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Deutsche Konjunktur nimmt Fahrt auf

 

Nach den neuen Ifo-Zahlen zu urteilen, wird es mit der deutschen Wirtschaft weiter aufwärts gehen. Die Geschäftserwartungen der Unternehmer verbessern sich seit Monaten: Wenn nichts Unerwartetes dazwischenkommt, wird die Industrieproduktion demnächst etwa fünf Prozent höher sein als vor Jahresfrist. Das sieht nach einem soliden Aufschwung aus. Das “Wunder” am Arbeitsmarkt könnte sich fortsetzen, jedenfalls was die Anzahl der neuen Jobs angeht – bei den Löhnen tut sich bekanntlich nicht viel, immerhin nehmen sie aber seit einigen Jahren rascher zu als die Geldentwertung.

Grafik: ifo Geschäftserwartungen im Vergleich zum Wachstum der Industrieproduktion
ifo Geschäftserwartungen im Vergleich zum Wachstum der Industrieproduktion

Es gibt leider noch keinen Grund, euphorisch zu werden, was die Rückkehr zu einer Vollauslastung des Produktionspotenzials angeht. Auch wenn das reale BIP im zweiten Halbjahr mit einer Verlaufsrate von zwei Prozent expandieren sollte, wird für das Gesamtjahr im Durchschnitt nur eine Zuwachsrate von 0,7 Prozent herauskommen. Die deutsche Wirtschaft produziert weiterhin um mindestens fünf Prozent unter ihren Möglichkeiten und die Lücke schließt sich nur langsam. Wenn es im Zwei-Prozent-im-Jahr-Takt weiterginge, wäre das trotzdem ganz erfreulich. Deutschland ist nicht China: Kapitalreiche Länder wie das unsrige haben weniger Aufholbedarf und können die Produktivität nicht so rasch steigern wie solche, in denen die ersten Autobahnen, Flughäfen oder Supermärkte – oder die Einbindung in den internationalen Handel – den Lebensstandard oft sprunghaft verbessern. Außerdem sind wir seit der großen Rezession bescheiden geworden. Zwei Prozent Wachstum pro Jahr wären im internationalen Vergleich ganz beachtlich. In Spanien oder Italien freut man sich schon, wenn die Wirtschaft nicht weiter schrumpft, ganz zu schweigen von Griechenland oder Portugal.

Grafik: Entwicklung des realen Bruttoinlandprodukts in Deutschland
Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts in Deutschland

Wie steht es um die Rahmenbedingungen für das künftige Wachstum? Von der Geldpolitik gehen starke expansive Impulse aus: Es fehlt nicht an Liquidität und die Leitzinsen liegen nur knapp über null Prozent. Unternehmen mit guter Bonität können sich am Geldmarkt zu weniger als ein Prozent refinanzieren. Für sie sind die Zinsen niedriger als die Inflationsrate. Auch bei den längeren Laufzeiten sind die Konditionen trotz des Zinsanstiegs der letzten Monate ausgezeichnet. Da die meisten Unternehmen nur wenig investiert haben, fehlt es ihnen auch nicht an Eigenmitteln, was ihnen eine starke Verhandlungsposition gegenüber den Banken beschert. Die Haushalte sind da leider viel schlechter dran. Für Dispo-Kredite sind nach wie vor mehr als 10 Prozent zu zahlen (irgendwas stimmt da nicht mit dem Wettbewerb). Insgesamt gehe ich davon aus, dass die EZB noch auf Jahre hinaus Gas geben wird – mindestens solange es in der Währungsunion noch kriselt.

Grafik: Entwicklung der Realzinsen in Deutschland
Entwicklung der Realzinsen in Deutschland

Das muss sie auch, nicht nur weil die Länder in der Peripherie sonst nicht über die Runden kämen, sondern auch weil die Finanzpolitik restriktiv ist. Selbst hierzulande ist das der Fall. Wenn die Wirtschaft so weit unter ihrer Kapazitätsgrenze operiert wie zurzeit, wäre es das Natürlichste, wenn der Staat mehr ausgibt, als er durch Steuern und Abgaben einnimmt. Ein Defizit von drei Prozent des Sozialprodukts wäre auch in Deutschland situationsgerecht. Wir befinden uns in einer Lage, wo es allen helfen würde, wenn die unzureichende Nachfrage des privaten Sektors wenigstens teilweise durch staatliche Nachfrage ausgeglichen würde. An einer nützlichen Verwendung schuldenfinanzierter Mittel fehlt es wahrhaftig nicht. Eine expansivere Finanzpolitik und eine robustere deutsche Konjunktur würden zudem den Krisenländern helfen, ihre Auslandsschulden durch höhere Exporte abzubauen. Ich fürchte, daraus wird wohl nichts werden, es sei denn, wir bekommen nächsten Monat eine Große Koalition. In der Finanzpolitik stehen die Ampeln insgesamt eher auf Rot als auf Gelb.

