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Rainer Brüderles total irres Inflationspapier

Von 23. Oktober 2012 um 14:35 Uhr

Rainer Brüderle hat noch nie eine Gelegenheit ausgelassen, mit einem populären Thema in die Schlagzeilen zu kommen – sein “Programm zum Inflationsschutz”, wie es heute vom Handelsblatt zitiert wird, ist allerdings eine Klasse für sich.

“Während im Euro-Raum manche Güter des täglichen Bedarfs noch keine inflationären Tendenzen aufweisen, steigen die Preise für Vermögensgüter exorbitant.”

Na gut: In Spanien fallen die Immobilienpreise beispielsweise, auf dem platten Land in Deutschland auch, bei Peripherieanleihen geht es eher abwärts, von einer dramatischen Überbewertung an den Aktienmärkten kann wohl keine Rede sein  und mit Inflation hat das ohnehin nichts zu tun und – aber egal.

“Jede Erhöhung der Abgaben entfacht Inflation.”

Das ist ja nun einmal sehr interessant. Wenn der Staat also die Steuern erhöht, um die Schulden abzubauen, dann entsteht Inflation? Seltsam ist das, weil Brüderle kurz vorher noch schreibt, dass nur eine Abkehr von der Schuldenpolitik die Geldwertstabilität befördert. Aber Konsistenz in der Argumentation war für die FDP ja noch nie wichtig.

So hat Brüderle dann auch eine Kausalkette parat: Wenn die Menschen weniger Netto vom Brutto haben, fordern sie höhere Löhne und dann kommt die Inflation. Das ist nun auch interessant. Ich fordere schon seit einiger Zeit mehr Geld, aber komisch, nichts passiert. Vielleicht, weil zu einem Vertragsabschluss zwei Parteien gehören und höhere Forderungen nur eine Chance auf Erfolg haben, wenn die Verhandlungsmacht groß genug ist. Und das wiederum hat vielleicht mit der allgemeinen Situation am Arbeitsmarkt zu tun.

Wenn jetzt aber Steuererhöhungen die Wirtschaft abwürgen – was Brüderle als tax cutter doch glauben müsste, dann bremsen sie vielleicht die Inflation. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb man Sparmaßnahmen in der Regel mit sinkenden Inflationsraten assoziiert. Vielleicht hätte Brüderle oder wer immer ihm das aufgeschrieben hat einen Blick in ein beliebiges Lehrbuch der Makroökonomie werfen sollen. Da hätte er dann nachlesen können, wie Inflation entsteht.

Es geht noch weiter. Die Europäische Zentralbank habe die Geldmenge enorm ausgeweitet, schreibt Brüderle.

„Eine derart aufgeblähte Menge an Geld erhöht die Inflationsgefahren drastisch.”

Seltsam nur, dass das Wachstum der Geldmenge M3 nun schon seit Monaten unter dem Referenzwert der EZB liegt, weil die Banken das Geld nicht weiterreichen, sprich der Multiplikator kollabiert ist.

Schlimm genug, dass so etwas geschrieben wird. Noch schlimmer, dass es aus der Feder des Fraktionsvorsitzenden einer Partei stammt, die sich mit ihrer Wirtschaftskompetenz rühmt.

Aber vielleicht kommt die FDP ja jetzt auch noch auf die Idee, die Heimholung des Bundesbankgolds zu fordern.

Update: Er hats getan. War ja zu erwarten.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Realitätssinn ist leider schon länger nicht mehr die Stärke der FDP.

    Gut, dass Brüderle so demaskierend die Hosen runterlässt, so ist genug Zeit bis zur Bundestagswahl die angebliche Wirtschaftskompetenz der FDP in Ruhe zu beurteilen.

    Das traurige ist, dass wie durch die Republikaner in USA auch hier die Aufmerksamkeit auf das völlig falsche Thema gelenkt wird (drüben Defizit, hier Inflation) nur um die Umverteilungsagenda zugunsten der eigenen Klientels (und zum Schaden des Landes) verfolgen zu können.

  2. 2.

    “Aber vielleicht kommt die FDP ja jetzt auch noch auf die Idee, die Heimholung des Bundesbankgolds zu fordern.”

    Paah, keine Phantasie Herr Schieritz. Die entscheidende Frage ist doch wen ein FDP-”Finanzexperte” mit Auric Goldfinger vergleichen und beschuldigen wird unseren Deutschen Goldschatz zu ruinieren!

    Ich träume von einem ‘Die Hard 3′ remake in dem Brüderle und Rösler als Nachfolger von Bruce Willis und Samuel L Jackson die Deutschen Goldbestände, die durch einen ‘Gefahr für Deutschland’-Schurken geplündert wurden, wieder zurück holen. Ganz Großes Kino!

