrise.
  3. Europa holt sich die fehlende Nachfrage aus dem Rest der Welt durch eine kräftige Ausweitung der Exporte. Dazu muss also ein Leistungsbilanzüberschuss aufgebaut werden. Das wird der Rest der Welt aber nicht akzeptieren.

Das Bruttoinlandsprodukt setzt sich bekanntlich zusammen aus Konsum, Investitionen, Staatsausgaben und dem Saldo aus Exporten und Importen.

Y=C+I+G+X-M

Wenn der Süden C und I nach unten schraubt, muss etwas geschehen, sonst sinkt das Y. Und hier kommt die deutsche Nachfrage ins Spiel.

Die Frage ist nur: Wie viel davon brauchen wir? Die deutsche Konjunktur läuft bereits prächtig. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne steigen, die Importe legen bereits zu. Und wenn die EZB ihr Mandat ernst nimmt und nicht aus Angst vor deutschen Sensibilitäten zu früh gegensteuert, wird auch die etwas Inflation zulegen. Das geht also bereits in die richtige Richtung und man sollte es auch laufen lassen. Aber aus nationaler Perspektive fällt es auch aus einer keynesianischen Perspektive schwer, jetzt zusätzliche Konjunkturprogramme zu rechtfertigen.

Wenn das stimmt, dann ist die Forderung nach zusätzlichen Konjunkturmaßnahmen letztlich eine Forderung nach einer Überstimulierung der deutschen Wirtschaft. Das kann man wollen oder nicht, aber man sollte sich zumindest bewusst sein, was man da fordert. Eine Überhitzung kann sehr unschöne Folgen haben.

Kantoos hat eine Alternative im Sinn. Denn wenn die Deutschen diese Überhitzung nicht zulassen, erhöht sich der Spielraum für die EZB, die Nachfrage (AD) im Süden zu stimulieren – denn schließlich “verbraucht” Deutschland einen geringeren Anteil an Inflation und es bleibt mehr für den Rest übrig.

Overall AD needs to be kept constant by the ECB. If Germany does not allow more AD at home, the AD needs to be created elsewhere. (…) It is best to create some extra demand in the south, rather than overheating the German economy.

Das ist natürlich etwas dran – und eine solche Stimulierung der Nachfrage im Süden könnte auch durch weniger strenge Sparauflagen erfolgen. Nur stoßen wir an dieser Stelle auf einen Zielkonflikt: Je stärker die Anpassung im Süden makroökonomisch flankiert wird, desto weniger Anpassung wird es geben. Denn preisliche Wettbewerbsfähigkeit und Nachfrage hängen voneinander ab. Im Extremfall voll ausgelasteter Kapazitäten werden die Löhne natürlich weiter kräftig steigen. Nun kann man seine Hoffnungen darauf setzen, dass die Wettbewerbsfähigkeit über Produktivitätsgewinne gesteigert wird, aber ich glaube, da hofft man lange.

(Ernüchterndes) Fazit: There is no easy way out. 

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Eine Umverteilung, in der man die Erfolgreichen auf den Stand der am wenigsten Erfolgreichen reduziert, hat schon im Sozialismus nicht funktioniert, aber in der Wirtschaft natürlich erst recht nicht.

    • 11. April 2012 um 16:08 Uhr
    • ergo sum
  2. 2.

    Überhitzung?
    Schaut euch doch mal die verrotteten Infrastrukturen an .

    Schulen
    Strassen
    Leitungen
    Netze
    Kraftwerke
    Fuhrparke

    und dann kommen noch die neuen nachhaltigen Techniken
    Wind
    Solar
    Speicherung
    Erdwärme
    Wasserströmung

    Wo soll denn da Überhitzung entstehen?

    Wie wär es mit Recycling der notwendigen Stoffe von steigende Preise und Knappheit?

    • 11. April 2012 um 16:13 Uhr
    • Rebel
  3. 3.

    Schieritz, Flassbeck und co. zeigen neben keine Lösung auf, weil es in der augenblicklichen Situation auch keine mehr gibt. Zwar kann eine Währungsunion bei permanenten Leistungsbilanzunterschieden nicht halten, so weit richtig, aber ein Leistungsbilanzabbau in Deutschland rettet Portugal, Spanien und Griechenland mit 100% Nettoauslandsschulden und permanenten weiteren Leistungsbilanzdefiziten nicht vor der Pleite, da der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, in einer globalen Welt; nur einen sehr, sehr geringen Einfluß auf deren Nettoauslandsschulden und Leistungsbilanzdefizite hat, also deren mittlerweile unabwendbaren Pleite.

    Selbstverständlich muss Deutschland langfristig von seinen nicht haltbaren Leistungsbilanzüberschüssen runter, aber zuerst müssen die Krisenländer mehr Exportvolumen produzieren, sonst geht die gesamte Eurozone bei 14% Nettoauslandsschulden und Kapitalflucht aus der Eurozone pleite. Die Pleite von Griechenland, Portugal und Spanien lässt sich nicht mehr vermeiden. Der Neuanfang und das größere Exportvolumen lassen sich für mich leider nur nach einer Pleite dieser Länder realisieren.

    Auch Wechselkurse regeln im Finanzkasino die Leistungsbilanzunterschiede noch lange nicht. Siehe UK und USA. Das Eurosystem könnte also für alle viele Voreile haben, aber eine vom internationalen Fianzkasino unangreifbare Währungsunion, auch einzelner Mitglieder muss folgende Randbedingungen erfüllen, leichte (+5%) Nettoauslandsguthaben, Leistungsbilanzüberschuss ca. 0,5%, Bandreite der Leistungsbilanzen innerhalb der Union +1% bis -0,5 und nicht zu strake Kapitalverflechtungen. So streng muss man haushalten, wenn man keine überraschenden Angriffe des internationalen Finanzkasinos will. Der Verlust von 5% Nettoauslandsguthaben via Finanzkasion wäre verkraftbar. Diese 5% bedrohen die anderen nicht, sondern schützt ausreichend vor dem Finanzkasino.

