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Warum wir (immer noch) nicht für Griechenland bezahlen

Von 2. Dezember 2012 um 23:20 Uhr

Wegen eines Buchprojekts derzeit etwas weniger Präsenz hier, aber das Thema Griechenland kann nicht unkommentiert bleiben. Da freuen sich die hiesigen Medien also darüber, dass sie die Regierung der Lüge überführt hätten, weil die doch nun eingeräumt habe, dass uns die Rettung etwas koste.

Das Ifo-Institut ist da natürlich gleich bei der Stelle mit einer reichlich absurden Berechnung eines impliziten Schuldenschnitts und der Schlussfolgerung, dass deutsche Etatdefizit würde eigentlich um 14 Milliarden Euro höher ausfallen, wenn man dieses Defizit “versicherungsmathematisch korrekt berechnen” würde.

Einmal abgesehen, dass es für die Berechnung des Staatsdefizits nun einmal Regeln gibt, die auch eingehalten werden sollten: So einfach ist die Sache nicht.

Wir erinnern uns, beschlossen wurde:

1) Die Zentralbankgewinne werden nach Athen überwiesen.

2) Die Zinsen auf die Hilfskredite werden gesenkt.

3) Die Laufzeiten verlängert und ein Teil der Zinszahlungen gestundet.

4) Die Gebühren des EFSF werden reduziert.

Nun kann man, wie das Ifo-Institut das tut, den Barwert der Zinssenkungen und Laufzeitverlängerungen ausrechnen und kommt damit auf ziemlich gewaltige Summen. Nur: Es handelt sich um entgangene Profite, nicht um Verluste. Das mag vom Ende her betrachtet keinen großen Unterschied machen, aber dennoch ist die Aussage der Regierung, die Deutschen würden ihr Geld zurückbekommen auf Basis des jetzt vereinbarten Programms, korrekt.

Man könnte höchstens argumentieren, dass die Verzinsung der Kredite nun nicht mehr risikoadäquat ist oder Deutschland mit dem Geld an anderer Stelle höhere Renditen erwirtschaften könnte. Aber das tut erstens niemand und es würde zweitens an der Tatsache nichts ändern, dass die Regierung die Wahrheit sagt.

Und völlig absurd wird es, wenn jetzt behauptet wird, Deutschland müsse bezahlen, weil ja die Bundesbank einen Teil der Gewinne aus den Anleihegeschäften in die Risikovorsorge stecke. Denn erstens ist die Bundesbank ein Teil von “Deutschland” und zweitens wird die Risikovorsorge irgendwann aufgelöst, wenn die Risiken nicht schlagend werden und dann fließt das Geld eben später.

Ich will die Griechenland-Politik der Regierung nicht verteidigen. Ich glaube auch, dass am Ende nicht alles Geld zurückkommen wird. Aber wer die Kanzlerin kritisieren will, der muss sich schon ein wenig mehr Mühe geben.

Update: Auch wenn es viele Kommentatoren nicht glauben wollen: Der Zinssatz, der jetzt verlangt wird, liegt über dem Satz, zu dem sich Deutschland refinanziert. Ist so.

Update II: Vielleicht ist es auch schwer zu verstehen: Ich behaupte nicht, dass Griechenland nichts kostet. Ich sage nur, dass es Stand jetzt nichts kostet – und alle diejenigen, die argumentieren, die Beschlüsse der vergangenen Woche seien die Bestätigung dafür, dass dem nicht so sei, es sich zu einfach machen.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ M. Schieritz

    >… ist die Aussage der Regierung, die Deutschen würden ihr Geld zurückbekommen auf Basis des jetzt vereinbarten Programms korrekt.>

    Wenn man sich gewählt ausdrückt, ist vieles, das vereinbart wird, korrekt.

    >Ich glaube auch, dass am Ende nicht alles Geld zurückkommen wird.>

    Wie denn das – oder passt die Vereinbarung vielleicht nicht zur Realität?

    >Aber wer die Kanzlerin kritisieren will, der muss sich schon ein wenig mehr Mühe geben.>

    Wer die semantischen Kunststücke der Kanzlerin zur Realitätsverschleierung schön reden will, muss sich schon ein wenig mehr Mühe geben.

    • 3. Dezember 2012 um 00:45 Uhr
    • Dietmar Tischer
  2. 2.

    Sehr geehrter Herr Schieritz, ich finde Sie sollten sich nicht auf Wortklaubereien festlegen.

    ‘Ich will die Griechenlandpolitik der Regierung nicht verteidigen. Ich glaube auch, dass am Ende nicht alles Geld zurückkommen wird.’

    Und genau das ist mein Problem mit diesem Beitrag. Angesichts der drohenden immensen Verluste richten Sie hier den Fokus auf solche Fragen?? Wirklich? Was ist denn dieser Beitrag anderes als eine Ablenkung von der Lawine, die auf Deutschland zurollt?

    Und wer bestreitet, dass diese Lawine kommt, dem empfehle ich die Lektüre dieses Beitrags:

    ‘In other words, what happens when Spanish wages tumble by another 30%, as they must if the EUR, and the Eurozone, is to survive? Alternatively, if there are no labor cost cuts, how many more years and months of 1%/month unemployment increases will the unemployed in the periphery suffer before it realizes that chronic 25%+ unemployment is here to stay, as is the European Depression. What is most sad is that the economic reality is that regardless of the “all clear” that central-bank-manipulated market indicators tell us, the European imbalances continue deteriorating at a rapid pace.

