So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Der IWF wusste es die ganze Zeit besser

Von 7. Januar 2013 um 16:44 Uhr

Ein großes Rauschen geht durch den Blätterwald: Nach drei Jahren Dauersparen in den europäischen Krisenländern hat der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, eingestanden, dass der Fonds die negativen Effekte der Sparpolitik auf die Wirtschaftsleistung deutlich unterschätzt und damit – ups – die Krise noch weiter verschärft hat (wovor ich hier im Herdentrieb schon vor zweieinhalb Jahren gewarnt habe).

Im Mittelpunkt von Blanchards Analyse steht der sogenannte “fiskalische Multiplikator”, der den Effekt staatlicher Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen auf das Wirtschaftswachstum misst. In der Vergangenheit hat der IWF diese Größe immer wieder unterschätzt – jetzt gibt Blanchard zu, dass dies auch im Fall von Griechenland und anderen Krisenstaaten geschehen ist. Grundsätzlich gilt: Je höher der Multiplikator ist, desto stärker fällt das Wachstum, wenn der Staat spart – und desto stärker steigen auch die staatlichen Schulden. Denn wenn die Wirtschaftsleistung fällt, sinken auch die Steuereinnahmen und die Staatsausgaben steigen, was am Ende die Schulden nach oben treibt: Firmen gehen pleite, Menschen verlieren ihren Job und müssen Arbeitslosen- und Sozialhilfe in Anspruch nehmen.

Genau das ist in den Euro-Krisenländern Griechenland, Portugal und Irland unter Troika-Aufsicht (zur Troika gehören neben dem IWF auch die Europäische Zentralbank und die Europäische Kommission) geschehen. Seit Beginn des großen Sparens im Jahr 2010 ist die öffentliche Schuldenlast Griechenlands (in Prozent des BIP) um 28 Prozentpunkte gestiegen, von 148 auf 177 Prozent; in Portugal und Irland um etwa 25 Prozentpunkte (von 94 auf 119 in Portugal und 92 auf 118 Prozent in Irland).

Die Rezession in den Krisenländern hat auch die Arbeitslosigkeit kräftig erhöht: In Griechenland betrug die Arbeitslosenquote Ende 2012 26 Prozent, in Irland 15 Prozent und in Portugal 16 Prozent. Für die Arbeitslosen und die ins soziale Elend Geworfenen ist das Mea Culpa des IWF–Chefvolkswirtes wohl nur ein schwacher Trost. Aber zumindest könnte man denken, dass der IWF ehrlich zu seinen Fehlern steht. Besser die Erkenntnis kommt spät als dass sie gar nicht kommt. Aber kam die Erkenntnis wirklich so spät? Hätte der IWF es vorher besser wissen können? Ja, hätte er.

Schon im Jahr 2003 veröffentlichte das Unabhängige Evaluierungsbüro des IWF einen Bericht zu 133 fiskalischen Anpassungsprogrammen, die der IWF Ländern zwischen 1993 und 2001 aufgedrückt hatte. Der Bericht fand schon vor zehn Jahren ziemlich genau das heraus, was Blanchard und seine Kollegen jetzt mit ihren statistischen Methoden “neu entdeckt” haben: Der Fonds hatte den Ländern regelmäßig zu hohe Sparauflagen gemacht, weil er geglaubt hatte, dass das Wachstum schon nicht so stark fallen würde; regelmäßig fiel das Wachstum aber schwächer aus als vom IWF angenommen und regelmäßig sind damit die Sparziele verfehlt worden und die Schuldenlast gestiegen.

Dass die Fiskalpolitik des IWF nicht nur kontraproduktiv für den Schuldenabbau ist, sondern die Wirtschaften in tiefe Krisen stürzt und damit die Existenz von Millionen Menschen zunichte macht, müsste dem IWF also mindestens seit zehn Jahren bekannt gewesen sein. Ärzte, die gegen besseres Wissen ihre Patienten erst richtig in die Krankheit kurieren, verlieren normalerweise ihre Zulassung. Was passiert mit Ökonomen, die ganze Volkswirtschaften ins Elend schicken?

