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Private Vorsorge fürs Alter – ein Irrweg

Von 25. September 2012 um 13:47 Uhr

Bei der Allianz werden die Sektkorken knallen. Die Bundeskanzlerin hat ein Konzept zur Bekämpfung der Altersarmut angekündigt – und setzt dabei auf die private Vorsorge.

In ihrem Konzept werde die Regierung nicht an die Rentenbeiträge oder die Renteneinnahmen herangehen. Vielmehr gehe es um Anreize, sich privat zu versichern, und Anreize, damit die gesetzliche Rentenversicherung nicht ihre Akzeptanz verliere.

Frank Lübberding hat neulich an die Machenroth-These erinnert, die im Grunde für eine geschlossene Volkswirtschaft kein seriöser Ökonom bestreitet (für eine kritische Betrachtung von konservativer Seite, die aber auch keinen grundsätzlichen Zweifel anmeldet, siehe Clemens Fuest hier).

Zur Erinnerung:

Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Periode zu Periode, kein ‚Sparen‘ im privatwirtschaftlichen Sinne, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand… Kapitalansammlungsverfahren und Umlageverfahren sind also der Sache nach gar nicht wesentlich verschieden. Volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren.

Im Klartext: Jedes Brötchen, das die Alten essen wollen, muss von den Jungen gebacken werden. Ganz egal, wie die Rente finanziert ist. Entscheidend für den Wohlstand in zwanzig Jahren ist der Kapitalstock – also die Produktionsmöglichkeiten – in zwanzig Jahren. Eine private Zusatzvorsorge bringt für sich genommen also keine zusätzlichen Ressourcen in das System. Geld kann man nicht essen, es ist ein Koordinationsinstrument – nicht mehr und nicht weniger. Mehr Ersparnis bedeutet nicht automatisch ein höheres Wohlstandsniveau in der Zukunft.

Wenn das geklärt ist, kann man sich darüber unterhalten, ob die private Vorsorge vielleicht eine effizientere Allokation des Kapitals der Sparer ermöglicht als die staatliche Vorsorge und damit einen größeren Kapitalstock.

Nun sind die Verwaltungskosten eines staatlichen Systems in der Regel geringer als die eines privaten. Es ist – Stichwort Größenvorteile – schlicht billiger, die Rentenversicherung dem Bund zu überlassen, als sie auf Tausende Banken und Fondsgesellschaften zu übertragen. Nach meiner Kenntnis der Literatur ist das auch unbestritten. Bleibt die Frage, ob die Banken besonders gut darin sind, produktive Investitionsmöglichkeiten zu identifizieren, sodass die Wirtschaft einen Wachstumsschub erhielte, wenn man ihnen mehr Kapital zum verteilen gibt. Daran kann man glauben, aber nach einer durch massiven Fehlinvestments ausgelösten Jahrhundertkrise auch zweifeln.

Moment, werfen jetzt die Schlaumeier ein – wir leben überhaupt nicht in einer geschlossenen Volkswirtschaft. Der Vorteil der privaten Vorsorge liegt darin, dass die Banken das Kapital im Ausland anlegen können. Da gibt es schließlich viele junge und erfolgshungrige Menschen, die noch viele Brötchen backen können, wenn hier der letzte Bäcker wegen Überalterung aufgeben muss. Und indem wir den jungen Auslandsbäckern heute Geld leihen, erwerben wir Anspruch auf ihre zukünftige Produktion. Wir erhöhen also unseren Kapitalstock durch demographische Arbitrage.

Das kann natürlich funktionieren. Aber erst einmal altern die Menschen auch im Rest der Welt – und dann endete der letzte Versuch, deutsches Kapital gewinnbringend im Ausland anzulegen bekanntlich in einer spanischen Immobilienkrise und wertlosen Investmentzertifikaten von Lehman Brothers. Ganz allgemein: Wer auf das Ausland vertraut, muss mit dem Risiko leben, dass Schulden nicht zurückbezahlt werden.

Die private Vorsorge war und ist eine Schnapsidee – und der SPD hat die Kanzlerin hier ein Feld geöffnet, um sich zu profilieren.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Mal etwas Zustimmung meinerseits Herr Schieritz: Was die Altervorsorge angeht, ist eine konservative Form der Anlage M.E. richtig. Was nützt es, wenn man über 10 Jahre 2% mehr Rendite bei den Privaten macht und dann doch 75% südeuropäische Staatsanleihen abschreiben muss. Ich halte auch Riester für Quatsch. Der Staat soll per Umlage die Renten verlässlich organisieren. Zusätzliche Sicherheit kann der einzelne Arbeitnehmer erlangen, indem er persönlich Kapital anlegt – sei es als Lebensversicherungen, Aktien oder einfach nur auf dem Sparbuch.

    Alex

    • 25. September 2012 um 14:53 Uhr
    • Alex
  2. 2.

    Oh, ein guter Rentenbeitrag!

    Zur Auslandsertragsthese: einfach mal einen Chart zur Langfristigen Entwicklung des Wechselkurses der DM einfügen.

    Ganz egal, ob man Dong oder wWon oder Rupiah oder Bath nimmt. “Die Euro-Jahre muss man am Ende abziehen, diese massiver WK-Manipulation lässt sich natürlich nicht auf Dauer halten; wenn D austritt, oder wenn Gr/S/I/P austreten, explodiert der WK).

    • 25. September 2012 um 15:21 Uhr
    • Thomas Pittner
  3. 3.

    Und noch ein Argument.

    Die langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft hängt selbstverständlich von den getätigten Investitionen ab.

