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Das war’s dann erstmal

 

Die Falken haben sich durchgesetzt. Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen nicht mehr weiter gesenkt. Auch neue Sondermaßnahmen zur Stimulierung der Konjunktur sind unwahrscheinlich. Das liegt daran, dass sich die Datenlage etwas verbessert hat. Und dass die Notenbank alles auf eine Karte setzt. Die Säuberung der Bankbilanzen.

Diese Übung beginnt im Herbst. Im ersten Quartal des kommenden Jahres werden dann die Bilanzen der großen Banken durchleuchtet und danach sollen die Banken durch Kapitalspritzen oder die Beteiligung des Privatsektors (also Aktionäre, Anleihebesitzer, Kunden) saniert werden.

Wenn das Vorhaben ordentlich umgesetzt wird, könnte es tatsächlich der Wirtschaft einen Schub geben. Das Beispiel Japan lehrt, dass kaputte Bankbilanzen die Erholung der Konjunktur zumindest verzögern, weil die Zombiebanken keine Risiken eingehen wollen und sich deshalb bei der Kreditvergabe zurückhalten.

Dazu kommt, dass allerorten der Sparkurs aufgeweicht wird. In Deutschland will Angela Merkel Wahlgeschenke verteilen und die Länder des Südens erhalten mehr Zeit, um ihre Defizite zu korrigieren. Der Sparkurs ist deshalb nicht zu Ende, aber immerhin wird er nicht mehr verschärft. All das könnte dazu führen, dass die Rezession im zweiten Halbjahr überwunden wird.

Es wird sich nicht wie eine Wende anfühlen, weil die Zahl der Arbeitslosen nicht zurückgehen und vielleicht sogar weiter steigen wird. Aber es könnte ausreichen, um die EZB von weiteren Zinssenkungen abzuhalten. Womöglich ist also der Tiefpunkt erreicht – und wie André Kühnlenz gezeigt hat, könnte es sogar zu einer schleichenden Verschärfung der monetären Bedingungen kommen, weil die Überschussliquidität nach und nach aus dem System verschwindet.

Nimmt man noch eine mögliche Zinswende in den USA dazu, dann dreht sich möglicherweise bald der globale Zinszyklus. Das wäre durchaus riskant, denn die Erholung ist alles andere als stabil und würde womöglich durch eine zu frühe Straffung der Geldpolitik gefährdet. Es wäre nicht das erste Mal.

In Europa ist die Entscheidung der EZB auch ein Versuch, den Ball wieder ins Feld der Politik zu spielen. Die Regierungen sind jetzt für die nächste Stufe im Kampf gegen die Krise verantwortlich. Das bedeutet vor allem, sich am Aufräumen im Bankensektor zu beteiligen. Ohne einen glaubwürdigen und mit finanziellen Mitteln ausgestatteten Abwicklungs- und Kapitalisierungsmechanismus wird der Befreiungsschlag nicht gelingen. Wahrscheinlich wird es nicht einmal eine ehrliche Bestandsaufnahme geben, weil die EZB davor zurückscheuen wird, die schwachen Banken zu identifizieren, wenn nicht klar ist, was mit ihnen geschieht.

Over to you, Ms Merkel.

45 Kommentare

  1.   alterego

    Kapitalspritzen auf Kosten des Steuerzahlers sind unbedingt abzulehnen. Banken, die sich nicht selbst sanieren können, sind abzuwickeln. Und zwar ausnahmslos alle.

  2.   Dietmar Tischer

    Eine weitere Leitzinssenkung bewirkt praktisch nichts.

    Es wird nicht zu einer „offiziellen“ Zinswende der Notenbanken kommen. Das wäre in der gegenwärtigen Lage viel zu risikoreich (Bond Crash). Gegen eine kontinuierlich leicht schleichende wird man vermutlich kaum etwas haben. Die Fed steuert das, sie ist entscheidend.

    Aufräumarbeiten im Bankensektor: Das ist absolut erforderlich und wird in der Tat spannend. Denn die Politik ist so oder so voll dabei: Sanierung über eine Bankenunion ist zu langwierig und in Deutschland kaum durchzusetzen. Bleibt noch die Sanierung über die jeweiligen Staatshaushalte oder den ESM.

    Das heißt:

    Es wird selbstverständlich keine ehrliche Bestandsaufnahme geben, sondern es wird um „verhandelte Bewertungen“ gehen, die zumindest auf dem Papier zufriedenstellend sein werden.

    Damit sind wir wie gehabt einen Schritt weiter.

    Bleibt nur noch eine Frage:

    Wie finanzieren sich die Unternehmen in diesem Szenario?