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ohne oder mit weniger strengen Sparauflagen hätte sich ebenfalls kein Wachstum entwickelt. Die Krisenvolkswirtschaften sind unter dem Euro nicht wettbewerbsfähig, weil die gemeinsame Währung für sie zu hoch bewertet ist. Und keine Strategie, die auf deren Verbleiben in der Eurozone setzt, wird daran etwas ändern, jedenfalls sofern die Güterpreise bei etwa 20% und mehr über denen vergleichbarer Konkurrenzprodukte liegen. Vielleicht werden IWF und andere sogar das eines Tages erkennen.

    • 7. Januar 2013 um 17:10 Uhr
    • alterego
  2. 2.

    Wir waren erst im November in Spanien (billige Pauschalreise mit vielen Busfahrten). Auffällig waren vor allem die leeren Autobahnen. Scheinbar werden da inzwischen auch wenig befahrene Strecken zur Autobahn ausgebaut (die EU Förderung läßt grüssen). Am Ende waren wir dann in einem dreiteiligen Gebäudekomplex für Golfurlaub untergebracht, von denen 2 Gebäude überhaupt nicht belegt waren, und unser Teil eben gerade so zur Hälfte gefüllt war, die meisten aber nicht als Golfspieler, sondern eben Pauschalurlauber.

    Unser Eindruck, dass da wohl viel fehl investiert wurde, wurde von unserer einheimischen Reiseleiterin bestätigt. Die Leute dort sind sehr sauer, dass so viel Geld für völlig unsinnige Projekte ausgegeben wurde, und jetzt für die nötigsten Dinge kein Geld mehr da ist.

    Investitionen bringen nur etwas, wenn sie auch Einnahmen erzeugen, welche diese am Ende bezahlt machen. Autobahnen, die nicht gebraucht werden, kosten nur höheren Unterhalt, und bringen nichts. Man möge sich einmal das Autobahnnetz rund um Madrid anschauen, sieht aus wie ein Spinnennetz, nicht ein Ring sondern 3 oder 4 Ringe, schön gestaffelt. Bei uns streiten die Grünen gegen jede Art von Autobahnbau. Für dort scheint das keine Rolle zu spielen. Das sind dann aber keine Investitione mehr, sondern reine Geldvergeudung.

    • 7. Januar 2013 um 18:03 Uhr
    • Tiefenwahn
  3. 3.

    Egal in welches Land der IWF seine Nase rein gesteckt hat, noch nie ist da was gutes bei rum gekommen.

    Will ja hier nicht olle Kamellen aufwärmen aber es weiß auch jedes Kind, dass die Amis den IWF für ihre Zwecke einspannen.

  4. 4.

    Der IWF wusste genau was passiert, weil es schon ein dutzendmal zuvor genau so geschehen ist. Es gibt genug Besipiele, bei denen der IWF den kreditnehmenden Ländern harte (neoliberale) Reformen aufgedrückt hat, die zu einem Zusammenbruch der Wirtschaft geführt haben.

    Aber der IWF hat es so gewollt. Denn die eigentliche Aufgabe dieses Vereins ist es, Länder in Abhängigkeiten zu manövrieren, die den kreditgebenden Ländern Vorteile bringen.

    Das ist Knechtschaft durch Schulden.

  5. 5.

    Man hätte dem Beispiel der USA in der Depression der 30er folgen und in Spanien eine Reihe von Hooverdämmen bauen können. Vielleicht neben jeder Autobahn einen, alle 100 km vielleicht? Das hätte man die Blase am laufen gehalten. Nur besonders nachhaltig ist das nicht, denn es löst nicht das Problem einer nicht wettbewerbsfähigen Wirtschaft und der Glaube es würde mehr Geld an Steuern reinbringen als es kostet, ist wirklich naiv. Sonst könten man die Staatsverschuldung ja sehr einfach lösen. Das Perperuum Mobile mit angebauten Dynamo funktioniert aber leider nicht Leider kostet sowas viel Geld und bringt “nur” Zeit bis es nicht mehr finanzierbar ist weil die dafür ausgenommenen Kredite aus dem Ruder laufen. Funktioniert bei einer kurzen Krise (Konjunkturpaket I & II in D) aber nicht bei strukturellen Problemen.

