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Die Euro-Zone wird zum Exportmonster

 

Die Kommission hat heute ihre Herbstprognose vorgestellt – wie berichtet, reißt Deutschland die Grenze beim Leistungsbilanzdefizit. Das sei ja egal, ist oft zu hören, weil sich die Bilanzen innerhalb der Währungsunion allmählich ausgleichen und der Überschuss vor allem mit dem Rest der Welt anfällt. Doch inzwischen fällt da schon einiges an. Nach den Prognosen der Kommission wird der Überschuss der Währungsunion bis 2015 auf drei Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Das sind in absoluten Zahlen bei einem kombinierten BIP von dann 10176 Milliarden Euro immerhin 305 Milliarden Euro – eine ganze Menge Holz.

Grafik: Leistungsbilanzsalden der Europ. Währungsunion 1999-2015 (in Prozent des BIP)

Die Frage wird sein, ob sich die Handelspartner das gefallen lassen  – und wann die entsprechende Währungsreaktion beginnt, die den Aufschwung im Süden dann wieder gefährdet. So oder so: Die deutschen Überschüsse verschwinden nicht einfach in einem Loch – und es wird nicht funktionieren, das deutsche Überschussmodell auf die Euro-Zone zu übertragen.

18 Kommentare


  1. Das ist eben „unser“ Weg in die Plutonomy/Plutocracy. In den USA ging das über die Schiene der Neocons, bei uns eben mit dem Mantra der „Wettbewerbsfähigkeit“. Diese führt ja rein von der Makrosicht betrachtet auch zu Wohlstandszuwachs, leider führen die detailierten Mechanismen die erst zu dieser „Wettbewerbsfähigkeit“ geführt haben zu krass-ungerechter Umverteilung „von Unten nach Oben“ bzw. begrenzt den Kreis der Nutznießer auf jene, die ohnehin schon wohlhabend sind. „Den Habenden wird’s gegeben“. Über alle denkbaren Einzelmechanismen unseres Wirtschaftswesens und der Arbeitswelt, per Salamitaktik möchte man fast sagen, jeder einzelne Aspekt ist für sich genommen nicht sehr dramatisch. In der Summe entsteht aber jener Prozess, welchen wir in den letzten 15 Jahren sehen mussten. Und welcher die einstige „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ des alten Westdeutschland in eine nicht mehr wieder zu erkennende Fratze entstellt hat, wenn ich mir die blumige Ausdrucksweise gestatten darf.


  2. Die Eurozone hat eine negative international investment position von -13% GDP, ist also Nettoschuldner (2013/Q2). Höchste Zeit, dass die Eurozone eine Zeit lang Überschüsse hat.

  3.   dunnhaupt

    Anstatt die Handelsbilanzüberschüsse zu vergleichen, sollte man vielleicht lieber die tatsächlichen Export- und Importziffern vergleichen. Blogger Dietmar Tischer verwies gerade auf die Tatsache, dass Auslandstourismus als Importe rechnet. Wenn wir mehr ins Ausland reisten, würden demnach unsere Überschüsse reduziert. Also Gute Reise!

  4.   alterego

    Es gibt kein deutsches Überschussmodell. Aber eine in vielfacher Hinsicht dysfunktionale Währungsunion.

    Das Problem ist und bleibt politikgemacht und mit der Entscheidung für den Euro quasi auch gewollt oder zumindest mit in Kauf genommen.

    Schon vorher war bekannt: Der Zusammenschluss von Volkswirtschaften stark unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit unter ein gemeinsames Währungsdach verzerrt nun mal die Wechselkurse. Für die Krisenstaaten ist er zu hoch, für Deutschland zu tief. Das ist die Ursache des Problems, nicht die Performance oder Marktausrichtung der deutschen Volkswirtschaft.

    Ohne diese Währungsunion müsste sich niemand Sorgen über einen unaufhörlich wachsenden LB-Überschuss Deutschlands machen, weil er aufgrund des Wechselkursmechanismus nicht unaufhörlich wachsen könnte. Und ein Ausscheiden der Krisenstaaten aus der Währungsunion verminderte diese Sorge sowohl im Hinblick auf Deutschland wie auf die Währungsunion als Ganze.

