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Der Mythos von der Enteignung der Sparer

 

Es gibt kaum ein wirtschaftspolitisches Thema, dass die mediale Debatte so prägt wie die angebliche Enteignung der Sparer. Das Argument: Die EZB flutet die Märkte mit Geld und die Deutschen sind wieder einmal die Dummen, weil sie sich mit mickrigen Zinsen zufrieden geben müssen.

Die Bundesbank hat nun diese hervorragende Grafik online gestellt, nachdem die SZ am Montag ebenfalls über den Sacherhalt berichtet hatte. Wir sehen: Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass das Geld von der Bank von der Inflation aufgezehrt wird. Es ist sogar der Normalfall.

Bildschirmfoto 2014-07-03 um 22.10.20

Oder wie die Bundesbank schreibt:

„In den vergangenen Jahrzehnten waren negative Realzinsen sogar eher die Regel als die Ausnahme. Bereits vor der Finanzkrise, nämlich in den 1970er Jahren, Anfang der 1990erJahre sowie in den 2000er Jahren, erhielten Bankkunden insbesondere auf ihre Spareinlagen keine inflationsausgleichende Verzinsung. Diese Phasen realer negativer Verzinsung überwogen historisch sogar …“

Damals ist es aber nicht aufgefallen, denn die Zinsen waren erheblich höher. Dass zugleich auch die Inflation höher war, ist aber niemandem aufgefallen. Genau wie heute niemandem aufzufallen scheint, dass die Zinsen zwar niedrig sind, die Inflation aber auch.

Gewiss: Es ist tatsächlich ein Abwärtstrend bei der Realverzinsung zu beobachten, wenn man sich auf der Zinskurve weiter nach außen bewegt, also längerfristige Anlagen berücksichtigt. Das zeigt sich in dieser Kurve bei den Terminlagen, aber auch bei Staatsanleihen gibt es ihn. Das erklärt beispielsweise die Probleme der Versicherer.

Allerdings ist für die Verzinsung solcher Anlagen nicht nur die Geldpolitik der Zentralbank verantwortlich, sondern auch Faktoren wie Angebot und Nachfrage nach Kapital und die Risikoneigung der Investoren.  Aber der pauschale Vorwurf, die EZB enteigne die Sparer ist schlicht falsch.

Vielleicht sollte sich der Sparkassenpräsident das einmal von einem seiner Leute erklären lassen.

78 Kommentare

  1.   Rolandist

    Bleibt die Frage: ist die angeblich so niedrige Inflation wirklich so niedrig?
    Ich behaupte: nein ist sie nicht, sie ist realmsicher höher als diese albern schöngerechneten Zahlen.

  2.   Michael Wendt

    In Deutschland gilt Sparen halt als Wert an sich. Dass eine Verzinsung auch erwirtschaftet werden muss, darüber macht sich doch der Sparer keine Gedanken. Er jubelt ja auch, dass der Staat keine neuen Schulden mehr machen will und jammert im gleichen Moment über die mickrigen Habenzinsen – und macht es damit den allermeisten Medien nach.

  3.   Florian

    Anmerkung zur Methodik:

    Ständig liest man (auch in diesem Blog) sinngemäß folgende Berechnungsformel:
    Realzins = Nominalzins – Inflation

    Dies lässt allerdings systematisch die Steuern unberücksichtigt.
    Die reale Nachsteuerverzinsung kann deutlich negativ sein, auch wenn die reale Vorsteuerverzinsung positiv ist.

    Beispiel:
    Nominalzins: 4%
    Inflation: 3%
    Steuersatz: 50%

    die „naive“ Berechnung ist dann:
    Realzins (vor Steuer) = 4% – 3% = 1%
    „Naiv“ deshalb, weil man als unschuldiger Betrachter bei einem Realzins von 1% (vor Steuer) ja meinen könnte, auch nach nach Steuer bliebe ein positiver Realzins von 0,5% übrig. Dem ist aber nicht so:

    Realzins (nach Steuer)= 4% x 50% -3% = -1%

    Die gute Nachricht für alle Sparer:
    Dieses Steuerproblem ist angesichts niedriger Nominalzinsen und niedriger Inflation derzeit weniger gravierend als in früheren Zeiten.

    Die schlechte Nachricht:
    Eine postive reale Nachsteuer-Rendite ist historisch mit risikoarmen Anlagen kaum zu erreichen.
    (Was übrigens auch ein Gegenargument gegen Piketty ist.)


  4. So manche Provinzsparkasse ist da intellektuell weiter als Herr Fahrenschon: handelsblatt.com/unternehmen/banken/geldpolitik-wie-eine-sparkasse-gegen-den-zinseszins-kaempft/9846458.html

    Man kann nur hoffen, dass sich dies auch Herr Weidmann und Herr Dombret von einem ihrer Leute haben erklären lassen. Noch im November letzten Jahres standen sie fest auf der Seite von Fahrenschon: zinsfehler.wordpress.com/2013/11/14/die-leiden-des-jungen-w/ (auch die Links am Ende des Beitrags sind sehr erhellend).

