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Verschärft der Kapitalismus die Ungleichheit oder nicht? – Thomas Piketty vs. Peter Bofinger

 

Thomas Pikettys Buch Le capital au 21e siècle, das die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen seit dem 18. Jahrhundert untersucht, sorgt seit dem Erscheinen der englischen Übersetzung (Capital in the 21st Century) für eine Menge Furore und zieht Kritik von allen Seiten, links wie rechts, auf sich.

Den jüngsten Angriff auf Piketty hat der Wirtschaftsweise Peter Bofinger unternommen. Er wirft Piketty im Spiegel-Interview vor, “sich selbst ins Knie geschossen” zu haben. Angeblich würden Pikettys Daten seine eigene Theorie widerlegen, nach der der Kapitalismus zu immer größerer Vermögensungleichheit führt. Allerdings scheint sich eher Bofinger ins Knie geschossen zu haben als Piketty. Denn er hat den kleinen aber feinen Unterschied zwischen der Kapitalertragsrate vor und nach Steuern unterschlagen. Genau dieser Unterschied bildet aber den Dreh- und Angelpunkt für Pikettys gesamtes Argument – und darüber hinaus für nichts weniger als den Fortbestand der Mittelschichtsgesellschaft, wie wir sie kennen.

Worum geht es? Wie so oft bei Ökonomen geht es um Formeln. Piketty zeigt, wie die Vermögen relativ zu den Einkommen immer weiter steigen, wenn die Ertragsrate der Vermögen, r, größer als das Wachstum der Einkommen und der Produktion, g, ist. Die Logik ist leicht zu verstehen: Ist r höher als g und sparen die Reichen einen Großteil ihre Erträge, steigen die Vermögen automatisch schneller als die Einkommen. Durch die Logik von Zinseszins und Erbschaftsrecht werden die Reichen und ihre Erben immer reicher und der Rest – relativ gesehen – immer ärmer.

Nun stellt Piketty fest, dass in der Geschichte der Menschheit die Kapitalertragsrate regelmäßig höher als das Wachstum der Produktion gewesen ist, die Vermögen also immer größer geworden wären – wenn nicht Kriege sie zwischendurch immer wieder dezimiert hätten. Die Trendwende kam erst im 20. Jahrhundert. In dem haben nicht nur das Wirtschaftswachstum drastisch zugenommen, sondern auch die Steuern, besonders die Steuern auf Kapitalerträge und Erbschaften. Diese Steuern reduzieren die Ertragsrate der Vermögen, so dass dessen Wachstum auf ganz friedliche Weise Grenzen gesetzt werden.

Ist das Wirtschaftswachstum höher als die Nachsteuerrendite, lohnt sich Erben immer weniger, Arbeiten dafür umso mehr. Piketty zeigt in seinem Buch, wie dieser im historischen Vergleich starke Sonderfall einer Kapitalrendite, die unter dem Wachstum liegt, die Voraussetzung für unsere Mittelstandsgesellschaft war. Nach den zwei Weltkriegen und den Wirtschaftskrisen waren die Vermögen stark reduziert, und die Länder mussten wiederaufgebaut werden, was das Wachstum trieb. Mitsamt der historisch einmalig hohen Besteuerung von Vermögen, seinen Erträgen und Erbschaften entstand die Mittelschicht, die von ihren Eltern kaum etwas erbte und sich ihr Vermögen selbst aufbauen musste.

Grafik: Piketty - Kapitalertragsraten und Wachstum 0-2100

Die Verteilung von Vermögen und Erbschaften im 20. Jahrhundert kontrastiert Piketty dabei immer wieder mit dem 19. Jahrhundert, in dem es so gut wie gar keine Steuern gab und das Kapital sich von selbst akkumulieren konnte. Piketty zitiert dabei besonders gerne die Werke von Balzac oder Jane Austen. In denen ist das Hauptproblem der Protagonisten nicht, besonders viel zu lernen, um später von der eigenen Arbeit leben zu können, sondern besonders gut zu heiraten, um später möglichst viel zu erben.

Zum Ende des 20. und zu Anfang des 21. Jahrhunderts scheint der Sonderfall von g größer r aber selbst wieder Geschichte zu werden. Was die hohen Erbschaften angeht, stellt Piketty anhand seiner Datensammlung fest, dass sich unsere Gesellschaften wieder stark dem 19. Jahrhundert angenähert haben. Das Wachstum hat nachgelassen und durch die neoliberale Wende ab den 1970er Jahren sind die Steuern stark gesunken. Wenn es so weitergeht, werden die großen Erbschaften und die Konkurrenz darum also bald wieder den Stoff für Weltliteratur (oder HBO-Serien) bilden.

