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Japan erklärt den Währungskrieg

Von 24. Januar 2013 um 07:53 Uhr

Die neue Regierung Japans versucht, sich aus der Deflationsfalle zu befreien, in der das Land seit vielen Jahren steckt. Sie unterscheidet sich darin nicht von ihren zahlreichen Vorgängerinnen. Für ein Land, das einen großen Außensektor hat und dessen Währung aus fundamentalen Gründen tendenziell meistens aufwertet, gibt es ein probates Mittel, wie sich das bewerkstelligen lässt – indem die eigene Währung durch den Kauf von Dollar und Euro wertloser gemacht wird, also abwertet. Da Japan prinzipiell in beliebiger Menge Yen in die Welt setzen kann, lässt sich jeder denkbare Wechselkurs erreichen. Wenn eine solche Abwertungsstrategie lange genug durchgehalten wird, kommt es nicht nur an den Devisenmärkten, sondern auch im Inland zu einem Verlust an Kaufkraft, also zu Inflation. Das Ziel wäre erreicht.

Nur mögen das die anderen Länder nicht so sehr: Sie verlieren nämlich im Gegenzug an internationaler Wettbewerbsfähigkeit und importieren gewissermaßen Japans Deflation. Daher fällt in diesen Tagen immer wieder das Wort vom Währungskrieg, den Japan angezettelt habe. Wenn die USA oder Euroland zurückschlügen, also ihrerseits ohne Limit Yen kauften, um die Aufwertung der eigenen Währungen zu verhindern, hätten sie die Kriegserklärung angenommen. Vor allem die USA haben natürlich noch ein anderes Druckmittel, mit dem sie die Japaner zur Raison rufen können – ihren militärischen Schutz gegenüber China, der neuen Weltmacht. Restriktionen des Handels und Kapitalverkehrs sind andere Optionen, die die Vereinigten Staaten, aber auch die Europäische Union ins Spiel bringen können. Ich vermute allerdings, dass die bisherige Abwertung des Yen noch akzeptabel ist: Seit Mitte November beläuft sie sich auf 10,5 Prozent gegenüber dem Dollar, und auf 14,7 Prozent gegenüber dem Euro. Der Rest der Welt hat schließlich auch ein Interesse daran, dass Japan endlich wieder in Schwung kommt, und sei es mit Hilfe eines unterbewerteten Wechselkurses. Die Kriegserklärung wurde daher noch nicht angenommen, aber die Warnschüsse in Richtung Japan häufen sich.

Was ist schlecht an einer Deflation? Über sinkende Preise freuen sich die Sparer, weil die Kaufkraft ihres Geldvermögens zunimmt, nicht aber die Unternehmen, die für ihre Investitionen Kredite brauchen, auch nicht der Staat, der einen großen Teil seiner Ausgaben ebenfalls mit geliehenem Geld finanziert – für beide nimmt die reale Schuldenlast bei rückläufigem Preisniveau zu. Wer ein Haus besitzt, ist auch nicht gerade glücklich, wenn dessen Marktwert ständig sinkt. Zudem: Wenn ich erwarte, dass morgen alles billiger ist als heute, brauche ich mich mit meinen Käufen nicht zu beeilen; gleichzeitig ist es, anders als in Inflationszeiten, sinnvoll, so rasch es geht seine Schulden abzubauen. Wird allgemein erwartet, dass sich die Deflation fortsetzt, gibt es starke Anreize, möglichst wenig Geld auszugeben. Wenn das so ist, braucht auch nicht so viel produziert zu werden, mit der Folge, dass die Zuwachsrate des Sozialprodukts geringer ist als sie sein könnte. In Japan betrug die durchschnittliche Zuwachsrate des realen BIP von 1994 bis 2012 nur 0,8 Prozent, das nominale Sozialprodukt war sogar rückläufig. Seit Mitte 1997 ist die Anzahl der Beschäftigten von 65,8 auf 62,9 Millionen gesunken. Da dümpelt sie seit dem Rezessionsjahr 2009.

