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Eurokrise ist vorbei – finden die Märkte

Von 31. Januar 2013 um 07:14 Uhr

Wenn es nach den Marktteilnehmern geht, sind wir auf dem besten Wege, die Krise hinter uns zu lassen. Europäische Aktien, italienische und spanische Staatsanleihen und der Euro selbst sind auf einmal die Renner der Saison, nachdem sie noch bis Mitte vergangenen Jahres als Risikoanlagen par excellence gegolten hatten. Ich halte diese Euphorie für verfrüht – erst wenn auch in den Krisenländern wieder neue Jobs geschaffen werden, kann man wirklich zuversichtlich sein.

Ein wichtiger Grund, weshalb die Eurokrise seit einiger Zeit an den Märkten als beherrschbar und sogar als lösbar gilt, scheint zu sein, dass sich die Krisenländer der Währungsunion trotz des scharfen konjunkturellen Gegenwinds und der sozialen Probleme unbeirrt bemühen, ihre Haushaltsdefizite abzubauen. Es gibt zurzeit keine Anzeichen, dass sie ihre Sparpolitik nicht durchhalten werden. Sie können daher weiterhin auf die Solidarität der Partnerländer bauen. Auch von Seiten der EZB wird das Europrojekt massiv abgesichert, ebenso wie von den 17 Finanzministern, die die Bankenunion und damit letztlich die Fiskalunion vorantreiben, ohne die eine Währungsunion auf Dauer nicht überleben kann. Es ist in der Tat unwahrscheinlicher geworden, dass es zu Staatsinsolvenzen oder einem Auseinanderbrechen des Euro kommen wird. Trotzdem ist die Sache ist noch nicht in trockenen Tüchern: Wenn aus der Währungsunion nicht bald eine Wachstumsunion wird, bleibt der Euro gefährdet. Die zusätzlichen Forderungen, die an die Länder, denen es ohnehin schon schlecht geht, gestellt werden, könnten den Bogen überspannen.

Solche Bedenken spielen an den Märkten im Augenblick kaum eine Rolle. Aus der Flucht in die sicheren Häfen ist inzwischen eine Flucht aus den sicheren Häfen und ein Kapitalzustrom in die Krisenländer in der Peripherie Eurolands geworden. Wer im vergangenen Sommer in griechische Staatsanleihen investiert hat, ist inzwischen reich geworden, vor allem wenn er dazu geliehenes Geld verwendet hat: Seit dem 24. Juli sind die Renditen der Zehnjährigen von 27,5 auf zuletzt 10,02 Prozent gesunken. Das entspricht einem Kursgewinn von mehr als 150 Prozent. Bei Italien und Spanien war es nicht so dramatisch – die Renditen sind dort von 6,6 auf 4,2 Prozent und von 7,5 auf 5,1 Prozent gefallen -, aber auch das war mit beträchtlichen Kursgewinnen verbunden. Andererseits habe die Anleger mit vermeintlich sicheren Bundesanleihen seit dem Sommer Geld verloren – die Renditen sind von 1,23 auf 1,73 Prozent gestiegen.

Auch der Euro gilt auf einmal nicht mehr als riskante Währung, jedenfalls im Vergleich zum Dollar und insbesondere zum Yen. Am 24. Juli kostete ein Euro noch 1,21 Dollar, gestern dagegen waren fast 1,36 Dollar zu zahlen; aus japanischer Sicht hat sich der Euro von 94 auf 124 Yen verteuert und hat sich damit gegenüber dem Yen um 30 Prozent aufgewertet. Der Euro als Hartwährung! Das wäre sicher des Guten zu viel: Ich denke, er ist einfach zurzeit der Einäugige unter den Blinden. Vor allem ist auch nicht ausgemacht, dass die Marktteilnehmer diesmal richtig liegen. Oder dass ihr Herdentrieb ein guter Kompass ist – wenn er es jemals war.