    @ Florian: Anmerkung zur Methodik Die Ihre ist einfach unterirdisch!


  5. @1

    Dann schaun sie sich doch mal unabhängig berechnete Inflationsindices an:

    The Billion Prices (bpp.mit.edu)

  6.   Tiefenwahn

    Um die Sparer mache ich mir weniger Sorgen, eher um die Löhne. Solange die Arbeitslosigkeit hoch ist, wird die Anpassung der Löhne unprivilierter Arbeitskräfte (also jener, die nicht durch Tarifverträge abgedeckt sind – das dürfte einen großen Anteil ausmachen) an die Inflationrate eher mäßig erfolgen. Dabei muss man noch nicht einmal die eher hedonisierte Inflationsrate mit einbeziehen (habe neulich in einem amerikanischen blog gelesen, dass nach der Berechnungsmethode, die 1990 gegolten hatte, die Inflation in den USA letztes Jahr nicht 2,1% sondern 6% betragen hätte). Mit der Folge, dass auch die Rentner dabei sehr schlecht abschneiden.

    Dies (und die kalte Progression) dürfte dazu führen, dass mit steigender Inflation die Nachfrage real immer weiter zurückgehen wird. Das sind nicht gerade gute Aussichten.

  7.   Dirk

    @Florian

    mit dem Begriff „naiv“ sollte man vielleicht etwas vorsichtig sein , wenn man selbst im Glashaus sitzt, :-).

    50 % Steuer sind Blödsinn .

    Wenn schon Rechnungen , dann bitte korrekt und ohne Polemik !

  8.   Am_Rande

    Ist jetzt der Mythos der Normalfall? Oder der Normalfall der Mythos?

  9.   Lido

    Keine Ahnung was die Bundesbank da rechnet, aber mit der Realität scheint die verlinkte Grafik wenig zu tun zu haben.

    Die rote Linie soll die Realverzinsung von „Sparguthaben mit einer Kündigungsfrist bis 3 Monaten“ (also wohl das altmodische Sparbuch) darstellen und aktuell bei etwa Null liegen.

    Als ökonomisch unstudierter Laie würde ich aktuell von einer sparbuchtypischen Nominalrendite von ca. 0,2% ausgehen und davon die durchschnittliche Inflation in 2014 von 1,16% abziehen. Womit man bei einer tatsächlichen Realrendite von minus 0,96% landen würde.

  10.   Florian

    @ Dirk (#7):

    Na, na, na.

    Es handelt sich hier, wie geschrieben, um ein Beispiel.

    Setzen Sie andere Zahlen ein, wenn Sie möchten.
    Das ändert nichts am dem Beispiel zugrundliegenden Mechanismus:

    Der reale Zins (nach Steuer) ist nicht einfach der reale Zins (vor Steuer) abzüglich Steuersatz. Sondern deutlich weniger.
    Es ist daher grundsätzlich problematisch, die Steuern bei einer Realzinsbetrachtung aus Sparersicht nicht zu berücksichtigen.

    Zugegeben: Bei den aktuellen Zins- und Steuersätzen ist der Effekt – wie ich übrigens auch selbst geschrieben habe – nicht sehr ausgeprägt.
    Es erschien mir daher zur Illustration des Effekts nicht sehr sinnvoll, ausgerechnet Zahlen aus 2014 zu verwenden.
    Der Beitrag von Herrn Schieritz ist ja auch eine historische Betrachtung der Entwicklung der Realverzinsung. Und historisch ist der beschriebene Effekt eben schon sehr bedeutend.

    Nehmen Sie mal als extremes Beispiel die Situation vor 30 Jahren (1974):
    Inflation (ca.) 7%
    Umlaufrendite (nominal) 9,6%
    Wenn Sie nun wie Herr Schieritz rechnen, kommen Sie auf:
    Realverzinsung (ohne Berücksichtigung Steuer) = 9,6% – 7% = 2,6%

    Den Steuersatz von 1974 konnte ich gerade nicht finden. Unter 30% dürfte er kaum gewesen sein.
    D.h. die Nachsteuerrendite war ca.:
    Realverzinsung (nach Steuer) = 9,6% x 70% – 7% = -0,3%

    Aus einer Realverzinsung (vor Steuer) von +2,6% wurde 1974 also
    bei einem Steuersatz von 30% eine Realverzinsung (nach Steuer) von -0,3%.
    Ich finde es daher durchaus wichtig, diesen Steuereffekt nicht auszublenden.