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Hohe staatliche Haushaltsdefizite, niedrige Inflation

Von 24. September 2012 um 10:26 Uhr

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung setzt sich Christian Siedenbiedel mit der Angst der deutschen Sparer auseinander, dass hohe Haushaltsdefizite und forciertes Gelddrucken durch die Notenbank unweigerlich zu einem Kaufkraftverlust des Geldes führen. Vor allem Jens Weidmann und dessen Doktorvater Manfred Neumann werden als wichtige Warner zitiert, aber im Grunde glauben auch die meisten deutschen Ökonomen und die von ihnen dominierten Medien an diesen Zusammenhang.

Ich meine hingegen: Es kann so kommen, es muss aber nicht. Augenblicklich spricht wenig für eine beschleunigte Geldentwertung, und zwar nicht nur in der nahen Zukunft, sondern auf Jahre hinaus.

Zunächst einmal ein Faktencheck: Im August waren die Verbraucherpreise hierzulande um zwei Prozent höher als vor einem Jahr. Aktuell gibt es daher keinen Anlass zur Sorge. Ohne den volatilen Faktor “Energie” betrug die Inflationsrate sogar nur 1,4 Prozent. Die “Erzeugerpreise gewerblicher Produkte” sind in den vergangenen sechs Monaten mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 0,3 Prozent gestiegen. Ohne die Ausgaben für Energie waren es ebenfalls 0,3 Prozent. In der Pipeline staut sich bisher kein Inflationsdruck auf.

Grafik: Deutschland - Verbraucherpreisinflation

Deutschland - Verbraucherpreisinflation

Ich weise zudem darauf hin, dass es in diesem Jahr trotz des sehr schwachen Wirtschaftswachstums vermutlich einen kleinen Überschuss im gesamtstaatlichen Haushalt geben wird. Die Schulden werden also um diesen Betrag sinken. Nach Abzug der Geldentwertung, also real, werden sie sogar um etwa 2 Prozent schrumpfen.

Das bedeutet zwar nicht, dass es so weitergehen wird. Es spricht aber Einiges dafür. Erstens wird die deutsche Wirtschaft in den kommenden Quartalen langsamer expandieren als ihr sogenanntes Produktionspotenzial, so dass die Outputlücke größer wird. Die Arbeitslosigkeit zieht bereits seit einigen Monaten leicht an. Wenn die Kapazitätsauslastung sinkt, fällt es den Unternehmen schwer, ihre Preise anzuheben. Auch Lohnerhöhungen lassen sich nicht so leicht durchsetzen. Zudem vergrößert sich die Outputlücke nicht nur, sie ist auch absolut gesehen seit der Rezession 2008/2009 nach wie vor sehr groß. Das ist der Grund, warum es auch vor der jüngsten Konjunkturschwäche keine wirklichen Inflationssorgen gab, nicht zuletzt ablesbar an dem stetigen Rückgang der Bondrenditen. Diese bewegen sich mehr oder weniger im Gleichschritt mit den Inflationserwartungen. Es handelt sich dabei übrigens um ein globales Phänomen.

Zweitens ist damit zu rechnen, dass der Euro aufwerten wird. Ich nehme an, dass es im Verlauf des Winters gelingen wird, die Gemeinschaftswährung auf ein solides institutionelles Fundament zu stellen, mit zentraler Bankenaufsicht und Einlagensicherung. Dann wird nicht mehr die Unsicherheit über die Zukunft der Währungsunion den Wechselkurs des Euro bestimmen, sondern deren (kleiner) Überschuss in der Leistungsbilanz sowie das relativ geringe aggregierte Budgetdefizit. Ein aufwertender Euro dämpft die Inflation zusätzlich.

Drittens gehe ich davon aus, dass die Verbindung zwischen Zentralbankbilanz und Kreditvergabe an Haushalte, Nicht-Banken und Staat gestört bleiben wird. Das Gelddrucken der EZB wird also nicht zu steigenden Inflationsraten führen. Wenn die potenziellen Kreditnehmer im Gefolge geplatzter Immobilienblasen überschuldet sind, können sie weder mit einem großzügigen Geldangebot noch mit rekordniedrigen Zinsen zum Schuldenmachen und Geldausgeben bewegt werden. Auch viele staatliche Schuldner in der Peripherie der Euro-Zone sehen sich gezwungen, erst einmal ihre Haushalte durch Sparmaßnahmen (und höhere Steuern) in Ordnung zu bringen. All das wirkt pro-zyklisch, schwächt also die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, und vermindert damit die Inflationsrisiken.