Vor allem frage ich mich, wie lange sich die pro-zyklische Spar- und Reformpolitik in den Krisenländern noch durchhalten lässt. Wenn ich die Arbeitslosenquoten von Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und Irland mit den BIPs dieser Länder gewichte, komme ich auf einen Durchschnittswert von knapp 18 Prozent, Tendenz steigend. Wenn bald jeder Fünfte in diesem Teil Eurolands ohne Job dasteht, wird es immer schwieriger, weitere Kürzungen staatlicher Leistungen oder höhere Steuern zu rechtfertigen. Dazu muss es aber kommen, wenn die Fahrpläne für die Haushaltsdefizite eingehalten werden sollen. Der Punkt liegt noch in weiter Ferne, von dem an die Haushaltsdefizite in Relation zum nominalen BIP geringer sein werden als die Zuwachsraten des nominalen Sozialprodukts – bis dahin nimmt die Schuldenlast relativ zum BIP weiter zu. In Italien etwa wird das staatliche Budgetdefizit in diesem Jahr bei 2 Prozent des BIP liegen (nach 3 Prozent im Jahr 2012), während das nominale Sozialprodukt um bestenfalls ein Prozent zunehmen dürfte. Das Verhältnis “Schulden zu nominalem BIP” erhöht sich damit um rund einen Prozentpunkt. Ohne deutlich höhere Inflationsraten wird die reale Schuldenlast vorläufig immer drückender.

Es spricht für die Attraktivität des Euro, dass die Länder das auf sich nehmen. Jetzt hat sogar der polnische Finanzminister angekündigt, dass sein Land in naher Zukunft einen Aufnahmeantrag stellen wolle. Auch Lettland und Litauen stehen wohl kurz davor.

Am erfreulichsten wäre es, wenn sich die Krisenländer durch starkes Wirtschaftswachstum aus der Schuldenfalle befreien könnten. Wachstum bedeutet steigende Steuereinnahmen und geringere Sozialausgaben. Aber das würde schon fast an ein Wunder grenzen. Ziemlich sicher ist vielmehr, dass es auch 2013 erneut zu Rezessionen kommen wird. Für Griechenland wird es das sechste Rezessionsjahr in Folge sein, für Italien und Spanien jeweils das zweite (übrigens auch für Slowenien und Zypern), Portugal geht in sein drittes Jahr. Allein Irland hat die Kurve gekriegt und wächst wieder: Zusammen mit Estland gilt das Land als Beleg dafür, dass radikale Strukturreformen und Sparmaßnahmen innerhalb kurzer Zeit die Wende zum Besseren bringen können. Das setzt aber ein hohes Maß an gesellschaftlicher Solidarität voraus. Bisher galt das nicht als ein konstituierendes Merkmal der europäischen Mittelmeerländer.

Im Übrigen wird das irische Haushaltsdefizit trotz des positiven Wirtschaftswachstums in diesem Jahr immer noch bei etwa 7,5 Prozent des BIP liegen. Auch in den anderen Ländern gibt es weiterhin gewaltige Defizite: Griechenland 6 Prozent, Spanien 5 Prozent, Portugal 4,5 Prozent des BIP. Nur in Italien, mit seinem Defizit von, wie erwähnt, 2 Prozent, kommt allmählich das rettende Ufer in Sicht: Bereinigt um die Zinszahlungen auf die Schulden ergibt sich sogar ein positiver Saldo (von 3,5 Prozent).

Eine entschlossene Wachstumspolitik wird angesichts dieser Zahlen immer dringender, schon als eine Art Belohnung für die restriktive Finanzpolitik in einer äußerst schwierigen Zeit. Vor allem Deutschland und die anderen wenigen Länder, die noch Spielraum für expansive Maßnahmen haben, sind gefordert. Wie ich schon des Öfteren gezeigt habe, weisen die öffentlichen Haushalte Deutschlands strukturell einen Überschuss auf. Das muss ja nicht sein. Der starke Euro ist ein zusätzlicher Grund, jetzt allmählich aktiv zu werden. Die Ruhe an der Eurokrisenfront sollte nicht als Signal verstanden werden, dass die Eurokrise vorbei ist.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    man muß nur lange genug das märchen verbreiten, dass die krise vorbei sei. dann glauben es die Verursacher sogar selber.

  2. 2.

    Diese Art der prozyklischen “Sanierung” geht massiv zu Lasten des Wachstums und damit der Arbeitsplätze. Zudem schafft sie neue Krisen – schon geht die Furcht vor sozialen Unruhen und politisches Instabilität um. Man darf sich eben nicht nur auf die Finanzmärkte konzentrieren, wie es Merkel & Co tun. Was zählt, ist die Realwirtschaft! lostineu.eu/welche-krise-ist-gelost/

    • 31. Januar 2013 um 10:39 Uhr
    • Eric B.
  3. 3.

    Noch mehr Transfers?

    Es ist sicher wahr, dass die prozyklische Sanierung dieser Haushalte sehr problematisch ist. Im Augenblick funktionieren auch die Transfers über Gelddruck noch relativ problemlos und ohne grosse Inflationsgefahren.

