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Wie arm sind wir eigentlich?

Von 10. April 2013 um 23:43 Uhr

Holger Steltzner holt in der FAZ groß aus und erklärt, warum die Deutschen doch arm sind. Hier seine Argumente – und meine Entgegnung.

Angeblich seien die Vermögen nicht vergleichbar, weil die Immobilienwerte nicht überall im Jahr 2010, sondern teils noch im Jahr 2008 ermittelt wurden. Das gilt allerdings nur für Spanien. 

Der entscheidende Punkt ist nicht, dass die Daten aus Spanien früher ermittelt wurden. Die Immobilienpreise in vielen südeuropäischen Ländern waren im Jahr 2010 nach einer jahrelangen Expansionsphase schlicht überhöht und sind damit als Indikator für die Vermögenslage problematisch. Wie Norbert Häring im Handelsblatt schreibt – und wie jeder weiß, der sich einmal angeschaut hat, wie die Menschen in Italien oder Spanien wohnen: Die Wohnungen dort sind nicht größer, schöner oder besser, sondern waren überteuert. Der Versuch, diesen vermeintlichen Wohlstand im großen Stil in Geld umzusetzen, hätte einen Preisverfall ausgelöst. Und genau diesen Preisverfall beobachten wir ja auch. Es handelt sich um Scheinreichtum, der sich nun auch in Luft auflöst.

Außerdem seien die Haushaltsgrößen verschieden. Auch das stimmt nicht. Deutschland liegt mit etwas mehr als zwei Personen nur knapp unter dem Euro-Schnitt von 2,32.

Immerhin. Das macht bei einem Gesamtvermögen von 1.000 Euro einen Unterschied von 500 gegenüber 430 Euro pro Kopf aus.

Manche wollen die Deutschen nun sogar mit ihren angeblich üppigen Rentenansprüchen reichrechnen. Das ist putzig. Seit wann werden in einem Umlageverfahren Vermögen gebildet? Der heimische Rentner oder Pensionär mag einen Rechtsanspruch haben, aber aufbringen muss das Altersgeld die nachwachsende Generation aus dem laufenden Einkommen. Das ist nicht vergleichbar mit Kapitalbildung über Lebensversicherung, Fonds oder Sparbuch. 

Am Ende ist zumindest in einer geschlossenen Volkswirtschaft jede Form von Vermögenstitel ein Anspruch an die Produktionsleistung der kommenden Generation. Das Sparbuch kann man genau so wenig essen wie den Rentenanspruch. Der Punkt ist, dass sich das Sparverhalten und damit die von der Studie erfasste Vermögensbildung in einem Land, dessen Bevölkerung im Alter durch ein Umlagesystem abgesichert ist, maßgeblich unterscheiden wird von der eines Landes, dass keine Rentenversicherung kennt.

Niemand wird bestreiten, dass die Wohlhabenden in den Krisenländern einen Beitrag zur Sanierung leisten sollen. Jederzeit mit Zwangsanleihen und Bail-Ins wie in Zypern. Aber auf Basis der Mediandaten den Eindruck zu erwecken, Deutschland sei das Armenhaus Europas, ist nicht nur eine Fehlinterpretation der Studie, sondern so weit von der Lebenswirklichkeit entfernt, wie es nur geht. Und wenn in Deutschland das Vermögen falsch verteilt ist, dann ist das nicht die Schuld der Italiener oder Griechen.

Ich glaube übrigens, für die EZB war der wichtigste Grund, die Veröffentlichung der Daten zurückzuhalten, dass man wusste, wie sie interpretiert würden.

Update: Robert von Heusinger, Egghat und viele andere machen den wichtigen Punkt, dass das gesamte Vermögen einer Volkswirtschaft – also Staat, Unternehmen und Privathaushalte – natürlich von der Nettoauslandsposition erfasst wird. Dabei handelt es sich sozusagen um die kumulierten Leistungsbilanzsalden, denn innerhalb eines Landes ergeben Forderungen und Verbindlichkeiten natürlich zusammengenommen null. Auf dieser Basis brauchen wir gar nicht lange zu reden, denn Deutschland liegt hier ganz klar meilenweit vorne und praktisch der komplette Süden ist bei uns verschuldet – was in letzter Konsequenz natürlich bedeutet, dass wir durch die Rettung der anderen in Wahrheit unsere Forderungen retten.