Jetzt kommt Peter Bofingers Kritik ins Spiel: Bofinger behauptet, Piketty würde behaupten, r sei immer größer als g und die Marktwirtschaft würde somit immer die Ungleichheit erhöhen. Das aber, so Bofinger, würde durch Pikettys eigene Daten widerlegt – denn wie die rot-gestrichelte Linie in der oben dargestellten Abbildung zeigt, lag die Kapitalertragsrate doch im ganzen 20. Jahrhundert unterhalb der Wachstumsrate! Piketty müsse also laut Bofinger “schlaflose Nächte” haben, weil seine Theorie nicht zu seinen eigenen Daten passen würde. So rettet Bofinger den Kapitalismus, weil sich die Marktwirtschaft trotz geringer Renditen im 20. Jahrhundert prächtig entwickelt habe.

Dabei hat Bofinger aber leider Unvermischbares miteinander vermischt: Den Zusammenhang eines stets höheren r als g hat Piketty nur für die Rendite vor Steuern gezeigt, aber nie für die Rendite nach Steuern (und Kriegszerstörung). Dieser Unterschied ist aber der ganze Witz an Pikettys Argument: Vor Steuern hat sich die Kapitalrendite im 20. Jahrhundert kaum von derjenigen vorheriger Jahrhunderte unterschieden (siehe die blaue Linie in der obigen Abbildung), nach Steuern aber gewaltig!

In der Abbildung, die im Spiegel zum Bofinger-Interview zu sehen ist, ist die Vorsteuerrendite gar nicht abgebildet. Der Spiegel zeigt nur die Rendite nach Steuern, erwähnt das aber gar nicht, sondern beschriftet die Nachsteuerrendite nur unqualifiziert als “Kapitalrendite”. Hier suggerieren Spiegel und Bofinger, die geringe Rendite im 20. Jahrhundert sei ein Marktergebnis gewesen. Piketty verwendet aber mehrere hundert Seiten darauf, genau zu erklären, dass die geringe Rendite im 20. Jahrhundert eben kein Marktergebnis, sondern das Ergebnis bewussten politischen Handelns war, nämlich der hohen Besteuerung.

Zumindest von dieser Seite kann man Piketty nicht angreifen. Ganz im Gegenteil, man sollte Pikettys Daten sehr ernst nehmen: Wenn die Steuern auf Vermögen nicht wieder steigen, sind dem Wachstum der Vermögen und der Vermögensungleichheit fast keine Grenzen mehr gesetzt. Um gut zu leben, müssen immer mehr Erben keinen Finger mehr krumm machen. Piketty beschreibt in seinem Buch, wie das immer wieder der Stoff war, aus dem Revolutionen und Kriege gemacht wurden. Nicht umsonst war einer der ersten Akte der Revolutionäre in der Französischen Revolution die Einführung einer (allerdings nur sehr geringen) Vermögenssteuer.

Dabei können die Vermögen in Deutschland besonders ungehindert wachsen: Hierzulande gibt es mittlerweile gar keine Vermögenssteuer mehr, und die Kapitalerträge werden per Flat Tax mit 25 Prozent besteuert – egal, wie hoch die Kapitalerträge sind (der Sozialdemokrat Peer Steinbrück hat sich das ausgedacht). Arbeiten lohnt sich immer weniger, erben, Handaufhalten und Zinsen kassieren aber immer mehr. Das untergräbt die Legitimität der sozialen Marktwirtschaft.


(Dieter Wermuth hatte übrigens schon im Januar hier im Blog auf Pikettys Buch aufmerksam gemacht und eine aktuelle Rezension von mir ist hier zu lesen.)

193 Kommentare

  1.   Peter Bofinger

    Wenn man nur die erste Seite des Buchs liest, wird man feststellen, dass Piketty selbst immer nur für die Nachsteuerrendite bei r argumentiert.


