So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Sparer kriegen nichts mehr

Von 17. August 2012 um 10:18 Uhr

Auf den ersten Blick ist die Lage für Sparer, die treu ihr Geld zur Bank tragen oder in Bundeswertpapieren investieren, ziemlich trist. Bei Zinssätzen zwischen null und zwei Prozent, mit einem Mittelwert eher unter als über ein Prozent, sind sie real auf alle Fälle in den Miesen, und nominal bleibt auch kaum etwas übrig. Wenn sie darauf gesetzt haben, im Alter eine bestimmte monatliche Summe an Zinserträgen zusätzlich zu ihrer Rente zu beziehen, müssen sie deutlich mehr sparen, als sie sich das bis vor kurzem vorgestellt haben, oder sie müssen länger arbeiten. Auch die Kapitallebensversicherungen, die nur einen geringen Teil ihrer Mittel in Aktien anlegen dürfen, werden ihre Garantiezinsen in den kommenden Jahren drastisch senken müssen – da der weitaus größte Teil ihrer Mittel in festverzinslichen Papieren steckt.

Natürlich brauchen die Haushalte immer weniger für ihren Schuldendienst aufzubringen, also vor allem für Schuldzinsen. Wer jetzt eine Hypothek aufnimmt, traut oft seinen Augen nicht, so niedrig ist die monatliche Belastung. Nun sind die Zinseinkünfte der Haushalte insgesamt aber viel größer als die Zinsausgaben – die Haushalte sind die bei Weitem wichtigsten Nettosparer -, so dass per Saldo der Einkommensverlust durch den Zinsrückgang schwerer wiegt als der Rückgang der Zinsbelastung. Dadurch ergibt sich für die Konsumnachfrage und damit für die Konjunktur ein negativer Effekt.

Man kann argumentieren, dass die Nettosparer meist ältere und relativ wohlhabende Leute sind, mit einer vermutlich niedrigen Konsumquote, während die Häuslebauer meist jung und konsumfreudig sind. Anders ausgedrückt: Die Alten könnten ihre Verbrauchsausgaben als Reaktion auf die niedrigen Zinseinkünfte weniger einschränken als die Jungen sie – wegen des unerwartet geringen monatlichen Schuldendienstes – erhöhen. Wenn es diesen Effekt tatsächlich gibt, dann mildert er zwar den Schock, unter dem Strich bleibt es aber dabei, dass die rekordniedrigen Zinsen eine wichtige Bremse für den privaten Verbrauch darstellen, zumal es danach aussieht, dass die Zinsen mindestens noch zwei oder drei Jahre so niedrig bleiben werden wie heute. Es könnte aber auch viel länger dauern. In Japan sind die Zinsen schon fast zwei Jahrzehnte lang in der Nähe von Null, seit dem Beginn der nicht enden wollenden Finanzkrise.

Das ist noch nicht das Ende der Geschichte! Des einen Zinseinnahmen sind gesamtwirtschaftlich die Zinsausgaben des anderen. Die finanziellen Forderungen entsprechen definitionsgemäß den finanziellen Verbindlichkeiten. Wenn also der Haushaltssektor per Saldo unter den rekordniedrigen Zinsen leidet, muss es einen anderen Sektor geben, der profitiert. Das ist zum Einen der Staat, der auf einem gewaltigen Berg von Schulden sitzt, die jetzt zunehmend leichter zu bedienen sind, zum Anderen der Unternehmenssektor. Die Firmen finanzieren ihre Sachinvestitionen in der Regel durch Fremdmittel, sei es bei Banken oder am Kapitalmarkt (Aktien, Unternehmensanleihen). Sie sind Nettoschuldner.

Für Anleger ergibt sich daraus zwingend, dass sie einen größeren und steigenden Anteil ihrer Ersparnisse in Aktien anlegen müssen. Die große Diskrepanz, die zurzeit vor allem am deutschen Markt zwischen der durchschnittlichen Dividendenrendite und der Rendite von Staatsanleihen besteht, kann so genutzt werden. Man beteiligt sich an den Vorteilen, die diese wichtige Gruppe von Schuldnern durch die niedrigen Zinsen hat.