Aber natürlich kann es trotzdem sinnvoll sein, sich die Vermögenslage der Haushalte anzusehen, weil am Beispiel Italien deutlich wird, dass den hohen Staatsschulden durchaus auch große private Vermögen entgegenstehen. Und weil die Haushalte im Süden ja zum Beispiel auch Forderungen aus dem Ausland halten.

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Vergleiche, die auf unterschiedlichen Zeitpunkten beruhen, sind immer sehr problematisch. Das muss man zugeben.

    Was die Ansprüche aus der Umverteilungsrente angeht: Die wären zwar auf Basis der derzeitigen Ansprüche und Sterbetafel in Gestalt des auf t0 abgezinsten Kapitalwerts quantifizierbar. Dann aber bitte für alle Länder. Hier z.B. das Rentensystem in Frankreich: http://www.ambafrance-de.org/Rente-Das-franzosische

    Aber egal: Was das Nettovermögen je Haushalt und Pro Kopf angeht, liegt Deutschland nun einmal ganz hinten, wie Chart 4.4, Seite 80 zeigt: http://www.ecb.int/pub/pdf/other/ecbsp2en.pdf?e941a755860f2c86cbdc251a2b3d1f0c. Und das ist eigentlich eine Katastrophe.

    • 11. April 2013 um 01:19 Uhr
    • alterego
  2. 2.

    Preisverfall bedeutet doch nicht, dass sich etwas in Luft auflöst!
    Und:
    So weit mir bekannt, gibt es auch in Spanien und besonders in Italien ordentliche
    Renten. Es hat also keinen Zweck, mit solchen Argumenten den EZB-Bericht relativieren
    zu wollen.

    Einen Skandal finde ich, dass man bei ARD.de und ZDF.de im Suchfeld unter EZB Studie NICHTS finden kann, bzw. etwas mit “Occupy Bewegung”.

    • 11. April 2013 um 02:02 Uhr
    • Paxvo
  3. 3.

    Weitere verzerrende Aspekte:
    1) Geringeres Vermögen der Hauhalte in Ostdeutschland aufgrund weniger Möglichkeiten zum Vermögensaufbau in der DDR.
    2) Der Median-Haushalt ist kein Immobilienbesitzer in Deutschland
    3) Studie basiert auf Wohnsitzprinzip und nicht Nationalität. Vermögende mit Wohnsitz in Zypern oder Luxemburg können auch Ausländer sein.

    Erschreckend Steltzners Punkt mit der Rente: Dass das immer noch nicht verstanden wird!

    • 11. April 2013 um 02:13 Uhr
    • Thomas Mueller
  4. 4.

    Diese Diskussion nervt, auch weil es keine Diskussion ist, sondern über weite Strecken Propaganda in der die Argumente passend zurecht gebogen werden. Kostprobe? Für FAZ und Konsorten sind also Renten- und Pensionsansprüche keine Vermögenswerte. Die diesen Renten- und Pensionsansprüchen gegenüberstehenden Verpflichtungen der öffentlichen Hand müssten aber selbstverständlich bei der Berechnung der ‘wahren’ Staatsverschuldung berücksichtigt werden, klar.

    Was aber noch mehr nervt, dass hier alle von ‘wir’ und ‘den Deutschen’ redet. Diese Studie geht über Privathaushalte (basierend auf 3000 Haushalten je Land). Länder bestehen aber nicht nur aus Privathaushalten.

    Deshalb werden in der volkswirtschaftlichen *Gesamt*rechnung auch zusätzlich die öffentliche Hand und Bundesbank sowie Unternehmen und Finanzsektor berücksichtigt.

    Und nicht nur ich, sondern auch solche econo-looser wie Krugman und Flassbeck weisen immer wieder daraufhin, das es dafür eine solide Zahlenbasis im Verlauf gibt, die net international investment position (IIP).

