So funktioniert Kapitalismus. Ein Blog

Die Inflationslüge

Von 5. Mai 2013 um 21:52 Uhr

Mein Buch ist da: Die Inflationslüge, erschienen bei Droemer Knaur, 140 Seiten, 7 Euro. Für alle Leser des Blogs ein kleiner Auszug daraus:

“Am 13. Oktober 1931 gibt Reichskanzler Heinrich Brüning im Berliner Reichstag eine Regierungserklärung ab. Brüning betreibt eine eiserne Sparpolitik. Er hebt die Steuern an und kürzt staatliche Leistungen, er kürzt Löhne und Gehälter. Die Generalaussprache im Reichstag aber hat praktisch nur ein Thema: die Inflation. Der Abgeordnete Johann Leicht von der Bayerischen Volkspartei dankt Brüning dafür, dass er »unter keinen Umständen einer neuen Inflation die Wege ebnen« werde. Joseph Joos von der Zentrumspartei meint: »Legen Sie uns die härtesten Maßnahmen auf, aber lassen Sie das nicht zu.«

Das war im Jahr 1931, wohlgemerkt. Damals waren in Deutschland bereits 4,5 Millionen Menschen ohne Arbeit – und die Preise sanken um 8,1 Prozent. Für den Historiker Knut Borchardt ist klar, dass »in der Weltwirtschaftskrise in Deutschland eine Inflationsangst verbreitet war, die den Handlungsspielraum der wirtschaftspolitischen Instanzen eingeschränkt hat«. Diese Angst hat zum Beispiel dazu geführt, dass beschäftigungspolitische Maßnahmen bewusst knapp dimensioniert wurden, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, sie schürten die Inflation.

Zwei Jahre nach Brünings Rede war die Weimarer Republik am Ende. Nicht die Hyperinflation der zwanziger, sondern die schwere Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre hat Hitler an die Macht gebracht. Die Demokratie in Deutschland ist heute gefestigt, dennoch zeigen die Debatten der damaligen Zeit, wie gefährlich die Furcht vor Inflation sein kann. Sie gehört zu den Konstanten der deutschen Wirtschaftspolitik – und sie ist in Zeiten einer Krise, die die Europäische Zentralbank (EZB) wie in diesen Tagen wieder zu außergewöhnlichen Maßnahmen zwingt, von erheblicher Bedeutung für die Zukunft des Kontinents. Jedenfalls ist die Inflation heute wie damals ein Dauerthema. Um ihr Erspartes in Sicherheit zu bringen, kaufen die Bundesbürger heute Gold und Immobilien, als gäbe es kein Morgen mehr, selbst feuchte Kellerlöcher gehen zu Höchstpreisen weg.

Dabei beruht diese Angst häufig auf einem unzureichenden Verständnis vom Wesen des Geldes: Wenn von der großen Geldschwemme der Notenbanken die Rede ist, dann ist dabei fast immer das Geld gemeint, dass von den Zentralbanken direkt in Umlauf gebracht wird. Es hat sich tatsächlich drastisch vermehrt. Die Zentralbankgeldmenge in der Euro-Zone belief sich im Januar 2008 auf 870 Milliarden Euro – im September 2012 waren es 1766 Milliarden Euro. Sie hat sich also innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppelt.

Doch die Zentralbank schöpft nur einen Teil des Geldes. Die Geschäftsbanken sind die eigentlichen Geldproduzenten. Man kann das an einem einfachen Beispiel deutlich machen: Eine Bank gewährt einem Autohändler ein Darlehen über 1.000 Euro. Das Geld wird dem Girokonto des Autohändlers gutgeschrieben. Er kann sich damit zum Beispiel einen Computer kaufen. Der Clou: Das Geld, das der Autohändler von der Bank erhalten hat, wurde niemandem weggenommen. Keiner hat weniger Geld zur Verfügung, weil der Autohändler 1.000 Euro bekommen hat. Es ist Geld entstanden.

Die privaten Banken haben sich seit Ausbruch der Krise viel weniger Kredite vergeben als vorher. Im Jahr 2011 vergrößerte sich die Geldmenge M3, die das Geld der Banken mitberücksichtigt, jeden Monat im Schnitt um 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dagegen wuchs sie im Jahr 2007 – also bevor die EZB ihre Rettungsmaßnahmen einleitete – im Schnitt um kräftige 11,2 Prozent pro Monat. Es kommt also weniger und nicht mehr frisches Geld im Umlauf als früher.