Grafik: Finanzierungssalden der öffentlichen Haushalte in Deutschland
Finanzierungssalden der öffentlichen Haushalte in Deutschland

Für unser außenhandelsabhängiges Land hängt die künftige Konjunkturentwicklung fast mehr von der Weltkonjunktur und dem Wechselkurs ab als von der Wirtschaftspolitik. Das Sozialprodukt der Welt nimmt zurzeit mit Raten von etwa 2,5 Prozent zu und damit etwas langsamer als im Trend, ist also nicht sonderlich dynamisch. In den Schwellenländern mit großen Defiziten in der Leistungsbilanz – Brasilien, Indien, Indonesien, Türkei, Südafrika – entwickeln sich gerade Unwetter, die die Weltwirtschaft aus der Bahn werfen könnten. Eine andere Gefahr sind die Konflikte im Nahen Osten: Sie könnten uns eine Ölkrise bescheren. Auch dass die amerikanische Notenbank offenbar nicht verhindern kann, dass die langfristigen Zinsen, einschließlich der Hypothekenzinsen, in den USA stark steigen, könnte die Konjunktur in der ganzen Welt gefährden. Angesichts der guten Stimmung könnte man vermuten, dass sich die deutsche Wirtschaft auch in diesem schwierigen und möglicherweise sogar explosiven Umfeld gut schlagen wird.

Vielleicht ist das Wunschdenken: Der sogenannte reale Wechselkurs des “deutschen” Euro hat sich nämlich seit etwa einem Jahr stetig aufgewertet – bisher um knapp fünf Prozent -, sodass der preisliche Vorteil durch die reale Abwertung seit dem Krisenjahr 2009 gerade wieder verlorengeht. Darin spiegelt sich Zweierlei: die leichte Aufwertung des Euro gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner sowie der im Vergleich zum Ausland etwas raschere Anstieg des deutschen Preisniveaus (und der Löhne).

Grafik: Realer effektiver Wechselkurs des Euro für Deutschland
Realer effektiver Wechselkurs des Euro für Deutschland

In der Regel gehen Rezessionen oder Perioden langsamen Wachstums dadurch zu Ende, dass die Leute keine Lust haben, weiterhin zu sparen: Es hat sich Ersatzbedarf aufgestaut, die finanzielle Situation ist erfreulich, und es gibt neue Produkte, die man unbedingt haben muss. Ähnlich bei den Unternehmen: Sie haben in den schlechten Jahren ihre Bilanzen saniert, vor allem, indem sie wenig investiert haben, die Zinsen sind attraktiv niedrig, und wenn sie nicht langsam ihre Produktion modernisieren und steigern, könnten sie am Markt Probleme bekommen. Auch sie sagen sich eines guten Tages: “Jetzt reicht es mit der Sparsamkeit, wir sind Unternehmer, und die müssen was unternehmen.”

Es sind also oft fast naturgesetzliche Gründe, die zu einem Aufschwung führen. Ich vermute, dass wir nach den vielen Krisenjahren jetzt an einem solchen Punkt angelangt sind. Mit anderen Worten: Die guten Ifo-Zahlen sind keine Indikatoren für ein weiteres konjunkturelles Strohfeuer, sondern für etwas Nachhaltigeres. I knock on wood.

56 Kommentare

  1.   dunnhaupt

    Unser Problem war schon immer die allzu große Exportabhängigkeit bei zu geringem Binnenkonsum. Jede Zunahme des Binnenkonsums ist mithin erfreulich. Allerdings handelt es sich nach einer längeren Krise zum Teil nur um Nachholbedarf. Man tätigt endlich die immer wieder verschobenen Anschaffungen: den Neuwagen, Pelzmantel oder Kühlschrank. So positiv dies im Moment ist, so kurzfristig ist es leider auch.

  2.   Henry Kaspar

    @ Dunnhaupt

    Nicht nur Binnenkonsum sondern vor allem auch Investitionen, insbesondere im Non-Tradable Sektor (Bau, Dienstleistungen). Aber gerade da sehen die juengsten Daten recht gut aus.

