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BIZ empfiehlt Normalisierung der Geldpolitik

 

Mark Schieritz hat seinem Kommentar zum Jahresbericht der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die Überschrift “Der Fatalismus der BIZ” gegeben. Recht hat er. Die BIZ und ihr prominenter Vordenker Claudio Borio nehmen offenbar hin, dass sich die Finanzkrise noch Jahre hinziehen wird und sich daran von Seiten der Politik auch nicht viel ändern ließe. Die BIZ plädiert für Strukturreformen, also Maßnahmen auf der Angebotsseite, die den Wettbewerb intensivieren und eine neue massive Fehlallokation von Ressourcen vermeiden helfen, außerdem für eine nachhaltige Stabilisierung des Finanzsektors, wie sie unter dem Stichwort “Basel III” zur Zeit im Gange ist. Kurzfristig sei nichts zu machen, so die Botschaft. Das Wort “Fatalismus” trifft daher den Nagel auf den Kopf.

Greafik: Quelle: BIZ 84. Jahresbericht, S. 76
Quelle: BIZ 84. Jahresbericht, S. 76
 

Inzwischen ist der Begriff balance sheet recession, wie er von Nomuras
Richard Koo
2001 in seinem gleichnamigen Buch popularisiert worden ist, ein fester Bestandteil des Analyseinstrumentariums bei Zentralbanken. Immerhin. Eine solche Rezession geht nicht einfach so vorbei wie eine Null-Acht-Fünfzehn-Konjunkturdelle. In Japan hat sich gezeigt, dass es trotz massiver antizyklischer Finanzpolitik und Leitzinsen in der Nähe von Null zwei Jahrzehnte dauern kann, bis sich wieder so etwas wie normales Wirtschaftswachstum einstellt.

Wenn ich mir das obige Schaubild ansehe, das Borio in seiner Präsentation zur Jahrestagung der BIZ verwendet, komme ich zu dem Schluss, dass die Ungleichgewichte in der amerikanischen Wirtschaft vermutlich nicht vor 2020 beseitigt sein werden. So lange, so die Botschaft, wird das Wachstum schwächer sein als vor dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 – auch die Inflation könnte noch lange Zeit unter dem Zielwert der Fed verharren. Dabei ist im Privatsektor der Abbau der Schulden, das Deleveraging, in den USA rascher vorangekommen als im Euroraum – keine guten Aussichten für uns!

Für die BIZ war das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahrzehnte zu sehr schuldengetrieben, was sich nun rächt. Es war leicht, an billiges Geld zu kommen, weil die Notenbanken auf jede Abschwächung der Konjunktur mit expansiven Maßnahmen reagierten. Diese im Zeitverlauf asymmetrische Politik führte in vielen OECD-Ländern zu Schuldenorgien und einer Inflation der Immobilienpreise. In den reichen Ländern belaufen sich die Schulden immer noch auf 275 Prozent des BIP; sie sind damit höher als in den Jahren vor 2007. Neues Ungemach bahnt sich in den Schwellenländern an, die bisher weitgehend von der Krise verschont geblieben waren. Noch sind ihre Schulden vergleichsweise niedrig, sie nehmen aber rapide zu. Insgesamt hat die expansive Wirtschaftspolitik zwar die Nachfrage und damit die Beschäftigung stabilisiert, sie hat aber letztlich Kapital und Arbeit in Aktivitäten gelenkt, die nur wenig beitrugen zum Wachstum des Produktionspotenzials.

Die reichen Volkswirtschaften, so die BIZ, sind nicht nur deutlich, sondern wohl auch nachhaltig nicht mehr so dynamisch wie noch in den achtziger und frühen neunziger Jahren, eine Folge dieser Fehlallokationen. Wie dem folgenden Schaubild zu entnehmen ist, kam es bei der Produktivität in den letzten zwölf Jahren geradezu zu einem Einbruch – er begann also schon Jahre vor dem Beginn der Finanzkrise.