    Und da zeigt sich glasklar: Deutschland ist Nettogläubiger, die angeblich so reichen Südländer (mit Ausnahme Italiens) sind bis zur Halskrause verschuldet. Es sind halt nur in Deutschland nicht die Privathaushalte, bei denen der Reichtum liegt.

    Die Schlußfolgerungen daraus sind ebenso klar:

    Deutschland hat ein Verteilungsproblem.

    Und wenn Deutschland seine Auslandsguthaben nicht verschenken will, sondern dafür eine reellen Gegenwert haben will, dann muß Deutschland ein Interesse daran haben, dass man sich im Ausland was dafür kaufen kann, darum ist es dumm diese Volkswirtschaften zu ruinieren.

    In Leitartikeln kann man sich sicher noch ein Weile länger mit Scheuklappen und propagandistischer Selbstbeweihräucherung in der eigenen moralischen Überlegenheit suhlen, das ändert aber nix an der Realität, die sich irgendwann Bahn brechen wird. Wer schlau ist stellt sich drauf ein.

    Oder wie hat Markus Lanz gestern so schön gesagt, es macht keine Sinn sich Sand in den Kopf zu stecken.

  5. 5.

    Ich könnte mir vorstelllen,dass die EZB von der Politik gezwungen wurde die Studie zu veröffentlichen.Und damit die EZB nicht ganz so dusselig da steht,hat sie zumindest mit veröffentlicht,dass die Studie mit Vorsicht zu geniessen ist.Das ist doch ungewöhnlich und riecht nach heftigen Auseinandersetzungen im Hintergrund.Und wenn der politische Zeitgeist,der deutsche politische Zeitgeist seine Finger im Spiel hatte/hat,dann ist doch wohl die Hauptsache,dass interpretiert wird,was der deutsche politische Zeitgeist schon die ganze Zeit gebetsmühlenhaft herunterbetet.Das ist in meinen Ohren so dumm,dass ich das nicht aufzählen möchte.

    • 11. April 2013 um 07:43 Uhr
    • Frau Müller
  6. 6.

    Hab Dank Mark für Deine Aufklärungstaten! Für mich liegt der schlimmste Denkfehler von Holger darin, dass er die Netto-Auslandspositionen außen vor lässt. Spanien mit rund minus 20.000 Euro Auslandsverschuldung pro Kopf kann sich nicht retten. Deutschland hat ein Nettoauslandsvermögen von plus 12.000 Euro pro Kopf!

    Hier mein Senf:

    berliner-zeitung.de/wirtschaft/ezb-vermoegensbericht-traue-keiner-statistik—,10808230,22332022.html

    Grüße, Robert

    • 11. April 2013 um 09:13 Uhr
    • Robert von Heusinger
  7. 7.

    Die einzige Zahl, die zählt, ist die NIIP. Bei allen anderen Berechnungen hat man immer das große Problem der Abgrenzung zwischen Privaten, Unternehmen und Staat und erfasst das Vermögen einer Volkswirtschaft nur unzureichend.

    diewunderbareweltderwirtschaft.de/2013/04/sind-wir-deutschen-jetzt-arm-oder-nicht.html#update_5

    • 11. April 2013 um 09:16 Uhr
    • egghat
  8. 8.

    >>> dass wir durch die Rettung der anderen in Wahrheit unsere Forderungen retten.

    Wer ist “wir”, wer sind die “anderen”, wer ist “uns”? Ich löse mal auf: In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass der deutsche Staat (und damit die Gesamtheit der deutschen Steuerzahler) diejenigen deutschen Privathaushalte alimentiert, die gegen die Staaten der Südschiene Forderungen halten, weil diese Staaten die Vermögen der privaten Haushalte auf ihrem Hoheitsgebiet nicht belasten wollen, obwohl reichlich Privatvermögen vorhanden wäre. Die NIIP ist ungeeignet für diese differnzierte Betrachtung, aber da die Daten der EZB nun einmal nicht zur Ideologie des Schieritz passen wollen, musste es wohl die Brechstange sein, mit der die Realität gebogen werden soll.

    • 11. April 2013 um 10:13 Uhr
    • Hauke
  9. Kommentar zum Thema

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