    • 11. April 2012 um 16:40 Uhr
    • Bernd Klehn
  4. 4.

    In der Frage bin ich mal nicht der Ansicht meines Gastgebers Kantoos: AD muss im Kern enstehen, nicht in der Peripherie. Zuviel AD in der Peripherie behindert Leistungsbilanzanpassung.

    Zugleichs bin ich der Ansicht Schieritz’ dass AD im Kern bereits ensteht – D, NL etc. sind naehe Kapzaitaetsauslastung, und wie in jeder Volkswirtscahft fuehrt dies zu Reflationierung von Loehnen und Preisen. D.h. die Aufwaerts-Anpassung im Kern findet statt ohne jede begleitende Politikmassnahme – wie man erwarten sollte.

    Schwierig hinzubekommen ist dagegen die Anpassung von Loehnen und Preisen nach unten in der Peripherie, um Wettbewerbsfaehigkeit wiederherzustelllen – wegen downward wage rigidity. Um sie zu uebewrinden sind Politikmassnahmen noetig (wie fiskalische Abwertung oder Flexibilisierung von Arbeitsmaerkten). Aber nicht um upward rigidigy ueberwinden – there is no such thing.

    • 11. April 2012 um 17:05 Uhr
    • HKaspar
  5. 5.

    @ HKaspar
    “die Aufwaerts-Anpassung im Kern findet statt”
    Aber in den letzten 4 Jahren halt nur sehr langsam, wie dieser LINK zeigt: bruegel.org/blog/detail/article/705-why-is-rebalancing-in-europe-so-painfully-slow
    Zugegeben in Zukunft vielleicht etwas schneller, aber wenn dies auf den HICP durchschlägt (und dass muss es m.E. wenn die Grössenordnung stimmen soll) wird die EZB ihr Inflationsziel (ihre heilige Kuh) von unter aber nahe bei 2 Prozent verteidigen. Dann ist dieser Anpassungsmechanismus auch futsch.

    • 11. April 2012 um 17:50 Uhr
    • jmg
  6. 6.

    @ jmg

    Jeder Anpassungsmechanismus ist bei anhaltender Kapitalflucht den Nettoauslandsschulden und den zwar geringeren Leistungsbilanzdefiziten der Krisenländer vor einer Pleite so oder so Illusion. Zu spät, zu spät.

    • 11. April 2012 um 18:16 Uhr
    • Bernd Klehn
  7. 7.

    @HKaspar

    Selbstverständlich ist die Anpassung der Löhne und Preise in den Südländern nach unten sehr schwierig. Dann sollte man halt die Löhne und Preise vor allem in Deutschland kräftig steigen lassen.

    Dazu muss die für die gegenwärtigen Verzerrungen der europäischen Löhne und Preise verantwortliche Agendapolitik der SPD/GRÜNEN endlich rückgängig gemacht werden. Der mit Hartz-Gesetzen geschaffene deutsche Niedriglohnsektor, auf den die Agendapolitiker so stolz waren, muss sofort weg. Das geht mit einem angemessenen Mindestlohn und durch die gleiche Entlohnung für Leiharbeiter und eine strikte gesetzliche Beschränkung der Leiharbeit wie vor der Agendapolitik.

    Die Agendapolitik von SPD und GRÜNEN hat den Euroraum derart aus dem Gleichgewicht gebracht und das lässt sich wieder rückgängig machen. Da heißt es jetzt ohne Zögern: Ran an die Reform der neoliberalen Deformpolitik unter Schröder/Fischer.

    • 11. April 2012 um 18:53 Uhr
    • W.Waldner
  8. 8.

    “Es ist international Konsens…”

    Also bei unserer ausländischen Konkurrenz. Na toll.

    “Das hat zur Folge, dass deutsche Unternehmen im Vergleich mit ihren Konkurrenten in Südeuropa tendenziell weniger wettbewerbsfähig werden – und deutsche Produkte durch italienische ersetzt werden.”

    Was ist das nur wieder für eine *Planwirtschaft*?!? Der Sinn des Wettbewerbs ist die Steigerung der Konkurrenzfähigkeit. Da wir keinen Raubtierkapitalismus pflegen wollen heisst das für uns, dass wir den Abgehängten auf ein höheres Niveau helfen müssen, anstatt uns selbst auf ihr niedrigeres Wettbewerbsniveau zu bringen. Nur so ist die Euro-Zone am Ende insgesamt besser gestellt als vorher.

    Ich verstehe ja das drastische Lohnsteigerungen ins gesellschaftliche Konzept der politischen Linke passen, es hebelt aber die Gesetze der Weltwirtschaft nicht aus. Dies wäre ein gefährlicher Präzedenzfall:

    Wenn die Euro-Zone sich der Wettbewerbsfähigkeit ihrer schwächsten Mitglieder anpasst, dann wird die Euro-Zone langfristig ganz offensichtlich zum Griechenland der internationalen Wirtschaftsblöcke.

    Aber nein, die politische Linke konzentriert sich bei ihrer Argumentation ausschließlich auf innereuropäische Gleichgewichte um ein Scheinargument für ihre ideologische Agenda von Lohnerhöhungen zu haben.

    Alex

    • 11. April 2012 um 19:22 Uhr
    • Alex
  9. Kommentar zum Thema

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