Grafik: Zentralbankgeldmenge, M3 und Kredite im Euroraum

Zentralbankgeldmenge, M3 und Kredite im Euroraum

Viertens sind in den entwickelten Ländern hohe staatliche Haushaltsdefizite und Schulden in Friedenszeiten oft lediglich ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage des privaten Sektors so schwach ist, dass der Staat einspringen muss, wenn er einen scharfen Anstieg er Arbeitslosigkeit verhindern will. Am Beispiel Japans lässt sich das sehr eindrucksvoll zeigen. Weil die Konsumenten nach dem Platzen der Immobilien- und Aktienblasen der achtziger Jahre total überschuldet waren, kannten sie spätestens seit 1993 nur Eins: ihre Schulden zu verringern. Die Unternehmen wiederum waren in den neunziger Jahren mit einer gewaltigen Aufwertung des Yen konfrontiert (teilweise Folge der inländischen Sparexzesse und des daraus resultierenden Überschusses im Außenhandel). Dadurch waren sie gezwungen, zunehmend im immer billigeren Ausland zu investieren, zulasten der inländischen Ausgaben. Die Outputlücke, die dadurch nach den goldenen achtziger Jahren entstanden war, ist bis heute noch nicht geschlossen.

Inzwischen hat der japanische Staat durch sein ständiges Lückenfüllen seinen Schuldenstand auf rund 250 Prozent des Sozialprodukts erhöht. Dennoch ist es bislang noch nicht zu einem Anziehen der Inflation gekommen. In diesem Jahr dürften die Verbraucherpreise im Durchschnitt um 0,1 Prozent höher sein als 2011, während das gesamtstaatliche Defizit erneut knapp 10 Prozent des Sozialprodukts erreichen wird. Mit anderen Worten: Hohe Budgetdefizite sind keineswegs gleichzusetzen mit einer leichtfertigen oder unverantwortlichen Finanzpolitik. Vor allem sind sie weder ein Frühindikator dafür, dass Inflation über kurz oder lang aus dem Ruder laufen, noch dafür, dass der Wert der Ersparnisse sinken muss. Schließlich herrschen solche Verhältnisse in Japan schon seit bald 20 Jahren. Das folgende Schaubild belegt, dass der Zusammenhang zwischen steigenden Staatsschulden (sprich negativen Finanzierungssalden des Staates) und Inflation nicht existiert. Eher ist das Gegenteil der Fall. Ich wäre nicht überrascht, wenn es in den USA, in Großbritannien und in den Staaten in der Peripherie Eurolands ähnlich ablaufen wird. Der befürchtete Zusammenhang mag in Nachkriegszeiten existieren, nicht aber in Zeiten struktureller Nachfrageschwäche.

Grafik: Japan - Budgetdefizite und Inflation

Japan - Budgetdefizite und Inflation

Kategorien: Leitwährungswatch
Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ Dieter Wermuth

    >Augenblicklich spricht wenig für eine beschleunigte Geldentwertung, und zwar nicht nur in der nahen Zukunft, sondern auf Jahre hinaus.>

    „Augenblicklich“ ist richtig, auf „Jahre hinaus“ sehen andere anders.

    Doch selbst wenn Sie damit recht hätten – Sie argumentieren falsch.

    Denn Sie präsentieren hier eine Sicht der Dinge, die konsequent die RISIKEN des „forcierten Gelddruckens der Notenbank(en)“ ausblendet:

    >Die vergangenen fünfundzwanzig Jahre seit dem Krach am Aktienmarkt 1987 schildert White als eine Abfolge geldpolitischer Versuche, wirtschaftliche Abschwünge zu verhindern oder zu lindern. Die Reihe an Finanzmarktblasen reicht vom Platzen der japanischen Hauspreis- und Aktienmarktblase 1991 über die Asienkrise 1997, den LTCM-Absturz 1998 und die Internet-Blase 2000 bis zum Krach der aufgeblähten Hauspreise nicht nur in den Vereinigten Staaten 2007. Im Kern versuchen die Zentralbanken mit ihrer expansiven Geldpolitik so auch heute, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