  3. „In Europa ist die Entscheidung der EZB auch ein Versuch, den Ball wieder ins Feld der Politik zu spielen“

    Seh ich auch so.
    Eine Sanierung der Banken bzw. deren Abwicklung ist wichtig, noch wichtiger wäre eine andere Fiskalpolitik.


  4. Als wenn es nur um Konjunktur und Rezession gehen würde. Auf der Tagesordnung stehen Volkswirtschaftsinsolvenzen. Dabei ist es gleichgültig, ob die faulen Eier beim Staat, dessen Bürger oder bei den nationalen Geschäftsbanken liegen. Aus der Sicht der Volkswirtschaft ist sowieso alles ein Brei und lässt sich schon lange nicht mehr durch monetäre ja noch nicht einmal mehr durch Fiskal- oder selbst Reformmaßnahmen heilen. Dafür ist bei bestimmten Ländern, Griechenland, Portugal, Irland und Spanien alles zu spät. Hier hilft nur Insolvenz, Schuldenschnitt und Neustart. Italien und Frankreich benötigen, aber einen höheren Zinssatz für Reformanstrengungen, der auch irgendwann durch den notwendigen Nettokapitalimport über den internationalen Finanzmarkt auf diese Länder abrupt zukommen wird, dann aber ist es wahrscheinlich auch hier für Reformanstrengungen zu spät und Deutschland würde sowieso jeden Zinssatz abreiten, siehe die hohen Zinsen nach der Wiedervereinigung und jetzigen Niedrigzinsen ohne dauerhaft über seine Verhältnisse zu leben.

  5.   alterego

    @4
    Meine Prognose: Wenn die Krisenstaaten, die es unter dem Euro nicht schaffen, auf die Beine zu kommen und nachhaltiges Wachstum und Stabilität zu entwickeln, diese Währungsunion nicht verlassen und/oder Italien und/oder Frankreich in eine reformstaubedingte Dauerrezession fallen, fliegt der Laden auseinander. Bankensanierung hin oder her.


  6. Ergänzung:

    Deutschland würde sowieso jeden Zinssatz abreiten, siehe die hohen Zinsen nach der Wiedervereinigung und jetzigen Niedrigzinsen ohne dauerhaft über seine Verhältnisse zu leben, ja noch nicht einmal eine Blase aufpumpen, so wie Japan, unter der sie heute noch immer leiden.

    „Theoretisch war das Grundstück, auf dem der japanische Kaiserpalast steht, mehr wert als ganze US-Bundesstaaten.“

  7.   Dietmar Tischer

    @ alterego # 5

    Meine Prognose:

    Bevor der Laden auseinander fliegt, wird intensiv an einer Transferunion gearbeitet werden.

  8.   Henry Kaspar

    Eine Sanierung der Banken bzw. deren Abwicklung ist wichtig, noch wichtiger wäre eine andere Fiskalpolitik.

    Wuerde ich interessieren wie Sie sich das genau vorstellen.

    Meine Sicht: expansive Fikalpolitik in D bringt Europa praktisch nichts, dafuer ist der Multiplikator viel zu klein. Dafuer ruiniert es eines der letzten intakten public sector balance sheets in der Eurozone, und bewirkt damit vor allem: Vertrauensverlust.

    Und expansive Fisaklpolitik in den Krisenstaaten: woher nehmen?

    Gruss,
    HK

  9.   Dietmar Tischer

    >Eine Sanierung der Banken bzw. deren Abwicklung ist wichtig, noch wichtiger wäre eine andere Fiskalpolitik.>

    Die Möglichkeiten einer anderen, d. h. expansiven Fiskalpolitik ist eine Sache.

    Die andere:

    In dieser Krise haben wir Strukturprobleme, die m. A. n. NICHT sinnvollerweise mit Fiskalpolitik gelöst werden können.

    Es besteht vielmehr die Gefahr, dass eine expansive Fiskalpolitik die Strukturprobleme verfestigt und somit kontraproduktiv wirkte.

    Nachhaltiges Wachstum wird es nur geben, wenn investiert wird.

    Investiert wird nur werden, wenn die Bedingungen dafür geschaffen sind.

    Bis dahin gibt es den Sozialstaat.

    Gefällt mir nicht, aber ich sehe für die Währungsunion nicht den Königsweg einer kompensierenden Fiskalpolitik.

  10.   alterego

    @7
    Und wer könnte die finanzieren?

    Ich glaube nicht, dass auch nur einer so dumm wäre, sich dadurch zu ruinieren. Selbst Deutschland nicht.