Grafik: Quelle: Ansprache von Jaime Caruana am 29. Juni 2014 in Basel, S. 3
Quelle: Ansprache von Jaime Caruana am 29. Juni 2014 in Basel, S. 3
 

Rekordniedrige Zinsen bedeuten nicht notwendigerweise, dass Unternehmen mehr Schulden machen, in Maschinen, Anlagen und Software investieren und so das Wachstum des Produktionspotenzials wieder in Schwung bringen. Je höher die Schulden, desto mehr leidet die Zahlungsfähigkeit der Schuldner, wenn die Zinsen steigen oder ihre Gewinne zurückgehen. Ständig steigende Schulden führen nach Ansicht der BIZ nicht zuletzt zu einer zunehmenden Verunsicherung der Akteure. Niedrige Zinsen senken die Risikoaversion, aber es ist nicht klar, dass das zu einem Anstieg der produktiven Investitionen führen wird. Wichtiger noch, wenn die Zinsen zu lange auf einem ultra-niedrigen Niveau gehalten werden, könnten sie zu einem neuen Gleichgewicht des Schreckens führen – mit hohen Schulden, niedrigen Zinsen und magerem Wirtschaftswachstum. Für die BIZ muss die Politik alles tun, damit die Produktivität wieder rascher zunimmt. Von einer Stimulierung der Nachfrage mit fiskalischen Mitteln verspricht sie sich in dieser Hinsicht allerdings nichts. Angesichts der gewaltigen Outputlücken wäre es meiner – und Mark Schieritz‘ – Ansicht nach sehr förderlich, wenn gezielt Maßnahmen ergriffen würden, die die Investitionen und damit das Potenzialwachstum fördern. Vor allem Deutschland hat hier einen beträchtlichen Spielraum.

Im Übrigen wird es aus Sicht der BIZ für die Zentralbanken immer schwerer, ihre Politik zu normalisieren. Marktteilnehmer gehen inzwischen davon aus, dass die Geldpolitik auf viele Jahre hinaus außerordentlich locker bleiben wird. Ein früher Kurswechsel würde wie ein Schock wirken, was die Notenbanken wiederum zögern lassen dürfte, wirklich Ernst zu machen.

Grafik: Quelle: Ansprache von Jaime Caruana am 29. Juni 2014 in Basel, S. 5
Quelle: Ansprache von Jaime Caruana am 29. Juni 2014 in Basel, S. 5
 

Trotzdem drängt die BIZ darauf, sich stärker mit einer Normalisierung der Geldpolitik zu beschäftigen. Die wichtigste Aussage des Jahresberichts ist vielleicht, dass sich angesichts nach wie vor weitverbreiteter Bilanzprobleme mit einer expansiven Geldpolitik nicht viel ausrichten lässt. Es sei daher an der Zeit, sich darüber klar zu werden, welche Risiken entstehen, wenn man es bei dem jetzigen “Immer weiter so” belässt. Als altem Japan-Beobachter spricht mir das aus dem Herzen. Man müsste mal durchrechnen, was passiert, wenn etwa die Fed und die Bank of England beginnen, die Liquidität zu verknappen und die Leitzinsen anzuheben. Der EZB wäre es vermutlich recht – es käme dann endlich zur gewünschten starken Abwertung des Euro und damit zu Inflationsimport. Genau aus diesem Grund wird es aber so nicht laufen. Ohne einen international abgestimmten Kurswechsel wird es nicht gehen. Das Projekt ist aber leider noch nicht auf der Agenda.

30 Kommentare

  1.   popper

    D. Wermuth glaubt an die Geldpolitik und den darin sich austobenden Monetarismus, der realiter täglich zu Grabe getragen wird. Seine rhetorische Frage, was würde passieren, wenn FED und die Bank of England die Liquidität verknappen und den Leitzins anheben, ist ein Trompeten in die gleiche monetaristische Richtung. Offenbar ist der Glaube an die (Un)-Wirksamkeit der Geldpolitik alla M. Friedman immer noch nicht von der Realität zu toppen, weil weiter so getan wird, als wäre an dem Märchen, die Geldmenge bestimme den Zins, etwas dran. Wer darunter allerdings versteht, die Geldpolitik habe sich nach Bretton Woods vom Förderer der Investitionstätigkeit zu dessen Bremser entwickelt, trifft das den Nagel am Kopf. Geld war entgegen anders lautender Behauptung noch nie knapp und wird es auch nie sein. weil es aus dem Nichts durch Kredit entsteht. Trotz des weit verbreiteten Unsinns, Investition benötige Sparer. Insofern ist Wachstum immer schuldengetrieben, die Frage ist nur, wer die Schulden macht. Tun es die Staaten, ist das genau so kontraproduktiv, als machten es immer nur die Privaten. Bleiben noch die Unternehmen oder das Ausland. Wobei letztere in einer Währungsunion sich womöglich in das Chaos hineinführen lassen, das wir momentan haben, insbesondere wenn einer der Handelspartner besonders schweres Faul spielt und im Lohndumping den wirtschaftlich-teutonischen Furor sucht. Und für das nebulöse Potentialwachstum haben wir ja den sinnentleerten Ifo-Index als orakelnden Kaffeesatz.

