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Der Fatalismus der BIZ

 

Wenig Überraschendes von der BIZ. Der Jahresbericht liest sich streckenweise so, als sei er von der Bundesbank geschrieben. Die BIZ scheint sich also politisch klar gegen die Linie des IWF zu positionieren.

Inhaltlich begreift die BIZ die Krise im Kern als balance-sheet recession.

Despite the current upswing, growth in advanced economies remains below pre-crisis averages. The slow growth in advanced economies is no surprise: the bust after a prolonged financial boom typically coincides with a balance sheet recession, the recovery from which is much weaker than in a normal business cycle. That weakness reflects a number of factors: supply side distortions and resource misallocations, large debt and capital stock overhangs, damage to the financial sector (…) 

Deshalb, so schreibt die BIZ, entwickelt sich in vielen Fällen die Kreditnachfrage schwach und die Geldpolitik der Notenbanken – die ja unter anderem die Kreditversorgung der Wirtschaft verbessern soll – verliert an Wirksamkeit. An dieser Diagnose ist für sich genommen wenig auszusetzen.

Weniger offensichtlich erscheint es mir, wie die BIZ daraus den Schluss zu ziehen, dass die makro-ökonomische Politik in solchen Fällen wenig tun kann, allein strukturelle Reformen helfen (die ihre Wirkung ja bekanntlich erst mittelfristig entfalten) und die Politik  ansonsten einfach abwarten muss, bis sich das System von selbst wieder in sein Gleichgewicht oder wohin auch immer gerüttelt hat – und Rütteln bedeutet hier, dass Millionen von Menschen leiden.

Warum also muss aus der Tatsache, dass die Notenbank die Pferde nicht zum Saufen bringen kann folgen, dass auch die Fiskalpolitik nicht mehr wirkt. Vielleicht werden die überschuldeten Verbraucher Steuererleichterungen tatsächlich wie die BIZ schreibt eher zum Abbau von Schulden verwenden, so dass eine solche Maßnahme tendenziell verpufft. Aber der Staat hat es ja selbst in der Hand, was er mit dem Geld – das ja wegen der hohen Ersparnis reichlich angeboten wird – anstellt.

Wenn er es selbst investiert, setzt er ökonomische Aktivität frei. Natürlich könnte man an dieser Stelle einwenden, der Staat macht generell nur Mist. Aber das ist kein makro-ökonomisches Argument und auch sonst nicht überzeugend. Im Gegenteil: Kluge staatliche Investitionen (öffentliche Infrastruktur, Bildung etc) könnten den Strukturwandel, also die Neuallokation volkswirtschaftlicher Ressourcen sogar unterstützten.

Und es muss ja nicht immer über die Staatskasse laufen. Deutschland hat mit KfW-Programmen gute Erfahrungen gemacht, diese Programme setzen zwar streng genommen auch beim Kreditangebot an, aber sie können durchaus Investitionen anstoßen, die eine – ökonomisch möglicherweise äquivalente – klassische Zinssenkungen nicht anstoßen kann. Ein Beispiel ist das Energieeffizienzprogramm (über das man sicher auch lange streiten kann, aber das ist hier nicht das Thema).

Aber die BIZ ist offensichtlich zu begeistert von ihren österreichischen Abenteuern.

69 Kommentare

  1.   Besserwisser

    Vollkommen nachvollziehbar.

    Könnte die KfW nicht – zur Umgehung der Schuldengrenze – auf Anweisung des BMF die notwendigen Investitionen z. B. der Kommunen finanzieren? Die Zinsen dürften dabei doch sicherlich noch geringer sein, als auf dem Finanzmarkt?


  2. „Und es muss ja nicht immer über die Staatskasse laufen. Deutschland hat mit KfW-Programmen gute Erfahrungen gemacht“

    Soweit die KfW mit Zinsen unterhalb des Marktzinses oder Tilgungszuschüssen operiert läuft es doch über den Staat durch reduzierte Bankgewinne aber das ist nicht schlimm.

    Die EZB versucht Kredit in Richtung Banken / Unternehmen zu kanalisieren, die damit investieren sollen. Privatleute und kleine Unternehmen / Selbständige erreicht die EZB nicht direkt (daher die Diskussion ums ZB finanzierte Bürgergeld).

    Im Prinzip ist die KfW daher ein sehr guter Weg Geld in den Privatsektor zu kanalisieren, weil die KfW auch die Möglichkeit hat die Mittelverwendung zu steuern, damit mit dem Geld sinnvoll investiert und nicht konsumiert wird.