  5.   Peter Ledwon

    Nach der politikgemachten Einführung der Währungsunion (mit allen entsprechenden Folgen die uns hier beschäftigen), liest man nun als weitere Handelsempfehlung für die Politik z.B. das hier:

    „[..] eine Regierung [gewährt] ihrer Bevölkerung Schutz durch die Abwertung der nationalen Währung oder, wenn sie die nicht (mehr) hat, durch eine Begrenzung des Freihandels, also die direkte Protektion der eigenen Produktion[..]

    Quelle:
    flassbeck-economics.de/wuerden-wir-den-anderen-nicht-die-luft-zum-atmen-nehmen-waeren-sie-schon-lange-erstickt/
    05.11.2013

    Wenn das je Mainstream werden sollte hat eindeutig die Bildungspolitik versagt. Oder es werden erfolgreich Sonderinteressen verfolgt.


  6. @5
    Die Passage die Sie von Flassbeck zitieren ist keine Handelsempfehlung. Sie ist eher eine Vorhersage was Regierungen tun werden, wenn sie keine andere Wahl mehr sehen das Wohl ihrer Bürger zu schützen.

    Dabei ist der Instrumentenkasten den Siew kritisieren, ja ziemlich harmlos:Abwertung sprich flexible Währungskurs sind alles andere als Teufelszeug.
    Protektionismus kann schon eher eine Maßnahme sein, die nach hinten losgeht, das hindert aber kaum einen Wirtschaftsraum, die heimische Produktion auf die ein oder andere Weise zu schützen.

  7.   Iannis

    @5 Wollen Sie Flassbeck missverstehen, oder sind Sie einfach nicht in der Lage aufmerksam zu lesen?

    Er sagt vorher, was passieren könnte, wenn weiterhin derartige Überschüsse auf Dauer produziert werden.

  8.   Alex

    Das hier tangiert eine Grundsatzfrage: Wie wird Wohlstand in der globalisierten Welt alloziert? Hauptsächlich via Wettbewerb oder hauptsächlich via politischer Einigung: „Wenn Ihr nicht Eure Überschüsse reduziert, dann verlassen wir die Währungsunion?“

    Oder auch anders ausgedrückt: Hat jeder Nationalstaat das Recht auf eine freie Lohn- und damit Preisfindung?

    Immer wieder scheint doch bei den Beiträgen von Mark Schieritz der Sozialismus durch: „Die Frage wird sein, ob sich die Handelspartner das gefallen lassen – und wann die entsprechende Währungsreaktion beginnt, die den Aufschwung im Süden dann wieder gefährdet.“

    Mit anderen Worten: Das Leistungsgefälle in der Euro-Zone ist zu hoch und muss notfalls dem politischen Einigungsprojekt geopfert werden. Da muss ganz klar nivelliert werden.

    Diese Gedanken sind in dieser Form *nicht marktwirtschaftlich*.

    Alex

  9.   Bernd Klehn

    @bmmayr

    „Die Eurozone hat eine negative international investment position von -13% GDP, ist also Nettoschuldner (2013/Q2). Höchste Zeit, dass die Eurozone eine Zeit lang Überschüsse hat.“

    Korrekt und damit ist die Eurozone abhänig von den Launen des internationalen Finanzmarktes. Wahr ist aber auch, dass eine Währungsunion bei sehr starken Leistungsbilanzunterschieden nicht stabil sein kann. Also zuerst müssen die Krisenländer inkl. Frankreich stabil und solide kleine Leistungsbilanzüberschüsse erzielen, dann müssen Deutschland, Holland, und Finnland ihre Überschüsse abbauen.


  10. @8
    „Hat jeder Nationalstaat das Recht auf eine freie Lohn- und damit Preisfindung?“

    Ja, aber kein Recht auf Befreiung von der Gültigkeit ökonomischer Gesetze.
    Wer will kann den Preis für deine Waren und Dienstleistungen so hoch ansetzen wie er will, aber er hat dann kein Recht darauf, dass die Dinge dann auch gekauft werden. Wenn ein ganzer Staat mit eigener Währung sich entschließt immer kräftig die Löhne zu erhöhen, dann wird die nationale Währung kompensatorisch an Wert verlieren.

