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Endzeitstimmung

 

Hier kommt eine Insider-Information: Ich habe vor ein paar Wochen von einem Gespräch unter Mitgliedern des Bundeskabinetts gehört, in dem es darum ging, dass es den Euro in zwei Jahren nicht mehr geben werde.  Ich weiß nicht, ob der Bericht korrekt war, aber mehr und mehr ist das auch mein Basisszenario.

Ich hatte zwischenzeitlich gehofft, dass die Interventionen der Europäischen Zentralbank um die Jahreswende in Kombination mit dem damals ebenfalls diskutierten Sprung in eine politische Union den Zerfall aufhalten können, aber diese Hoffnung hat sich als trügerisch erwiesen. Warum?

Weil erstens die Intervention der EZB vor dem Hintergrund der konjunkturellen Eintrübung und der katastrophalen Finanzierungsbedingungen in den Krisenstaaten inadäquat war. Noch immer kommen die geldpolitischen Impulse dort nicht an, zahlen Unternehmen und staatliche Stellen horrende Zinsen, obwohl der Leitzins niedrig ist.

Und weil zweitens die Bereitschaft zu eben jener politischen Union weder im Norden noch im Süden gegeben ist. Wenn Angela Merkel von Zentralisierung spricht, dann meint sie damit die Abgabe von Kompetenzen und die Harmonisierung von Regeln – und ganz am Ende erst möglicherweise eine Haftungsübernahme. Wenn Mario Monti von Zentralisierung spricht, dann meint er damit eine Haftungsunion und ganz am Ende die Abgabe von Kompetenzen. Und vom deutschen Stammtisch in seinen Ausformungen (Freie Wähler, Hans-Olaf Henkel, Bund der Steuerzahler, Stefan Homburg) habe ich noch nicht einmal gesprochen.

Wir brauchen natürlich beides, und vor allem brauchen wir es bald  –  und das wird nicht geschehen. Die Bankenunion wird die nächste Enttäuschung. Die Zustimmung der Kanzlerin bezieht sich bislang nur auf die gemeinsame Aufsicht für die größten Institute. Wenn die Deutsche Bank und die Commerzbank von der EZB statt von der Bundesbank und der Bafin beaufsichtigt werden, dann wird für sie kein politisches Kapital vernichtet. Wenn aber deutsche Sparer oder ultimativ der deutsche Staat für Einlagen in anderen Ländern haften, dann sieht das schon anders aus. Der übermächtige Sparkassenverband arbeitet bereits an einer Kampagne gegen das Projekt.

Kurz gesagt: Ich glaube nicht, dass sich in Europa eine echte politische Union verwirklichen lässt und deshalb glaube ich auch, dass das Schicksal des Euro besiegelt ist. Eine Währung ohne Staat wird auf Dauer nicht überleben – und Europa ist für diesen Staat offensichtlich nicht bereit, zumal wenn er durch die Währung erzwungen wird.

Auch die Amerikaner brauchten von Hamilton bis zu den Vereinigten Staaten von Amerika in der jetzigen Form einige Jahrzehnte und einen ziemlich blutigen Bürgerkrieg.

Aber vielleicht irre ich mich ja auch, und alles wird gut.

124 Kommentare

  1.   egghat

    Die Rettung wird verschlafen und damit immer teurer. Gleichzeitig geht auch immer mehr Vertrauen verloren und das wieder herzustellen, dauert dann auch immer länger. Dadurch wird auch immer teurer.

    Da kann ich schon verstehen, dass man die Hoffnung verliert.

  2.   krisensorge

    Warum sagen das Politiker nicht öffentlich?