    Aber dies kann sich ziemlich schnell ändern, und ohne Sparprogramme bleibt die Gewöhnung an die Transfers aus dem Norden.
    Eine MWSt.-Erhöhung um 10% auf dann 29% würde wohl so an die 60 Mrd Euro für Konjunkturprogramme bringen. Aber wer wäre bei uns schon bereit, dieses Opfer zu bringen, zumal dann auch bei uns daraus ziemliche wirtschaftliche Turbulenzen zu erwarten wären.

    Zum anderen, wenn man sich die staatlichen Programme etwa in Spanien anschaut, wird es sehr fragwürdig, ob damit wirklich gewinnbringende Investitionen getätigt werden. Wenn man in Spanien Urlaub macht, sieht man viele leere Autobahnen, mit weniger Verkehr als auf unseren Bundesstraßen. Und auch sonst sind viele Spanier verärgert auf ihre Politiker, die oft sinnlose Projekte inititieren, die nur Geld kosten, aber am Ende nix bringen. Was bringt schon eine leere Autobahn außer hohen Wartungskosten? Auf unserem letzten Pauschalurlaub in Spanien waren wir ein paar Tage in einem Golfhotel untergebracht, wo 2 von 3 Gebäuden geschlossen waren, und das eine auch nur zur Hälfte gefüllt war (eben mit Pauschaltouristen, und mit nur wenigen Golfern). Solche Investitionen sind sinnlos.

    Natürlich profitiert erst mal vorübergehend die lokale Bauindustrie, aber langfristig verbessert das nichts.

    • 31. Januar 2013 um 12:44 Uhr
    • Tiefenwahn
  4. 4.

    >Eurokrise ist vorbei – finden die Märkte>

    Die Märkte finden heute dies und morgen das.

    Was sie finden, sagt nichts über die Eurokrise aus.

    Wenn man etwas zu den Märkten feststellen darf, dann höchstens, dass sie das Ausfallrisiko für Staatsanleihen der Peripherie heute geringer einschätzen als im Sommer 2012.

    Ohne dass ich weiß, ob seine Zahlen richtig sind, hat Prof. Sinn m. A. n. das Richtige zur Eurokrise gesagt unter

    faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/gastbeitrag-die-eurokrise-ist-noch-nicht-geloest-12042126.html

    Daraus:

    >Die Beruhigung – BERUHIGUNG, nicht „Krise vorbei“, D. T. – hat drei Ursachen. Erstens die Ablehnung der Klagen gegen den dauerhaften Rettungsschirm ESM durch das deutsche Verfassungsgericht. Zweitens die Ankündigung der EZB, einen Kursverfall der Staatspapiere der südlichen Länder durch unbegrenzte Käufe solcher Papiere zu verhindern. Drittens die Entscheidung der Eurostaaten, die Mittel des ESM auch für die Rekapitalisierung der Banken Südeuropas einzusetzen …

    … Eine wirkliche Lösung der Krise ist das aber aus zwei Gründen nicht. Zum einen schwelt die Wettbewerbskrise weiter…

    …. Zum anderen bedeuten die genannten Politikmaßnahmen eine gewaltige Lastenverschiebung von den Investoren, die ihr Geld in Südeuropa angelegt haben, zu den Steuerzahlern und Rentnern der noch gesunden Länder im Norden. Die Beruhigung der Investoren kommt ja nur dadurch zustande, dass die Politik Wege gefunden hat, sich den Zugang zu den Portemonnaies der Bürger ohne viel öffentlichen Wirbel zu sichern. Vor einem möglichen Staatskonkurs kaufen der ESM und die EZB die Staatspapiere der betroffenen Länder auf und übernehmen die Abschreibungen in ihre Bücher…>

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    • 31. Januar 2013 um 15:33 Uhr
    • Dietmar Tischer
  5. 5.

    Sinn und Wirklichkeit – nur ein kleines Bonbon: Spanien muß um 30 % billiger werden, sagt Sinn, wie gewohnt differenziert. Na also, das ist eine Marke.

    Derzeit arbeiten zwei Drittel aller Spanier in dem Lohnbereich, der bis 1100 € im Monat reicht. Nehmen wir an, daß die Preisermäßigungen “Spanien” vor allem über Lohnkürzungen bewirkt werden sollen, dann werden in einem überschaubaren Zeitraum zwei Drittel aller Spanier nur wenig mehr als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdienen – was für eine überzeugende Perspektive. Man wird nicht umhin können und den Mindestlohn deutlich herabsetzen müssen.