    [...]

    Yet telling a continent, which in its desperation is hopeful and confident that the worst is behind it (as its lying politicians take every opportunity to note) that the most acute of standard of living collapses is yet to come, is borderline cruel and unusual. So we will just keep our mouths shut and let Europe’s politicians bring this depressing message to their people. We are confident the reaction will be more than dignified. ‘

    zerohedge.com/news/2012-12-02/next-recovering-europe-30-50-collapse-wages-spain-italy-and-france

    Diesen Kollaps des europäischen Wohlstands wird man versuchen durch den deutschen Sparer/Steuerzahler aufzufangen, was *unmöglich* ist.

    Was bewirkt denn der Euro? Er bewirkt, dass ein Weltklasse-Athlet *während eines Wettrennens* mit anderen Spitzen-Läufern auf seine eher etwas pummeligen Freunde warten muss. Das kann nicht gut gehen. Nicht heute und nicht morgen.

    Alex

    • 3. Dezember 2012 um 08:48 Uhr
    • Alex
  3. 3.

    Was bewirkt denn der Euro? Er bewirkt, dass ein Weltklasse-Athlet *während eines Wettrennens* mit anderen Spitzen-Läufern auf seine eher etwas pummeligen Freunde warten muss. Das kann nicht gut gehen. Nicht heute und nicht morgen.

    Und das bedeutet für Sie das wir die Griechen abkoppeln und sich selbst überlassen? Das kann erst recht nicht gut gehen. Was Sie dann lostreten läßt sich dann wirklich nicht mehr aufhalten. Glauben Sie tatsächlich das ein Grichenland in Chaos und Anarchie keine Auswirkungen auf den Rest Europas haben würde? Naiv!

  4. 4.

    Das ist nicht korrekt.

    Da sich Deutschland das Geld ebenfalls leihen und darauf Zinsen zahlen muss, handelt es sich eben nicht um entgangene Profite.

    Die Kosten für das geliehene Kapital zahlen wir eben jetzt alleine und die Griechen tragen nichts dazu bei.

    Das Grundproblem wird ja von den “Rettungs”-Verfechtern verschwiegen. Griechenland wird gerade zum Saarland/Bremen/Berlin Europas. Und es ist völlig legitim, dies als deutscher Steuerzahler abzulehnen.

    • 3. Dezember 2012 um 11:34 Uhr
    • Hans Meiser
  5. 5.

    Empfehle dazu

    dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1934265/

    Selbst verständlich “fließt” jetzt reales Geld und belastet den Bundeshaus.

    Und wer die Kanzlerin verteidigt sollte dies redlich tun und nicht spekulativ rumschwafel!

    • 3. Dezember 2012 um 11:34 Uhr
    • Johannes
  6. 6.

    @Alex

    Und ohne Euro wäre alles besser, ohne Bankenrettung würde Dtl. Geld sparen, ohne Griechenlandrettung blablabla.
    Mal abgesehen davon, dass ich das falsch finde, weil es an den Fakten vorbeiargumentiert, kann man nur immer wieder wiederholen. Ein Europa mit mehreren Pleitestaaten nützt auch Dtl. nichts, denn darunter würde massiv der Export leiden. Wovon ist die deutsche Wirtschaft nochmal abhängig?
    Sie brachten das Beispiel des Spitzensportlers. Betrachten Sie es eher als Staffellauf und die anderen Laufstaffeln finden sie in Asien, Südamerika und Nordamerika und diese Staffeln schlagen Sie nicht, als Einzelathlet, sondern nur als Staffel und dazu gehört eben auch, dass man seine Teammitglieder mitzieht, denn alleine könnte man diesen Wettkampf erst recht nicht gewinnen, oder gar einfach nur bestehen. Vielleicht auf den ersten Metern, vielleicht sogar in der 2. Runde aber dann … Man stelle sich vor, Usain Bolt müsste die 4 x 200m alleine laufen gegen die US-Staffel ;)

    @ Autor. Ich stimme Ihnen in weiten Teilen zu, aber es gehört eben auch ein Stück weit zur Panikmache und Panik gehört nunmal auch zum deutschen Steuerzahler und noch mehr zu den deutschen Medien. Ohne Panik und mit einer höheren Sachlichkeit und Rationalität wäre die ganze Krise vielleicht viel glimpflicher abgelaufen.

    • 3. Dezember 2012 um 11:36 Uhr
    • lxththf
  7. 7.

    @Hans Meiser

    legitim? Was machen wir denn mit dem Saarland, Bremen und Berlin auf Bundesebene? Verrecken lassen?

    • 3. Dezember 2012 um 11:37 Uhr
    • lxththf
  8. 8.

    Jetzt bin ich ehrlich gesagt völlig von der Rolle.

    Es wird doch Geld nach durch die Rettungsschirme “verschkickt” ( wo es auch immer landet ) und dieses Geld ist entweder vorhanden oder wird als Kredit aufgenommen.

    Und dies alles soll “uns” keinen Cent kosten. Ehrlich gesagt versteh ich das jetzt nicht mehr!

  9. Kommentar zum Thema

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