Wichtig ist ohnehin nicht, wie viel Geld in der Welt ist, sondern was mit diesem Geld geschieht. Man stelle sich zur Erläuterung dieser These einen Obstmarkt vor. Eine Sorte Äpfel verkauft sich besonders gut, die Vorräte gehen aber zu Ende. Was wird wohl passieren? Die Antwort ist nicht schwer: Die Verkäufer werden den Preis anheben.

Interessant an dieser Prognose ist, dass sie getroffen werden kann, ohne etwas über die Geldmengen auf dem Markt zu wissen. Letztlich funktioniert eine Volkswirtschaft nämlich ähnlich wie ein Obstmarkt. Die Preise steigen, wenn das Angebot knapp ist und die Nachfrage hoch. Inflation droht, wenn in einer Volkswirtschaft dauerhaft mehr Waren und Dienstleistungen nachgefragt werden, als diese Volkswirtschaft mit ihren Arbeitnehmern zu produzieren vermag. Dann können die Arbeitnehmer höhere Löhne durchsetzen, es steigen die Kosten und damit auch die Preise.

Es ist ziemlich offensichtlich, warum, aus dieser Perspektive betrachtet, derzeit kaum Inflationsgefahr besteht. Halb Europa steckt in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Zahl der Arbeitslosen steigt dramatisch. Die Auslastung der Produktionskapazitäten ist vielerorts auf dem niedrigsten Stand seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern. Die Krisenländer müssen die Kreditexzesse der vergangenen Jahre abarbeiten, und das wird ihr Wachstum noch für viele Jahre bremsen. Und auch in Deutschland schwächt sich die Konjunktur derzeit wieder ab.

Das unterscheidet die Lage heute von der Situation in den zwanziger Jahren. Damals herrschte in Deutschland Vollbeschäftigung, die Löhne zogen an. Der stetig steigenden Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen stand ein beschränktes Angebot gegenüber. Die Kriegswirtschaft musste erst auf die Produktion ziviler Investitions- und Konsumgüter umgestellt werden.

Es wäre also ein großer Fehler, wenn die Wirtschaft durch eine vorschnelle Straffung der Geldpolitik zusätzlich belastet würde, zumal die Notenbanken schnell reagieren können, wenn die Konjunktur anzieht. Sie kann Geld ebenso leicht vernichten, wie sie es schaffen kann.

Gewiss, in der Krise haben Notenbanken Aufgaben übernommen, für die sie nicht gemacht wurden. Damit wächst die Gefahr, dass sie in ihren Entscheidungen nicht mehr frei sind, weil sie unter politische Kontrolle geraten könnten. Doch in fast allen Ländern sind sich die Politiker darüber im Klaren, dass ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Notenbank weitreichende Folgen haben könnte. Und der wichtigste Kritikpunkt an der EZB, sie bewege sich durch ihre Anleihekäufe außerhalb ihres Mandats und übernehme Aufgaben, für die eigentlich die Finanzpolitik zuständig sei, ist ein demokratietheoretischer. Mit Inflation hat das nicht sehr viel zu tun.

Aber treibt das billige Geld nicht den Kurs von Aktien und anderen Wertpapieren? Zunächst einmal handelt es sich dabei nicht um Inflation; diese ist definiert als ein Anstieg des Güterpreisniveaus.
Ein Anstieg der Preise macht alle ärmer. Ein Anstieg der Aktienkurse macht zumindest die Aktienanleger reicher. Gefährlich wird es erst, wenn aus dem Boom an der Börse eine Blase wird. Es handelt sich also um unterschiedliche Phänomene, die unterschiedliche wirtschaftspolitische Reaktionen erfordern.

Die meisten Finanzblasen sind nicht darauf zurückzuführen, dass zu viel Geld in der Wirtschaft umläuft – sondern darauf, dass das vorhandene Geld falsch verteilt ist. So lief in den USA vor Ausbruch der Krise zwar der Immobilienmarkt heiß, die Investitionstätigkeit der Firmen aber war mau. Deshalb wäre es falsch, auf Finanzexzesse pauschal mit einer allgemeinen Geldverknappung zu reagieren. Denn die schadet auch dem gesunden Teil der Wirtschaft.