    Spannend wird dann auch, wie die große und steigende Zahl der Arbeitslosen am Leben erhalten werden kann, wenn zwei Drittel aller Spanier keine Steuern mehr zahlen können, weil sie sonst ihren eigenen Unterhalt nicht mehr bezahlen können. Da warten wir mal auf eine interessante neue Steuergestaltung. Vielleicht stellt sich auch eine natürliche Verminderung der Hilfebedürftigen ein, und das ganze Land bleibt dabei friedlich?

    Sinn spricht denn auch noch von der “Wettbewerbskrise”. Immerhin – auch wenn ich nicht weiß, was er damit meint, es gibt da nach seiner Auffassung noch eine Krise, die mit dem Wettbewerb zu tun hat. Oder meint er, das Prinzip Wettbewerb sei selbst in eine Krise geraten? Womöglich scheint durch das Auftreten von Krisen der Umstand auf, daß sich die Bildung einer größeren politischen Einheit nicht durch Wettbewerb bewerkstelligen läßt – am Ende wird so etwa so etwas wie – horribile dictu – Cooperation nötig sein. Womöglich werden einige etwas abgeben müssen – was für eine Horrorvorstellung.

    Tja, da werden wohl einige Opfer nötig sein – so allgemein kann man das ja ruhig sagen.

    • 31. Januar 2013 um 17:23 Uhr
    • hkeske
  6. 6.

    Der Euroraum profitiert im Moment von den Risiken bei USD und JPY. Das ist keineswegs beruhigend, sondern ein Hinweis auf ein sehr viel größeres Problem, nämlich die von den Industrieländern verursachte globale Verschuldung. In deren Kontext steht der Euroraum noch relativ gut da. Das hohe Verschuldungsniveau der Volkswirtschaften der Industrieländer reduziert das globale Wachstumspontenzial. Denn auch die exportorientierten Schwellenländer, die das Wachstum der Weltwirtschaft maßgeblich tragen, sind ihrerseits auf das Wachstum der Industrieländer angewiesen. Und ein weiteres Hochtreiben der relativen Verschuldung (immer mehr Kredit für immer weniger Gewinn) ist keine Lösung. Es ist jetzt wichtig, dass die öffentlichen Haushalte strikt auf Sparkurs bleiben. Nur so kann der Druck entstehen und aufrecht erhalten werden, ohne den die notwendigen schmerzhaften Strukturreformen zur Sanierung der überschuldeten Volkswirtschaften nicht stattfinden können.

    • 31. Januar 2013 um 18:41 Uhr
    • alterego
  7. 7.

    @ alterego # 6

    Die Verschuldung ist offensichtlich nicht nur von den Industrieländern verursacht.

    Heute im HB ein Artikel unter der Überschrift „Wie China die Welt täuscht“. Darin wird dargelegt, dass die chinesischen Banken zu hoch verschuldet sind – Kader nahmen hemmungslos Kredite für ihr Provinzen und Kommunen auf, um Wachstum zu demonstrieren –, um noch ohne Platzen der Kreditblase herauszukommen.

    Die gesamte Weltwirtschaft scheint mir in einer kritischen Situation zu sein.

    Ich verstehe nicht, wie man da von „vorbei“ reden kann.

    Keiner weiß es, aber ausgeschlossen ist nicht, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht.

    • 31. Januar 2013 um 21:00 Uhr
    • Dietmar Tischer
  8. 8.

    Wer sind bitte die “Märkte”? Und was sind das hauptsächlich für Individuen?
    Ganz sicher nicht die grosse Mehrheit der Bevölkerung und der Völker.

    In diesem verzinsten Schuldgeldsystem wächst die Schuld insgesamt exponentiell an und zwar aus mathematischen Gründen.

    Alles Geld auf der Welt ist Schuld, weil Geld ausschliesslich durch Schuld entsteht; Schuldgeldsystem.

    Die Schulden können in Ihrer Gesamtheit NIEMALS zurückbezahlt werden, denn dann wäre das gesamte “Geld” weg. Somit ist unser heutiges Geld kein positiver Wert, sondern nur der Glaube daran, dass es funktioniert und dass man etwas dafür bekommt. Der Glaube daran nimmt ab, je weniger bei immer mehr Menschen Ende Monat übrigbleibt, weil die Zinsbelastung für die Schulden in jedem Produktpreis mit mittlerweile 40% beteiligt ist.

    [Anfang gekürzt. Beziehen Sie sich bitte sachlich auf den Blog-Beitrag. Danke. (UR)]

    • 31. Januar 2013 um 21:39 Uhr
    • Tino
  9. Kommentar zum Thema

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