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Was bringt ein Anleiherückkauf in Griechenland?

Von 1. November 2012 um 14:52 Uhr

Deutschland lehnt einen neuen Schuldenschnitt – diesmal bei den öffentlichen Gläubigern – ab, also bleibt der Anleiherückkauf als eines der zentralen Elemente zur Rückführung der Schulden in Griechenland übrig. Wie viel Entlastung aber kann das bringen?

Ich habe mir das einmal angeschaut und treffe folgende Annahmen:

1. Beteiligt werden sollen nur private Anleihegläubiger. Die EZB bleibt also außen vor. Damit komme ich – danke an André Kühnlenz – auf ein Volumen von rückkauffähigen Anleihen in Höhe von 67 bis 71 Milliarden Euro (umgetauschte Anleihen plus Anleihen nach ausländischem Recht) je nach Quelle.

2. Das Geld für den Anleihekauf kommt vom ESM, der es den Griechen leiht. Dieser Kredit muss der Entlastung durch die aufgekauften Anleihen gegengerechnet werden und mindert die Entlastungswirkung.

3. Die Annahmen zur Verschuldung bis 2015 entnehme ich den neuen Projektionen der griechischen Regierung. Für 2015 bis 2020 habe ich für die Schuldenstände das alternative Szenario des IWF aus dem März hergenommen und überall 20 Prozentpunkte draufgeschlagen. Das ist auch die Differenz zwischen den beiden Analysen in den Jahren 2012 bis 2015. Etwas grob vielleicht aber warum nicht.

4. Die Wachstumsannahmen stammen bis 2015 ebenfalls von der griechischen Regierung. Für 2015 bis 2020 habe ich mit einem jährlichen Nominalwachstum von 4 Prozent weitergerechnet, auch diese Größe kommt vom IWF.

Mit diesen Annahmen kann man sich nun anschauen, wie sich ein Anleiherückkauf auf den Schuldenstand auswirkt. Ich habe drei Szenarien gewählt: Einmal kaufen die Griechen die Papiere zu 25 Prozent zurück (unwahrscheinlich), einmal zu 50 Prozent und einmal zu 75 Prozent. Hier ist das Ergebnis:

Grafik: Szenarien zur Entwicklung des Schuldenstands Griechenlands

Drei Szenarien zur Entwicklung des Schuldenstands Griechenlands

Wir sehen: Die Zielmarke des IWF von 120 Prozent des BIP bis 2020 wird nicht einmal annähernd erreicht. Ich komme auf 153 Prozent des BIP bei einem Aufkauf zu 50 Prozent, 159 Prozent bei 75 Prozent und 147 Prozent bei 25 Prozent. Ohne einen Rückkauf landen wir bei 165 Prozent des BIP.

Wie gesagt, das ist alles sehr grob und man kann über einzelne Annahmen diskutieren – aber ich glaube das Bild ändert sich nicht maßgeblich, wenn man hier präziser vorgeht. Es sei denn natürlich, die EZB würde einbezogen, die das aber nicht will.  Fazit: Der Anleiherückkauf wird nicht reichen, wenn man einigermaßen realistisch ist.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Der erste sinnvolle Schieritz-Kommentar, den ich hier gelesen habe. Ein Schuldenrückauf bringt im Fall Griechenlands praktisch nichts, wenn öffentliche Gläubiger außen vor bleiben, weil Privatgläubiger kaum noch Griechenlandanleihen halten.

    Also wird ein echter Schuldenschnitt nötig und auch kommen. Allerdings will Schäuble ihn wohl erst nach der Bundestagswahl, damit er bis dahin die Lüge aufrechterhalten kann, Griechenland habe uns keinen Heller gekostet.

    • 1. November 2012 um 15:10 Uhr
    • Herbert
  2. 2.

    Die geschädigten “privaten” Gläubiger sind ohnehin die deutschen Landesbanken, Pensions- und Gewerkschaftsfonds sowie die großen Versicherungen. Sie können die Verluste alle an ihre Kunden weiter reichen. Wie immer bezahlt Otto Normalverbraucher am Ende alles, egal mit welchen Tricks die Kanzlerin dies immer wieder zu vertuschen sucht.