    … Die Abfolge der immer größeren Finanzmarktblasen ist die wichtigste der vielen Nebenwirkungen der ultra-lockeren Geldpolitik, die White in einem guten Überblick analysiert. Im Kern schafft eine sehr lockere Geldpolitik dabei die VORAUSSETZUNGEN, dass die Zentralbanken künftig noch stärker lockernd intervenieren müssen, wobei ihre Instrumente an Durchschlagskraft verlieren.>

    Aus:

    faz-community.faz.net/blogs/fazit/archive/2012/09/23/der-keim-des-kuenftigen-ungluecks.aspx

    mit Bezug zu dem Papier von White, das den Titel trägt

    „Ultra Easy Monetary Policy and the Law of Unintended Consequences“:

    dallasfed.org/assets/documents/institute/wpapers/2012/0126.pdf

    Eine RECHTFERTIGUNG der lockeren Geldpolitik könnte angesichts der ERFAHRUNGEN der letzten Jahrzehnte in etwas nur so lauten:

    Wir haben große realwirtschaftliche Probleme – eine Krise. Wir können sie KURZFRISTIG nur mit einer lockeren Geldpolitik mildern. ERFAHRUNGSGEMÄSS führt dies zu zukünftigen Krisen. Diese müssen wir in Kauf nehmen, wenn wir JETZT mildern wollen. Wann die zukünftigen Krisen auftreten, wissen wir nicht und wir wissen auch nicht genau, wie sie sich darstellen. Egal wie und wann, nach heutigen Erkenntnissen werden wir sie wiederum mit lockerer Geldpolitik mildern MÜSSEN. Wohin das letztendlich führen wird, kann niemand sagen. Selbst wenn es – im schlechtesten Fall – irgendwann zu einer „Mega-Krise“ kommen würde, haben wir wenigstens die kleinen Krisen gemildert.

    Alles andere ist Ausblendung der Realität und Gesundbeten.

    • 24. September 2012 um 12:42 Uhr
    • Dietmar Tischer
  2. 2.

    Der Geldschöpfungsmultiplikator liegt derzeit weit unter normal. Die massive Ausweitung der Geldbasis wirkt nicht mehr. Deshalb ist gegenwärtig bzw. auf absehbare Zeit auch keine dadurch bedingte Steigerung der Lebenshaltungskosten zu erwarten. Größer erscheint mir die Gefahr der Bildung von Asset-Blasen. Die EZB muss die Entwicklung genau beobachten und M0 ggf. rechtzeitig reduzieren, so wie sie es unter Trichet in 2009 bis 2011 mehrfach getan hat. Die Möglichkeit dazu hat sie, und, sofern zur Sicherung der Geldwertstabilität geboten, auch die Pflicht!

    • 24. September 2012 um 16:48 Uhr
    • alterego
  3. 3.

    Inflation schadet momentan nicht. Im Gegenteil, wenn die Inflationserwartungen
    steigen, ist es nicht ganz ausgeschlossen, dass die Konsumnachfrage steigt und in der anbrechenden Depression (double dip hoch 2) Gegenkräfte freigesetzt werden. Zumindest ist das doch der einzige Transmissionskanal über den die Geldpolitik bei Niedrigstzinsen noch wirken könnte. Ich glaube allerdings, dass der Zeitpunkt für einen
    erfolgeichen Einsatz des quantitativen easening längst vorbei ist. Viellicht hat Helikopter Berni Bernanke noch Hubschrauber zu verleihen.
    Das eigentliche Thema ist also nicht Inflation, sondern der Kampf gegen Deflation. Da die politische Agenda der Austeritätspolitik in Europa genau diese bewirkt, gehen wir schweren Zeiten entgegen.

    • 24. September 2012 um 17:12 Uhr
    • Klaus Schaper
  4. 4.

    Alles schön und gut, klingt erstmal vernünftig. ABER:

    1. Die Finanzmarktkrien häufen sich doch in immer schnellerer Abfolge, weil soviel virtuelles Geld im Umlauf ist (bei Investmentbanken und Hedgefonds, u.a.), denen kein realer Wert entgegen steht. Dieses Geld produziert ständig neue Spekulationsblasen. Irgendwann muss ein – wie auch immer gearteter Reset des Weltwährungssystems her, allzu lange kann es nicht mehr dauern.
    2. Über die Zusammensetzung der statistischen Warenkörbe zur Berechnung der Inflation lässt sich trefflich streiten. Gerade für sozial Schwache sind Preiserhöhungen z.B. bei Grundnahrungsmitteln besonders hart.
    3. Die Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise werden mit grosser Sicherheit weiter stark steigen.
    4. Ich will hier nochmal auf die Schweiz hinweisen. Kann so eine extreme Geldmengenausweitung (seit 2007: ca. +500% meines Wissens) noch irgendwie beherrschbar sein? Ich sage: Nein.