  2.   Hermann Keske

    Ich finde, die BIZ hat unnötigen Aufwand getrieben: Sie braucht tatsächlich 282 Seiten für die Mitteilung, sie wüßte auch nix und außerdem sei alles mordsmäßig vertrackt und undurchschaubar.

    Andererseits ist sie erfreulich aufrichtig, im Vergleich zu anderen politikberatenden Ökonomen. Sie versucht gar nicht erst, überlegene Sachkunde vorzutäuschen und konkrete Empfehlungen zu geben. Die empfohlene Rückkehr zur “Normalität” läßt wirklich alles offen.

    Das sollte man nicht Fatalismus nennen, sondern weise Selbsterkenntnis.

  3.   Dietmar Tischer

    @ D. Wermuth

    >Mark Schieritz hat seinem Kommentar zum Jahresbericht der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) die Überschrift “Der Fatalismus der BIZ” gegeben. Recht hat er.>

    Hat er nicht.

    Fatalistisch/Fatalismus heißt:

    gottergeben hinnehmen, die Dinge resignativ über sich ergehen lassen, keine Änderungsmöglichkeiten haben bzw. sie nicht annehmend.

    Davon ist bei der BIZ keine Rede, worauf Sie zwei Sätze weiter selbst hinweisen.

    Schieritz missbraucht die Bedeutung von „Fatalismus“, um die aktivierende Fiskalpolitik LEGITIMIEREND ins Spiel zu bringen: „Wenn er (der Staat) es selbst investiert, setzt er ökonomische Aktivität frei“. Das ist richtig, und richtig ist auch, dass nicht jede staatliche Aktivität ein Autobahnbau ins Niemandsland sein muss.

    Aber staatliche Investitionen sind angesichts der Probleme nicht DIE Lösung, zu der sie Schieritz machen will, insbesondere nicht in hoch verschuldeten Staaten,

    Richtig ist, dass die BIZ von einem lang anhaltenden Finanzzyklus ausgeht:

    „Die Finanzzyklen unterscheiden sich von den Konjunkturzyklen. Sie bilden
    die Dynamik der Wechselwirkungen ab, die finanzielle Auf- und Abschwünge
    auslösen – Wechselwirkungen zwischen den Bewertungen, dem geschätzten und dem tatsächlich eingegangenen Risiko sowie den jeweiligen Finanzierungsbedingungen. Finanzzyklen sind tendenziell deutlich länger als Konjunkturzyklen“.

    Dies hat natürlich auch lang anhaltende Auswirkungen auf die Realwirtschaft.

    Der lange Finanzzyklus ist vor allem mit dem Deleveraging zu tun, das nicht von heute auf morgen stattfindet.

    Während dieser vergleichsweise langen Zeit erfolgen die realwirtschaftlichen Anpassungen.

    Die USA haben gerade erst wieder die Arbeitslosenquote von vor 6 Jahren, also vor der Lehman-Pleite erreicht. Schauen Sie sich an, wie sich die Beschäftigungsverhältnisse gewandelt haben. Man versucht zwar mit Fracking dem produzierenden Sektor eine kostengünstige Energiebasis zu verschaffen, wird aber den Wandel dennoch nicht verhindern können.