    Komplizierter wird die Situation in einer Währungsunion, da kann man zwar auch in Lohnerhöhungen oder Lohndrückereien schwelgen, die Folgen, dies aktuell zu besichtigen gibt, muß man dann allerdings auch tragen.

    „Immer wieder scheint doch bei den Beiträgen von Mark Schieritz der Sozialismus durch: “Die Frage wird sein, ob sich die Handelspartner das gefallen lassen – und wann die entsprechende Währungsreaktion beginnt, die den Aufschwung im Süden dann wieder gefährdet.”
    Mit anderen Worten: Das Leistungsgefälle in der Euro-Zone ist zu hoch und muss notfalls dem politischen Einigungsprojekt geopfert werden. Da muss ganz klar nivelliert werden“

    Was ist an MS’s Ansichten Sozialismus? Es gibt Leute die eine Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit (oder Austritt) fordern (ich nicht), aber wäre das auch schon Sozialismus?

    Wenn es in einer Währungsunion Leistungsunterschiede gibt, dann muß u.a. die Lohndynamik das Regulativ sein, das sonst der Wechselkurs ist.
    Leistungsunterschiede darf und soll es meiner Meinung nach natürlich geben, wenn jemand mit weniger Geld zufrieden ist, dann soll er auch weniger arbeiten dürfen, nur das Verhältnis muß passen.
    In jedem Land gibt es Menschen die mehr oder weniger leistungsfähig sind und mehr oder weniger verdienen als andere, aber man landet deswegen nicht zwangsläufig in einer Schuldenfalle. In einer Binnengesellschaft sind häufig die Kreditvergaberichtlinien der Banken das Korrektiv, wer zu hohe Schulden hat, kriegt keinen Kredit mehr. Das zwischenstaatliche Pendant hierzu sind Kapitalverkehrskontrollen auf der Basis eine makroprudential regulation. Da Prinzip wäre das Gleiche: Wer zu hohe Schulden hat, kriegt keinen Kredit mehr.

    Solange wir die heilge Kuh des freien Kapitalverkehrs nicht schlachten, muß die Lohnentwicklung das Regulativ sein. Und die Lohnentwicklung ist meine Meinung sowieso das bessere Regulativ.

    Die Exportüberschußproblematik ist außerdem nicht allein bedingt durch die Leistungsunterschiede. Die hohe Leistungsfähigkeit Deutschlands wäre kein Problem, wenn es auch entsprechend verbrauchen würde. Tut es aber nicht.

    Deutschalnd benimmt sich wie ein Bauer der mehr Kartoffeln produziert als er fressen oder wieder anpflanzen kann. Statt auf dem Markt dafür Chips oder Bier einzutauschen und mal kräftig zu Feiern sagt er aber zu allen Anderen: Ach ich mag jetzt nicht (Konsumschwäche), passt Ihr doch mal auf meine Kartoffeln auf (Auslandsguthaben), ich hol sie mir in ein paar Jahren wieder ab (Entsparen der Zukunft). Aber passt schön auf dass sie ja schön frisch bleiben (Werterhalt). Und zum Dank fürs Aufpassen dürft ihr mir auch ein paar mehr Kartoffeln zurückzahlen (Verzinsung).

    Der Bauer würde schallend ausgelacht werden (außer wenn ein Hungernder oder Betrüger das Blaue vom Himmel verspricht nur um an die Kartoffeln zu kommen).

    Die schwäbische Hausfrau hingegen wird wiedergewählt. Und aus Respekt vor ihrer Weisheit hungern alle, weil die schlauen Ökonomen sagen, durch das Hungern (Austerität) und anstarren der Kartoffeln statt sie anzupflanzen (Investitionsschwäche) würden sich die Kartoffeln auch vermehren.

    Wenn das wie Irrsinn klingt, dann deshalb weil es Irrsinn ist.