So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Marktteilnehmer haben nichts gegen Hollande

Von 7. Mai 2012 um 13:11 Uhr

Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird – das ist heute früh die Reaktion der Märkte auf das Ergebnis der französischen Wahlen. Das Programm von François Hollande hätte Angst und Schrecken auslösen können, hat es aber nicht. Weder die Pläne, den Grenzsteuersatz auf 75 Prozent anzuheben, das Rentenalter zu senken statt zu erhöhen, die Europäische Investitionsbank zu deutlich mehr Ausgaben (und de facto zur massiven Emission von Euro-Bonds) zu animieren noch, das Mandat der EZB um einen Wachstumsauftrag zu ergänzen, haben die Anleger wirklich beunruhigt.

Der Euro ist gegenüber Freitag nur ein bisschen schwächer (1,3023 Dollar), von Panik also keine Spur. Die französischen Aktienkurse sind zwar heute um knapp ein Prozent gesunken, aber das war weniger als der Rückgang der deutschen und erst recht der asiatischen Kurse. Am Rentenmarkt Eurolands hält die Hausse an, weil sich an den pessimistischen Wachstumsprognosen nichts geändert hat und nach wie vor mit sinkenden Inflationsraten gerechnet wird. Das könnte mit dem kollabierenden Ölpreis zu tun haben. Überraschend ist, dass der französische Markt für Staatsanleihen im Augenblick, Wahlergebnis hin oder her, besser läuft als der deutsche. Im Zehnjahresbereich ist die Rendite um fünf Basispunkte auf 2,77 Prozent gesunken, während die der Bundesanleihen nur um einen Basispunkt auf 1,58 Prozent (!!) gefallen ist.

Ich vermute, dass der Euro vor allem wegen des griechischen Wahlergebnisses etwas schwächelt, nicht wegen des französischen: Die Aktienkurse an der Börse in Athen sind um mehr als sechs Prozent eingebrochen, und die Renditen der zehnjährigen griechischen Staatsanleihen sind fast um zwei volle Prozentpunkte auf 21,76 Prozent in die Höhe geschnellt.

Nein, bisher spricht aus Sicht der Marktteilnehmer nichts gegen François Hollande. Offenbar werden ihm Kompromissbereitschaft und Pragmatismus zugetraut, und es hilft nach den fünf Jahren mit seinem zappeligen Vorgänger vielleicht auch, dass er eher als langweilig rüberkommt. Gerade für die detailorientierte und nicht so auf Außenwirksamkeit bedachte deutsche Kanzlerin dürfte die Zusammenarbeit möglicherweise einfacher sein als mit Sarkozy. Es hat in Frankreich kein Erdbeben gegeben.

Aus meiner Sicht, oder besser: aus der Sicht derer, die es gut fänden, wenn Deutschland angesichts des niedrigen Haushaltsdefizits und der durch den Euro begünstigten rekordniedrigen Zinsen mehr für die Expansion der Nachfrage und damit der Konjunktur täte, ist der neue französische Präsident vermutlich sogar ein Glücksfall. Dabei bin ich mir im Klaren, dass die Spielräume allgemein als sehr gering eingeschätzt werden, weil die skeptischen Kapitalmärkte immer mit am Tisch sitzen werden, wenn Merkel und Hollande verhandeln. Ich finde diesen Aspekt allerdings nicht so entscheidend, und eigentlich auch nicht durch die Zahlen belegt. Warum können sich sowohl Deutschland als auch Frankreich zu so niedrigen Zinsen verschulden? Warum wird ihnen das Geld gewissermaßen geschenkt? Vor allem wohl, weil beiden Ländern zugetraut wird, dass sie verantwortungsbewusst damit umgehen werden.

Ich vermute, dass daher auch ein größerer Schritt in Richtung Fiskalunion und Transferunion von den Marktteilnehmern honoriert werden würde, etwa ein größeres Volumen gemeinsamer Anleihen oder die Stärkung des Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM. Das neue Tandem an der Spitze Europas sollte es mal versuchen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Hollande ein Glücksfall für Merkel”. War die Überschrift für meinen
    Beitrag heute früh in Zeit-online. Offensichtlich neigen sie meiner Meineung zu,wenn auch mit etwas anderer Begründung.

    • 7. Mai 2012 um 14:45 Uhr
    • Halapp
  2. 2.

    Ich weiß ja nicht, einerseits diagnostizieren und diskutieren wir hier immer wieder das Marktversagen der letzten Jahre, aber wenn’s grad in den Kram passt, dann werden sie doch wieder als Kronzeugen angeführt.

    Ich bin ja Ihrer Meinung, aber auf die Meinung der Märkte gebe ich schon lange nix mehr.

    Zum Thema Glücksfall: Könnte schon sein, das Merkel wie bei Fukushima Hollande als Vorwand nimmt um bisherige Positionen, die sie als Irrweg erkannt hat, zu räumen. Damals saßen die Energiekonzerne ebenfalls am Tisch, so wie heute (ihrer Meinung nach) die Kapitalmärkte. Mal schauen ob sich Merkel (auf gut bayrisch) etwas darum sch….

  3. 3.