Grafik: Japan nominales BIP 1980-2012

Japans nominales BIP, 1980-2012

Eine japanische Regierung nach der anderen hat versucht, die Wirtschaft anzukurbeln, mit extrem expansiver Geldpolitik, also Leitzinsen in der Nähe von Null und einer enormen Aufblähung der Notenbankbilanz, sowie mit gewaltigen staatlichen Haushaltsdefiziten, mit denen versucht wurde, die schwache Nachfrage des privaten Sektors zu kompensieren. Die Bruttoschulden dürften in Kürze 250 Prozent des Sozialprodukts erreichen. Es hat bisher nichts genutzt: Weder konnte die Deflation besiegt werden, noch hat sich das Wirtschaftswachstum beschleunigt. Eine verheerende Bilanz – obwohl ich zugeben muss, dass es Japan nach wie vor auf einem sehr hohen Wohlstandsniveau schlecht geht. Auf Eurobasis betrug das BIP pro Kopf im Jahr 2012, mit dem heutigen Wechselkurs gerechnet, 31.780 Euro; in Euroland waren es 28.614 Euro, in den USA 37.929 Euro pro Kopf. Richtig verarmt ist Japan also trotz des mickrigen Wachstums immer noch nicht.

Grafik: Verschuldung des japanischen Staats, 1981-2012

Verschuldung des japanischen Staats, 1981-2012

Warum ist der Yen gegenwärtig so schwach? Ist er überhaupt schwach? Wenn ich mir das beste Maß für die Stärke oder Schwäche einer Währung ansehe, den mit Handelsanteilen gewichteten und um Inflationsdifferenzen bereinigten Wechselkurs, den sogenannten realen effektiven Kurs des Yen, lag der im vergangenen Herbst um nicht weniger als 50 Prozent über seinem Wert von Mitte 2007 – der wiederum der schwächste seit mehr als 20 Jahren war. Der Yen war also seit dem Beginn der großen Rezession ziemlich teuer geworden und hatte den japanischen Unternehmen das Leben schwer gemacht. Das zeigt sich unter anderem daran, dass der einst sehr große Überschuss in der Leistungsbilanz dahin geschmolzen ist wie Schnee in der Sonne: lag er 2007 noch bei fünf Prozent des BIP, sind es zur Zeit gerade einmal ein Prozent – es wäre zu einem Defizit gekommen, wenn sich die Aufwertung fortgesetzt hätte.

Grafik: Realer Wechselkurs des Yen, 1980-2012

Realer Wechselkurs des Yen, 1980-2012

Der Grund für die jüngste Schwäche des Yen war vor allem Premierminister Abes Ankündigung vom 10. Januar, die Staatsausgaben um 13 Billionen Yen zu steigern, also um 110 Milliarden Euro oder 2,5 Prozent des BIP. Er will in den nächsten zehn Jahren insgesamt 200 Billionen Yen für Infrastruktur ausgeben, das sind nicht weniger als 1.700 Milliarden Euro oder 42 Prozent des jährlichen BIP – wie das finanziert werden soll, scheint ihm erst mal egal zu sein. Offenbar sollen die Verbrauchssteuern erhöht werden. Das wäre aber kontraproduktiv, wenn gleichzeitig angestrebt wird, die Gesamtnachfrage und damit das Wirtschaftswachstum zu steigern.

Japan hat in den vergangenen Jahrzehnten im Übrigen keine guten Erfahrungen mit dem Zubetonieren des Landes gemacht. Der Zusatzertrag solcher Investitionen ist aus gesamtwirtschaftlicher Sicht oft geringer als die Kosten der Finanzierung oder die Verwendung der Mittel für andere Zwecke. Die Regierung drückt sich um die Reformen, die langfristig etwas bewirken würden. Stichworte sind hier: mehr Wettbewerb im Inland, Modernisierung des Ausbildungssystems, Öffnung der Märkte für Güter, Dienstleistungen und Arbeit gegenüber dem Ausland, wachstumsfreundliches Steuersystem, Restrukturierung der Schulden (mehr dazu weiter unten). Auch müsste Japan endlich einmal seine Beziehungen zu China auf die Reihe bekommen. Das Leugnen der Verbrechen im Zweiten Weltkrieg ist inzwischen eine richtige Wachstumsbremse geworden.

