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Sollte Zypern den Euro abgeben?

Von 27. März 2013 um 10:03 Uhr

Als Anhänger des europäischen Projekts fällt es mir schwer, das zu schreiben, aber Paul Krugman hat recht: Man muss sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen ob Zypern – im eigenen Interesse – den Euro aufgeben sollte.

The reason is straightforward: staying in the euro means an incredibly severe depression, which will last for many years while Cyprus tries to build a new export sector. Leaving the euro, and letting the new currency fall sharply, would greatly accelerate that rebuilding.

Das wichtigste Argument gegen einen Austritt war immer, dass dadurch Chaos an den Finanzmärkten ausgelöst wird und eine massive Kapitalflucht einsetzt. Genau das ist aber jetzt schon der Fall. Die Kapitalverkehrskontrollen sind etabliert und ein zyprischer Euro kann ohnehin nicht mehr in einen deutschen Euro umgewandelt werden. Das wäre die Gelegenheit, sich ganz aus der Euro-Zone zu verabschieden.

Klar, Zypern wäre dann auch offiziell pleite, weil die Schulden nach wie vor auf Euro lauteten und mit der abwertenden Währung nicht mehr bedient werden könnten. Aber das ist vor allem das Problem des Auslands, nicht Zyperns. Und der Vorteil liegt auf der Hand: Eine Abwertung würde Zypern als Tourismusdestination attraktiver machen und damit einen wichtigen Wirtschaftszweig für die Insel stimulieren.

Dagegen erscheinen die Nachteile verkraftbar. Der Austritt würde die Stellung Zyperns als offshore-Finanzzentrum gefährden, weil viele internationale Anleger die Stabilität des Euro schätzen. Doch auch innerhalb der Währungsunion hat Zypern als Finanzplatz keine Zukunft, weil es zu den Auflagen für den Hilfskredit gehört, den Bankensektor zu schrumpfen. Im Fall eines Austritts könnte die Glaubwürdigkeit der Zentralbank infrage gestellt werden, wodurch die Inflationsgefahren steigen. Allerdings sind die zyprischen Institutionen nach meiner Kenntnis stabil, das politische System funktioniert und es herrschen rechtsstaatliche Verhältnisse – kein Vergleich mit Griechenland, das auf sich alleine gestellt wahrscheinlich untergehen würde.

Mit weitaus schwerwiegenderen Folgen hätte aus meiner  Sicht der Rest der Währungsunion zu kämpfen. Auch wenn die EZB durch einen massiven Einsatz ihrer Kriseninstrumente die Panik an den Märkten bekämpfen kann, würde sich der Charakter der Euro-Zone ändern. Für jedes Land würden die Märkte eine Kosten-Nutzen-Abwägung anstellen, die Währung würde ihren Ewigkeitscharakter verlieren und damit ein wichtiges Merkmal einer funktionierenden Währung. Deshalb wäre ein solcher Schritt aus europäischer Sicht fatal, aber es ging hier ja um die Frage, was im nationalen Interesse Zyperns ist.

All das bedeutet nicht, dass die für das Land gefundene Lösung falsch ist. Ich halte sie vom Ansatz her für richtig. Irgendjemand muss die Rechnung bezahlen und warum sollten nur die Steuerzahler die Lasten tragen. Aber es gibt keinen Grund, jetzt zu triumphieren, wie es in Deutschland einige tun: Es werden viele Leute unter dieser Lösung leiden, und darunter sind eine ganze Menge, die keine Schuld an der Misere tragen. Die Zyprer müssen nur einen Blick nach Griechenland werfen, um zu wissen, was ihnen jetzt droht. Was folgt daraus politisch? Die EU muss alles tun, um den Zyprern den Weg aus der Krise zu erleichtern.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    @ M. Schieritz

    Warum wird in den deutschen Diskussionen das Gegenparteirisiko fast nie angesprochen? Hier ein lesenswerter Beitrag:

    “So wird mit der ersten Enteignung von Bankeinlagen seit Beginn der Finanzkrise 2008 das Gegenparteirisiko wieder zu einem entscheidenden Thema. Finanzinstitutionen werden jetzt ihre Ausleihungen an die Banken in der Euro-Zone überprüfen und höhere Sicherheiten einfordern. Können diese nicht gestellt werden, wird der Geldhahn zugedreht und die Geschäftsbeziehung eingestellt, wie damals bei den US-Investmentbanken Bear Stearns und Lehman Brothers.”

    wiwo.de/politik/europa/europaeische-union-schicksalstage-fuer-den-euro-seite-all/7989090-all.html

    Darüber hinaus gilt: Wenn Zypern austritt und es dem Land ganz gut dabei ergeht, dann zerbricht der Euro. Die Euro-Zone ist wie die Mafia – es darf keinen Austritt geben.