    Mal kurz zusammengefasst. Zuerst hieß es: Wir schaffen eine Währungsunion ohne gegenseitige Haftungsverpflichtung. Dann wurde eine gemeinsame Schuldenhaftung um den Preis einer neuerlichen “verschärften” Stabilitätsverpflichtung, Fiskalpakt genannt, vereinbart. Nun wird der Fiskalpakt, obwohl noch nicht mal durchgängig ratifiziert, schon argumentativ in die Tonne getreten (Kündigen muss man ihn ohnehin nicht. Es reicht ja, ihn ggf. nach bewährtem Muster einfach zu unterlaufen). Was sagt das über die Haltung derjenigen, die solches politisch betreiben, über die Menschen (Staatsbürger), die sie auf derart unverfrorene Weise verschaukeln? Und glauben sie wirklich, dass die das immer weiter mit sich machen lassen?

    • 7. Mai 2012 um 18:20 Uhr
    • alterego
  4. 4.

    Kleine Nachbemerkung:

    Das Wort ‘Marktteilnehmer’ hat IMHO das Zeug zum Euphemismus des Jahres.

    Wer kann denn am Markt teilnehmen? Nur der, der das nötige (Spiel)geld hat. Also in der Hauptsache Menschen mit Vermögen also Vermögende, vulgo Reiche.

    Die Überschrift des Beitrags lautet eigentlich: Die Reichen haben nix gegen Hollande.

    Das ist eigentlich schon fast wieder bedenklich, schließlich will Hollande genau diesen Leuten eine Menge Geld abknöpfen. Eigentlich sollten die Reichen eine Menge gegen ihn haben. Warum sind die so still?

  5. 5.

    Warten wir doch einmal ab, welche Politik Hollande verfolgt.

    Er ist nicht nur gewählt worden, weil man eines Sarkozy, auch seines Gehabes wegen, überdrüssig war. Hollandes Wähler wollen keine harte Verzichtpolitik, sondern „Gerechtigkeit“ – genau das, was er auf der Siegesfeier bestätigt hat und wofür er mit großen Erwartungen bejubelt wurde.

    Liefert er, werden die Märkte die Karte in immer dunkleren Farben zücken, bis er – wie einst Mitterand – begreift, dass er damit das Land ins Abseits führt. Liefert er nicht, werden seine Wähler die Karte zücken und das Land immer wieder mit Massenstreiks lahmlegen.

    So oder so, er wird irgendwann entzaubert sein.

    Interessant wird sein, wie Merkel reagiert.

    Voll auflaufen lassen kann sie ihn nicht. Das Mindeste, was sie Hollande und anderen wird zugestehen müssen, ist ein „Wachstumspakt“. Der wird ganz sicher ein innenpolitisches Thema werden, wenn sich damit unsere Haftungssumme erhöhen sollte.

    Im Übrigen:

    >Warum können sich sowohl Deutschland als auch Frankreich zu so niedrigen Zinsen verschulden? Warum wird ihnen das Geld gewissermaßen geschenkt? Vor allem wohl, weil beiden Ländern zugetraut wird, dass sie verantwortungsbewusst damit umgehen werden.>

    Verantwortungsvoll damit umgehen – das ist reine Spekulation.

    Frankreich und Deutschland sind einfach in einer besseren Lage und damit sicherer für Gläubiger.

    Das hat nichts mit ZUKÜNFTIG verantwortlichem Umgang zu tun.

    In Demokratien können Regierungen nicht verantwortungsbewusst mit Geld umgehen, d. h. die durch Kreditaufnahme zufließenden Mittel ganz oder zumindest überwiegend für Investitionen ausgeben, geschweige denn Einnahmen und Ausgaben dauerhaft in Einklang bringen. Das hat es über die letzten Jahrzehnte nicht gegeben. Warum soll das in der Zukunft möglich sein? Weil man sich zu einer Schuldenbremse bekennt und einen Stabilitätspakt geschlossen hat?

    • 7. Mai 2012 um 23:07 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    #3

    Die Südeuropäer akzeptieren die deutsche Philosophie nicht und haben es nie getan; sie haben sie lediglich zum Schein geduldet, solange es zu ihrem Vorteil war. Auch jetzt ist der Fiskalpakt nur “lip service” um weitere deutsche Gelder locker zu machen.

    Alex

    • 7. Mai 2012 um 23:23 Uhr
    • Alex
  7. 7.

    @ Alex

    Der Fiskalpakt ist eine Beruhigungspille unserer Regierung, um uns zu sagen: Die Peripherie und alle anderen werden ab jetzt so verantwortlich wie wir mit Geld umgehen, also können wir sie doch dabei guten Gewissens unterstützen.

    Die Tinte unter dem Fiskalpakt ist noch nicht mal überall getrocknet, da zwingen die Wähler immer mehr Regierungen in Europa, ihm DE FACTO abzuschwören.

    Ich sehe nicht, wie man die jüngsten Ereignisse anders interpretieren kann.

    • 8. Mai 2012 um 00:04 Uhr
    • Dietmar Tischer
  8. 8.

    @6
    Stimmt zwar. Aber das berechtigt unsere Politiker, die die Interessen des deutschen Volkes zu vertreten haben, noch lange nicht, dieses für dumm zu verkaufen.

    • 8. Mai 2012 um 01:32 Uhr
    • alterego
  9. Kommentar zum Thema

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