  2. Kann man denn zwischen Vermögen und Einkommen im Kapitalismus überhaupt trennscharf unterscheiden? Ich meine nein.
    Will man daher aussagekräftige Trends (aus Makrosicht und mit langjähriger Perspektive) ausmachen, dann muss man beides überschlägig in einen gemeinsamen Topf schmeißen. Dann stimmt die Aussage definitiv. Möglicherweise ist das Problem hier viel simpler aufzulösen, welche Begriffe verwendet Piketty in der Originalfassung? Beispielsweise kann man das englische “wealth” kaum idiomatisch vollkommen deckungsgleich in einen deutschen Begriff übersetzen. Evtl. gibt es ein ähnliches simples Übersetzungsproblem auch mit der französischen Fassung und daher handelt es sich hier evtl. einfach um ein Mißverständnis? Ich bin des Französischen leider nicht mächtig, insofern kann ich das nicht nachprüfen.
    Auch ist der Kern von Piketty doch eigentlich der zu entlarven, dass es die häufig angeführten trickle down Effekte eben nicht gibt (auch der nicht dem Wirtschaftsliberalismus verdächtige JFK propagierte das ja, mit der Metapher, dass die Flut alle Boote hebe). Das war die alte Lebenslüge des westlichen Kapitalismus, aufgrund der ein großer Teil der Menschen die Umverteilungspolitik mitgetragen haben. Je “reifer” eine kapitalistische Gesellschaft ist, desto höher die Flut sozusagen ist, desto größer sind die Vorteile der eh schon Habenden (um die Metapher sinnvoll zu ergänzen: bei ein paar Handbreit Wasser unter den Booten hebt die sanfte Flut die große Yacht genauso wie die kleine “Nußschale”, braust die Flut aber so richtig heran, dann kentert Letztere schlicht, während der Yachtkapitän dann erst richtig Spaß an der Sache hat).
    Das ist der Kapitalismus wenn man ihn nicht bändigt. Diese Debatte muss jetzt richtig in Fahrt kommen. Egal ob über niedrige Zinsen + anspringende Inflation, über drakonische und lückenlose Wegbesteuerung, über Schuldenschnitte,… irgendwie müssen die leistungslosen Besitzstände ganz substantiell gekappt werden und sich umgekehrt Leistung wieder lohnen (also der “Gründergeist” durch niedrige Kapitalkosten, der auch dem Homo Oeconomicus einen größeren Nutzen bringt, als nur als Privatier Besitzstände zu verwalten und leistungslos zu mehren). Sonst zerlegt sich der Kapitalismus selbst und Marx behält recht (ohne, dass seine Alternative besser wäre und dementsprechend auch nicht sonderlich viele Anhänger hat; die Folge wäre vermutlich, dass wir flächendeckend auf “failed states” und eine Lateinamerikanisierung der westlichen Industriestaaten zulaufen, aktuell geht es ja schon mit Volldampf in diese Richtung).

  3.   Englaender

    WIe passt Pikettys These eigentlich zu der Beobachtung, dass viele Reiche, vor allem in angelsaechsischen Laendern, ihren Reichtum gar nicht ererbt haben? Reich geworden sind hier in UK beispielsweise vor allem Fondsmanager, Banker und CEOs, also “neureiche Aufsteiger”, waehrend hingegen “Altreiche” wie der traditionelle Adel mittlerweile teilweise mitunter verarmen.

    Das steht in vollem Widerspruch zur PikettysThese, dass sich das Vermoegen in wenigen Haenden konzentriert und vererbt wird. Meritokratische Verhaeltnisse haben offenbar mehr zur Ungleichheit beigetragen.


  4. @1
    Meine wissenschaftliche Lehrer haben mich gelehrt, es sein schlau sich in jedem paper erst die Daten anzusehen, seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen und dann erst zu sehen was der Autor in der Diskussion daraus macht. Damit bin ich gut gefahren.

    Wenn ich mir die von Fabian Lindner abgeddruckte Figure ansehe, dann gibt es die Daten zu r vor und nach Steuern.
    Und für mich sprechen diese Daten eine klare Sprache, egal was Piketty auf welcher Seite sagt.

  5.   Saki

    Piketty zeigt, wie die Vermögen relativ zu den Einkommen immer weiter steigen, wenn die Ertragsrate der Vermögen, r, größer als das Wachstum der Einkommen und der Produktion, g, ist.