    Was heisst: nicht nur erholt sich die Konjunktur, sondern Deutschland leistet auch seinen Beitrag zur Eurozonen-Anpassung.

  3.   Dietmar Tischer

    @ Henry Kaspar

    Investitionen:

    Die JÜNGSTEN Daten sind eine Sache.

    Eine andere sind möglicherweise FEHLENDE Investitionen.

    Siehe z. B.:

    http://www.diw.de/de/diw_01.c.423464.de/themen_nachrichten/fehlende_investitionen_kosten_deutschland_jedes_jahr_0_6_prozentpunkte_potentielles_wirtschaftswachstum.html

    Man muss nicht Sätze darin wie „Das Geld, das im Ausland verschwindet, fehlt im Inland für Investitionen“ unterschreiben oder wie D. Wermuth fordern, dass der Staat die Lücke schließt.

    Aber auf LÄNGERE Sicht sieht das Bild offensichtlich nicht sehr rosig aus, wenn sich bei den Investitionen nicht deutlich mehr tut.

  4.   alterego

    Deutsche Konjunktur im Aufschwung. Dann werden die Krisenländer ja bald florieren, oder etwa nicht?

    Und das ohne staatliche Ausgabenprogramme. Unglaublich.

    Aber + 2 Prozent werden es ganz bestimmt.

    Und die Binnennachfrage ist auch nicht zwingend zu niedrig. Es könnte auch sein, dass das Produktionspotenzial, jedenfalls bezogen auf die Binnennachfrage, zu hoch ist.

    Ich erwarte, dass unser Staat in dieser Situation seine relative Verschuldung abbaut und endlich die geforderten und vereinbarten max. 60 Prozent des BIP anstrebt.

  5.   Hermann Keske

    @ Dieter Wermuth

    ” . . . . bei den Löhnen tut sich bekanntlich nicht viel, immerhin nehmen sie aber seit einigen Jahren rascher zu als die Geldentwertung.”

    Tja, da fällt mir nicht mehr viel ein. Wenn wir bei der Reallohnentwicklung nicht schwer aufpassen, dann könnten wir in wenigen Jahren den Reallohnstand von 1992 wieder erreichen. Schrecklicher Gedanke, meine ich, wegen der Wettbewerbsfähigkeit oder so. Kostensteigerungen sind bekanntlich nicht gut für die Wirtschaft – der Wirtschaft geht es am besten, wenn es den Arbeitnehmern nicht so gut geht. Die gehören offenbar nicht dazu. Übrigens hat Destatis für das erste Quartal 2013 wieder einen rückläufigen Reallohn gemeldet – das sollte Hoffnung machen.

    Die Leute, die vom IfO-Institut befragt werden, und auch noch so detailliert, müssen ziemlich gute Kristallkugeln haben, gell?

  6.   popper

    Das mit dem Export der Südländer ist einfach falsch. Der Exportanteil in diesen Ländern liegt bei 25% der VGR, was bedeutet, dass in diesen Ländern durch das herunterfahren der Löhne etc. im Binnenmarkt keine Kaufkraft vorhanden sein kann. Zu glauben, die Austerität führe zum Erfolg ist blauäugig.


  7. @ alterego

    “Ich erwarte, dass unser Staat in dieser Situation seine relative Verschuldung abbaut und endlich die geforderten und vereinbarten max. 60 Prozent des BIP anstrebt.”

    Dieses Ziel für jedes Euroland zu setzen war und ist Quatsch. Die großen Nettoauslandsschuldner und Leistungsbilanzdefizitländer können sich kein Cent Staatsschulden leisten, während die Überschussländer durch Staatsinvestionen, wenn es der Privatanleger durch Binneninvestionen nicht tut, die weltwirtschaftsgefährenden dauerhaften Leistungsbilanzunterschiede abbauen muss. Dieter Wermuth hat mehr als recht mit seien Ausführungen.

  8.   Fabian Lindner

    @ Tischer

    Richtig ist, dass das Geld – die Zahlungsmittel – nicht verschwunden ist. Aber die Forderungen gegenüber dem Ausland, die die Deutschen nicht zuletzt wegen der Überschüsse aufgehäuft haben, die sind massiv entwertet worden – was das DIW ganz richtig mit Zitat einer Studie belegt hat, bei der auch ich mitgeschrieben habe: diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.423458.de/13-26.pdf (S. 12)) 😉

  9.   alterego

    @7
    “Dieses Ziel für jedes Euroland zu setzen war und ist Quatsch.”

    Darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein. Ich meine das nicht. Im Gegenteil.

    Ohne Finanzkrise und bei konsequenter Ausrichtung der Finanzpolitik an diesem Ziel hätte es mit der “Schuldendisziplin” für etliche Länder wahrscheinlich geklappt. Andere hätten zumindest den Zuwachs der relativen Verschuldung verlangsamen oder stoppen können. Durch Bankenrettungen und Ausgabenprogramme wurde die Schulden allerdings, wie immer bei staatlichen Ausgabenprogrammen, relativ zum BIP erhöht, und zwar sehr stark. Ich halte es daher für Deutschland, zumindest in Phasen des Aufschwungs und erst recht der “Hochkonjunktur” für geboten, die Schuldenstandsquote wieder auf den Vorkrisenstand zurückzufahren. Denn die nächste Krise kommt bestimmt.

    P.S.: An ein Wachstum von 2 Prozent in diesem Jahr glaube ich natürlich nicht. Ein gutes halbes Prozent könnte es aber, wenn alles gutgeht, werden.

  10.   alterego

    Zu Investitionen:

    Ich glaube, dass die Höhe der Investitionen in Deutschland angemessen war.

    Die Unternehmer investieren in Abhängigkeit von ihren Ansatzerwartungen und den von ihnen realisierten Notwendigkeiten zur Erhöhung der Arbeitsproduktvität, da Letztere in der Regel mit der Anschaffung neuer Technik, Anlagen und Gebäuden einhergeht. Gleichzeitig wissen sie, dass überzogene Investitionen und Fehlinvestitionen die Kapitalproduktivität schmälern. Ich glaube daher, dass, wenn man die Investitionshöhe kritisieren will, man die maßgeblichen Erwartungen der Unternehmer als falsch kritisieren müsste. Was m.E. aber grundsätzlich wenig Sinn macht, weil ich nicht glaube, dass einzelne Menschen oder Wissenschaftler ex ante (also dann, wenn die Entscheidungen getroffen werden) schlauer sind als die Summe aller Entscheider.

    Die Kapitalproduktivität der deutschen Volkswirtschaft zeigt übrigens im langfristigen Trend eine leicht sinkende Tendenz. Und was für einen Sinn hätte es gemacht, die Porduktionskapazität über das realisierte Maß hinaus zu erhöhen, wenn sie ohnehin, wie Wermut annimmt, nicht ausgelastet ist? Könnte man mit einer Steigerung der Investitionen eine nachfolgende Nachfragesteigerung erzwingen, gäbe es keine Überkapazitäten.

    Die Relation des Nettoanlagevermögens der deutschen Volkswirtschaft zum BIP in jeweiligen Preisen ist lt. VGR im Trend seit 1995 (bis dahin konnte ich zurückschauen) gewachsen. D.h., die Nettoinvestitionen (Ausdehnung des Kapitalstocks, haben stärker zugenommen als das BIP. Wie sich die Investitionen in andern Ländern entwickelt haben, ist aus meiner Sicht für die Beurteilung der Angemesssenheit der Investitionen der deutschen Volkswirtschaft grundsätzlich nicht aussagekräftig.

    Zur “Anpassung an die Krisenländer”
    Das Ziel der Währungsunion kann es nicht sein, dass sich wettbewerbsstarke Länder an wettbewerbsschwache anpassen. Das ist es auch nicht. Vielmehr sind schon im Maastrichtvertrag alle Länder aufgefordert, das ihnen Mögliche zu tun, ihre Produktiivität und Wettbewerbsfähig stetig weiter zu entwickeln. Nur dann profitiert der Verbund insgesamt. Schaffen die Schwachen das nicht, fallen sie realtiv zum Rest der Währungsunion zunehmend zurück. Damit bleibt diese unter ihren Möglichkeiten, erreicht also nicht die Stärke, die sie ohne die Länder, die nicht in sie hineinghören, erreichen könnte. Daraus folgt, dass Länder, die nicht in der Lage oder Willens sind, mit den anderen mitzuhalten, zum eigenen Vorteil und dem der Währungsunion aus dieser ausscheiden sollten. Das aaber wollen Sie verständlicherweise nicht, so lange sie mit Dauertransfers in dieser festgehalten werden und darauf spekulieren können, den innerhalb der Währungsunion als höher erwarteten Lebensstandard durch eben diese Dauertransfers dauerhaft finanziert zu bekommen. Deshalb müssen die Finanzhilfen und Garantien vollständig für immer beendet werden.