    • 24. September 2012 um 17:36 Uhr
    • Hier-könnte-Ihr-Name-stehen
  5. 5.

    Die Krisenstaaten sind allesamt Staaten, die von vornherein nicht in die Eurozone häten aufgenommen werden dürfen. Die zielführende Politik zur Rettung des Euro besteht daher darin, diese aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Sie könnten dann wesentlich leichter und schneller gesunden und irgendwann einmal, wenn sie dem Euro gemäß den ursprünglichen, an ihn geknüpften Anforderungen zweifelsfrei gewachsen sein sollten, wieder der Eurozone beitreten. Die Ignoranz gegenüber dieser unmittelbar naheliegenden Lösung ist in hohem Maße verhängnisvoll.

    Ich bin davon überzeugt, dass es der Politik in Wahrheit gar nicht um den Euro und die Stärkung Europas geht, sondern ausschließlich um Gleichmachereri und die Etablierung einer Schulden- und Transferunion, damit die Starken in ihrer Entwicklung ausgebremst und die Schwachen auf deren Kosten gepampert werden.

    Wenn dem so ist, sollten wir uns hier alle für kräftig wachsende Sozialtransfers, hohe, anhaltende über das Prodktivitätswachstum hinausgehende Lohnsteigerungen und expansive staatliche Ausgabenprogramme stark machen und alle gemeinsam so richtig auf Müßiggang umschalten. Damit verhindern wir zwar nicht unseren wirtschaftlichen Untergang, wir würden ihn im Gegenteil noch beschleunigen. Aber wenigstens würden wir es uns einmal für eine kurze Periode auch selbst so richtig gut gehen lassen, statt durch stets fleißiges Arbeiten und einigermaßen vernünftiges Haushalten dafür zu sorgen, dass es den anderen gut und uns selbst immer schlechter geht.

    • 24. September 2012 um 17:40 Uhr
    • alterego
  6. 6.

    Wenn das so einfach ist, warum verdoppeln wir dann nicht einfach unseren Bundesetat – Inflation sei ja angeblich eh nicht zu erwarten. Entschulden wir unsere Gemeinden, reformieren wir unsere Energieversorgung und Infrastruktur, und verdoppeln unsere Harz4-Versorgung. Die Rentner würden sich sich auch freuen [ber eine Aufbesserung ihrer Renten. Anscheinend ist das aber nur für die Gläubiger reserviert, die sich verspekuliert haben, und denen man jetzt unbedingt aus der Patsche helfen muss.

  7. 7.

    Inflation wird dann zu Teuerung, wenn die inflationierte Geldmenge dazu verwendet wird, Waren zu kaufen. Solange das Geld noch in Finanz’produkten’ angelegt ist, droht tatsächlich keine Teuerung.

    Sobald die Anleger aber aus den Finanz’produkten’ flüchten und reale Güter kaufen, dann haben wir die Teuerung. Auf dem deutschen Immobilienmarkt ist das schon zu beobachten, genauso auf dem Goldmarkt.

    Die spannende Frage ist jetzt: Wie lange halten die Anleger noch still?
    Wer diese Frage nicht sicher beantworten kann, der fürchtet zurecht eine imminente Teuerung.

    • 24. September 2012 um 19:44 Uhr
    • gkh
  8. 8.

    Es wäre ein gutes Zeichen, wenn Inflation käme. Denn das würde heißen, dass die Nachfrage wieder in die Nähe der Produktionskapazitäten kommt.

    Das wird aber nicht passieren, weil das emittierte Geld im Finanzmarkt bleibt. Der breiten Konsumentenschar droht weiterhin die ruinöse Konkurrenz mit den asiatischen Billigproduzenten. Das wird die Löhne, je weniger die Leute eh schon verdienen, desto zäher unten halten.

    Die Konsumwaren finden nur zögernd ihre Käufer und den größeren Teilen der westlichen Bevölkerung droht Altersarmut, aber die Agenda-Politik war in Deutschland richtig und wird natürlich auch in den anderen europäischen Ländern richtig sein.

    Logik ist irrelevant. Die bessere Parole entscheidet. So wird aus Irrtum ein Richtig.

  9. Kommentar zum Thema

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