    Die für mich interessante Frage ist:

    Braucht man ein vergleichswiese LANGSAMES Deleveraging, um den realen Anpassungsprozess sich entwickeln zu lassen und wäre demzufolge eine (denkbar) schnellere Entschuldung diesbezüglich nicht kontraproduktiv?

    Die Alternativ-Position, die es in der Extremvariante mit (nur) Defizitspending richten will, blendet jedenfalls die Ursachen der Anpassungserfordernisse aus und ist m. A. n. nicht ernsthaft diskussionswürdig.

  4.   Hermann Keske

    Statt des ständigen, schon reichlich öden Theoriegesabbels zur Geldpolitik und ihren vermuteten Wirkungen – nichts genaues weiß man nicht, und manche alte ökonomische “Gewissheit” über Marktmechanismen geht gerade sang- und klanglos über Bord – sollten wir noch einmal gründlich von vorne anfangen. Die praktischen Probleme lassen sich in der Praxis auffinden und beschreiben.

    Wie ist das mit der großen Masse der Haushalte in Deutschland? Das Einkommen stagniert, seit mehr als zwanzig Jahren. Der Reallohnindex ist 2013 sogar wieder einmal ein bißchen gefallen. Über 90 % der Haushalte haben deshalb heute nicht mehr verfügbares Einkommen als zu Beginn der 90er Jahre. Kann einer der Gelahrten vielleicht ein wenig darüber schwadronieren, wie bei dieser Sachlage “Wachstum” entstehen soll? Durch Geldpolitik, die doch die Einkommenssituation der gewöhnlichen Haushalte gar nicht berührt?

    Darüber, ob die Einkommen der Massen steigen oder nicht, darüber entscheidet weder eine Bank noch tun dies die gewählten Regierungen. Die Unternehmen entscheiden hierüber, und nur die Unternehmen. Die allerdings haben nicht das Wohlergehen der Volkswirtschaft, der sie angehören, im Auge, sondern nur ihr eigenes. Das kann in der kapitalistischen Wettbewerbswirtschaft wohl auch kaum anders sein, und die freche Ökonomenlüge, unsere Wirtschaftsform sorge gerade dann für das allgemeine Wohl, wenn jeder nur an sich selber denkt, hat sich wohl definitiv erledigt.

    Die zweite Lüge, die von der Vergütung der Arbeitnehmer entsprechend ihrer “Produktivität”, ist glücklicherweise nicht mehr so präsent, wie noch vor kurzem auch hier im Blog. Den Preis der Arbeit bestimmen die Arbeitgeber – bei Arbeitslosenziffern im Millionenbereich und Auslandsreserven im Bereich von -zig Millionen sind die Machtverhältnisse am “Markt” geklärt. Eine Veränderung in Richtung auf die Verbesserung der Situation der abhängig Beschäftigten ist nicht in Sicht, nicht einmal andeutungsweise. Im Kapitalismus gibt die wüsteste Figur den Takt vor – alle anderen müssen folgen oder untergehen.

    Da das auch die Unternehmer wissen, investieren sie auch nicht – wozu wohl? Wer wird bei bestehenden Überkapazitäten serine Produktion steigern wollen? Nur der, der einen Konkurrenten aus dem Markt drängen will. Damit ist dem aktiven Unternehmer vielleicht gedient, den übrigen Angehörigen der Wirtschaft ganz sicher nicht.

    Und jetzt sollte mal jemand erklären, wie bei dieser Situation der Realwirtschaft mit Herumfummeln in der Geldpolitik etwas geändert werden soll.

    In der ganzen Diskussion wird das Thema der angemessenen Besteuerung der Bürger nach ihrer Leistungsfähigkeit von Ökonomen und Unternehmern stillschweigend ausgeklammert. Dabei haben wir eine ganz offensichtliche Entwicklung hinter uns, nämlich die offenbar gewollte öffentliche Verarmung – wir leben in Deutschland öffentlich seit mehr als zehn Jahren von der Substanz – und die Ansammlung sinnloser privater Reichtümer zum Schaden der Volkswirtschaft insgesamt.

