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Ist Sigmar Gabriel ein Lohndrücker?

 

Es klingt wie ein Skandal: Ausgerechnet ein sozialdemokratischer Wirtschaftsminister hat in seinem ersten Jahreswirtschaftsbericht nichts besseres zu tun, als Lohnzurückhaltung zu fordern. So zumindest wurde es berichtet.

In Wahrheit ist das alles eine ziemliche Ente. In dem Bericht steht:

Gute Arbeit muss sich einerseits lohnen und existenzsichernd sein. Andererseits müssen Produktivität und Lohnhöhe korrespondieren, damit sozial versicherungspflichtige Beschäftigung erhalten bleibt.

Die Lohnentwicklung soll sich also an der Produktivität orientieren – ja woran denn sonst? Das Problem in Deutschland war ja, dass in den vergangenen Jahren die Zunahme der Löhne hinter der Zunahme der Produktivität (plus Zielinflation) zurückblieb.

Was Gabriel da fordert, ist nicht nur common sense, sondern eine ursozialdemokratische Position, die auch von den meisten aufgeklärten Gewerkschaftern geteilt wird.  Niemand kann ernsthaft wollen, dass die Löhne dauerhaft schneller steigen sollen als die Produktivität, denn das wäre kein stabiler Zustand.

Irgendjemand hat also den Bericht nicht richtig verstanden – oder ein Interesse daran, Gabriel zu schaden. Jedenfalls ist es komplett heuchlerisch, wenn nun die FDP ihn dafür kritisiert, den Arbeitnehmern Lohnsteigerungen vorenthalten zu wollen. Denn die Liberalen haben am lautesten nach Lohnmoderation gerufen.

Manchmal sind die politischen Debatten in diesem Land irre.

Update: Wenn ich von produktivitätsorientierter Lohnpolitik spreche, dann schließt das natürlich die Zielinflationsrate ein. Sonst wäre dieses Ziel auch nicht zu erreichen. Ich dachte eigentlich dass sei selbstverständlich.

84 Kommentare


  1. Wer nur “existenzsichernde” Löhne will, will Lohn auf Hartz-Niveau. Typisch Gabriel:
    Zum Wohle des Kapitals (und der Riester-Vertreter) nur so viel zahlen, dass die Arbeitskraft weiterhin erhalten bleibt, aber nicht ein Cent mehr für:
    Bücher
    Kino
    Urlaubsreisen
    Hobbies
    Haustiere
    Restaurantbesuche
    etc.

    […]

    Der Artikel im Handelsblatt ist daher keine Ente

    […]

    [Gekürzt. Bleiben Sie bitte sachlich. Danke. (UR)]

  2.   Frederik

    Ich finde schon, dass das Zitat eine Wertung enthält, die Lohnzurückhaltung fordert. Wenn die Lohnentwicklung hinter der Produktivitätssteigerung zurückbleibt, dann ist das ein Argument für Lohnerhöhung, wie Sie ja schreiben. In dem Zitat wird aber mit “Andererseits” ein nicht existierender Widerspruch konstruiert. Wer für Lohnsteigerungen ist kann schreiben:
    “Gute Arbeit muss sich lohnen und existenzsichernd sein. *Außerdem* müssen Produktivität und Lohnhöhe korrespondieren, damit sozial versicherungspflichtige Beschäftigung erhalten bleibt.”

  3.   DR

    Schieritz: “Niemand kann ernsthaft wollen, dass die Löhne dauerhaft schneller steigen sollen als die Produktivität (…).”

    Welt Online (Januar 2013): “Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält kräftige Gehaltssteigerungen in Deutschland für unerlässlich. “Fünf Prozent Plus über alle Branchen hinweg sollten es schon sein”, sagte der Würzburger Professor mit Blick auf die anstehende Tarifrunde dem “Spiegel”.

    In Bofingers Forderung ist ein zweiprozentiger Zuschlag zur Euro-Rettung enthalten, damit die Deutschen mehr konsumieren. Eigentlich ergibt sich aus dem Produktivitätszuwachs und der Inflation laut Bofinger nur eine dreiprozentige Lohnsteigerung.

    “Aber wir können bei Tarifverhandlungen nicht länger so tun, als lebten wir auf einer Insel”, sagte er.”

    http://www.welt.de/wirtschaft/article112426449/Top-Oekonom-Bofinger-fordert-5-Prozent-mehr-Lohn.html

  4.   alterego

    Ich finde das Zitat von Gabriel inhaltlich vollkommen in Ordnung. Im übrigen ist die Lohnfindung Sache der Tarifpartner, von denen jeder seine höchst eigenen Interessen verfolgt. Am Ende steht in aller Regel ein tragfähiger Kompromiss, der beide Seiten in ihrem gemeinsamen Interesse an dem Wohl der Unternehmen als der Quelle aller (realwirtschaftlichen) Einkommen miteinander verbindet. Dieses Prinzip gehört zu den Stärken dieses Landes und kann in seiner Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden.

