So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Weimar, Weidmann und die Angst vor der Inflation

Von 18. Dezember 2012 um 03:54 Uhr

Ich sitze gerade in einem Hotelzimmer in Washington um ein Interview vorzubereiten und an meinem Buch zu arbeiten. Es geht – so viel sei schon verraten  – um die Inflation. Ich beschäftige mich dabei auch mit der Weimarer Republik und es ist erschreckend, wie die Angst vor steigenden Preisen die Politik damals gelähmt hat.

So gibt am 13. Oktober 1931  Reichskanzler Heinrich Brüning im Berliner Reichstag eine Regierungserklärung ab. Die Generalaussprache im Reichstag aber hat fast nur ein Thema: Die Inflation. Der Abgeordnete Johann Leicht von der Bayerischen Volkspartei dankt Brüning dafür, dass er “unter keinen Umständen einer neuen Inflation die Wege ebnen” werde. Joseph Joos von der Zentrumspartei meinte: “Inflation war noch immer der Verderb für ein Volk. Wir haben dem Kanzler immer und immer wieder zugerufen: Legen Sie uns die härtesten Maßnahmen auf, aber lassen Sie das nicht zu.”

Das war wohlgemerkt im Jahr 1931. Damals waren in Deutschland bereits 4,5 Millionen Menschen ohne Arbeit – und die Preise sanken um 8,1 Prozent. Sie sanken, sie stiegen nicht. Für den Historiker Knut Borchardt ist klar, dass “in der Weltwirtschaftskrise in Deutschland eine Inflationsangst verbreitet war, die den Handlungsspielraum der wirtschaftspolitischen Instanzen eingeschränkt hat”. Sie hat dazu geführt, dass beschäftigungspolitische Maßnahmen bewusst knapp dimensioniert wurden, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, sie schürten die Inflation.

Das gilt etwa für ein von den Gewerkschaften vorgestelltes Programm zur Belebung der Wirtschaft, den nach den Initialen seiner geistigen Väter Wladimir Woytinsky, Fritz Tarnowund Fritz Baade benannten WTB-Plan. Es gilt aber auch für Vorschläge, Deutschland möge sich wie Großbritannien von der Golddeckung seiner Währung lossagen, um mehr Spielraum für die Bekämpfung der Wirtschaftskrise zu haben.

Ähnlichkeiten mit der Situation heute sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Update: Für alle Interessierten: Die Daten von damals.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 81.

    PS: Einen Nutzen hat Inflation doch noch: Eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkit durch reale Lohnsenkung läßt sich leichter bewerkstelligen, indem man bei Inflation den nominalen Lohn nicht erhöht, als indem man bei stabilem Preisniveau die Löhne senkt.Hängt einerseits mit Psychologie zusammen (salopp ausgedrückt: Wenn der Geldbeutel gleich dick bleibt, merken die Leute nicht, wie sein Inhalt immer wertloser wird) und andererseits damit, dass eine nominale Lohnsenkung letztlich gar zu Deflation führen kann. Da ist eine 5%ige Inflation über 5 Jahren vielleicht sogar besser als eine 22%ige Senkung des Nominallohns..

    • 30. Dezember 2012 um 17:32 Uhr
    • Arjen van Zuider
  2. 82.

    @ 65 – Rebel

    „Konsum ist immer Investition“

    Das ist neu für mich. Diese Theorie müssten Sie ein wenig mehr ausbreiten.

    @ 66 – Arjen

    „Ein gleichbleibender Edelmetallgehalt der Münzen nützt Ihnen aber auch nichts, wenn das Silber im Vergleich mit allen Waren und Dienstleistungen, die Sie für Ihr tägliches Leben halt so brauchen rapide an Wert verliert. Zum Beispiel, weil die Spanier im Westen ein leicht kolonisierbares Land mit vielen reichen Silberminen entdeckt haben (das sie entsprechend La Plata nennen) und das Silber tonnenweise über den Atlantik schippern.“

    Zu dieser Geschichte gibt es verschiedene unterschiedliche Quellen. Diese berühmte Gold- und Silberinflation des 16. und 17. Jahrhunderts vergrößerte den Geldbestand Europas um 50% – 500%, je nach Quelle. Dies allerdings über einen Zeitraum von rund 150 Jahren. D.h. die Wachstumsrate der Geldmenge lag irgendwo zwischen 0,3 und 3,3% p.a. Das ist im Vergleich zu heutigen Wachstumsraten eher harmlos.

    „Ein Kredit kann aber sehr wohl Produktionsfaktoren mobilisieren,…“

    Natürlich. Das meinte ich auch nicht als ich schrieb, ein Kredit können keine Ressourcen erzeugen. Ich habe mich unklar ausgedrückt. Ein Kredit führt diese Ressourcen nur anderen Unternehmen zu, als denen, die ohne diesen Kredit über die Ressourcen verfügt hätten. Folge ist eine andere Struktur.