  3. 3.

    Zuerst stelle ich mir die Frage warum hat der erste Schuldenschnitt nichts gebracht? Er sollte doch 90Mrd. bringen. Dieses war eine Milchmädchenrechnung, warum? Weil die ausländischen Gläubiger nur 30Mrd. abgeschrieben haben (vorwiegend HRE und Commerzbank). Den Rest hielten inländische Gläubiger (griechische Banken). Der EZB-Besitz an griechischen Staatsanleihen war ja gleich ausgeklammert worden. Hätten die griechischen Banken Abschreibungen vornehmen müssen, wären sie und die griechische Volkswirtschaft gleich pleite. Diese ist über den Trick EZB, griechische Geschäftsbanken, griechischer Staat, Rettungsschirme verhindert worden. Sprich es ist eine Kapitalzufuhr von ausländischen öffentlichen Händen, eben diesen 60Mrd., erfolgt. Die Situation Griechenlands hatte sich also nur um die 30Mrd. verbessert. Ansonsten fand nur ein Gläubigertausch statt (privat zu ausländischen öffentliche Händen). Der Staatsanleihenrückkauf mit ESM-Mitteln würde dieses System nur fortsetzen. Griechische Staatsanleihen werden nicht mehr von Ausländern gehalten. Griechische Geschäftsbanken können ohne neues ausländisches öffentliches Geld, darauf auch keine Abschreibungen vornehmen. Also wäre der Staatsanleihenrückkauf nichts weiter als ein neues Rettungspaket (Kapitalimport via ESM), welches die Insolvenz Griechenlands weiter verschleppt und die ausländischen Hände immer mehr ins Obligo bringt. Über EZB, Target2 und Rettungsschirme hält die ausländische Hand schon heute alle Auslandsschulden Griechenlands. Das Hinauszögern der Insolvenz mit ausländischen öffentlichen Mitteln, vergrößert nur den Abschreibungsbedarf dieser öffentlichen Hände und ermöglicht weiter private Kapitalflucht

  4. 4.

    #3

    Welche Auswirkungen hätte eigentlich eine griechische Insolvenz auf Spanien?

    Alex

    • 2. November 2012 um 13:21 Uhr
    • Alex
  5. 5.

    @ Alex

    Spanien ist doch auch insolvent. Kapitalflucht in den letzten 12 Monaten ca. 350Mrd., dafür entsprechende Target2 Erhöhung, sehr stark schrumpfende Volkswirtschaft, hohe Arbeitslosigkeit, ähnliches Leistungsbilanzdefizit, netto Auslandsschulden und kaum Exporte wie Griechenland. Nur die Staatsanleihenzinsen sind noch nicht so explodiert.

    Griechenlands pleite würde auch Pleiten in Spanien und Portugal nach sich ziehen. Aber dieses wäre nur ehrlich. Denn das Geld für die EZB-Staatsanleihenkäufe, Rettungsschirme und Target2 ist so oder so weg.

    Für die Weltwirtschaft wird nur spannend, wenn der absolute Irrsinn aufhört, dass jemand USA und UK zehnjährige Staatsanleihen weit unter der Inflationsrate kauft. Ich nehme an, dass dieses bald nach der US-Wahl der Fall sein wird. Deutschland könnte die höheren Staatsanleihenzinsen verkraften.

  6. 6.

    @ Bernd Klehn

    Zutreffend analysiert und auf den Punkt gebracht:

    >Das Hinauszögern der Insolvenz mit ausländischen öffentlichen Mitteln, vergrößert nur den Abschreibungsbedarf dieser öffentlichen Hände und ermöglicht weiter private Kapitalflucht>

    Da es aber nun mal keine Insolvenz geben darf, entsteht ein kontinuierlich WACHSENDES Problem für die öffentlichen Hände:

    Wie sage ich es meinem Kinde, dem Steuerzahler?