    Nun gab es Jahrzehnte, in denen die Wertschöpfung so relativ niedrig war, dass ein wirklicher Konflikt zwischen Konsum und Investition bestand. In einem solchen Umverld ist eine private Altersvorsorge, die nach rentierlichen Investitionen sucht, zur Investitionsförderung durchaus sinnvoll.

    Von einer solchen SItuationen sind wir aber Lichtjahre entfernt. Wir kennen die Daten der deutschen Investitionen, trotz geradezu exorbitanter Ersparniss (aka Konsumverzicht).

    Warum investieren Unternehmen, oder investieren nicht? Es gibt keinen Mangel an Beton oder Stahl oder Arbeitskräften, der Investitionen verhindert. Schon gar nich tgibt es einen Mangel an Geld, welches nach rentierlichen Investitionen sucht, bei negativen Renditen im Staatsanleihensektor.

    Nein, die Investitionen hängen an den Absatzerwartungen. Schränkt man das verfügbare Einkommen der Masse ein, indem man sie in private “kapitalgedeckte” Vorsorge drängt, sinken natürlich die binnenwirtschaftlichen Absatzerwartungen. Wir leben nicht “über unseren Verhältnissen” sondern weit darunter.

    • 25. September 2012 um 15:30 Uhr
    • Thomas Pittner
  4. 4.

    @ M. Schieritz

    >Die private Vorsorge war und ist eine Schnapsidee – und der SPD hat die Kanzlerin hier ein Feld geöffnet, um sich zu profilieren.>

    Es ist eine Schnapsidee, aufgrund Ihrer Ausführungen zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen.

    Eine richtige Schlussfolgerung, die auch die Schwächen der staatlichen Vorsorge einbezöge, wäre:

    JEDE Vorsorge ist mit dem Risiko verbunden, dass sie nicht zum erhofften Ergebnis führt, auch wenn das Ziel während des Vorsorgens als erreichbar erscheint.

    Rechnen Sie doch einfach mal den Staatsbediensteten vor, was sie in 20 oder 30 Jahren zu erwarten haben von der nicht-privaten Vorsorge ihres Arbeitgebers.

    PS:

    Die SPD und insbesondere ihr Vorsitzender profilieren sich gerade damit, wie sie sich von den Gewerkschaften in Sachen staatlicher Vorsorge vorführen lassen.

    • 25. September 2012 um 15:32 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 5.

    “Nun sind die Verwaltungskosten eines staatlichen Systems in der Regel geringer als die eines privaten. Es ist – Stichwort Größenvorteile – schlicht billiger, die Rentenversicherung dem Bund zu überlassen, als sie auf tausende Banken und Fondsgesellschaften zu übertragen.”

    Eine gewagte These, die nur Halt hat, wenn sich alle auf die selben Bedürfnisse einigen: Brötchen und so…

    • 25. September 2012 um 15:36 Uhr
    • jasche
  6. 6.

    Private, sprich kapitaldeckte Vorsorge, sprich Vermögensbildung wird solange funktionieren, wie es auf dieser Welt Unternehmen und Volkswirtschaften gibt, die real wachsen. Es ist derzeit nicht abzusehen, das die gesamt Welt in eine dauerhafte Situation realer Stagnation verfallen könnte.

    Einer, der sein Geld zum Zwecke der Vermögensmehrung investieren will, kann in Unternehmen überall auf der Welt und damit auch in beliebige Volkswirtschaften investieren. Er ist als “global Player” nicht auf die Wertschöpfungsfähigkeit der heimischen Volkswirtschaft angewiesen.

    Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen künftig eine deutlich höhere Rente erwirtschaften könnten als das Umlageverfahren noch zu leisten in der Lage ist, wenn sie ihre AG- und AN-Rentenbeiträge auf den Anlagemärkten dieser Welt, inklusive der daraus resultierenden laufenden Kapitalerträge, also ohne zwischenzeitliche Entnahmen, über Jahrzehnte hinweg anlegten.

    • 25. September 2012 um 15:53 Uhr
    • alterego
  7. 7.

    Kapitalgedeckte Altervorsorge ist ein Hütchenspiel, Schneeballsystem Ponzi für die jetzt Alten auf Kosten der jetzigen Beitragszahler

    ftd.de/finanzen/maerkte/:kuerzungen-wegen-niedrigzinsen-freiberufler-muessen-um-ihre-renten-bangen/70092314.html

    Da werden die monatlichen Beiträge satzungswidrig direkt als Renten an die Alten rausgereicht. Im Alter dann selbst Sozialfall, aber die Kaviar-Golfer-Jetsetter-Renter von heute hatten einen prima Lenz.

    • 25. September 2012 um 16:09 Uhr
    • keiner
  8. 8.

    Dietmar Tischer

    “Es ist eine Schnapsidee, aufgrund Ihrer Ausführungen zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen.

    Eine richtige Schlussfolgerung, die auch die Schwächen der staatlichen Vorsorge einbezöge, wäre:

    JEDE Vorsorge ist mit dem Risiko verbunden, dass sie nicht zum erhofften Ergebnis führt, auch wenn das Ziel während des Vorsorgens als erreichbar erscheint.”

    Entweder, sie haben Mackenroth nicht verstanden, oder zweifeln es einfach an (Bgründung), oder sie haben nicht verstanden, was eine Umlageversicherung leisten könnte.

    Rentner erhalten einen Anteil des Erwirtschafteten, über den muss man sich einigen, kann man sich einigen.

    Bei einer “Marktlösung” gibt es zahlreiche Schleier, die diesen simplen Zusammenhang verdecken; offenbar auch für sehr viele, die doch eigentlich genauer denken könnten.

    • 25. September 2012 um 16:18 Uhr
    • Thomas Pittner
  9. Kommentar zum Thema

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