    „Der spanische Bauboom ist übrigens nicht durch “manipulierte” Zinsen entstanden, sondern dadurch, dass die Zinsen aufgrund eines hohen Angebots (zB deutsche Sparer bzw die Banken und Versicherungen, die ihr Geld verwaltet haben, die etwas profitableres als deutsche Staatsanleihen gesucht haben und sich kaum darum gekümmert haben, ob damit jetzt sinnvolle Projekte finanziert werden) in den Keller gesunken sind.“

    Wenn das so wäre, warum haben dann die spanischen Banken Probleme? Ein Bekannter von mir, der selbst eine Immobilie in Spanien besitzt, hat mir erzählt, dass er bei einer spanischen Bank eine kleine Finanzierung für diese Immobilie aufgenommen hat. Der Bankmitarbeiter hat ihn geradezu genötigt, den fünffachen Betrag aufzunehmen, weil das Geld halt derzeit so billig sei und die Immobilien zwangsläufig im Wert steigen würden. Viele werden das Angebot angenommen haben; mein Bekannter glücklicherweise nicht.

    @ 67 – SLGramann

    Vorweg: Mir ist es grundsätzlich egal, ob jemand österreichisch, keynesianisch, monetaristisch oder sonst wie argumentiert. Mir ist wichtig, dass die Argumentation in sich schlüssig ist und auf korrekt oder zumindest sinnvoll verwendeten Begriffen basiert.

    „Aber wissen Sie, warum sich die Österreicher nicht gegen Keynes und seine Schule durchsetzen konnten? Weil wir schon in den 20er – und 30er-Jahren eine ganz andere reale Situation als die des Kapitalmangels hatten.
    Es war eine Nachfragekrise und eine Deflationskrise – und – ganz wie heute – lagen massenhaft Produktionsfaktoren brach. Die Wirtschaftsentwicklung war nicht angebotsseitig limitiert, sondern von der Nachfrageseite her.“

    Bei allem Respekt, aber ich halte diese Nachfragemangel-, Unterkonsumtionstheorien oder Nachfragekrisen für große Erzählungen, die den Status eines Märchens haben sollten.

    1. Auf JEDEM Markt sind Angebot und Nachfrage IMMER im Gleichgewicht. Der Anbieter ist nur nicht bereit, sein Produkt zu einem niedrigen Preis anzubieten; der Nachfrager ist entsprechend nicht bereit, mehr dafür zu bezahlen. Also ist alles in Ordnung.

    2.Der Bedarf ist immer unendlich groß und daher auch die Nachfrage. Einen Mangel an Nachfrage kann man ausschließen. Es gibt nie genug, um alle Bedürfnisse zu befriedigen. Darum geht es ja gerade bei der Wirtschaft: Knappheitsbewältigung. Es kann immer vorkommen, dass sich Unternehmer darin verschätzen, was zukünftig nachgefragt werden wird und deshalb ihr Angebot nicht loswerden. Das ist richtig. Das liegt dann – wenn Sie so wollen – in der Tat an fehlender Nachfrage. Dann muss aber nicht die Nachfrage für dieses Produkt künstlich erzeugt werden, sondern das Angebot muss verschwinden. Ich möchte zum angebotenen Preis keinen Opel kaufen. Und so verhält sich das mit jedem Angebot. Der Kunde entscheidet, nicht der Politiker. Auch nicht der Zentralbankpolitiker.

    „Sie kommen deshalb auch heute mit den Österreichern nicht wirklich weiter.“

    Ich denke, das liegt eher daran, dass die Ösis den Interventionismus ablehnen. Und welcher Politiker würde das verstehen… wollen? Erklären Sie mal jemandem etwas, wenn sein Job davon abhängt, es gerade NICHT zu verstehen. Keynes ist da für Politiker wesentlich attraktiver.

    Was mich in Bezug auf die Ösis viel stutziger macht ist die Tatsache, dass ich als ehemaliger Student dieses Fachs nie von Ihnen gehört habe. Den Namen L.v. Mises habe ich das erste mal vor rund fünf Jahren im Rahmen meines Selbststudiums gelesen, im Bemühen, die Krise zu verstehen – nie an der Uni. Oder ich war nur unaufmerksam. Auch möglich.

    „Dann wissen Sie auch, warum untragbare Schuldenstände aufrechterhalten und der Kapitaldienst durch sozialen Kahlschlag aus den Menschen rausgepresst werden soll.“

    Da rennen Sie bei mir doch offene Türen ein. Raten Sie mal, wer sich durch unser ungedecktes Papiergeldsystem so fleißig bereichert. Und zu wessen Lasten diese Umverteilung geschieht. Solange unser Geld nicht wieder gedeckt wird, solange werden diese Schwerverbrecher weiter machen – bis zum finalen Kollaps.

    @ 68 – Arjen

    „Beim Staat kann man sich wenigstens darauf verlassen, dass er das geliehene Geld tatsächlich in den Wirtschaftskreislauf einspeist.“

    It´s not the deficit, it´s the spending.

    Bei einem Kredit kommt es entscheidend darauf an, wie er verwendet wird. Wird er konsumtiv verwendet, gilt der alte Satz von Hjalmar Schacht, dass Verschuldung nur vorgezogener Konsum ist, der in der Zukunft AUSFÄLLT (Gruß nach Griechenland). Wird er hingegen investiv verwendet, kann er wohlstandsmehrend wirken. Kann. Und nun schauen Sie einmal auf die Struktur der Staatsausgaben. Wie hoch ist da die Investitionsquote?

