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Die fiscal cliff – eine ideologische Herausforderung für deutsche Ökonomen

Von 5. November 2012 um 15:14 Uhr

Paul Krugman hat neulich auf die Verrenkungen hingewiesen, die die Anhänger eines Konsolidierungskurses machen müssen, wenn das Thema auf die fiskalische Klippe in den USA kommt. Wir erinnern uns: Ohne Gegenmaßnahmen treten am 31. Dezember Einsparungen und Steuererhöhungen in Höhe von rund 600 Milliarden Dollar – etwa fünf Prozent des BIP – in Kraft. Das führt nach allgemeiner Auffassung zu einer tiefen Rezession und sollte deshalb vermieden werden.

So weit so gut – aber die Argumentation folgt natürlich einer keynesianischen Logik: Wenn der Staat kürzt, leidet die Konjunktur. Es  gibt ja nun gerade hierzulande eine ganze Reihe von Ökonomen, für die die hohen Staatsschulden das größte aller Probleme sind und die deshalb einen drastischen Sparkurs in den USA eigentlich begrüßen müssen. Weil das angeblich Vertrauen schafft und damit private Nachfrage generiert wird, die den Ausfall der staatlichen Nachfrage ersetzt.  Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erzählt ja gerne – zuletzt an diesem Wochenende beim G20-Gipfel in Mexiko –,  dass die Europäer beim Schuldenabbau vorankämen und wie sehr die Amerikaner hinterherhinken.

Die fiskalische Klippe ist deshalb ein schöner Test für die Aufrichtigkeit der hiesigen Wirtschaftsfachleute: Wer Keynes für einen Scharlatan hält und Konjunkturprogramme für Teufelszeug, der möge bitte öffentlich erklären, dass die Kürzungen in den USA kein Problem sind und die Weltfinanzmärkte sich völlig umsonst Sorgen machen. Oder für immer schweigen.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 9.

    @8 – Keynesianismus:

    Sie haben ihn zwar theoretisch korrekt beschrieben, politisch parkatisch bedeutet er aber, dass der Staat sich nie freiwillig zurückhält. Eine Frage der Anreizsysteme für Bürger und Politiker. Deshalb ist Keynesianismus praktisch nicht “sicher” umsetzbar – er führt immer, vorhersehbar und ausnahmslos in eine Verschuldungsspirale.

    Was alle mir bekannten Keynesianer entgegen der Historie entweder leugnen oder bagatellisieren.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • 5. November 2012 um 20:50 Uhr
    • ThorHa
  2. 10.

    @M. Schieritz

    Wie ich bereits in einem vorherigen Kommentar angemerkt hatte: Blinde Austerität ist natürlich Schwachsinn. In der Not hat der Staat konsumptive Ausgaben eher zu unterlassen (zB Einsparungen bei Kultur, Militär, etc.) und stattdessen in Projekte zu investieren, die zuküntiges ROI (am Besten in Cash) versprechen.

    Das Gegenargument lautet also: Insofern es hinreichend lohnende Investitionsmöglichgkeiten gibt, kann es auch Sinn machen sich zu verschulden. Das ist historisch aber eben nicht passiert, denn ansonsten hätten sich die Investitionen (die zum Staatsdefizit führten) ja amortisiert und die Verschuldung neutralisiert.

    Das Auftürmen der Schulden ist ja zahlenmässiger Beleg, dass entweder das Geld investiert und/oder konsummiert wurde ohne das entsprechende Rückflüsse stattgefunden haben.

    Darum ist eine weitere Schuldenzunahme skeptisch zu betrachten: Es führt nur zu weiteren Fehlausgaben. Wie gehabt.
    Und darum wäre der Fiscal Cliff auch keine tolle Sache: Es ist anzunehmen, dass nicht nur Fehlausgaben, sondern auch lohnende Investitionen ausbleiben könnten.

    Tja, wenn “intelligentes Sparen” jetzt nur noch einfach von “unintelligentem Sparen” zu unterscheiden wäre.

    #4

    Kleine Korrektur: Typisch Krugman. :-)

    Alex

    • 5. November 2012 um 20:56 Uhr
    • Alex
  3. 11.

    @ bmmayr # 8

    >Im Grunde gibt es aber hier eigentlich auch keinen großen Gegensatz: Krugman meint, der Staat solle in der gegenwärtigen (!!!) Situation mehr Geld ausgeben, Rajan ist nicht dagegen …>

    Ja, insoweit besteht kein großer Gegensatz.

    >…Rajan ist nicht dagegen, er fragt nur danach wofür man es ausgeben soll>

    Da besteht dann doch ein großer Gegensatz, auch wenn heftig darüber gestritten wird, worin er genau besteht.

    Wenn man beide Positionen so stark wie möglich macht, dann stellt sich die Frage:

    Was sind die KRITERIEN, anhand derer man zwischen den beiden Positionen entscheiden kann?

    Das ist die Herausforderung.

