So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Deutsche Ökonomen im Panikmodus

Von 5. Juli 2012 um 09:23 Uhr

Die Ökonomen gehen auf die Barrikaden:

Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Euro-Systems bedeutet, mit großer Sorge. Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen bei den fünf Krisenländern im Bereich von 9 Billionen Euro. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen.

So steht es in einem Brief, den Hans-Werner Sinn und andere formuliert haben. Und das ist grober Unfug. Niemand fordert die Kollektivhaftung für die Bankverbindlichkeiten und diese ist auch nicht auf dem Gipfel beschlossen worden. Es geht um die Rekapitalisierung von Banken und da sprechen wir von ganz anderen Größenordnungen.

Den Verbindlichkeiten einer Bank stehen schließlich Forderungen gegenüber und entscheidend für die Belastung der Steuerzahler ist die Differenz zwischen beiden Größen. Im Fall Spaniens etwa liegen die Verbindlichkeiten der Banken bei 3300 Milliarden Euro – der Kapitalbedarf liegt selbst nach pessimistischen Schätzungen bei 100 bis 200 Milliarden Euro.

Wenn die Schuldner nicht zurückzahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen kann: die Gläubiger selber, denn nur sie verfügen über das notwendige Vermögen und sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen.

Völlig klar – und genau darum geht es idealerweise bei einer Bankenunion. Um die Errichtung einer europaweiten Sanierungs- und Abwicklungsanstalt, die gesunde Banken mit Kapital ausstattet und nach einiger Zeit mit Gewinn wieder veräußert und kranke Banken abwickelt und die dabei natürlich Gläubiger und Aktionäre an den Kosten beteiligt.

Genau so hat es Schweden gemacht und dabei am Ende sogar Geld verdient. Aber dazu braucht es Institutionen und auch Kapital. Man kann eine Bank wegen ihrer vielfältigen Verflechtungen in der Volkswirtschaft nicht einfach so pleite gehen lassen. Es ist ein Fortschritt, dass jetzt endlich ernsthaft über die Sanierung der Banken nachgedacht wird.

Was die deutschen Ökonomen hier betreiben ist Panikmache und Irreführung. Für diesen Aufruf gibt es nur einen sinnvollen Ort: Ablage P wie Papierkorb.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Fassen wir Schieritz Argumentation einmal zusammen:
    Wir fassen also die schlecht kapitalisierten, mit Problemen beladenen Banken Europas in einer Bankenunion zusammen -und voila, wir erhalten ein gesundes Bankensystem mit deren Rettung man auch noch Gewinne erzielen kann…
    Unbeantwortet bleiben dabei natürlich die Fragen, wie viel die pessimistischen Schätzungen von 100 bis 200 Mrd wert sind, wenn die immernoch viel zu hohen Immobilienpreise in Spanien weiterhin sinken oder erstmal richtig anfangen zu sinken.
    Unbeantwortet bleibt auch die Frage, wer die nationalen Einlagesicherungsfonds kapitalisiert.
    Aber das sind ja alles Nebensächlichkeiten in der einfachen Schieritz-Wünsch-Dir-Was-Welt.

    • 5. Juli 2012 um 10:16 Uhr
    • Econfreak
  2. 2.

    Ganz so einfach ist es doch nicht. Bei einer schwachen Bank bedeutet jeder Euro Verlust letztlich einen Euro Kapitalerhöhung, somit stellt der mögliche Abschreibungsbedarf die mögliche Haftung dar.

    Herr Sinn übertreibt gerne (er geht bei Target 2 auch davon aus, dass die Forderungen zu 100% abzuschreiben sind) aber im Kern ist seine Argumentation richtig. Woher wollen wir wissen, dass diese “pessimistische Schätzung” von 100-200 Mrd Kapitalbedarf das Ende der Fahnenstange ist?

    Gehen wir davon aus, dass Bankia die Qualität einer HRE hat und es von diesem Kaliber noch ein paar gibt — und schon sind wir in anderen Größenordnungen.

    Das Pamphlet ist sicherlich nicht der intelligenteste Erguss des Prof. Sinn aber dem Unmut ist zuzustimmen. Bevor ein Euro in eine paneuropäische Bankenrekapitalisierung fließt, muss es eine Komplettabschreibung für alle Eigenkapitalhalter und ähnlicher Instrumente (Hybride, nachrangiges Fremdkapital, etc.) geben. Achja, dass die Spanier keine Ahnung von Bankenaufsicht haben, wurde wohl eindrücklich bewiesen.

    • 5. Juli 2012 um 10:19 Uhr
    • Achim Hase
  3. 3.

    Man nenne mir doch bitte einen vernünftigen Grund, warum man Ökonomen überhaupt noch zuhört. Es waren (mehrheitlich) ihre Empfehlungen, die zur Finanzkrise 2008 erheblich beigetragen haben. Ihre Instrumente waren nicht in der Lage, Finanzkrise und Europas Schuldenkrise zu prognostizieren. Die von ihnen prpagierte grenzenlose Deregulierung ist glorreich gescheitert. Und die Länder, die Ökonomenmehrheitsempfehlungen souverän ignorierten (Beispiele Island oder Argentinien) sind damit am besten gefahren.