    Verschuldete Staaten sollten ihre verantwortlichen Regierungen zügig wegen hartnäckiger und gewerbmäßiger Untreue vor Gericht bringen, neue Regierungen wählen und dafür sorgen, daß ihr Staat die Steuern erhebt, die er zu Erfüllung seiner Aufgabe braucht – und nicht, wie bei uns, die Leistungsfähigsten verschont, um sie dann auch noch durch Kreditaufnehme und Zinszahlungen zusätzlich zu bereichern.

    Schuldenaufnahme ist völlig unnötig. Deutschland kann sich unschwer von seinen Staatsschulden durch eine Vermögensabgabe befreien und anschließend mit angemessener Steuerhebung dafür sorgen, daß der öffentliche Raum nicht nur vor dem weiteren Zerfall bewahrt, sondern sogar über die bloße Erhaltung hinaus ausgebaut werden kann.

  5.   Hermann Keske

    Nachtrag

    Das habe ich gerade gefunden, beim BDA:

    “Einer Kapazitätsauslastung der deutschen Industrie von derzeit knapp 84 Prozent, die in etwa dem langfristigen Durchschnitt entspricht, stehen zu geringe Investitionen in neue Produktionsanlagen gegenüber. Die Nettoinvestitionsquote lag im Jahr 2013 nur bei rund 2 Prozent Die Politik muss durch Senkung der Unternehmenssteuern, der lohnbezogenen Sozialbeiträge und eine unternehmensfreundliche Erbschaftssteuerreform Anreize zu mehr Investitionen geben.”

    Ist das nicht überzeugend? Die Unternehmen brauchen steuerliche Besserstellung bei den Unternehmens- und den Erbschaftssteuern und – na was wohl – die Senkung der berüchtigten Lohnnebenkosten – und schon werden sie zügig in den Ausbau ihrer Überkapazitäten investieren. Sinkende Löhne und geringere Unternehmenssteuern sorgen bekanntlich für steigende Einkünfte bei den Konsumenten – und das bringt dann den Nachfrageschub, gell?

    Herr, lass` Abend werden.

    Dazu fällt mir dann wirklich nichts mehr ein – außer vielleicht, daß unsere wirtschaftliche Elite möglicherweise unter den Folgen längerer Inzucht zu leiden beginnt.


  6. @ Hermann Keske # 4

    Schuldenaufnahme ist völlig unnötig. Deutschland kann sich unschwer von seinen Staatsschulden durch eine Vermögensabgabe befreien und anschließend mit angemessener Steuerhebung dafür sorgen, daß der öffentliche Raum nicht nur vor dem weiteren Zerfall bewahrt, sondern sogar über die bloße Erhaltung hinaus ausgebaut werden kann.

    Ich stimme Ihnen grundsätzlich zu, wenn wir in normalen Zeiten leben würden, die es aber seit ca. 40 Jahren nicht mehr gibt. Von daher sind die einseitigen Empfehlungen der BIZ in der aktuellen Lage auch grober Unfug. Fatalismus ist nach meinem Dafürhalten noch viel zu euphemistisch. Ungewöhnliche Situationen bedürfen ungewöhnlicher Maßnahmen, die dann zu einem new normal werden können.

    Sie sprechen die grundsätzliche fehlerhafte Besteuerungspraxis der Vergangenheit an. Die hat aber in den letzten 40 Jahren ihr Unwesen getrieben. Sodann haben wir den Unsinn mit der privaten Altersvorsorge gemacht. Da diese aber grundsätzlich immer aus dem laufenden BIP finanziert werden muss, geht dies sinnvollerweise nur mit steigender Staatsverschuldung, da ansonsten die gesparten Geldbeträge als Nachfrage im Markt fehlen. Auf diese Problematik hatte ja gerade von Weizsäcker aufmerksam gemacht. Hier noch einmal der Link: wirtschaftsdienst.eu/archiv/jahr/2013/13/2918/

    Zusätzlich dürfen wir aus geldpolitischer Sicht aber nicht nur die deutsche Brille aufsetzen, sondern die europäische. Und so wie wir auch innerhalb von Deutschland massive Ungleichgewichte haben, gibt es diese in noch größerem Maße zwischen den Euroländern. Und hier fehlt es in den südlichen Ländern wegen der vergangenen Leistungsbilanzdefizite am ultimativen Schuldentilgungsmittel, das aber zugleich auch Markteintrittsmittel ist. Die TARGET-Salden spiegeln diese Ungleichgewichte wieder.

