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Hans-Werner Sinns Denkfehler

Von 13. Juni 2012 um 23:36 Uhr

Die FAZ bringt einen langen Text über Hans-Werner Sinn, der viele kluge Gedanken enthält, aber auch den zentralen Denkfehler seiner Argumentation offenbart. Es geht natürlich um Target 2 und die deutschen Auslandsforderungen:

Bislang kauften Banken und Versicherungen für unsere Exportüberschüsse und die dahinterstehenden Ersparnisse im Ausland marktfähige Wertpapiere.

Jetzt aber laufe das nicht mehr, weil in Deutschland niemand mehr bereit sei Wertpapiere aus Südeuropa zu kaufen. Die deutschen Banken lagern ihr Geld lieber bei der Bundesbank. Dafür springe die EZB ein und finanziere anstelle der deutschen Sparer die Importe der Peripheriestaaten. Damit ändert sich der Charakter der Auslandsforderungen.

Etwa 640 Milliarden unseres Privatvermögens, das wir in Form von Lebensversicherungspolicen und Spargeldern haben und das im Euro-Ausland angelegt wurde, bestehen heute nur aus Forderungen gegen die Bundesbank. Und die Bundesbank hat Forderungen gegen ein EZB-System, Forderungen, die sie niemals fällig stellen kann.

Der Denkfehler liegt in dem Wörtchen nur. Deutschland hat jahrelang mehr exportiert als importiert und dafür Forderungen angehäuft. Diese Forderungen würden auch ohne Target 2 noch existieren. Mehr noch: Wenn die EZB nicht eingesprungen wäre, hätten sie sich schon längst in Luft aufgelöst. Warum? Weil die Banken in Italien und Spanien kollabiert wären – und das deutsche Geld erst recht weg gewesen wäre.

Die Targetisierung der deutschen Auslandsforderungen – also die Umwandlung von Forderungen an Private in Forderungen an das Notenbanksystem – ist aus Sicht der deutschen Sparer sogar vorteilhaft. Denn wenn tatsächlich ein Land ausfällt, werden die Verluste unter den verbleibenden Notenbanken aufgeteilt. Ohne Target müssten die Deutschen die Verluste alleine tragen.

Es wird sogar noch besser: Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Bundesbank ihre Verbindlichkeiten gegenüber den deutschen Banken nicht bedient. Sie kann zwar ihrerseits möglicherweise die entsprechenden Forderungen gegenüber dem Eurosystem nicht eintreiben, doch sie wird dann einfach Ausgleichsforderungen in ihrer Bilanz stehen lassen und verwerten, was noch zu verwerten ist.

Das Zahlungsverkehrssystem der EZB hat es den deutschen Banken also ermöglicht, deutsche Spargelder aus dem Ausland zurückzuholen und in sichere Forderungen gegenüber der Bundesbank zu verwandeln. Aus diesen und anderen Gründe haben Sebastian Dullien und ich in einem Aufsatz für Vox argumentiert, dass die deutschen Sparer dankbar sein müssen, dass es Target gibt.

Target 2 entwertet also nicht die deutschen Auslandsforderungen, es sichert sie ab, so lange es eben irgendwie geht. Target 2 ist ein Rettungsschirm für deutsche Sparer. Man kann aus vielen Gründen gegen die Liquiditätsmaßnahmen der EZB sein, die Sicherheit der deutschen Spargelder ist definitiv keiner.

Anders gesagt: Die Ursünde ist der Exportüberschuss, nicht das Target-System.

Kategorien: Der Zeitungsleser
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Die Ursünde ist der Exportüberschuss, nicht das Target-System.”

    Falsch. Die Ursünde ist die Kreditvergabe, die diese Exportüberschüsse ermöglicht hat. Die erfolgreichen deutschen Exporteure zum Sündenbock zu machen ist inakzeptabel. Stattdessen wäre es angemessener an dieser Stelle mal die Kreditgeber (Banken) zu hinterfragen.

    Alex

    • 14. Juni 2012 um 01:22 Uhr
    • Alex
  2. 2.

    Mark Schieritz berichtet aus dem Paralleluniversum, dort wo “falsch” noch richtig ist und “richtig” falsch.

    • 14. Juni 2012 um 01:29 Uhr
    • PBUH
  3. 3.

    Der Andre Kühnlenz
    wirtschaftswunder.ftd.de/2012/06/11/target-rumgejammer/#more-20569
    regt zum Nachrechnen an.

    • 14. Juni 2012 um 01:38 Uhr
    • Rebel
  4. 4.

    Die Ursünde war das rotzgrüne Lohn- und Sozialdumping, das in Deutschland die Löhne hat stagnieren und den Binnenmarkt hat einbrechen lassen und die Überschüsse im Export mangels Kaufkraft der deutschen Arbeiter zu immer noch höheren Forderungen an das Ausland hat auflaufen lassen.

    Die Mechanismen zu beklagen, mit denen diese Forderungen eines Tages entwertet werden, hat wenig Sinn. Die deutschen Exportüberschüsse müssen möglichst schnell durch die vollständige Rücknahme der rotzgrünen Agendapolitik und daraus resultierend mit Lohnsteigerungen und höheren Sozialleistungen und daraus resultierend höheren Importen Deutschlands auf Null gebracht werden.