    • 5. November 2012 um 21:55 Uhr
    • Dietmar Tischer
  4. 12.

    Dann ist das fünfte Ziel einer Staatsverschuldungsgrenze in die Konstituierung des “magischen Fünfeck” in die neue EU-Verfassung selbstverständlich.
    Beschäftigung
    Wachstum
    Preisniveau
    Ausgleich Leistungsbilanz
    Verschuldungsverzicht

    • 5. November 2012 um 23:00 Uhr
    • Rebel
  5. 13.

    “Es gibt keine Möglichkeit, den finalen Zusammenbruch eines Booms zu verhindern, der durch Kreditexpansion erzeugt wurde. Die einzige Alternative lautet: Entweder die Krise entsteht früher durch die freiwillige Beendigung einer Kreditexpansion – oder sie entsteht später als finale und totale Katastrophe für das betreffende Währungssystem”
    (Ludwig von Mises: Nationalökonomie – Theorie des Handelns und Wirtschaftens. Wirtschaft und Finanzen.

    Staat/Wirtschaft sind ein Schuldenjunkie. Die Keynesianer empfehlen immer den nächsten Fix, um nur ja dem Entzugsschmerz zu entkommen. Sie nehmen dabei in Kauf, dass der Patient mit jedem Fix weiter geschwächt wird, bis er stirbt. Die Austerity-Befürworter wissen, dass ein Entzug die einzige Lösung für eine Genesung ist, wagen aber nicht zu sagen, dass ein Entzug kurzfristig mit deutlichen Schmerzen verbunden ist. Das bringt sie in Argumentationsnot.

    • 5. November 2012 um 23:27 Uhr
    • Archie2
  6. 14.

    Es gibt Umstaende, in denen Konjunkturprogramme Teufelszeug sind. Z.B. wenn ein Land Mitglied eines Festwechselkurs ist und real abwerten muss.

    Und es gibt Umstaende in denen Konjunkturprogramme geboten sind. Z.B. wenn ein Land in der Depression an der Nullzinsgrenze festhaengt und der Staat sich fast kostenlos verschulden kann.

    Fall 1 ist z.B. Deutschland in den fruehen 2000er Jahren. Oder Spanien heute.

    Fall 2 sind die USA 2008-12.

    Aufklaerender Wirtschaftsjournalismus wuerde den Unterschied zwischen den beiden Faellen erklaeren, anstatt sie ueber einen Kamm zu scheren.

    • 6. November 2012 um 04:05 Uhr
    • Henry Kaspar
  7. 15.

    @ 7 ThorHa

    “1) Die Einkommensverteilkung ist ungleich und ein weit überprportionaler Anteil geht an eine kleine Schicht von Leuten
    2) Diese Leute bzw. deren Vertreter (wie Banken) finden keine lukrativen Anlagen mehr, das Geld fliesst also nicht in Konsum (hier: von Investitionsgütern)”

    Ich kenne diese beiden Annahmen. Ich halte sie sogar für korrekt.

    1) entspricht der Beobachtung der Wirklichkeit, dass Talente, Fähigkeiten, Fleiß, etc. ungleich verteilt sind. Folglich müssen auch Ergebnisse ungleich sein.

    2) ist ebenfalls eine korrekte Beobachtung. Zur Lösung dieser Unerfreulichkeit sollte man allerdings an der Ursache und nicht am Symptom ansetzen. Wenn man feststellt, dass zuviel unnützes Geld in der Welt ist, muss man sich die Frage stellen: Wie ist es dort hingekommen? (Der geerdete Wissenschaftler würde zunächst natürlich die Begriffe definieren und fragen, was Geld eigentlich ist und dabei verblüffende Antwortmöglichkeiten erhalten – Recht, Ware, Schuld?)

    Die Antwort auf die Frage, wie unser Geld in die Welt gekommen ist, ist evident und muss hier nicht seitenlang ausgeführt werden: durch die Notenpresse. Ergo ist die Lösung des Problems die Verschrottung der Notenpresse. Andernfalls müsste mir jemand erklären, wie man durch das Bedrucken von Papier (oder von was auch immer) Wohlstand schaffen kann. Mich erinnert dieser Versuch an die alten Alchemisten. Aus Blei Gold machen zu wollen ist ja vergleichsweise intelligent zu dem Versuch, aus Nichts Geld machen zu wollen.

    Vorzeigephilosoph Sloterdijk ist zuzustimmen: ´Die nächsten Großenteignungen sind unterwegs.´ Die Unmengen an bunten Zetteln und Zahlen auf den Konten werdden irgendwann verschwinden. So war es immer und so wird es immer wieder geschehen, wenn man Politikern die Druckerpresse in die Hände gibt.

    • 6. November 2012 um 08:25 Uhr
    • Barthel Berand
  8. 16.

    Und wie setzt man das praktisch politisch durch?

    Das ist in der Tat die einzig relevante Frage!

  9. Kommentar zum Thema

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