Die Unternehmen, deren Aktien als Witwen- und Waisenpapiere gelten, sind auf absehbare Zeit erste Wahl bei der Strukturierung der persönlichen Portefeuilles. Versicherungen, die in dieser Beziehung Anlagebeschränkungen unterliegen, sind dagegen weniger attraktiv. Das alles gilt, wohlgemerkt, nur unter der Annahme, dass noch keine Zinswende in Sicht ist. Ich gehe davon aus.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich sehe persönlich eine grosse Gefahr dass aus dem Anlegenotstand auch die grossen Player (Banken, Versicherungen, Pensionsfonds) ihre Aktienteil massiv erhöhen. Staatsanleihen rentieren ja entweder zu niedrig oder sind momentan extrem riskant. Es ist zwar richtig dass Aktien von grossen soliden Firmen langfristig die einzig sichere Anlage zu sein scheinen, ich aber kurzfristig bis mittelfristig die Gefahr einer Aktienblase sehe. Gerade jetzt gehen nämlich alle in diesen Markt trotz aufziehenden dunklen Wolken bei Konjunktur. Auch wenn ich schon öfters anderes in den Zeitungen gelesen hab, sind Aktien wohl sicherlich immer noch nicht von der Realwirtschaft entkoppelt.

    • 17. August 2012 um 10:56 Uhr
    • tubl
  2. 2.

    Mit dem Sparen für das Alter ist das so ne Sache, denn schlussendlich hat sich das Umlageverfahren gegenüber dem Kapitaldeckungsverfahren bewährt.
    Denn selbst wenn Aktien ggf. niedrigeres “Ausfallrisiko” zeigen als Anleihen (die Mär vom risikolosen Zins hat sich ja nun endlich auch von selbst abgeschafft), besteht immer das Risiko, dass zum Zeitpunkt des Bedarfs an Liquidität möglicherweise der Zeitpunkt zur Realsierung des Verkaufs denkbar ungünstig ist.

    • 17. August 2012 um 11:18 Uhr
    • Christian Wagner
  3. 3.

    “Auch die Kapitallebensversicherungen, die nur einen geringen Teil ihrer Mittel in Aktien anlegen dürfen, werden ihre Garantiezinsen in den kommenden Jahren drastisch senken müssen – da der weitaus größte Teil ihrer Mittel in festverzinslichen Papieren steckt.”

    Ich kenne nur die Anlagevorschrift des §54 VAG (gesetze-im-internet.de/vag/__54.html) bzw. des §54b VAG (gesetze-im-internet.de/vag/__54b.html). Da findet sich nichts von “nur einen geringen Teil ihrer Mittel in Aktien anlegen dürfen”.

    Habe dann mal Zahlen bemüht. Zunächst die “Ergebnisse der gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung für Deutschland – 2006 bis 2011″ der Deutschen Bundesbank. Sie weisen für den Sektor Versicherungen und Pensionseinrichtungen ein Geldvermögen in 2011 i.H.v. 1.892,1 Milliarden Euro aus. Davon sind 218 Milliarden lfr. festverzinsliche Wertpapiere, 179 Milliarden Aktien und 497,2 Milliarden Investmentzertifikate. Okay, da ist natürlich alles zusammengefasst, was unter Versicherung firmiert. Aber schon ein Hinweis.

    Habe mir darauf hin mal beispielhaft den aktuellen Geschäftsbericht der Zurich Deutscher Herold Lebensversicherung AG angeschaut. Diese weist “Kapitalanlagen für Rechnung und Risiko von Inhabern von Lebensversicherungspolicen” (Sondervermögen/Anlagestock) i.H.v. 7,1 Milliarden Euro aus. Das sind ausnahmslos Investmentfonds, vor allem Aktienfonds. Der größte Einzelposten ist mit 1,1 Milliarden der DWS Vermögensbildungsfonds 1. zurich.de/NR/rdonlyres/68F75CAE-3A59-4168-AAEF-F16AA24C3BCF/0/zurich_gruppe_geschaeftsbericht_2011_ZDHL.pdf, Seite 44-48. Könnte mir vorstellen, dass es beim Wettbewerb nicht grundsätzlich anders aussieht.