    Offenbar sind die Instrumente, Methoden und Theorien der Ökonomie völlig ausserstande, die Realität zumindest in einer brauchbaren Näherung abzubilden. Dementsprechend sind ihre Empfehlungen oder Warnungen ebenso offenkundig Glaubensbekundungen, die jeder aufmerksam zeitungslesende Zeitgenosse in gleicher Qualität hinbekäme.

    Warum geben wir ihnen trotzdem die öffentlichen Foren, die sie für ihr Ego wie für ihre Gehälter brauchen? Anstatt das zu machen, was wir mit anerkannten Scharlatanen zu machen pflegen – ignorieren?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 5. Juli 2012 um 10:20 Uhr
    • ThorHa
  4. 4.

    Lieber Herr Schieritz,

    zu Ihrem jüngsten Blog ein paar Anmerkungen.

    1. Die Risiken bei den spanischen Banken sind erheblich größer als die genannten 100 bis 200 Milliarden Euro. Meines Wissens haben die spanischen Banken Kreditforderungen von insgesamt 1,9 Billionen Euro in ihren Büchern. Davon betreffen rund 60 Prozent Immobilien, die großenteils wertlos sind. Daraus folgt, dass die Kreditausfälle sich bei den spanischen Banken in den kommenden Jahren auf mehrere hundert Milliarden Euro, vielleicht sogar mehr als eine halbe Billion Euro summieren könnten. Es gibt naturgemäß keine exakten Zahlen. Meine kleine Überschlagsrechnung zeigt aber, dass die Risiken immens sind und den Steuerzahlern in den anderen Eurozonen-Ländern keineswegs zugemutet werden können. Und wir reden hier nur nüber Spanien!

    2. Als erstes sind selbstverständlich die Gläubiger und Eigentümer in der Pflicht. Und bei denen handelt es sich großenteils um Banken und Investoren aus Großbritannien, der Schweiz und den USA – also Ländern außerhalb der Eurozone. Warum sollen die Steuerzahler in der Eurozone bluten, damit sich Banken und reiche Privatpersonen aus ganz anderen Ländern schadlos halten können?

    3. Eine Abwicklungsanstalt für marode Banken aus der gesamten Eurozone, wie Sie sie fordern, würde die deutsche Staatsverschuldung in astronomische Höhen treiben. Schon die beiden deutschen Bad Banks (für die Hypo Real Estate und die WestLB) haben den deutschen Schuldenstand um 300 Milliarden Euro auf gut zwei Billionen gesteigert. Zwar wird die sukzessive Veräußerung von Vermögenswerten der Bad Banks den Schuldenstand wieder reduzieren. Wie viel der Staat bei den beiden Abwicklungsanstalten letztlich erlösen wird, steht aber derzeit in den Sternen.

    Würde die geplante Bankenunion tatsächlich zur Gründung von europäischen Bad Banks führen, wäre sie für die kommenden Generationen ein finanzieller Super-Gau.

    • 5. Juli 2012 um 10:28 Uhr
    • Sachverstand
  5. 5.

    @ M. Schieritz

    >Niemand fordert die Kollektivhaftung für die Bankverbindlichkeiten und diese ist auch nicht auf dem Gipfel beschlossen worden.>

    Das ist richtig.

    Aber:

    Der Gipfel hat sich so VERHALTEN, dass Kollektivhaftung zum Prinzip wird.

    >Völlig klar – und genau darum geht es idealerweise bei einer Bankenunion.>

    Ja, IDEALERWEISE.

    Bis auf die Ausnahme des Schuldenschnitts bei Griechenland – von Sarkozy AUSDRÜCKLICH als Ausnahme deklariert – ist man bis heute nicht annähernd idealerweise verfahren.

    Warum soll den irgendjemand glauben MÜSSEN, dass ab SOFORT idealerweise verfahren wird?

    Man hat nach dem BISHERIGEN Verlauf der Dinge ALLEN Grund wie die Wissenschaftler „in Sorge zu sein“, dass eben nicht idealerweise verfahren wird.

    Da können Sie noch so viel auf Schweden verweisen und auf das, was idealerweise möglich ist.

    Das Vertrauenskapital ist verspielt.

    Daran fehlt es, dass müsste wieder beschafft werden.

    Darüber wäre nachzudenken.

    • 5. Juli 2012 um 10:31 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    Kommunikation mit dem BVG, würde ich sagen.

    Sinn und Co. machen den Richtern klar wohin der eingeschlagene Weg führt

    • 5. Juli 2012 um 10:40 Uhr
    • Freeway
  7. 7.

    Welche Alternative zu Ökonomen gibt es denn?

    Außerdem besteht doch heutzutage zu überhaupt gar keinem Thema mehr eine ökonomische Mehrheitsmeinung. Bei jeder Problematik wird von der einen Hälfte dies und von der anderen Hälfte das Gegenteil behauptet. Woher sollen Politiker wissen, auf welchen ökonomischen Berater sie sich verlassen können?

    • 5. Juli 2012 um 10:51 Uhr
    • Achim Hase
  8. 8.

    “Welche Alternative zu Ökonomen gibt es denn?”

    Eine “einfache”: statt mit dem Jet nach Kongo und weiß der Geier hinzufliegen, um eine Mülltonne zu inspizieren, sollten sich mal unsere Herren Politkasper nen eigenen Kopf machen.

    • 5. Juli 2012 um 10:58 Uhr
    • Christian Wagner
  9. Kommentar zum Thema

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