    Der eigentliche Bluff von Piketty besteht darin, dass die Ertragsrate der Vermögen eine völlig willkürliche, virtuelle Zahl ist, die ja von der Bewertung der Vermögen abhängt, aus der dann anhand der Erträge ein virtueller Zinssatz errechnet wird. Was die Wachstumsrate der Einkommen damit zu tun haben soll, bleibt dabei völlig im Dunkeln. Das eine ist ein (virtueller) Zinssatz, das andere die normierte Ableitung einer Zeitreihe. Hat beides nichts miteinander zu tun.

    Die Ertragsrate des Vermögens ist banaler Weise immer > 0. Sie ist sogar besonders hoch, wenn Vermögen massiv vernichtet (=niedriger bewertet) wird (platzende Blase), die Erträge aber halbwegs konstant bleiben. Hingegen kann die Wachstumsrate der Einkommen durchaus mal auch negativ sein. P’s Bedingung ist banaler (geschätzter) Weise immer wahr, und das soll dann der schlagende Beweis für die Binsenweisheit sein, dass Vermögen ungleich verteilt sind?

    Höchst befremdlich ist auch, dass solche Daten angeblich in voller statistischer Breite seit Christi Geburt vorliegen sollen, und dass das irgendwie vergleichbar mit der Situation heute sei. Ein Hütchenspieler erscheint verglichen damit regelrecht seriös


  6. Fabian Lindner schreibt: “Ist das Wirtschaftswachstum höher als die Nachsteuerrendite, lohnt sich Erben immer weniger, Arbeiten dafür umso mehr.”

    In dieser Gegenüberstellung von Vermögenserwerb (weitgehend) ohne eigene Leistung und Arbeit liegt der Kernkonflikt unserer Zeit.

    Ist es nicht so, dass sich viele Politiker den Slogan “Arbeit muß sich wieder lohnen” auf Ihre Fahnen schreiben? Dennoch steigen viele dieser Leute jetzt für die Sparer (und ohne es zu sagen damit auch für alle Vermögensbesitzer die nie selbst gespart haben oder jetzt sparen müssen) in die Bütt ohne den inneren Widerspruch wahrzunehmen.

    Von arbeitenden Menschen wird wie selbstverständlich erwartet, dass sie ganze Arbeitskraft d.h. ihr Humankapital dafür einsetzen um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, oft ohne etwas davon sparen zu können. Z.T. ist sogar noch externe Hilfe (SGB) nötig. Also eine Nullrendite bzw. negative Rendite aufs Humankapital.

    Wer hingegen Finanzkapital einsetzt, erwartet in unsrer Zeit ebenso selbstverständlich nicht nur den Erhalt sondern sogar die Vermehrung seines Finanzkapitals.
    Auch wenn nicht die geringste eigene Anstrengung unternommen wird, das Kapital produktiv einzusetzen, sondern dies an die Sparkasse oder Lebensversicherung deligiert wird.

    Diese Ungleichbehandlung von Human- und Finanzkapital bzw, von Arbeit und Vermögenserwerb durch Erbschaft oder Verzinsung und wie wir damit umgehen, ist eine der Fragen die unser Zeitalter definieren werden.

    Und wie schon mal gesagt, ich will in 30+ Jahren meinen Kindern gerade in die Augen sehen können, wenn Sie mich fragen, Papa, was hast Du damals gemacht.


  7. @3

    Fallen für Sie die Einkommen bzw Vermögen von Fondsmanagern, Bankern und CEOs unter Meritokratie, ist für Sie also earned = deserved?


  8. @5
    Macht man es nicht ein bischen einfach, wenn man nach kursorischer Bewertung sagt, die Datengrundlage kann es so ja gar nicht geben?

    Der Mann hat immer hin jahrelang Primärquellen ausgewertet.


  9. @5
    “Die Ertragsrate des Vermögens ist banaler Weise immer > 0″

    Wieso flippen dann aktuell alle aus, dass die Sparer bei negativen Realrenditen enteignet werden? Sowas kann ews ja nach Ihrer Aussage gar nicht geben.


  10. Herr Bofinger muss zumindest eine andere Version des Buches von Piketty vorliegen haben als ich (englische Version). Da kann ich von Nachsteuerrendite absolut garnichts finden. Nur einmal kommt der Ausdruck ‘When the rate of return on capital exceeds the rate of growth of output and income…” Warum hier “rate of return on capital” als Nachsteuerrendite gedeutet werden soll, ist mir voellig unklar. Und wenn dem so waere, muesste man Pikkety wohl Schlampigkeit beim Ausdruck vorwerfen muessen.