    Das bestätigt meine Auffassung und eigentlich auch Wermuths Aussage, dass die Geldvermögensbildung nicht erst seit heute wohl langfristig am besten über Aktien (und dabei am sichersten über Aktienfonds) funktioniert.

    • 17. August 2012 um 12:46 Uhr
    • alterego
  4. 4.

    @ Christian Wagner

    Auch Festverzinsliche unterliegen einem Kursrisiko – wenn die Rendite der 10-jährigen von 1,5% auf 7% steigt (weil es doch wieder Inflation gibt!), macht das beispielsweise einen Kursverlust von knapp 50% zwischen Kauf- und Verkaufspreis aus (angenommen die Duration ist 9 Jahre). In der Tat, das Umlageverfahren erlebt eine Renaissance. Aber letztlich müssen immer diejenigen, die arbeiten, für die aufkommen, die nicht arbeiten. Egal wie, es geht immer um eine Umverteilung. DW

    • 17. August 2012 um 14:47 Uhr
    • Dieter Wermuth
  5. 5.

    @ DW

    Klar, ob Aktie oder Schuldversprechen. Wenn ich es zu Geld machen muss, kann es sein, dass ich Verluste erleide.

    Die ganze Problematik am Umlageverfahren ist, dass die sozialen Sicherungssysteme ausnahmslos am Lohn und Gehalt hängen. Und gerade hier wurde ja durch die etlichen Jahre der Lohnzurückhaltung diese Systeme “gemolken”. Wenn man nun mal endlich den Korrekturfaktor Produktivität miteinbauen würde, dann würde sich das ganz schnell ändern.

    • 17. August 2012 um 15:26 Uhr
    • Christian Wagner
  6. 6.

    Am Ende des Tages sind “Haushalte” und “Staat” nicht zu trennen. Wenn sich der Staat verschuldet, dann haften die Haushalte dafür. Die Zinsen der Staatsschuld müssen ja über Steuern oder staatliche Leistungskürzungen beigetrieben werden.

    Jeder Steuerzahler sollte sich erst mal “seinen” Anteil an der Staatsschuld in die private Bilanz schreiben. Die Mehrheit unserer fleißigen deutschen Kleinsparer sind dann ökonomisch gesehen Nettoschuldner und leisten mehr Zinsdienst, als sie Zinsen bekommen.

    Insofern ist es eine gute Nachricht, dass Staatsanleihen nichts mehr abwerfen.
    Ich wäre allerdings für mehr Konsequenz. Die Geldpolitik sorgt für 1% Zinsen auch am langen Ende und Geld- und Fiskalpolitik sorgen für 4% Nominalwachstum.
    In 20 Jahren haben wir dann das Schuldenproblem ohne(!) einen großen Crash erledigt.

    • 17. August 2012 um 16:13 Uhr
    • SLGramann
  7. 7.

    @5
    Wenn die Umlage nicht reicht, wird ohnehin aus Steuermitteln nachgeschossen. An deren Aufkommen sind mehr oder wenige Alle beteiligt, auch die nicht abhängig Beschäftigten.

    @6
    Wachstum produzieren meines Erachtens primär die Unternehmen. Die Geld- und Fiskalpolitik kann nur die Bedingungen dafür erleichtern oder erschweren.

    • 17. August 2012 um 16:24 Uhr
    • alterego
  8. 8.

    Die Kapitalanlagerestriktionen für Versicherungsunternehmen finden sich tatsächlich nicht im VAG sondern in der Anlageverordnung vom Bafin. Insbesondere ist dabei wichtig, dass diese Vorschriften nur für das gebundene Vermögen gelten. Hinzu kommen aber auch indirekte “Vorschriften”, die sich durch Berichtsanforderungen, Eigenkapitalvorschriften (typischerweise Solvency II) und Stresstests ergeben. Durch diese direkten und indirekten aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen ergibt sich praktisch automatisch, dass die Versicherungsunternehmen hauptsächlich in festverzinslichte Wertpapiere investieren. So habe ich im Hinterkopf, dass z.B. die Allianz zur Zeit nur 7% des gebundenen Vermögens der Lebensversicherung in Aktien investiert hat.

    • 17. August 2012 um 16:27 Uhr
    • Dieter Hein
  9. Kommentar zum Thema

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