    Vorläufig scheint man mit es mit Verschleierung versuchen zu wollen, wie hier festgestellt wird:

    faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/griechenland-aus-der-spur-geraten-11946842.html

    „Alles spricht deshalb dafür, dass am Ende eine wenig transparente Mischung verschiedener zusätzlicher Finanzierungshilfen für die kurze bis mittlere Frist heraus kommt. Die Zinsen dürften noch einmal ein wenig gesenkt, die Laufzeiten ein wenig verlängert werden. Andere Optionen werden hinzukommen, und abermals dürfte die Annahmen über die langfristige Tragfähigkeit des Programms ein wenig zu optimistisch ausfallen. Vorab werden die Minister wohl ferner mögliche Sanktionen – etwa fest vorgeschriebene weitere Ausgabenkürzungen – für den Fall festhalten, dass die neuen Haushaltsziele wieder nicht eingehalten werden. Auch sie dürften kaum verhindern, dass in einem solchen Fall die Diskussion über weitere Erleichterungen für Athen von vorne begönne.>

    Die Diskussion, die von VORN BEGINNT:

    Man darf gespannt sein, wie lange das gut geht, selbst wenn zu konstatieren ist, dass man sich seit 2010 („… und kein Euro mehr“) eine Rettungsroutine angeeignet hat (so Bosbach), mit der sich noch einiges verkraften lässt.

    Ist erst einmal die SPD an Bord und regiert sie mit, dann wird man sich sicher leichter tun …

    Eine Insolvenz-Hoffnung sollte man bei all dem nicht aus den Augen verlieren:

    Die griechische Bevölkerung könnte irgendwann nicht mehr mitspielen.

    Dann waren es freilich die anderen, die den deutschen Steuerzahle zur Kasse gebeten haben – und das auch noch aus Undankbarkeit, wo er die ganzen Jahre doch nur geholfen hatte.

    • 2. November 2012 um 15:54 Uhr
    • Dietmar Tischer
  7. 7.

    #5

    ‘Griechenlands pleite würde auch Pleiten in Spanien und Portugal nach sich ziehen. Aber dieses wäre nur ehrlich. Denn das Geld für die EZB-Staatsanleihenkäufe, Rettungsschirme und Target2 ist so oder so weg.’

    Darauf wollte ich hinaus: Eine Pleite Griechenlands würde eine weitere Last auf den sich bereits durchbiegenden Rücken Spaniens bedeuten.

    Also muss Griechenland gehalten werden, koste es was es wolle. LOL.

    Alex

    • 2. November 2012 um 16:24 Uhr
    • Alex
  8. 8.

    Mir ist die Gedankenführung des Artikels nicht ganz klar.

    Unter der Annahme, daß die Anleihen im Nominalbetrag von 70 Mrd zu einem Preis von etwa der Hälfte des Nominalwertes oder gar noch günstiger zurückgekauft werden können und die Griechen dafür 35 Mrd Kredit aufnehmen müssen, dann sind sie doch nun zweifelsfrei um 35 Mrd günstiger gestellt. Und wenn auch die Zinsbelastung noch günstiger ausfällt, weil vom ESM womöglich nur Minimalzinsen gefordert werden, dann ergibt sich zweifelsfrei eine Verbesserung der Situation der Griechen insgesamt.

    Natürlich reicht diese Aktion nicht zur Lösung des Gesamtproblems. Vermutlich handelt es sich nur um einen Tropfen auf den heißen Stein. Aber eine Verbesserung der Lage, wenn auch nur eine kleine, wäre damit schon verbunden. Die Privatanleger zahlen die Zeche – das scheint damit auch beabsichtigt.

    Ansonsten warten wir einfach ab, wie lange es dauern wird, bis die “Rettung” Griechenland endgültig ruiniert hat. Meine Empfehlung an die Griechen habe ich schon an anderer Stelle formuliert und dem auch nichts hinzuzufügen.

    • 2. November 2012 um 17:15 Uhr
    • hkeske
  9. Kommentar zum Thema

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