    Was sind sinnvolle Investitionen im Privatsektor? Alles was Erträge steigert und Kosten senkt. Neben Bildungsinvestitionen, denkt man natürlich an große Kostenblöcke im Privatbereich und das sind Wohnraum und Energie (oder hätten wir sonst die EEH Kostendiskussion?).

    Es ist klar, dass sich eine Umrüstung auf Energiesparlampen/LEDs in kurzer Zeit rechnet, warum kein KfW Mikrokreditprogramm mit Minizinsen dafür?

    Bei Wohnraum und Energie kennt sich die KfW gut aus und dort könnte sie mehr machen. Bei manchen Dingen aber bräuchte sie Hilfe des Staates, und damit meine ich NICHT Schulden machen und woanders Geld raushauen.

    Ein Bereich in dem wenig saniert wird ist der Mietwohnungsbau, weil die Kosten erstmal der Vermieter aber die Vorteile durch niedrige Verbrauchskosten erstmal der Mieter hat. Wenn man da eine sinnvolle Regelung schaffen würde, die Mietern UND Vermietern Vorteile bringt, dann könnte man da einen Schub auslösen.

    Es wird von konservativer Seite immer wahnsinnig viel über Strukturreformen gelabert, praktisch bedeutet das aber nur Druck auf Löhne. Bei Strukturreformen um Marktkräfte besser nutzbar zu machen herrscht völlige Fehlanzeige: Die CO2 Abgabe ist eine völlig marktkonforme Regelung (Internalisierung von Externalitäten) die Verbrauch und Emmission verteuert und Investionen rentabler macht. Die CO2 Abgabe ist ihrer Natur nach nichts anderes als eine Müllgebühr und weder AfD noch FDP haben je die Abschaffung oder Senkung von Abfallgebühren oder das wilde deponieren von schädlichem Müll gefordert, wie das bis vor kurzem beim CO2 noch der Fall war.

    Der Staat könnte eine jede Menge machen OHNE NEUE SCHULDEN!

    PS: Und NEIN eine CO2 Abgabe ist kein Knüppel zwische die Beine der Unternehmen, wir leben Zeiten brachliegender Ressourcen, die CO2 Abgabe ist ein Arbeitsplatzprogramm.

  3.   Dietmar Tischer

    @ Mark Schieritz

    >Weniger offensichtlich erscheint es mir, wie die BIZ daraus den Schluss zu ziehen, dass die makro-ökonomische Politik in solchen Fällen wenig tun kann, allein strukturelle Reformen helfen (die ihre Wirkung ja bekanntlich ihre erst mittelfristig entfalten) und die Politik ansonsten einfach abwarten muss, bis sich das System von selbst wieder in sein Gleichgewicht …>

    Auch mal lesen, was sonst noch von der BIZ kommt (von M. Stöcker am anderen Thread verlinkte Rede von Caruana):

    “Rising private and public debt has created a range of vulnerabilities. As debt increases, the ability of borrowers to repay becomes progressively more sensitive to drops in income and to interest rate rises. Thus, higher debt translates into greater financial fragility and financial cycles that may
    become increasingly disruptive …

    … It is hard to see how additional debt-driven demand can help. As we argued last year, monetary and fiscal stimulus has won us some breathing space. But it cannot substitute for structural reform. Everrising public debt cannot shore up confidence. Nor can a prolonged extension of ultra-low interest rates. Low rates can certainly increase risk-taking, but it is not evident that this will turn into productive investment. Most importantly, if they persist too long, ultra-low rates could validate and entrench a highlyundesirable type of equilibrium – one of high debt, low interest rates and anaemic growth.”

    Die BIZ zieht hier keinen Schluss, sondern verweist auf Risiken.

    Die Politik muss auch nicht abwarten, kann u. a. das Wachstumspotenzial durch höhere Produktivität beschleunigen, was heißt, dass aufgrund geänderter Rahmenbedingungen die in der Vergangenheit fehlgeleiteten Ressourcen anders eingesetzt werden.

    Die BIZ ist REALISTISCH.

    Keynesianer, die diesen Realismus als Fatalismus brandmarken, sind Illusionisten.