Viel sinnvoller wäre es, das Geld aus den sich überhitzenden Sektoren der Wirtschaft abzuziehen, damit es dorthin fließt, wo Mangel herrscht. Dazu müssen die Finanzinstitute beispielsweise dazu gezwungen werden, mehr Eigenkapital für Immobilienkredite vorzuhalten, wenn die Aufsichtsbehörden fürchten, dass sich auf dem Grundstücksmarkt eine Blase bildet. Denn auch Exzesse an den Finanzmärkten werden in der Regel nicht von der Notenbank, sondern durch eine übermäßige Kreditvergabe der privaten Banken finanziert.

Der Staat wird sich in Zukunft also viel stärker als früher in die Steuerung der Geldströme einmischen müssen. Er wird entscheiden müssen, in welchen Bereichen der Wirtschaft gerade genug Geld und Kredit vorhanden ist und in welchen zu wenig. Das klingt banal, kommt aber einer kleinen Revolution gleich. Der Kredit ist im Kapitalismus eine Art Lebenselixier. Wo er frisches Geld entstehen lässt, wird produziert und gearbeitet. Wo er versiegt, herrscht Stillstand.

Die größte Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität geht heutzutage nicht mehr von steigenden Güterpreisen aus, sondern von spekulativen Übertreibungen an den Finanzmärkten. Diese Übertreibungen in den Griff zu bekommen und dafür zu sorgen, dass das Geld auch dahin fließt, wo es produktiv verwendet wird – das sind die großen Herausforderungen für Regierungen und Zentralbanken. Nicht die Inflation.

Jedes Land hat seine Traumata. Das deutsche Trauma ist die Inflation. Das Plädoyer dafür, es zu überwinden, ist kein Plädoyer dafür, die Welt ohne Rücksicht auf Verluste mit Geld zu überschwemmen. Es ist ein Plädoyer für einen klaren, vorurteilsfreien Blick auf die Krise und die wirtschaftspolitischen Möglichkeiten, sie zu überwinden.”

Kategorien: Der aktuelle Rand
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Zitat: “Die größte Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität geht heutzutage nicht mehr von steigenden Güterpreisen aus, sondern von spekulativen Übertreibungen an den Finanzmärkten. Diese Übertreibungen in den Griff zu bekommen und dafür zu sorgen, dass das Geld auch dahin fließt, wo es produktiv verwendet wird – das sind die großen Herausforderungen für Regierungen und Zentralbanken. Nicht die Inflation.”

    Aha! Es ist wirklich ein Jammer, dass diese bösen Finanzmärkte das Geld nicht in das ach so prosperierende Südeuropa tragen. Da muss man nachhelfen, im Zweifelsfall mit Planwirtschaft durch Notenbanken und kompetente Politiker. Spanien braucht noch mehr Autobahnen und Immobilienprojekte, in Griechenland will eine ganze gesellschaftliche Kaste versorgt werden. Und die Franzosen wollen mit 60 in Rente.

    Ernsthaft: Ist Ihnen, Herr Schieritz, eigentlich schon einmal in den Sinn gekommen, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise nur um eine Korrektur vorangegangener Fehlentwicklungen handelt? Man kann eben keine funktionierende Währungsunion aufbauen, in der die Realität konsequent geleugnet wird. Sie aber schreiben Ihre Blogs schon seit Jahren unter dem Motto: Wenn die Wirklichkeit nicht so will wie wir, dann befehlen wir ihr es einfach.

  2. 2.

    Drei Anmerkungen:

    (1) Inflation, also ein Kaufkraftverlust des Geldes, droht meines Erachtens dann, wenn sich das Verhältnis der Geldmenge M3 zu der Menge der im Inland nachgefragten Güter vergrößert, wenn also die relative Knappheit der Güter gegenüber der des Geldes zunimmt.