    Auch ein größerer Schuldenschnitt wird das Renditeproblem nach Binswanger in gesättigten Märkten nicht ohne eine Neuausrichtung der Geldpolitik beseitigen. Insofern ist es schon wichtig, dass wir in einem ersten Schritt erst einmal anfangen müssen, unser Geldsystem zu begreifen. Das haben wir noch lange nicht. Auch die BIZ nicht! Sonst würde sie nicht auf die gescheiterten Instrumente und Empfehlungen der Vergangenheit rekurrieren. Ich hatte im anderen Post die Standard & Poors-Studie zu den fehlerhaften Aussagen zur Geldschöpfung hoch dekorierter Fachleute verlinkt. Es war/ist eben nicht nur Krugman, der beim Thema Geldschöpfung rumeiert und irrt, sondern viele weitere Fachleute, von denen man es nicht vermuten würde. John Taylor ist da nur die Spitze des Eisbergs. Aber auch ein Thomas Mayer (ehem. Chefvolkswirt der Deutschen Bank) weiß nicht, wie Geld entsteht. Er kann einem schon fasst leidtun im Interview mit den Geldsystempiraten von vor knapp zwei Jahren. Jedoch: Seine Vorstellungen dominieren die öffentliche Diskussion nicht nur in der FAZ.

    Die Wirtschaftwoche beruft sich in der aktuellen Ausgabe auf eine neuere Studie von Alesina und schreibt:

    Wenn der Staat spart, würgt das die Konjunktur nicht unbedingt ab, zeigen Studien des Harvard-Ökonomen Alberto Alesina. In umfangreichen Untersuchungen der OECD-Staaten von 1970 bis 2007 fand Alesina heraus, dass der Defizitabbau dann von Erfolg gekrönt ist, wenn er aus einer Kombination von Ausgabenkürzungen und Steuersenkungen besteht. wiwo.de/politik/europa/euro-stabilitaetspakt-defizitabbau-durch-ausgabenkuerzungen/10113326-3.html
    Hier die gesamte Studie für die Liebhaber neoliberaler Ansätze: scholar.harvard.edu/alesina/publications/output-effect-fiscal-consolidations

    Es wäre doch interessant gewesen, die Studie auf den Zeitraum danach auszuweiten. Aber dies hätte wohl die simplizistische Welt des Alesina ins Wanken gebracht. Und was nicht sein kann, dass darf auch nicht sein.

    Die Probleme sind leider viel tiefliegender, als wir alle denken (siehe auch Ihre # 5; es ist in der Tat intellektueller Inzest). Und ohne einen Paradigmenwechsel beim Thema Sparen, Investieren und Geld, wird dies alles nicht gelingen. Ich bin vor 4 Tagen auf die Vorträge der Ringvorlesung der Uni Bayreuth aus 2012 gestoßen. Eine wahre Fundgrube, die mich in vielen meiner Einschätzungen bestätigt. Wer das ganze Dilemma der VWL begreifen möchte, bzw. eine tiefere Ahnung davon bekommen will, dem empfehle ich folgende 4 Vorträge in dieser Reihenfolge:

    1. Silja Graupe: Volkswirtschaftslehre als geistige Monokultur? youtube.com/watch?v=sQfjH-eVQlg

    2. Karl-Heinz Brodbeck: Geld als Denkmodell: youtube.com/watch?v=dRyaRTV-cNQ
    Brodbeck sagt viel Schlaues und weitgehend Richtiges, scheitert aber ebenfalls an der multiplen Geldschöpfung und der Umlaufgeschwindigkeit. Da hatte er wohl noch nicht die überarbeitete Auflage der Bundesbank zum Thema Geld- und Geldpolitik gelesen. Banken sind eben gerade KEINE Intermediäre.