    Aber Zeit und Geld hatte man eigentlich genug, als nach der Einführung des Euros die Kredite billig waren. Nur hat man die Zeit eben dazu genutzt mehr oder sinnlose Bauten zu erreichten (nicht ganz so sinnlose wie Hooverdämme an der Autoban aber sinnlos genug) und die Löhne hochzutreiben. Und nicht dazu, das Land wettbewerbsfähig zu machen. Die EU hat zugsehen und sich über den Erfolg des Euros gefreut. Jetzt ist das Problem da und man kann wegen der Gemeinschaftswährung die eigene Währung nicht abwerten, um die Wirtschaft wieder konkurrenzfähig zu machen. Und weil die Gewerkschaften nicht mitmachen. Und die EU freut sich darüber, dass sie noch mehr Macht bekommt, Banken-, Fiskal, Haftungs- Undsoweiterundsoweiterunion.

    • 7. Januar 2013 um 18:59 Uhr
    • ZPH
  6. 6.

    Wer ernstlich diesen Herrschaften des IWF zugestehen wollte, die hätten eine solche Entwicklung nicht abschätzen können, der muss schon sehr gutgläubig sein oder aber selber das System nicht ein Stück weit begriffen haben.

    Das ganze deutet leider wirklich auf so eine Art Endphase des Systems hin. Dabei ist folgender Umstand zu beachten. Das Geld versucht in Richtung Sicherheit, also Staatlichkeit zu fliehen. Die sogenannte Sozialisierung der Schulden. Dies lässt sich übrigens hervorragend an der Schuldenentwicklung der Staaten ablesen, sie nimmt zu, unter anderem wegen der im Artikel beschriebenen Mechanismen.

    Das zentrale Problem wird dennoch nicht thematisiert und scheinbar gemieden wie die Pest. Das bestehende Schuldgeldsystem muss periodisch (so etwa alle 3 Generationen) kollabieren. Dies aus physischen Gründen, weil exponentielles Wachstum eben nicht möglich ist, aber faktisch im Monetärbereich gelebt wird.

    Da nun aber einmal die Umverteilung von unten nach oben via kaputtes Geldsystem Staatsräson ist (nennt sich Kapitalismus), ist der Weg ebenso vorgezeichnet. Scheinbar haben wir ja auch die Soziale Marktwirtschaft zugunsten der reinen Lehre des Kapitalismus überwinden können.

    Ein kleiner Schmäh dazu, wie dieses System funktioniert, an dieser Stelle:

    qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/

    Einfach mal die Schuldenkrise vom Blickwinkel her versetzt und aus der Perspektive der Guthabenkrise betrachtet, die ja bilanztechnisch auf den Cent genauso groß ist. Nur eben etwas freigiebiger und nicht so verkappt erklärt. Sollte jeder verstehen können der sich über das aktuelle System so den Kopf zerbricht.

    • 7. Januar 2013 um 18:59 Uhr
    • WiKa
  7. 7.

    Aber das Schuldeingeständnis sorgt vielleicht beim weiteren Umgang des IWF gegenüber den PIGS-Ländern für mehr Maß! Nur Merkel wird davon im Wahljahr nichts wissen wollen und wird auch weiterhin nahezu Unmögliches einfordern und als deutsche Haushaltspolizistin in der EU Schlimmeres anrichten. Einsicht? Fehlanzeige! Das hat sich schon in den vergangenen Monaten so angekündigt…

  8. 8.

    Es gibt sogar eine einfache mathematische Formel.

    Wenn das BIP (die Wirtschaftsleistung) sinkt und die Schulden gleich bleiben, dann steigt das Verhältnis von Schulden und BIP.

    Wenn Griechenland beispielsweise in einem Jahr 140% Schulden bezüglich des BIP hat, dann kann der Prozentsatz im nächsten Jahr auf 170% steigen, auch wenn es keine neuen Schulden gibt, nur weil das BIP entsprechend geringer ist.

    • 7. Januar 2013 um 19:18 Uhr
    • Wolfgang
  9. Kommentar zum Thema

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