    Wie die nachfolgende Übersicht zeigt, hat sich in Deutschland der Anstieg von M3 seit 2008 im Vergleich zu den Jahren davor abgeschwächt und dürfte in etwa dem Wachstum des BIP entsprechen: bundesbank.de/Navigation/DE/Statistiken/Zeitreihen_Datenbanken/Makrooekonomische_Zeitreihen/Functions/ItsCombinedChart.html?listId=www_s311_b40101&tsId=BBK01.TUS303. Ein wachsender Kaufkraftverlust des Geldes droht daher zur Zeit nicht. Erfreulich auch, dass die Geldbasis des Euroraums, die M3 potenziell befeuert, nach dem exzessiven Anstieg in den letzten Jahren derzeit schrumpft: sdw.ecb.europa.eu/servlet/quickviewChart?SERIES_KEY=123.ILM.M.U2.C.LT01.Z5.EUR

    (2) Die Bildung von Assetblasen und damit das Risiko des Entstehens von mit deren Platzen verbundenen Krisen ist meines Erachtens primär die Folge niedriger oder gar real negativer Sollzinsen. Billiges und exrem billiges Geld fördern riskante, spekulative Investments sowie die leichtfertige Kreditvergabe an Schuldner mit schwacher Bonität und unzureichenden oder gar fehlenden Sicherheiten. Diese Gefahr ist bei dem schon länger herrschenden, äußerst niedrigen Zinsniveau auf jeden Fall gegeben.

    Nachhaltiges Wirtschaften und nachhaltiges Wachstum sind nur bei Vermeidung riskanter Kreditvergabe möglich. Ein höheres Zinsniveau halte ich daher schon allein deswegen für notwendig, um Bonität und Besicherung wieder zum allgemein beachteten und geschätzten Standard der Kreditvergabe werden zu lassen. Eine damit verbundene Straffung der Kreditvergabe ist hilfreich und erwünscht.

    Das gleiche wäre meines Erachtens alternativ auch durch eine restriktive Refinanzierung der Banken durch die Zentralbank (weniger zusätzliches Zentralbankgeld für die Geschäftsbanken) zu erreichen – und das sogar noch direkter und wirksamer als über den Refinanzierungszins. Denn wenn Zentralbankgeld knapp ist, müssen sich die Banken primär über den Interbankenmarkt refinanzieren. Dadurch gewännen die Bonität des Schuldners und die angemesene Besicherung des Kredits automatisch und erheblich an Gewicht. Dies führte in der Folge zu Kreditzinsen, welche die mit den Krediten verbundenen Risiken erheblich mehr als bisher widerspiegelten. M.a.W., je höher(niedriger) das Risiko, desto höher(niedriger) der Zins. So soll es sein.

    (3) “Der Staat wird sich in Zukunft also viel stärker als früher in die Steuerung der Geldströme einmischen müssen.”

    Um Himmels willen, bloß nicht das! Das wäre so schlimm, wie wenn die Politik die Möglichkeit bekäme, das Wetter zu gestalten. Ich zumindest bin froh, dass wir keine Zentralverwaltungswirtschaft, sondern eine Marktwirtschaft haben. Dass bei uns also nicht der Staat als zentrale Instanz, sondern dezentral die Anbieter und Nachfrager auf den Güter- und Faktormärkten das wirtschaftliche Geschehen im Rahmen der von der Politik dazu geschaffenen Regeln lenken und gestalten. Angemessene Eigenkapitalvorschriften, ggf. differenziert nach Risikoklassen der mit den Krediten finanzierten Geschäfte, wären, ergänzend zu der oben erwähnten, restriktiven Bankenrefinanzierung durch die Zentralbank, eine hinreichende Bedingung, um eine verantwortungsvolle Kreditvergabe der Banken zu fördern.

    Wie unter (2) geschrieben, muss der Kreditzins das mit der Kreditvergabe vebundene Risiko angemessen widerspiegeln. Die Politik versucht gerade, dieses für das Funktionieren der Kapitalmärkte elementare Prinzip unter tatkräftiger Hilfe der Zentralbank außer Kraft zu setzen. Das lässt erahnen, was passierte, wenn Schieritz’ “kleine Revolution” Wirklichkeit würde.

    • 6. Mai 2013 um 02:08 Uhr
    • alterego
  3. 3.

    >Das deutsche Trauma ist die Inflation. Das Plädoyer dafür, es zu überwinden … ist ein Plädoyer für einen klaren, vorurteilsfreien Blick auf die Krise und die wirtschaftspolitischen Möglichkeiten, sie zu überwinden.>

    Zu den wirtschaftspolitischen Möglichkeiten der Krisenüberwindung gehört u. a. die Tilgung der Altschulden. Wenn wir einen klaren, vorurteilsfreien Blick darauf werfen und nach der bereits erfolgreich praktizierten (Zypern) auch die angedachte Lösung (Einlagensicherungsfonds – Rettung der europäischen Banken mit deutschen Spargeldern) als REALISTISCH einschätzen, dann ist das Buch ÜBERHOLT:

    Die Angst um das ERSPARTE ist längst dabei, die Angst um ENTWERTUNG abzulösen.