    Natürlich wird versucht werden, die Kosten der Forderungsausfälle zuletzt noch bei den deutschen Rentnern, Kranken, Erwerbslosen und Arbeitern wieder einzusparen um das Geld der reichen Ausbeuter auf den Banken zu retten.

    • 14. Juni 2012 um 07:40 Uhr
    • W.Waldner
  5. 5.

    “In der Ökonomie gibt es immer Alternativen. Die Frage ist nur, wem sie nützen und wem sie schaden. Man hat entschieden, Privatbanken zu retten. Schulden von privaten Banken werden mit einem Federstrich zu Staatsschulden gemacht und der Allgemeinheit aufgelastet. Gerettet werden Banken, nicht nur spanische, sondern auch deutsche, französische, britische und US-amerikanische Banken. Mit dieser Operation wird klar, dass wir mit einem Problem des privaten Finanzsystems zu tun haben. Wir als einfache Bevölkerung sollen die Verrücktheiten des Privatkapitals bezahlen, weil es pleite ist.”

    http://www.heise.de/tp/artikel/37/37083/1.html

    Gerettet werden nicht nur Banken.

    Sondern auch deutsche Unternehmen, die ihre Überschüsse im Bankensystem angelegt haben.

    Dafür wird eine Schmierenkomödie aufgeführt.

    Inszenierung Fiskalpakt, der dadurch durchgesetzt werden soll, dass der Öffentlichkeit ein dramatischer Zeitdruck vorgespielt wird.

    Alternativen zum Fiskalpakt werden weder in den Medien genannt noch dort breit diskutiert.

    Ich finde es beunruhigend, wenn ein Kaugummibegriff wie strukturelles Defizit in Zukunft 2 – 3 Experten die MACHT geben soll über den Umfang von Staatshaushalten und des Sozialstaates bestimmen zu dürfen.

    • 14. Juni 2012 um 08:07 Uhr
    • Marlene
  6. 6.

    Klar, ist Target2 gut für einige (!) Sparer. Aber nicht für alle.
    …und sicher nicht für den Steuerzahler. Es handelt sich um eine Verschiebung des Risikos vom privaten in den öffentlichen Sektor. Es ist und bleibt ein Netto-Wohlfahrtsverlust für Deutschland.

    • 14. Juni 2012 um 08:19 Uhr
    • Kurt Becker
  7. 7.

    @1 Richtig, ohne Finanzierung der Überschüsse, wären diese nie so hoch geworden

    @4 Auch alles richtig.

    Wenn’s nicht so ernst wäre, müsste man drüber lachen: Obwohl seit 5 Jahren klar ist, dass die Schulden nur von einem zum anderen weitergereicht werden würden wie eine heiße Kartoffel, wundern wir uns immer noch, dass sie immer wieder auftauchen, jetzt halt im Targetsystem. Wieso halten wir uns mit dieser, trotz oder gerade wegen der Beteiligung von Hans Wurst Sinn, sinnlosen Debatte auf?

    Entscheidend ist, dass die Schulden auf einer erträgliches Maß runterkommen und das geht nur wenn die spiegelbildlichen Vermögen reduziert werden. Das jetzige Spiel dreht sich nur darum, dass alle versuchen anderen den schwarzen Schuldenpeter zuzuschieben um selbst ihr Vermögen zu behalten.

    Umverteilung ist das Gebot der Stunde u.a. durch die Maßnahmen die Kollege Waldner in #4 nennt.

  8. 8.

    #4

    Was machen Sie eigentlich wenn irgendein anderes Land dann “rotzgrüne” “Lohndumpingspolitik” betreibt um seinen Export zu stärken und so droht uns langfristig in “Griechen” zu verwandeln? Wir leben in einer Weltwirtschaft in der auch Nationalökonomien um Marktanteile konkurrieren und dieser Wettbewerb findet über Qualität einerseits und über Kosten (und damit auch Personalkosten) andererseits statt.

    Und das Land, dessen Arbeitnehmer am Ehesten bereit sind auf “angemessene” (?) Löhne zu verzichten, das wird Kostenvorteile in diesem Wettbewerb haben, die sich in Marktanteilen und damit Investitionen/Steuereinnahmen/Arbeitsplätzen niederschlagen. Und die Länder, die dazu nicht bereit sind, die können nicht mehr so ganz mithalten. Siehe Griechenland et al.

    Die Arbeitnehmer dieser Welt stehen in einem Lohnwettbewerb miteinander. Und da Gewerkschaften nicht international handlungsfähig sind können die Arbeitgeber die Arbeitnehmer verschiedener Länder bequem gegeneinander ausspielen.

    Vor diesem Hintergrund macht die Agenda 2010 absolut Sinn. Solange es keine globale Wettbewerbsordnung gibt, die das “Lohndumping” begrenzt – sei es durch gesetzliche Regelungen oder internationale Gewerkschaften, solange ist es besser das zu tun was nötig ist um als Nationalökonomie erfolgreich zu sein.

    Alex

    • 14. Juni 2012 um 10:05 Uhr
    • Alex
  9. Kommentar zum Thema

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