    Die Entwicklung ist doch logisch: Deutschland sitzt mit den Südländern in einem Boot. Durch immer mehr Rettungspakete, die in der Hauptsache von Deutschland gestemmt werden, ist bald auch kein Rettungsnot mehr vorhanden, um das sinkende Schiff zu verlassen. Mir ist unklar, warum in der Politik das Thema “Austritt aus dem Euro” ein Tabu ist. Auf krisentalk.de haben wir viele Bundestagsabgeordnete befragt. Die Frage nach “Raus aus dem Euro?” hat nicht einer ernsthaft beantwortet…

  3.   Wirtschaftsphilosoph

    Alles wird gut – indem der Euro verschwindet. Eine gute politische Union lässt sich nicht über eine schlechte Währung begründen. Der nächste Versuch sollte mit einer breiten europäischen Öffentichkeit beginnen, dann demokratische Institutionen über demokratische Verfahren aufbauen, um erst danach an Gemeinschaftsschulden und Haftungsgemeinschaft zu denken, die mit einer gemeinsamen Währung gekrönt werden könnten.


  4. wie egghat plus die koalition derer, die den euro schon immer nicht haben wollten macht es leicht gegen den euro zu sein.

    erstaunlich finde ich nur, dass im gesamten mainstream journalismus offensichtlich niemanden mehr gibt, der sich die hintergründe anschaut und veröffentlicht warum z.b. aktuell spanien unter “beschuss” der finanzmärke steht. “nur” die schuldenlast kann es an sich nicht sein.

    japan, die usa oder das vereinigte königreich haben nicht minder schuldenprobleme; eher höhere – bleiben aber von alle dem ziemlich verschont. wäre schon eine frage, ob und wer unter umständen am niedergang des euros finanziell und/oder politisch verdient.

    ja, jetzt kommt wieder der seitenhieb vt & co.

    aber selbst wenn man den punkt ausschließt, wo sind die euro überzeugten schreiber und wirtschaftsexperten gegen den neoliberalen dummschwatz hin abgetaucht? in der öffentlichen wahrnehmung? es ibt sie. ist es eventuell so, dass in den redaktionen gefordert, die negativen aspekte – die es sicher gibt – in den vordergrund zu zerren und permanent zu wiederholen, weil man mit anti-euro zeilen auflage macht?

    also ans werk herr schieritz.

    schreiben sie sich die finger wund pro euro rettung, wenn sie den euro gerettet sehen wollen. nicht weil der euro das beste ist, was es gibt, sondern weil die abwicklung des euros nicht nur wirtschaftlich unbezahlbar, aber vor allem sozial friedlich und politisch stabil ein enormes risiko darstellt.

  5.   Dietmar Tischer

    >Eine Währung ohne Staat wird auf Dauer nicht überleben – und Europa ist für diesen Staat offensichtlich nicht bereit, zumal wenn er durch die Währung erzwungen wird.>

    Mensch, Schieritz, endlich ist der Groschen gefallen.

    Warum hat das so lange gedauert?

    >Aber vielleicht irre ich mich ja auch, und alles wird gut.>

    Konsequent bleiben, wenn sich eine Überzeugung herausgebildet hat.

    Deshalb:

    „Aber vielleicht irre ich mich ja auch, und alles wird schlecht“.

    @ Wirtschaftsphilosoph

    >Eine gute politische Union lässt sich nicht über eine schlechte Währung begründen.>

    Besser kann man es nicht sagen.

    „Der nächste Versuch …“ wird eine gefühlte Ewigkeit auf sich warten lassen.

    Ein gescheitertes Experiment Währungsunion wird tiefe Wunden schlagen.

    Es wird mehr als eine Generation dauern, bis sie geheilt sind.

  6.   Dietmar Tischer

    >Wenn Angela Merkel von Zentralisierung spricht, dann meint sie damit die Abgabe von Kompetenzen und die Harmonisierung von Regeln – und ganz am Ende erst möglicherweise eine Haftungsübernahme. Wenn Mario Monti von Zentralisierung spricht, dann meint er damit eine Haftungsunion und ganz am Ende die Abgabe von Kompetenzen.>

    So ist es.

    Und warum ist es so?

    Es fehlt das VERTRAUEN – trotz jahrzehntelanger friedlicher Kooperation.

    Schicksalsgemeinschaft war Europa nur in seinen Kriegen, nie im Frieden.