    Da baut sich ein Trauma auf.

    Deshalb hat Merkel auch schon mal eine Garantie ausrufen lassen.

    Die Inflationslüge ist das falsche Thema.

    • 6. Mai 2013 um 02:37 Uhr
    • Dietmar Tischer
  4. 4.

    Ein kluger, ausgewogener Artikel, wie bei Schieritz die Norm. Wie es so ist bei Oekonomen bin ich mich manchem sehr einverstanden, mit anderem weniger. Unter letzteres faellt folgendes:

    1) Weimar: es stimmt dass es zu Bruenings Zeiten unbegruendete Inflationsaengste gab. Ursaechlich fuer die Brueningsche Deflationspolitik war das aber nicht. Ursaechlich war der gleiche Grund aus dem Spanien oder Griechenland heute nicht inflationieren koennen: Bindung an eine Waehrungsunion (Goldstandard), und Umnoeglichkeit des Austritts aus der Waehrungsunion wegen Ueberschuldung in Fremdwaehrung.

    2) Schaedlichkeit von Assetbooms und Assetblasen: mAn sind nicht einmal Assetblasen notwendig schaedlich. Fuer sich genommen sind sie die Veraenderung eines relativen Preises, weiter nichts.

    Assetblasen sind dann – und nur dann – gefaehrlich, wenn sie nicht-nachhaltiges Verhalten provozieren, insbesondere exzessive Verschuldung–die bei inflationierten Assetpreisen leicht aufgebaut werden kann (u.a. weil die Schuldner mehr Kollateral anbieten koennen). Nach dem Verfall der Assetpreise zwingt exzessive Verschuldung die Schuldner ihre Absorption einzuschraenken um Verbindlichkeiten abzubauen, was Volkswirtschaften in Depression und Deflation treibt.

    3) Makro-prudentielle Regulierung vs. Geldpolitik: ich bin ueberhaupt nicht der Ansicht, dass Geldpolitik keine Rolle beim Bekaempfen von Assetblasen keine Rolle zukommt. Es kommterneut darauf an, wie sich dies auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auswirkt. Wenn, wie in den USA, die privatwirtschaftliche Nachfrage derat massiv ueberschiesst, dass sie Leistungsbilanzdefizite von 7 Prozent erzeugt und Rekordueberschuldung des gesamten Privatsektors, dann muss die Geldpolitik die privatwirtschaftliche Nachfrage daempfen. Das ist ihr Job. Die Greenspan-Geldpolitik war viel zu lose, dies zeigt auch jedes Standardmass fuer den Geldpolitik. Ich habe keinen Zweifel dass eine weniger faehrlaessige Geldpolitik viel Schaden vermieden haette.

    In Europa liegt der Fall anders. Die EZB-Geldpolitk was vor der Krise fuer Spanien viel zu lose, aber fuer Deutschland zu restriktiv.Die gesamtwirtschaftliche Nachffrage in Euroland war durchaus angemessen, nur wurde in De zuwenig nachfgefragt, in Sp zu viel.

    In so einem Fall kann die Zentralbank wenig machen. Makro-Prudentielle Regulierung muss zur Hilfe kommen, um die Kreditvergabebedingungen in einzelnen Volkswirtschaften an deren Beduerfnisse anzupassen. MAn ist ein starkes, zentralisiertes System makroprudentieller Regulierung deshalb auch eine Muss-Voraussetzung fuer eine Bankenunion in Europa.

    4) Inflation ist keine Gefahr mehr fuer die wirtschaftliche Stabilitaet: das halte ich fuer voellig falsch. Inflation ist IM AUGENBLICK keine Gefahr, weil die US- und Euro-Volkswirtschaften die Schuldenexzesse der Vorkrisenzeit abbauen — und waehrend dies so ist bleibt die privatwirtschaftliche Nachfrage mau. Aber sobald der Entschuldungsprozess soweit fortschreitet dass die privatwirtschaftliche Nachfrage anzieht, muessen die Zentralbanken hoellisch aufpassen, dass ihnen die Inflation nicht aus der Kontrolle geraet.