Insgesamt sieht es danach aus, als ob ein wesentlicher Teil der Mittel für die zusätzlichen Ausgaben durch die Emission von Staatsschulden aufgebracht werden soll, die dann von der Notenbank übernommen werden – wie bisher. Die Bank of Japan wird noch mehr zu einer Anstalt, die auf Geheiß der Regierung Geld druckt. Sie hat sich auch nicht dagegen gewehrt, ihr Inflationsziel von ein auf zwei Prozent anzuheben. Unabhängigkeit sieht anders aus.

Grafik: Bilanzsumme der Bank of Japan, 1981-2012

Bilanzsumme der Bank of Japan, 1981-2012

Interessanterweise haben die ehrgeizigen Ausgabenpläne und die Gelddruckerei nicht dazu geführt, dass sich die Inflationserwartungen erhöht haben. Soweit sich die an den Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen ablesen lassen, hat sich nichts getan: Nach einem kurzen Anstieg von 0,68 Prozent Anfang Dezember auf 0,83 am 8. Januar, sind sie jetzt schon wieder auf 0,72 Prozent zurückgefallen. Im Grunde erwarten die Marktteilnehmer, dass sich die Deflation nicht nur fortsetzen, sondern schlimmer werden wird.

An den Aktienmärkten wurden dagegen die Programme der neuen Regierung geradezu euphorisch begrüßt – besser, es gibt überhaupt jemanden, der seine Ausgaben steigert, und sei es auch nur der Staat. Der Nikkei 225 hat seit dem 13. November um 21 Prozent zugelegt (bleibt damit allerdings immer noch um 73 Prozent unter dem Stand von Ende 1989!). Die Rallye am japanischen Aktienmarkt hat natürlich auch mit der Abwertung des Yen zu tun. Die Hoffnung ist, dass dadurch der Exportmotor wieder anspringen wird. Deflation muss außerdem nicht heißen, dass es den Unternehmen schlecht gehen muss: Ihre Inlandsgeschäfte expandieren vielleicht nur langsam, dafür aber könnten sie im Ausland erfolgreich sein – und da es keine Anzeichen gibt, dass sich die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer nachhaltig bessern wird, dürften sie im Kampf um die Verteilung des Volkseinkommens jedenfalls nicht verlieren. Ihre Gewinne geben Anlass zu den schönsten Hoffnungen.

Grafik: Japan: Nikkei225 und Urban Land Price Index, 1980-2012

Japan: Nikkei225 und Urban Land Price Index (ULPI), 1980-2012

Wie wird es weitergehen mit der Deflation? Dass es über einen schwächeren Wechselkurs wieder zu Inflation kommen kann, ist möglich, aber angesichts der internationalen Gegenkräfte, die zurzeit mobilisiert werden, nicht wahrscheinlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Yen noch auf 130 oder sogar 140 gegenüber dem Euro abwerten wird, oder auf 100 zum Dollar. Da liegen vermutlich die Schmerzgrenzen. Solche weiteren Kursverluste wirken tendenziell in Richtung Inflation. Wenn es gelänge, den Yen für ein paar Jahre, besser noch: dauerhaft, auf diesem schwachen Niveaus zu halten, würde sich die japanische Geldentwertung irgendwann nicht mehr von der europäischen oder amerikanischen unterscheiden. In einem Festkurssystem wie Bretton Woods, einer Währungsunion wie der europäischen, oder innerhalb eines Landes wie Deutschland gleichen sich die Inflationsraten der einzelnen Regionen im Laufe der Zeit stark an, es sei denn die Wirtschaftsstrukturen unterscheiden sich radikal. Das ist im Falle Japans aber kein Thema.