  7. Selbst wenn man den Völkern Europas ohne jede demokratische Wahl jetzt auch noch eine Finanzunion aufzwingt, ändert das immer noch nichts an der Tatsache, dass es sich um 27 verschiedene Kulturen handelt, die 23 verschiedene Sprachen sprechen und sich gegenseitig nicht besonders mögen. Das hat in der Sowjetunion nie funktioniert und wird in Europa erst recht nicht funktionieren.

  8.   alterego

    “Eine Währung ohne Staat wird auf Dauer nicht überleben – und Europa ist für diesen Staat offensichtlich nicht bereit, zumal wenn er durch die Währung erzwungen wird.”

    Genau so ist es. Völlig unbegreiflich ist mir jedoch, wieso dieses banale Faktum erst jetzt und immer noch nur zögerlich wahrgenommen wird. Und noch immer nicht wird adäquat gehandelt. Wie verblendet und ignorant muss man eigentlich sein, um sich einer derart himmelschreienden Erkenntnis zu verweigern? Man kann es immer nur wiederholen: Europa braucht den Euro nicht nur nicht. Er hat ihm auf geradezu unfassbare Weise geschadet und tut es noch. Statt die Währungsunion einfach zerfallen zu lassen, hätten deren wettbewerbsstarke Mitglieder (die ohne nennenswerte Auslandsschulden), die zudem bereit sind, die Maastrichtkriterien ohne Wenn und Aber einzuhalten und sich künftig ggf. auch wirtschafts- und fiskalpolitisch (ohne Umweg über eine EU-Instanz) abzustimmen, längst einen Euro 2.0 ausgründen können. Der Alt-Euro hätte so abwerten können. Es wäre die entscheidende Grundlage einer wirtschaftlichen Gesundung der Krisenstaaten gewesen.

  9.   Marlene

    @7
    “Man kann es immer nur wiederholen: Europa braucht den Euro nicht nur nicht. Er hat ihm auf geradezu unfassbare Weise geschadet und tut es noch.”

    “In einer Währungsunion verzichten die Länder, eine selbständige nationale Geldpolitik zu betreiben und einigen sich, ein gemeinsames Inflationsziel zu verfolgen, weil sie in einem gemeinsamen Markt die geldpolitischen Instrumente gemeinsam effektiver einsetzen wollen. Es darf als Folge von ausseinanderlaufenden Inflationsraten keine Wettbewerbslücke geben. Wenn ein Mitgliedsland das gemeinsam festgelegte Inflationsziel mit dem Ziel unterläuft, seine Wettbewerbsfähigkeit durch Lohnzurückhaltung zu verbessern, ist die Währungsunion dem Untergang geweiht.”

    acemaxx-analytics-dispinar.blogspot.de/2012/06/euro-zone-und-nachfrageperspektive.html

    Deutschland ist nicht bereit die Lohnpolitik zu koordinieren.

    Und die EZB ist nicht bereit, den Rückkauf von Staatsanleihen zu 100% zu garantieren.

    Also dürfen das IFO, ZEW und die anderen die aus ideologischen Gründen, und das Leid ANDERER in Kauf nehmen, weiter Lohnzurückhaltung und Lohnsenkungen fordern.

    Und die EZB überläßt den Spekulanten das Feld um die Auflösung der Währungsunion zu erzwingen.

  10.   Fragender

    Der Autor qualifiziert zunächst die Freien Wähler unsachlich als “Stammtisch” ab, teilt im Ergebnis aber deren Meinung, dass die Eurozone ihrem Ende entgegenstrebt. Das ist ein wenig paradox.

    Wenn man aber bedenkt, wie stark Herr Schieritz in den letzten Jahren für immer riesigere (Banken-) Rettungen getrommelt hat, het er eine beachtliche Entwicklung durchgemacht. Es ist zu hoffen, dass nunmehr auch die ZEIT als bisher letzte Bastion der Euro-Naivität realistischer wird.