So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Jens Weidmanns erste Prüfung

Von 12. Mai 2012 um 13:23 Uhr

Als Axel Weber vor ein paar Jahren sein Amt antrat, ließ er in einem Interview den Satz fallen, die Geldmenge sei für die Geldpolitik vielleicht nicht mehr so zentral wie man das einmal gedacht hatte. Die FAZ schrieb damals “Bundesbank vollzieht Wandel in der Geldpolitik” auf ihrer ersten Seite. Weber machte einen Rückzieher und gab von nun an den Falken – dabei war es nur stating the obvious.

Jens Weidmann befindet sich jetzt in einer ähnlichen Situation. Wer die Aussagen der Bundesbank zur Inflation anstößig findet der kann  – wie ich geschrieben haben – entweder nicht rechnen oder ruft zum Vertragsbruch aus. Natürlich muss die Inflation in Deutschland höher sein, wenn sie im Süden niedriger ist und der Durchschnitt unverändert bleiben soll (eine ganz andere Debatte ist, ob man das Inflationsziel erhöhen soll).

Aber es gibt Kräfte in Deutschland, die selbst das schon als Zugeständnis empfinden und von der Bundesbank erwarten, die Inflation so niedrig wie nur möglich zu halten. Das ist natürlich volkswirtschaftlich vollkommener Unsinn, aber es gibt hierzulande ja auch durchaus einflussreiche Ökonomen, die die Staatsschulden auf Null zurückfahren wollen.

Ich habe immer geglaubt, dass die Gefahr für die Unabhängigkeit der Bundesbank nicht von links kommt, sondern von rechts. Weidmann wird die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben, wenn er sich gegen Lafontaine oder irgendwelche Südeuropäer positioniert. Da kann er aus taktischen Gesichtspunkten keinen Fehler machen.

Mut hingegen erfordert es, sich gegen die konservativen Kräfte an den Universitäten und mehr noch in den Redaktionsstuben zu stellen, wenn es das eigene Mandat erfordert. Das wäre echte Unabhängigkeit.

Ich bin gespannt und beobachte.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Interpretationen derartiger Äußerungen halte ich für müßig. Was die Politik angeht, kommt es zwar auch darauf an, wer gerade regiert. Dennoch gehe ich davon aus, dass sich eine deutsche Bundesregierung und eine deutsche Bundesbank immer ihrem Land und seinen Bürgern verpflichtet fühlen. Sie darf und wird (jedenfalls so lange nicht die Sozialisten regieren) deshalb nicht zulassen, dass die Kaufkraft der Währung erodiert und die freiwilligen außereuvertraglichen Finanzhilfen nicht zu einem Fass ohne Boden mutieren. Ich hoffe daher, dass es einen Plan B gibt (und gehe eigentlich auch von dessen Existenz aus), der es Deutschland im Verein mit anderen notfalls ermöglicht, aus der EWU auzuscheiden, bevor diese auch unsere Volkswirtschaft ruiniert.

    • 12. Mai 2012 um 14:15 Uhr
    • alterego
  2. 2.

    @mark schieritz

    “Ich habe immer geglaubt, dass die Gefahr für die Unabhängigkeit der Bundesbank nicht von links kommt, sondern von rechts”.

    Die Gefahr kommt von den Pauschalisten, egal ob “rechts” oder “links”, die das ist “gut” und das ist “Unsinn” pauschalieren, halt nur meinen, aber nichts tiefergehend mal erkennen.

  3. 3.

    Politiker, und dazu gehört auch ein Bundesbankchef, sehen sich nicht selten gezwungen, vage Äußerungen zu machen, die dann von der Presse umgedeutet werden. Weidmanns amerikanischer Kollege Greenspan, ein Meister der Sprache, gefiel sich deshalb oft darin, mit Absicht orakelhaft und vieldeutig zu reden.

    Gestern jedoch wurde selbst er ganz eindeutig und unmissverständlich, als er sagte, der Euro könne ohne politische Union einfach nicht überleben:

    opinion.financialpost.com/2012/05/11/only-resolution-to-euro-crisis-is-political-union-alan-greenspan/

  4. 4.

    @ dunnhaupt

    Fährst Du immer noch auf Kaffeesatzleser ab?
    Mehr als vier Jahre Lernzeit sollten doch genug sein!
    Ansonsten lese dies :

    “Die Geldmenge lässt sich nicht eindeutig definieren
    Da die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Einlagearten und
    kurzfristigen Finanzinstrumenten fließend sind, lässt sich die Geldmenge nicht eindeutig definieren. Letztlich hängt es beispielsweise von der Fragestellung einer Untersuchung ab, welche Einlagearten man zum Geld rechnet und welche nicht bzw. welche
    Geldmenge man in der Untersuchung verwendet.
    Vor diesem Hintergrund haben andere Länder ihre Geldmengen nach anderen
    Kriterien definiert, beispielsweise die Schweiz und die USA.”

    aus:

    bundesbank.de/download/bildung/geld_sec2/geld2_gesamt.pdf

    für den normalen Schüler … vom Axel Weber, der hat sich schon gen Schweiz verabschiedet.