Den vielleicht entscheidenden Aspekt habe ich noch gar nicht angesprochen: die Tatsache, dass wichtige japanische Akteure nach dem Platzen der Aktien- und Immobilienblasen immer noch damit beschäftigt sind, von ihren Schuldenbergen herunter zu kommen. Wie dem obigen Schaubild zu entnehmen ist, hatten sich die Aktienkurse von Januar 1980 bis Ende 1989 versechsfacht, die Landpreise von Januar 1980 bis 1991 mehr als vervierfacht. Das ging einher mit einer Explosion der Kredite. Die Käufer und Anleger, aber auch die Banken, von denen das Geld kam, gingen von der ebenso schlichten wie gefährlichen – und falschen – Annahme aus, dass Kurse und Preise immer nur steigen könnten. Warum das? Weil in Japan ein neues Zeitalter angebrochen war: Der Höhenflug des Yen war nicht zu stoppen, die Überschüsse in der Handelsbilanz wurden immer größer, das Wirtschaftswachstum (reales BIP) lag bei rund fünf Prozent pro Jahr, es gab Geld und Kredit im Überfluss – und das alles bei niedriger Inflation und nahezu ausgeglichenem Staatshaushalt. Die Japaner fühlten sich wie die Masters of the Universe. Sie glaubten nichts falsch machen zu können, und die BWL-Professoren aus aller Welt pilgerten zum Lernen nach Tokio, vor allem die aus den USA.

Die Kreditexpansion, mit der die Rallyes der Aktien und Hauspreise finanziert wurden, lag ein Jahrzehnt lang bei jährlich 10 bis 25 Prozent. Als die Blasen platzten – weil die erwarteten Grenzerträge der Assets nicht mehr zu den Finanzierungskosten passten –, waren Aktienkäufer und Immobilienbesitzer vollkommen überschuldet, und die Banken hatten ihre Bilanzen voll mit faulen Krediten. Von da an hatte die Sanierung der Bilanzen dieser drei Gruppen von Akteuren absolute Priorität. Wer denkt, er sei überschuldet, dem helfen auch niedrige Zinsen nicht viel – er will einfach keine neuen Schulden machen. Noch etwas: Die rekordniedrigen Zinsen, die sich in der Folgezeit einstellten, verführten die Banken dazu, ihren Schuldnern die notleidenden Kredite immer wieder zu verlängern, was wiederum bewirkte, dass die Schulden nur sehr langsam vermindert wurden, ein Teufelskreis. Neue Kredite gab es angesichts des katastrophalen Zustands der Bankbilanzen auch nicht: Von 1994 bis heute betrug die durchschnittliche jährliche Zuwachsrate der Bankkredite -0,5 Prozent. Die negativen Effekte dieser Entwicklungen liegen auf der Hand.

Ich behaupte, dass die japanische Deflation nur besiegt werden kann, wenn es zu einer umfassenden Lösung der Schuldenprobleme kommt, also zu einem Schuldenschnitt. Das schließt eine umfangreiche Enteignung der Sparer ein. Leider haben die in einer rapide alternden Gesellschaft politisch ein so großes Gewicht, dass sie das verhindern können. Das Thema wird in Japan im Übrigen auch gar nicht diskutiert. Es wird erst mal bei einer Politik des Durchwurstelns bleiben. Ein schwacher Yen ist die einzige realistische, wenn auch schwache Hoffnung.

Leser-Kommentare
  1. 57.

    @ Alex # 56

    Es ist zwar richtig, dass die Politik nach deren Regeln bewertet werden muss.

    Es ist aber nicht nur die Politik, die bewertet werden muss, sondern auch WIR müssen uns fragen, wie unser Verhalten zu bewerten ist.

    Denn die Politik ist in gewissem Ausmaß auch ein Spiegelbild unseres Verhaltens bzw. ihr Verhalten basiert auf in gewissem Ausmaß auch auf unserem.

    Es muss nicht notwendigerweise irgendwann alles zusammenkrachen.