  5.   rjmaris

    @4 alterego, sie kennen doch Monopoly. Der, der schon mehr hat als die anderen, gewinnt fast garantiert. So ist es auch mit der Tariffindung. Wenn die Arbeitslosigkeit relativ hoch ist, haben die Arbeitgeber die stärkeren Argumente. Und das bleibt dan tendenziell so. Die Empirik zeigt das auch. Allerdings wird es irgendwann zwanghaft ein Umdenken geben müssen. Lesen Sie, was ein eingefleischter US-Spekulant dazu sagt, zunächst diagnostisch:
    But, instead, U.S. companies have become so obsessed with generating near-term profits that they’re paying their employees less, cutting capital investments, and under-investing in future growth.

    This may help make their shareholders temporarily richer.

    But it doesn’t make the economy (or the companies) healthier.

    And, ultimately, as with any ecosystem that gets out of whack, it’s bad for the whole ecosystem.

    So, for the sake of the economy, we have to fix this problem.

    Die Diagnose trifft auch auf uns zu.
    Weiter:
    (You’ve heard all the responses: “The only duty of a company is to produce the highest possible return for its owners!” “If employees want to make more money, they should go start their own companies!” Etc. […])
    Könnte ein alterego-Satz sein…

    Schließlich:
    We also have the lowest wages in history as a percent of the economy.

    That’s not good for the economy… because rich people can’t buy all the products we need to sell to have a healthy economy (they can’t eat that much food or drive that many cars, for example).

    And it’s also just not right.

    Healthy capitalism is not about “maximizing near-term profits.” It is about balancing the interests of several critical constituencies:
    – Shareholders
    – Customers
    – Employees
    – Society, and
    – The Environment

    It’s time more of our business leaders started to understand that.

    Und Sie?

    http://www.businessinsider.com/we-may-need-labor-unions-after-all-2012-12

  6.   ergo

    Es versteht sich von selbst, dass in einem Sozialstaat die (egal aus welchem Grunde) nicht berufstätige Proportion der Bevölkerung angemessen unterstützt wird. Aber ich meine, dass die Entlohnung des arbeitenden Bevölkerungsteils sich deutlich hiervon abheben sollte. Es muss sich wirklich lohnen zur Arbeit zu gehen.

  7.   Dietmar Tischer

    @ DR # 3

    Sehr treffend.

    5% über ALLE Branchen – da greift man sich an den Kopf.

    Liest man dann auch noch die Begründung mit der Insel, erkennt man wie manche Ökonomen das Problem der Instabilität lösen wollen – ganz einfach mit anderer Instabilität.


  8. Zunächst mal klingt das statement ja ganz abwägend und ausgewogen “… einerseits … andererseits…”

    Und das BMWi wirkt auch nicht mehr ganz so ideologisch wie unter Fipsi und korrigiert sich sogar (www.flassbeck-economics.de/folgt-der-datenkorrektur-eine-korrektur-der-schulssfolgerungen/).

    Aber #2 hat natürlich Recht es wird so getan als ob ein Gegensatz zwischen Existenzsicherung und sozialversicherungspflichtigen Jobs bestünde. Und das ist für einen Sozialdemokraten der im Wahlkampf noch ganz anders klang schon etwas was Journalisten thematisieren sollen, auch weil es ja SPDler gab, die explizit sagten, auf nicht-existenz-sichernde Jobs könne man verzichten.

    Zur Ausgewogenheit hätte aber nicht nur der zeitlose Lehrbuchsatz “… müssen Produktivität und Lohnhöhe korrespondieren …” gehört, sondern auch die Bewertung der letzten Jahre.

    Denn wenn der Satz “… müssen Produktivität und Lohnhöhe korrespondieren …” richtig ist, dann ist es auch richtig, dass Löhne eine Zeit lang stärker steigen sollten, wenn sie jahrelang deutlich unter dem Produktivitätszuwachs plus Inflation gestiegen sind.

    Und wer sich die Lohnentwicklung des letzen Jahrzehnts in Europa ansieht, der erkennt auch, dass Bofinger alles andere als ein Spinner ist.

  9.   Marlene

    Wer die Gewerkschaftsmacht zerbrochen hat, kann schreiben was er will.

    SPD-Abgeordnete die vorbehaltlos dem abschliessenden Tritt für die Gewerkschaften 2005 zugestimmt haben, halten für Anfragen gerne moralische Ergüsse in denen sie höhere Löhne fordern bereit.

    Die Zielinflationsrate ist 2%.

    Und es ist ein Lohnunterhang im Verhältnis zu den anderen Mitgliedern der Währungsunion abzubauen.

    Das Papier ist also nichtssagend und trägt nichts zur Krisenlösung bei.

  10.   André Kühnllenz

    In der FAZ steht heute folgender Satz über Gabriel auf Seite 11:

    “Dass sich die Lohnentwicklung an der Produktivitätsentwicklung und der Inflationsrate orientieren sollte, habe er ‘vor Jahrzehnten auf einem Funktionärslehrgang der IG Metal’ gelernt, sagte Gabriel.”