  3. 3.

    Die Wirtschaftspolitik der FDP entspricht in etwa der der GOP in den USA: Modelle spielen schon lange keine Rolle mehr, nur noch ein Set von Glaubenssätzen, das nicht auf ihre interne Konsistenz überprüft werden muss, da die Gläubigen sowieso wissen, dass sie wahr sind.

    Die Schande besteht darin, dass die Widerlegung Sache der Blogs ist und so ein Unsinn in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen unwidersprochen gedruckt wird.

    • 23. Oktober 2012 um 15:54 Uhr
    • Florian
  4. 4.

    “Aber vielleicht kommt die FDP ja jetzt auch noch auf die Idee, die Heimholung des Bundesbankgolds zu fordern.”

    Das habe ich nie verstanden, warum wäre das keine gute Idee? Wieso ist es vorteilhaft, wenn das Gold der Bundesbank überall ist nur nicht in Deutschland? Ist das als Pfand gedacht für Wohlverhalten nach dem Krieg?

    • 23. Oktober 2012 um 16:00 Uhr
    • Achim Hase
  5. 5.

    Die Süddeutsche schreibt hierzu:

    Warum lagern deutsche Goldbestände überhaupt im Ausland? Es hat mit der besonderen Lage Deutschlands während des Kalten Krieges zu tun. Damals wurden die Goldbestände im westlichen Ausland deponiert, um sie einem Zugriff sowjetischer Truppen im Falle eines Konflikts zu entziehen. Nach der Wiedervereinigung holte die Bundesbank einen Teil des Edelmetalls nach Frankfurt.

    Weiterhin:

    Forderungen, das deutsche Gold “nach Hause” zu holen, finden im Ausschuss bisher keinen nennenswerten Widerhall. Dafür gebe es keinen Grund, außerdem würde ein Rücktransport sehr teuer, heißt es in den Kreisen. Da es grundsätzlich auch möglich sei, dass die Bundesbank kleinere Mengen Gold kauft oder verkauft, sei es auch sinnvoll, einen Teil des Bestands an den wichtigsten Goldhandelsplätzen der Welt zu lagern.

    • 23. Oktober 2012 um 16:12 Uhr
    • Achim Hase
  6. 6.

    Brüderle wird mißverstanden – sein Papier ist ja nicht als Belehrung von wem auch immer gedacht, sondern ein bißchen Wahlkampf. Dort erzählt er denen, die an die “Wirtschaftskompetenz der FPD” glauben, also den armen unbedarften, die nahezu vollkommen frei von Kenntnissen sind, etwas von den komplizierten ökonomischen Zusammenhängen – Jede Erhöhung der Abgaben entfacht Inflation (einfach göttlich) und die EZB hat die Geldmenge drastisch erhöht. Deshalb herrscht jetzt z.B. an den Börsen (dort werden die Vermögensgüter gehandelt) eine exorbitante Preissteigerung, die dasselbe ist wie Inflation.

    Ich denke, Brüderle ist damit eine sehr schöne Symbiose gelungen: Er hat die besondere Wirtschaftskompetenz der FDP mit ihrem Charakter als Spaßpartei verbunden. Das kann nicht jeder.

    Oder sollte es sich bei dem Papier um eine Eröffnungsrede für ein Weinfest handeln, das versehentlich falsch kommuniziert worden ist?

    Hermann Keske

    • 23. Oktober 2012 um 17:17 Uhr
    • hkeske
  7. 7.

    An der Wirtschaftskompetenz der FDP zweifle ich schon lange.

    Es ist ein Trauerspiel, denn die anderen Parteien haben auch keine. Seriöse Wirtschaftler scheinen von der Politik geradezu abgestoßen zu werden, vielleicht auch umgekehrt. Spruch: “Der Politiker benutzt die Wirtschaftswissenschaft wie der Betrunkene die Laterne: er sucht Halt, nicht Licht.” Die FDP macht offenbar keine Ausnahme.

    Im übrigen wäre es richtig, die deutschen Goldvorräte nach Deutschland zu holen. Bei Gold geht es langfristig um den Besitz, nicht um den Anspruch. Um dies zu erkennen muss man kein Wirtschaftsgenie zu sein. Aber das ist ein anderes Thema.

    • 23. Oktober 2012 um 19:46 Uhr
    • WolfHai
  8. 8.

    Naja alleine um die 1.500 tonnen aus NYC zurückzukholen wären 38 40 Tonner nötig.

    Um sie auf ein Schiff zu verfrachten
    Das Schiff müsste dann bis zum Whv. Jade Port und wo will man dann bitte diese ganzen Barren hin packen?
    Banktresor?

  9. Kommentar zum Thema

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