    Ansonsten bin ich mit Ihnen einig.

    @ 70 – alterego

    Das haben wir keinen Dissenz. Das habe ich hier schon einmal genauso geschrieben.

    • 30. Dezember 2012 um 18:00 Uhr
    • Barthel Berand
  3. 83.

    @81
    In Griechenland sinken die Löhne, während die Preise weiter steigen. Habe durchaus den Eindruck, dass die Griechen das merken.

    Aber das eigentliche Problem dabei ist doch, dass die heimischen Güter, sofern deren Preise in Relation zu denen der ausländischen Konkurrenz nicht sinken, gegenüber diesen nicht attraktiver und daher auch nicht stärker nachgefragt werden.

    Woher soll dann der Aufschwung kommen?

    • 30. Dezember 2012 um 18:22 Uhr
    • alterego
  4. 84.

    @ 82

    Das Haushaltsrecht der Kommunen unterscheidet / unterschied in Verwaltungs- und Vermögenshaushalt mit Investitionshöhegrenze.

    Was war / ist der Sinn?

    Weiter wurde die staatliche Schuldenaufnahme an die Höhe des Investitionsbegriffs gekoppelt – Verfassungsgerichtsurteile …

    Wenn diese Abgrenzung Konsum – Investition nicht mehr gilt ist die Verschuldungsmöglichkeit neu zu definieren. Neuer Kommentar zur BHO; Heuer …

    Aber jetzt zum inhaltlichen :

    Frühere schwierigste Abgrenzung galt der Bildungsinvestition oder nur Bildungsausgabe (Konsum).
    Konsum gilt / galt als einmalig verbrauchend während Investition wiederkehrend und somit selbsterhaltend als positiver bewertet wird.
    Weiter wird / wurde Konsum als kurzfristig und damit negativer als über Nutzungsdauern verteilte Investitionen gesehen.

    Ist das wirklich so?
    Sehen wird die Unterscheidung von der Herstellung / Produktionsseite müssen sowohl Investitions als auch Konsumgüter geschaffen werden.
    Sie sind beide Investitionen und nachhaltig?
    Wird die jeweilige Vorteilhaftigkeit versucht zu ergründen – dann mal los…
    Ist der Verbrauch von Bildung gut und sinnvoll, soll das bezahlt / investiert werden?
    Ist Ernährung (kurzfristiger Konsum) schlechter als Häuserbauen (langfristige Investition)?
    Das wäre eine erste Ausbreitung zum Nachdenken ;-)

    • 31. Dezember 2012 um 00:38 Uhr
    • Rebel
  5. 85.

    @ 84 – Regel

    Ich habe kein Wort verstanden. Außer:

    “Weiter wurde die staatliche Schuldenaufnahme an die Höhe des Investitionsbegriffs gekoppelt”

    In der Tat. Es gab mal kluge Menschen in diesem Lande…

    “Wenn diese Abgrenzung Konsum – Investition nicht mehr gilt ist die Verschuldungsmöglichkeit neu zu definieren”

    Warum sollte diese Abgrenzung nicht mehr gelten? Weil ein Verwaltungsakt ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu ignorieren versucht? Ich bitte Sie. Da war ja Friedrich Engels schon weiter…

    “Sehen wird die Unterscheidung von der Herstellung / Produktionsseite müssen sowohl Investitions als auch Konsumgüter geschaffen werden.”

    Alle Güter, die geschaffen werden, dienen AUSSCHLIEßLICH und letztendlich dem Konsum. Investiton ist kein Selbstzweck. Aber Investitionen erhöhen die Arbeitsproduktivität und machen uns das Leben leichter – und damit den Konsum. Wenn wir stets nur soviel produzieren würden, wie wir zum unmittelbaren Konsum benötigten, gäbe es keine Investitionen. Wir würden alle Erzeugnisse unserer Produktion direkt verbrauchen. Kein Mehrwert, kein Wachstum. Subsistenzwirtschaft. Manche treiben es recht dolle und konsumieren auf Punmp; s. Griechenland. Da baut man schon wieder Gemüse in der Athener Innenstadt an. Man kann den Wachstumsprozess auch umkehren, wenn man einiges falsch macht; s. USA. Dort sinkt der Kapitalstock seit Jahrzehnten ständig. Wenn die noch ein paar Jahrzehnte so weitermachen würden, fänden die sich in der Subsistenzwirtschaft wieder.

    Das alles hat natürlich viel mit dem Thema Bildung (= die Fähigkeit zu effektivem Handeln) zu tun. Die bekommen Sie aber nicht in unseren öffentlichen Verwahranstalten, die man heute Uni nennt. Zumindest nicht in der Fakultät, die sich mit VWL befasst. Wir haben nun wirklich die schlechtesten Volkswirte seit über 100 Jahren. Aber ich glaube, die merken das gerade selber…

    • 31. Dezember 2012 um 16:02 Uhr
    • Barthel Berand
  6. Kommentar zum Thema

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