    • 12. Mai 2012 um 17:18 Uhr
    • Rebel
  5. 5.

    Um Weidmann braucht man sich – im Augenblick wenigstens – keine Sorgen zu machen.

    Seien Position ist eindeutig vertragstreu:

    Die Geldpolitik für die EWU ist auch die Geldpolitik für Deutschland. Sie ist Sache der EZB und nicht die der Bundesbank (über den Einfluss hinaus, der ihr bei der EZB zusteht).

    Damit sind auch die Konsequenzen dieser Geldpolitik für Deutschland zu akzeptieren – soweit das die Bundesbank betrifft.

    Darüber hinaus sieht er sich auch dem verpflichtet, was er als Deutschlands Interesse ansieht.

    Deshalb als Ergänzung:

    Andere Institutionen können sich sehr wohl den Konsequenzen der EZB- Geldpolitik widersetzen, wenn sie dabei keine Verträge verletzen. So könnte die Regierung mittels Fiskalpolitik möglichen Inflationsraten in Deutschland, die als zu hoch erachtet werden, entgegenwirken.

    Das mag Krugman und anderen nicht gefallen, ist aber eine rechtlich nicht angreifbare Position.

    Vertragstreu zu sein, heißt eben nicht, Handlungsoptionen aufzugeben, die keiner vertraglichen Vereinbarung unterworfen sind.

    Viel mehr Augenmerk haben Leute wie Juncker verdient:

    spiegel.de/politik/ausland/eurogruppen-chef-juncker-warnt-vor-zu-viel-druck-auf-griechenland

    Daraus:

    “Ich bin nicht a priori darauf festgelegt, dass wir jetzt auf den Monat genau die vereinbarten terminlichen Zielerfüllungen haushaltspolitischer Natur unbedingt beibehalten müssen”, sagte Juncker. Er habe kein Problem damit, dass Griechenland zum Beispiel ein Jahr mehr Zeit bekomme, das vertraglich vereinbarte Konsolidierungsprogramm umzusetzen.“

    An den vertraglich vereinbarten Konsolidierungszielen dürfe jedoch nicht gerüttelt werden. Griechenland müsse sich sanieren und die Verträge erfüllen, wenn es europäische Finanzhilfen und den Euro behalten wolle.“

    Das ist ein unverhüllter AUFRUF zum Vertragsbruch.

    Und das auch noch widersprüchlich formuliert und mit der Billignummer, die Zeitdimension der Vereinbarungen einfach rauszunehmen und damit den Vertrag auf Konsoldierungsziele zu reduzieren.

    Restliche Peripherie und auch Frankreich und Holland (vereinbarte Defizitziele) genau hinhören – hier werden ganz neue Gestaltungsperspektiven eröffnet!

    Man muss sich frage, was Verträge überhaupt noch wert sind, wenn solche Leute sich solchermaßen äußern. Glaubt wirklich noch jemand, dass z. B. der Stabilitätspakt umgesetzt wird?

    Und:

    Wenn praktisch alle die Verträge brechen, kann dann nicht auch jeder – also auch wir – sagen, das war es dann, wir sehen keinen Sinn mehr in der Veranstaltung?

    Meine Lebenserfahrung sagt mir jedenfalls, dass es sinnlos ist, immer wieder Vereinbarungen treffen zu wollen, wenn diese kontinuierlich gebrochen werden.

    • 12. Mai 2012 um 17:56 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    Pasta sunt servanda

    Was aber wenn die pacta an der Realität vorbei gehen? Man muß doch dazu lernen dürfen!

  7. 7.

    Natürlich, man kann ja auch Regelwerke reformieren. Aber ad hoc aus einer womöglich vermeintlichen Notlage heraus Gesetze einfach kreativ neuzuinterpretieren diskreditiert die Europäische Union insgesamt.

    Das war doch immer ein Teil der Probleme von 3. Weltländern: keine Verlässlichkeit, keine Regeltreue, keine Verbindlichkeit. Berechenbarkeit ist ein Teil des Fundament des deutschen Wohlstands und einer der Hauptgründe dafür, warum Deutschland trotz seines Schuldenstands hohe Bonität genießt.

    Aber wenn die bösen, bösen Märkte dann irgendwann für alle Euro-Staaten 4 bis 5% Zinsen wollen, weil man da überhaupt kein Zutrauen mehr haben kann, dann muss reguliert werden, jawoll!

    Wenn man dazulernen darf, darf Deutschland dann unilateral einfach so aus dem Euro raus? Wer bestimmt, wann man dazulernen darf und wann das gar kein dazulernen ist?

    tl;dr= Berechenbarkeit ist ein wertvolles Gut (siehe alleine die Kosten für Zinsaufschläge); bevor man das aus der Hand gibt, sollte man sich sicher sein, dass das was man dafür erhält, wertvoller ist.

    Alex

    • 12. Mai 2012 um 19:13 Uhr
    • Alex
  8. 8.

    Klarkann man dazulernen. In diesem Fall muß der Vertrag neu verhandelt werden. Wie lange das in der EU dauert, weiß man ja.

    • 12. Mai 2012 um 19:40 Uhr
    • gojko
  9. Kommentar zum Thema

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