    3. Mathias Binswanger tritt in die Fußstapfen seines Vaters und widerlegt das Märchen von den Einlagen, an das Brodbeck zu diesem Zeitpunkt wohl noch glaubte: youtube.com/watch?v=f3HVeUwwGJM
    Aber auch Binswanger irrt auf den letzten Metern (der Vortrag ist exzellent) bei 1:24 bei einer Frage, wenn er an den Anfang des Geldes das Gold setzt. Dies ist leider irreführend, weil Geld (als Kreditgeld) nichts mit Gold (als Warengeld) zu tun hat; auch wenn die Österreicher dies wohl nie verstehen werden.

    4. Zur Abrundung des Ganzen ein Vortrag von Peter Spahn, auf dessen exzellente Studie aus dem Jahre 2005 veblen aufmerksam gemacht hatte: Die Geldtheorien verschiedener Schulen: youtube.com/watch?v=gezZOGuiZBM

    Und dann sollten wir uns alle darüber Gedanken machen, wer ein Interesse an einem Scheitern des Euro hat (cui bono)? Weiß die BIZ es nicht besser oder will sie es gar nicht besser wissen?

    LG Michael Stöcker

  7.   ergo sum

    @ M.Stöcker # 6: “Wer ein Interesse am Scheitern des Euro hat (cui bono)? Weiß die BIZ es nicht besser oder will sie es gar nicht besser wissen?”

    Die “German angst” und Paranoia treibt immer absurdere Blasen und Verschwörungstheorien. Mit Ihrer Unterstellung, dass der BIZ am Scheitern des Euro liegt, haben Sie einen neuen Tiefpunkt erreicht.


  8. @ ergo sum # 7

    Mit Ihrer Unterstellung, dass der BIZ am Scheitern des Euro liegt, haben Sie einen neuen Tiefpunkt erreicht.

    Eine ähnliche Antwort hätte ich auf eine solche Aussage vor einem halben Jahr auch noch gegeben.

    Nehmen wir mal an, dass dies nicht die Absicht der BIZ sei. Dann bleibt aus meiner Sicht nur noch diese Möglichkeit: Sie verstehen ihr eigenes System nicht (blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/35103/was-haben-wir-bloss-falsch-gemacht/) und huldigen einem naiven Sado-Monetarismus. Zugleich sind sie vom Neoclassical brain-worm infiziert, der in der aktuellen Situation mindestens so gefährlich ist wie der Austrian brain-worm: bloombergview.com/articles/2014-07-02/austrian-economists-9-11-truthers-and-brain-worms.

    Flassbeck ist wohl einer der wenigen in Deutschland, der das intellektuelle Dilemma halbwegs verstanden hat: flassbeck-economics.de/jahresbericht-der-biz-der-falsche-rat-zur-falschen-zeit/

    LG Michael Stöcker

  9.   Dietmar Tischer

    @ Michael Stöcker # 8

    >… huldigen einem naiven Sado-Monetarismus.>

    Wenn Sie das ernsthaft so meinen, haben Sie die BIZ nicht verstanden.

    Die „huldigen“ ANDEREM als einem Monetarismus, warnen sogar vor einem „Weiter-so-Monetarismus“.

    # 6

    Habe mir Silja Graupes „Volkswirtschaftslehre als geistige Monokultur?“-Vorlesung vollständig reingezogen. Ist sehr gut, was ihre reflexive Qualität betrifft und signifikant, was die Zitate, d. h. das Selbstverständnis bedeutender Ökonomen betrifft. Dafür muss man die Sicht von „außen“ haben und philosophisches Denken präpariert dafür. In der Summe vermutlich ein Schock für Studenten, die meinen, dass sie „ewige Wahrheiten“ erfassen, wenn sie ein wissenschaftliches Studium absolvieren.

    Allerdings:

    Es fehlt der letzte Baustein im Vortrag.

    Das Denken, was sie darlegt – alles durch NUR eine Brille zu sehen – fügt sich SCHLÜSSIG in den gesamtgesellschaftlichen Konsens ein, durch umfassendes Funktionsverständnis mit höchster Effizienz zu mehr Wohlstand zu kommen.

  10.   Dietmar Tischer

    Korrektur zu # 9

    “Das Denken, was sie darlegt …” ist falsch. Ich meine nicht das Denken von Silja Graupe, sondern das derer, die sie zitiert.

    Es muss daher richtig heißen:

    Das Denken, das sie darlegt …