    Die USA sind mit dem Schuldenabbau uebrigens weiter als Europa. Die Fed sollte mAn quantitative easing allmaehlich zurueckfahren; in der zweiten Jahrehaelfte wird sie das womoeglich mit Entchossenheit tun muessen. In Europa, wo der realwirtschaftliche Tiefpunkt der Krise wohl noch nicht erreicht ist, sollte die EZB eher nochmal lockern.

    Was die makro-politischen Herausforderungen der Zukunft angeht ist meine Einschaetzung dann auch die gegenteilige von Schiertiz: die naechste Krise wird wahrscheinlicher eine Inflationskrise sein als eine Finanzkrise. Das menschliche Bewusstsein neigt dazu, stets die Lehren der letzten Krise zu verinnerlichen–was eine schnelle Wiederholung unwahrscheinlich macht. Und weiter zurueckliegende, weniger praesente Risiken zu vernachlaessigen–was diese Risken erst so richtig gefaehrlich macht (die Ansichten zur Bruenings Zeiten sind der beste Beleg dafuer).

    D.h., wenn jetzt selbst fuehrende Wirtschaftsjournalisten wie Schieritz bereits schreiben, Inflation sei keine Gefahr mehr, dann muss man wohl erst recht fuerchten, dass sie bald zur Gefahr wird.

    Besten Gruss,
    HK

    • 6. Mai 2013 um 03:50 Uhr
    • Henry Kaspar
  5. 5.

    Ich sehe gerade (anderswo) folgendes Zitat aus dem Schieritz-Buch das mir weniger gefaellt:

    Investitionen werden also wie bei einer Goldwährung aus den Ersparnissen finanziert, nur dass sich die Reihenfolge umkehrt: Erst wird investiert, dann gespart. Das Geld erzeugt auf diese Weise die Güter, denen es seinen Wert verdankt.

    Ob Ersparnis Investition bedingt oder umgekehrt — d.h. ob “loanable funds” oder “liquidty preference” den Kapitalmarkt zu Abgleich bringen – hat nichts, aber auch gar nichts, mit Fiat- oder Goldwaehrung zu tun, sondern nur damit ob sich die Volkswirtschaft in einer Voll- oder Unterbeschaeftigungssituation befindet.

    Veraenderung von Liquiditaetspraeferenz bedingt ceteris paribus (logisch notwendig) Veraenderung der Gueternachfrage. D.h. eine Verringerung der Liquidtaetspraferenz–etwa durch einen niedrigeren Zinssatz–erhoeht die Gueternachfrage.

    - ist die Volkswirtschaft unterbeschaeftigt, d.h. Teile ihrer produktiven Kapazitaet liegen brach, erhoeht die Gueternachfrage die Gueterproduktion. Ein hoeheres I (Investitionsgueternachfrage) erzeugt dann ein hoeheres Y (Produktion und Einkommen), und damit ein hoheres S.

    - ist die Volkswirtschaft hingegen vollbeschaeftig, erzeugt eine Erhoehung der Gueternachfrage nur Inflation. Die einzige Moeglichkeit, I zu erhoehen, besteht dann in einer Erhoehung von S (=Reduktion von C, bei gegebenem Y).

    Diese Zusammenhaenge gelten unabhaengig davo, ob ein Land eine Fiat- oder eine Specie-Waehrung hat. Der Unterschied ist, dass bei einer Fiatwaehrung die Zentralbank die Zinsen senken und so Liquidtaetpraferenz und Gueternachfrage beeinflussen kann. Bei einer (reinen) Speciewaehrung, wie z.B. dem Goldstandard, kann sie dies nicht – der Zins haengt dann von Zufaelligkeiten ab wie der Menge an Goldfunden.

    Eine Frage ist ob man meint, Zentralbanken wuerden mit der Manipulation von Liquiditaetspraferenz mehr Schaden oder mehr Nutzen anrichten. Keynesianer und Monetaristen meinen “Nutzen”, Oesterreicher “Schaden”. Dies ist denn auch eines der grossen Schismen in der modernen Oekonomik.

    • 6. Mai 2013 um 05:01 Uhr
    • Henry Kaspar
  6. 6.