    Es kommt vielmehr darauf an, wie groß die Anpassungsbereitschaft und –fähigkeit einer Gesellschaft ist.

    Diesbezüglich stelle ich folgende These auf:

    Je größer die Zahl älterer Menschen im Verhältnis zu der jüngerer ist, desto anpassungsunwilliger ist eine Gesellschaft.

    Wenn man weiß, dass man statistisch vielleicht noch 10 Jahre zu leben hat, dann kann einen RATIONALERWEISE nicht interessieren, in welchem Zustand die Gesellschaft im 11. Jahr ist.

    Dagegen steht, dass – Gott sei Dank – nicht alles rationalerweise entschieden wird.

    Aber fragen Sie einmal die deutschen Rentner, ob sie Verzicht für bessere Bedingungen der nachfolgenden Generation leisten würden.

    In Umfragen würden sie sich vielleicht noch dazu bekennen, wenn die Zuschüsse zur gesetzlichen Rente in Höhe von jährlich ca. 80 Mrd. gekürzt würden, sähe das Bild ganz anders aus.

    Wenn das so ist, hat die Politik nur begrenzte Spielräume.

    Sie ist dann vielleicht immer noch zu kritisieren, dies aber mit einem angemessenen Verständnis für ihre Situation.

    • 28. Januar 2013 um 11:47 Uhr
    • Dietmar Tischer
  2. 58.

    Nun ja, Japan mag den “Krieg” erklären, doch für die Schlacht braucht man mindestens zwei. Und die Eurozone zieht nicht mit – sie stellt sich einfach tot. Es ist übrigens nicht die einzige Krise, die die Euro-Chefs derzeit stillschweigend aussitzen… Hinter der anscheinend gelösten Eurokrise verbergen sich nämlich noch viele andere Krisen, die Wechselkursproblematik ist nur eine von vielen
    lostineu.eu/welche-krise-ist-gelost/

    • 28. Januar 2013 um 14:18 Uhr
    • Eric B.
  3. 59.

    #57

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/bundesregierung-gibt-widerstand-gegen-zypern-hilfspaket-auf-a-880421.html

    Gegen alle Regeln, Herr Tischer. Gegen alle Regeln. Jede EU-Regelung ist (wie jeder zwischenstaatliche Vertrag, wie das gesamte Völkerrecht) am Ende nicht mehr als eine unverbindliche Absichtserklärung.

    Was erhält Deutschland als Gegenleistung für die Bürgschaften (die im öffentlichen Schuldenschnitt münden werden, s. Griechenland)? Den Fiskalpakt. Eine unverbindliche Absichtserklärung. Also gar nichts. Die Verankerung in nationalen Verfassung ist da wenig ermutigend.

    Alex

    • 30. Januar 2013 um 11:05 Uhr
    • Alex
  4. 60.

    @ hkeske # 5

    >Das liest sich alles ein bißchen. als hätten wir mit der kapitalistsichen, wettbewerblichen weltweiten Marktwirtschaft ein Wirtschaftssystem, das irgendwie nicht so ganz funktioniert. Schon gar nicht drängt sich der Eindruck auf, es könnte sich dabei um ein halbwegs stabiles System handeln, das möglichst allen Bewohnern dieser Erde ein ordentliches Wohlstandsniveau verschafft.>

    Wie kommen Sie darauf, dass die Marktwirtschaft ein STABILES System sein und möglichst ALLEN Bewohnern ein ordentliches Wohlstandsniveau verschaffen soll?

    Die Marktwirtschaft ist ein VERFAHREN.

    Sie hat Eigenschaften, aber keinen (wirtschaftlichen) Zustand und kein Ziel – als Verfahren wird sie genutzt oder auch nicht genutzt.

    Sie bietet Optionen, die man ergreifen kann, um sein Wohlstandsniveau zu verbessern.

    In Abhängigkeit davon, wer das Verfahren wie nutzt, ergeben sich Zustände, wobei auch – eher die Ausnahme – Stabilitätszustände durchlaufen werden können.