  4. Ökonomie ist eben keine „objektive“ Naturwissenschaft und darum hoffe ich so sehr, dass mehr und mehr Ökonomen sich auch endlich als politische Individuen begreifen und sich nicht hinter ökonomischen Zahlenkolonnen, die eine gewisse mathematisch-naturwissenschaftliche Objektivität und damit Neutralität suggerieren mögen, verstecken. Es gibt politische Ökonomen und weil ihnen ihre Fachkollegen nichts entgegen setzen, können diese einzelnen Ökonomen ihre persönliche Agenda auf breiter Front durchdrücken.

    Der Fatalismus der BIZ ist der Fatalismus der Wirtschaftswissenschaften!

    Es muss endlich wieder offen und diskursiv gestritten werden. Das ging früher doch auch mal. So sind ja diese Geschichten wie die „österreichische Schule“ erst entstanden. Wären die Ökonomen schon immer so abwartend und „es kommt darauf an“ wie heute gewesen, dann gäbe es die moderne Ökonomie an sich ja gar nicht. Sie ist nun einmal ein Produkt des Diskurses und nicht naturwissenschaftlicher Empirie.

    Liebe Ökonomen, diskutiert endlich! Und seid dabei politisch!

    Wir haben die paradoxe Situation, dass jene, die das Fachwissen haben, sich enthalten und jene die maximal Halbwissen haben umso engagierter diskutieren. So dreht sich bei uns seit Jahren die gesellschaftliche Debatte im Kreis, ohne Impulse die die Ökonomie ja durchaus liefern könnte. Die Asbach Uralt Theorien aus dem 19. Jahrhundert, also mithin einer „ganz anderen Welt“, werden so oft umgewälzt, wie die Billigbrause in Getränkespendern auf Raststätten und ist dabei genauso fad und abgeschmackt. Aber die Ökonomen geben ja auch keine neuen Impulse, wie soll man da über die „Sprachlosigkeit“ der eigentlich nur noch historischen Modelle von Marx & Co. hinauskommen. Ab und zu kommt mal eine unausgegorene Idee wie „Grundeinkommen“, die alleine dadurch begeistert, weil es halt mal ein neuer Impuls ist und das ist in unserer Lage scheinbar schon ein Wert an sich.

    Liebe Wirtschaftswissenschaftler, gebt endlich euren Fatalismus auf! Und werdet politisch!


  5. @3
    „Die BIZ zieht hier keinen Schluss“

    Stimmt, es werden nur die alten Überzeugungen transportiert ohne sie zu begründen, diskutieren oder zu reflektieren:

    „monetary and fiscal stimulus […] cannot substitute for structural reform“
    „Everrising public debt cannot shore up confidence“

    Der Autor dieser Zeilen sagt damit, dass was wirklich zählt structural reform und confidence sind.

    Aber die confidence fairy kommt schon seit Jahren nicht und was structural reforms sein sollen sagt auch keiner.
    Alter Neoklassik-Wein in notdürftig aufgehübschten alten Schläuchen, mehr ist das nicht.

  6.   Dietmar Tischer

    @ bmmayr # 5

    >Alter Neoklassik-Wein in notdürftig aufgehübschten alten Schläuchen, mehr ist das nicht.>

    Man muss das Problem verstehen:

    Ja, es gibt ein Nachfrageproblem.

    Man kann es aber nicht mittel- und längerfristig PROBLEMVERSTÄRKEND mit einer auf noch MEHR Verschuldung basierenden Nachfrage lösen.

    Dieses „Verfahren“ hat in die Krise geführt.

    Man muss NACHHALTIG stabilisierend die Krisenfaktoren eliminieren, z. B. die Banken wieder funktionsfähig machen, Strukturen reformieren – von Land zu Land verschieden, aber im Prinzip durchweg bekannt – und auf Partizipationseffekte an der wachsenden Weltwirtschaft setzen.

    Das ist angebotsorientierter Realismus – bitterer Realismus, weil er schmerzhaft ist und von heute auf morgen keine Aha-Effekte produziert.

    Soweit dies eine Position ist, wurde sie begründet und reflektiert.

    Was helfen würde, wäre eine weitreichende Entschuldung.

    Die gehört zum „Neoklassik-Wein“, kommt jedoch bei der BIZ nicht vor, soweit ich sehe.

    Zu recht, denn es ist UNREALISTISCH in dieser Hinsicht etwas von der Politik zu erwarten.