    Alex

    • 27. März 2013 um 10:11 Uhr
    • Alex
  2. 2.

    Im Ansatz richtig? Die Zypern-Lösung ist ziemlich willkürlich, wie die sich immer noch ändernden Konditionen und die anhaltende Kontosperre zeigt. Sie bedeutet im Kern, dass das Land ausgeplündert wird (Banken dicht, Kredite futsch, öffentliche Unternehmen privatisiert). Außerdem ist das ganze der womöglich fatale Coup für die Bankenunion, die im Juni 2012 beschlossen worden war. Schade, dass auch der Herdentrieb auf den billigen Populismus “Warum soll nur der deutsche Steuerzahler zahlen” hereinfällt… lostineu.eu/banken-mussen-bluten/

    • 27. März 2013 um 10:12 Uhr
    • Eric B.
  3. 3.

    ” Die EU muss alles tun, um den Zyprern den Weg aus der Krise zu erleichtern.”

    Richtig, sie müsste, aber sie wird es nicht tun.

    Zypern ist schlimmer dran als der ganze Rest der GIPS, denen ist nicht die Hälfte der Exportindustrie zusammengebrochen.

    Ich bin hier absolut in Krugman’s camp. Zypern sollte raus aus dem Euro, so schnell wie irgend möglich.

    Um seiner selbst willen zum Wohl der Zyprer.

  4. 4.

    @1 Gegenparteirisiko

    Ganz wichtiger Punkt, volle Zustimmung

  5. 5.

    >Sollte Zypern den Euro abgeben?>

    Ein Hirte stellt diese Frage – dass ich das noch erleben darf.

    Mit dieser Frage stellt sich sofort die andere Frage, die bisher beharrlich von den ALTERNATIVLOS-Euro-Rettern ausgeklammert wurde:

    Was denn nun, welches KRITERIUM soll denn gelten – das eigene Interesse Zyperns oder das Interesse der Währungsunion, für die ein im Interesse Zyperns liegender Austritt – von Schieritz angenommen – schwerwiegende Folgen hätte?

    Wenn DAS die Frage ist, muss man sich entscheiden, was man will:

    Nationalstaaten, die ihrer Bevölkerung durch Austritt die Lebensbedingungen erleichtern oder eine europäische Währungsunion mit großen nationalen Wohlstandsunterschieden, die angeblich wegen China etc. unverzichtbar ist.

    Und:

    WER soll entscheiden?

    Jemand in Brüssel, Merkel/Schäuble und ein paar Getreue aus Finnland, den Niederlanden und Österreich? Oder die Südschiene, der gerade mal ein Entscheider fehlt (Italien)?

    Meine Meinung:

    Die jeweiligen Bevölkerungen sollen entscheiden, denn sie sind UNMITTELBAR betroffen.

    Wenn so entschieden würde, gibt es auch keine AMBIVALENZ um wohlfeile Aussagen wie diese, bei denen für viele der Subventions-/Transfer-Gedanke verankert ist:

    >Die EU muss alles tun, um den Zyprern den Weg aus der Krise zu erleichtern.>

    Er würde heißen müssen:

    Die EU sollte die Zyprer nicht hindern, ihren Weg zu wählen – wohin der für sie auch immer führt, innerhalb oder außerhalb der Währungsunion und der EU.

    • 27. März 2013 um 10:58 Uhr
    • Dietmar Tischer
  6. 6.

    @ M. Schieritz

    was für eine hammer Argumentation. Sie haben mich voll überzeugt. Ihr einziges Argument für den Austritt ist die Abwertung und damit der Tourismus. Danach bringen Sie nur noch Kontraargumente an. 6 Setzen!

    • 27. März 2013 um 11:00 Uhr
    • Löwenherz
  7. 7.

    Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

    • 27. März 2013 um 11:22 Uhr
    • Lefty
  8. 8.

    Und was ist mit den 10Mrd. Hilfsgeldern?

    Werden die dann zurück bezahlt? Eine ganz pragmatische Frage.

    Mit dem EURO jedenfalls drohen dem Land soziale Unruhen, Korruptionszunahme, Arbeitslosigkeit.

    Schön, dass man jetzt bei der ZEIT auf die Idee kommt, es ginge auch ohne EURO. Aber, darauf ist man nicht früher gekommen… ?

    • 27. März 2013 um 11:24 Uhr
    • Phronesis
  9. Kommentar zum Thema

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