    Man kann selbstverständlich fragen, ob die Marktwirtschaft funktioniert und muss dabei darlegen anhand welcher Kriterien man eine Antwort sucht.

    „Ich wünsche mir“-Ergebniskriterien sind für die Beantwortung irrelevant und produzieren nur Unsinn wie etwa wenn man sagte:

    Die Guillotine funktioniert nicht, weil Blut fließt.

    Man kann sich bestimmte Systemergebnisse wünschen und dem entsprechend adjustieren sowie bei bestimmten Ergebnissen regulativ korrigieren und kompensieren.

    Das wird vor allem in wohlhabenden Gesellschaften praktiziert.

    @ Dieter Wermuth # 11

    >Das mit der Wettbewerbsfähigkeit halte ich auch für sehr oberflächlichen Quatsch – in der Tat können nicht alle Länder gleichzeitig wettbewerbsfähiger werden.>

    Es mag umstritten sein, nach welchen Kriterien beurteilt werden sollte bzw. kann, ob ein Land wettbewerbsfähig oder wettbewerbsfähiger als ein anderes ist.

    Zumindest intuitiv haben wir eine Vorstellung davon, dass Wettbewerbsfähigkeit etwas zu tun hat mit der wirtschaftlichen Situation von Ländern und ihrer Fähigkeit in der Interaktion mit anderen Wohlstand für sich zu erzeugen.

    Diese Vorstellung ist kein oberflächlicher Quatsch.

    Auf jeden Fall aber kann man das KONZEPT der Wettbewerbsfähigkeit nicht daran bemessen, ob alle Länder gleichzeitig wettbewerbsfähiger sein können.

    Denn schon die Vorstellung, dass ALLE Länder GLEICHZEITIG wettbewerbsfähiger sein können, ist logisch unmöglich.

    @ Alex # 57

    Wenn man quasi BEDINGUNGSLOS ein Projekt verfolgt wie die Verhinderung des Auseinanderbrechens der Währungsunion, kann man letztlich auf Regeln keine Rücksicht nehmen. Deshalb ist es auch ein Witz, wenn Schäuble z. B. sagt, dass die Griechen keine Unterstützung bekommen, weil sie Abmachungen nicht eingehalten hätten. Selbstverständlich bekommen sie Hilfe – man will ja „retten“. So ist das auch mit dem Zypern-Hilfspaket. Draghi hat Recht: Wenn man die Währungsunion stabilisieren will, muss man ökonomisch argumentieren und handeln statt juristisch.

    Insofern stimmt, was Sie für die Währungsunion behaupten: Absichtserklärungen sind zwar Willensbekundungen, aber stets dann unverbindliche, wenn es hart auf hart kommt.

    Für JEDEN Vertrag zwischen Staaten oder für Verträge die auf dem Völkerrecht beruhen, würde ich das nicht sagen. Schließlich können sie Klauseln enthalten, die auf Schiedsgerichtsverfahren verweisen, wenn ein oder beide Vertragspartner ihre Absichtserklärung nicht befolgen. Die Absichtserklärungen wären insoweit nicht unverbindlich.

    • 30. Januar 2013 um 21:19 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 61.

    “Die Politik allerdings beschloss zwar Fiskalregeln in den Maastricht-Verträgen, die aber völlig arbiträr waren – es gibt keine ökonomische Begründung, warum das Limit der Neuverschuldung exakt bei 3 Prozent des BIP liegen soll **) und der Schuldenstand bei höchstens 60 Prozent des BIP – und überdies bald von den Politikern in der Praxis aufgegeben wurden.”
    **) Die Geschichte des 3-Prozent-Kriteriums ist bemerkenswert: Der damalige französische Finanzminister Jacques Delors hatte dieses Kriterium im Jahre 1983 für die französische Finanzpolitik vorgesehen, weil nach Berechnungen von Ökonomen Frankreich bei einer solchen Neuverschuldung damals in der Lage sein sollte, einen stabilen Wechselkurs mit Deutschland im EWS aufrecht zu erhalten. Knapp zehn Jahre später, in Maastricht, holte der französische Verhandlungsführer Jean-Claude Trichet dieses nahezu vergessene Kriterium aus der Schublade und setzte sich durch. Denn das deutsche Konzept des Artikels 115 GG, wonach nur Investitionen durch Schulden finanziert werden dürfen, ließ sich nicht auf Europa üertragen, weil es keine einheitliche Definition des Begriffs öffentliche Investitionen gab.