  7.   Tiefenwahn

    Auch ich halte die Aussagen der BIZ für realistisch. Eine Krise, die durch übermäßige Schulden verursacht wurde, durch noch größere Schulden überwinden zu wollen ist absurd. Übermäßige Schulden müssen abgewickelt werden, das heißt, es muss einen Schuldenerlaß geben. Das Prinzip des möglichen Bankrotts ist ein essentieller Teil jedes Kredits, und dies aushebeln zu wollen durch Übertragung auf öffentliche Hände ist zutiefst unfähr gegenüber den Steuerzahlern. Dies mag zu einer Krise führen, die natürlich unbequem ist, aber wie man in Island gesehen hat, läßt sich eine solche Krise auch relativ leicht bewältigen (womit ich nicht sage, dass Island jetzt keine Probleme mehr hat, aber die sind jetzt überschaubar)

    Wenn private Schuldner bankrott werden, dann müssen eben die Gläubiger bluten, und auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Schliesslich ist das ihr Risiko. Wenn ein Staat kleine Leute, die damit einen Teil ihrer Altersvorsorge verlieren, entschädigen will – ok, das ist im wesentlichen überschaubar (Beispiel Riesterrente, aber nicht bei Risikoanleihen).

    Wenn Staaten bankrott werden, weil sie ihren Bürgern Leistungen erbringen, die sie aber über ihre Steuern nicht einbringen wollen, dann dürfen sie nur sehr begrenzt von anderen Staaten erwarten, dass die dann dafür einspringen. Im wesentlichen sollte dies dann nur begrenzt bleiben auf die absoluten Notfälle. Eine solche Hilfe sollte auch explizit sein, das heisst sie sollte vor den Bürgern nicht versteckt werden. Im Zweifel werden dann eben Steuererhöhungen notwendig, um dem in Not geratenen Staat zu helfen. Warum sollte sonst ein Staat die Leistungen an seine Bürger einschränken, bzw. seine Steuern so erhöhen, dass seine Ausgaben den Einnahmen entsprechen. Griechenland etwa hat im letzten Jahr für seine Banken nicht nur 20 Mrd aus dem ESM Topf erhalten, sondern über ELA auch noch 41 Mrd Euro von der EZB, ohne dass die Banken auch nur ansatzweise ihre mafiaähnliche Führung austauschen musste. So etwas ist schlichtweg kriminell.

    Es macht wenig Sinn, durch Bürgschaften der leistungsfähigeren Staaten immer noch mehr Länder in den Bankrott zu treiben. Wenn jemand meint, dass die Krisenstaaten kostspielige Konjunkurprogramme brauchen, dann soll er doch bitte gleich mit angeben, welche Steuern er bei uns zu deren Finanzierung erhöhen will. Länder wie Griechenland, Spanien, Portugal, … sind bankrott, und ohne unsere Garantien (dh. ohne unsere zusätzliche Verschuldung) bekommen diese Länder keine privaten Kredite mehr.


  8. @6
    „Was helfen würde, wäre eine weitreichende Entschuldung.
    Die gehört zum „Neoklassik-Wein“, kommt jedoch bei der BIZ nicht vor, soweit ich sehe.
    Zu recht, denn es ist UNREALISTISCH in dieser Hinsicht etwas von der Politik zu erwarten.“

    Leider haben Sie da Recht.

    Ansonsten sind Maßnahmen die ohne neue Schulden auskommen natürlich vorzuziehen, ich versucht in #2 was dazu zu sagen.


  9. @7
    „Eine Krise, die durch übermäßige Schulden verursacht wurde, durch noch größere Schulden überwinden zu wollen ist absurd.“

    Schade. Ich dachte Sie wären schlauer als diese Zeilen andeuten.

    Wer die Aussage „Eine Krise, die durch übermäßige Schulden verursacht wurde, durch noch größere Schulden überwinden zu wollen ist absurd.“ richtig findet leistet eine ökonomischen Offenbarungseid.

  10.   Hermann Keske

    # 5 bmmayr

    Man muß das nur richtig verstehen – das Dauergesabbel von den „Strukturreformen“. Wer von Strukturreformen redet, verlangt, das alles irgendwie besser wird. Davon, daß Teile eines Ganzen neu angeordnet werden müssen, könnte man auch reden, aber dann fiele gleich auf, daß man allgemeinen Unfug redet und auch keine konkrete Vorstellung davon hat, was denn realiter getan werden soll.

    So lasst uns dann gebüldet sprechen – ohne Strukturreformen werden die notwendigen Anpassungsprozesse nicht stattfinden. Oder: Die notwendigen Anpassungsprozesse müssen auch in den Strukturen stattfinden. Oder: Erst Strukturreformen sorgen dafür, daß die Anpassungsprozesse zu nachhaltigen Ergebnissen führen.

    Oder so.