    Aus der Tatsache, dass das Geld aus dem Nichts kommt, folgt aber nicht, dass es durch nichts gedeckt wäre. Die Ersparnis, aus der sich der Kredit speist, entsteht gewissermaßen im Nachhinein.

    Auch das stimmt so nicht. Kreditvergabe per se hat mit Ersparnis nichts zu tun – Kreditvergabe ist ein monetaerer Prozess, Ersparnis ein realwirtschaftlicher. Kreditvergabe kann erfolgen ohne dass irgendjemand spart (nimm eine Bank, die einem Kunden einen Kredit von X gewaehrt, und der Kunde laesst das Geld einfach auf seinem Konto liegen), und vice versa.

    Ersparnis kommt erst ins Spiel, wenn Kredit den Kauf von Investitionsguetern finanziert. Die Produktion des Investitionsgutes bedingt entweder ex-ante Konsumverzicht (Vollbeschaeftigung) oder ex-ante Unterbeschaeftigung. Im ersten Fall ensteht S durch den Konsumverzicht selbst, im zweiten Fall durch Mehrproduktion.

    • 6. Mai 2013 um 05:17 Uhr
    • Henry Kaspar
  7. 7.

    Die Brüning-Lüge:

    “Zwei Jahre nach Brünings Rede war die Weimarer Republik am Ende. Nicht die Hyperinflation der zwanziger, sondern die schwere Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre hat Hitler an die Macht gebracht.”

    Nein, nein, nein. Nicht die Deflation hat Hitler an die Macht gebracht, sondern Hindenburg. So eine Aussage wie diese hier kann auch nur von einem Ökonom getroffen werden, der alle wichtigen politischen Entwicklungen als Folge von ökonomischen Entwicklungen ansieht. Fakt ist: die NSDAP hatte bei einer Wahl kurz vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wieder Stimmen verloren. Hätte Hindenburg sich nicht auf diese Intrige eingelassen, dann kann niemand sagen wo die NSDAP 1934, 1935, 1936 gelandet wäre. Hitler war Mitte 1932 bereits davon überzeugt kurz dem Ziel zu sein und als er doch nicht zum Reichskanzler wurde, dachte er, er hätte seine einmalige Chance verpasst.

    Diese Instrumentalisierung Hitlers zur Verdammung einer gegenwärtigen Handlungsalternative ist völlig inakzeptabel. Es gibt heute keinen Revanchismus, es gibt keinen Versailler Vertrag, es gibt Sehnsucht nach einem autoritären Staat, es gibt keinen Anti-Semitismus wie in den 20er Jahren.

    Die Wirtschaftskrise hat den Aufstieg der NSDAP zweifellos begünstigt. Das war’s aber auch schon.

    Alex

    • 6. Mai 2013 um 08:43 Uhr
    • Alex
  8. 8.

    Ein zweiter Punkt:

    ‘Der Staat wird sich in Zukunft also viel stärker als früher in die Steuerung der Geldströme einmischen müssen. Er wird entscheiden müssen, in welchen Bereichen der Wirtschaft gerade genug Geld und Kredit vorhanden ist und in welchen zu wenig. Das klingt banal, kommt aber einer kleinen Revolution gleich. Der Kredit ist im Kapitalismus eine Art Lebenselixier. Wo er frisches Geld entstehen lässt, wird produziert und gearbeitet. Wo er versiegt, herrscht Stillstand.’

    Ich glaube, Sie haben Lehman nicht verstanden. Das Problem der Hypotheken-Krise war, dass sowohl der private Sektor als auch der öffentliche Sektor keine Blase gesehen haben und nicht sehen wollten. Bernanke hat kurz vor Ausbruch der Krise die Existenz einer housing bubble noch verneint. Außerdem hat der öffentliche Sektor ja auch die Tendenz sich auf Expertise aus dem privaten Sektor zu verlassen.

    Was in die Lehman-Krise geführt hat, dass war ein *allgemeiner Konsens* darüber, dass die Häuserpreise schon weiter steigen werden. Dagegen gibt es keine systemische Abwehr, dagegen hilft nur, wenn hinreichend viele Leute im privaten und öffentlichen Sektor den allgemeinen Konsens hinreichend kritisch hinterfragen *und* sich auch Gehör verschaffen.

    Alex

    • 6. Mai 2013 um 08:55 Uhr
    • Alex
  9. Kommentar zum Thema

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