    aus:
    http://faz-community.faz.net/blogs/fazit/archive/2013/01/30/die-oekonomische-logik-des-euro.aspx

    Da benutzt der Autor ja meine hier geäusserte Investitionsbegriffkritik – mercie bien !

    • 31. Januar 2013 um 01:56 Uhr
    • Rebel
  6. 62.

    @ Dietmar Tischer # 60

    “Wie kommen Sie darauf, dass die Marktwirtschaft ein STABILES System sein und möglichst ALLEN Bewohnern ein ordentliches Wohlstandsniveau verschaffen soll?”

    Gell, das ist eine kuriose Idee. Es ist auch nicht meine – es ist mehr eine überspitzte Formulierung dessen, was wir für gewöhnlich über Markt und Wettbewerb und Kapitalismus zu hören bekommen, insbesondere von den Wissenschaftlern, die sich mit der Wirtschaft beschäftigen. Und von denen, die davon vor allem profitieren.

    • 31. Januar 2013 um 11:37 Uhr
    • hkeske
  7. 63.

    @62
    “Wie kommen Sie darauf, dass die Marktwirtschaft ein STABILES System sein und möglichst ALLEN Bewohnern ein ordentliches Wohlstandsniveau verschaffen soll?”

    Natürlich soll es das, keine Frage. Vor allem hat es sich im Hinblick auf den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand als erfolgreicher und effizienter erwiesen als irgendwelche Alternativen.

    • 31. Januar 2013 um 12:17 Uhr
    • alterego
  8. 64.

    @ alterego # 63

    >Natürlich soll es das, keine Frage.>

    Vorsichtig mit solchen Aussagen.

    Wenn die Marktwirtschaft STABIL sein und ALLEN ein ordentliches Wohlstandsniveau verschaffen sollte, dies aber nicht erreicht – und sie hat dies tatsächlich nicht erreicht –, dann hat sie versagt. Ihre Fundamentalkritiker hätten Recht.

    Die Marktwirtschaft kann nicht das, was sie Ihrer Aussage nach soll.

    Sie können irgendwo vollkommene Marktwirtschaft einführen und erreichen doch nie Stabilität und ein ordentliches Wohlstandsniveau für alle.

    Das liegt am System.

    Das Handeln nach marktwirtschaftlichen Prinzipien ist insbesondere durch Innovationen und bessere, d. h. durch höherer Effizienz und sich ändernder Nachfrage angepasste Ressourcennutzung auf dauernde Veränderung, nicht auf Stabilität angelegt.

    Außerdem können nicht alle Menschen am marktwirtschaftlichen Geschehen teilnehmen oder so hinreichend teilnehmen, dass sie ein ordentliches Wohlstandsniveau erreichen.

    Die Marktwirtschaft ist ein Verfahren, das vielen Menschen Wohlstandssteigerungen ermöglicht, wenn die Optionen, die sie bietet, wahrgenommen werden.

    Das wurde in den letzten 200 Jahren bewiesen und ist beispiellos in der Menschheitsgeschichte.

    Mehr muss man der Marktwirtschaft nicht zuschreiben.

    Und da man ihr so viel zuschreiben kann, braucht man ihre Defizite auch nicht zu unterschlagen.

    Weder Glorifizierung noch Verdammung führen zu vernünftigen Einsichten.

    • 31. Januar 2013 um 17:18 Uhr
    • Dietmar Tischer
  9. Kommentar zum Thema

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