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Was hat uns bloß so ruiniert?

 

Mario Draghi will bekanntlich die Unternehmen dazu bringen, wieder mehr zu investieren um somit die Wirtschaftsaktivität und die Inflation zu steigern. Das ist aus vielen Gründen kein leichtes Unterfangen – nicht einmal in Deutschland, wo die Banken vergleichsweise gesund sind.

Einen wichtigen Grund für die Misere verdeutlicht diese eindrucksvolle Grafik. Sie zeigt den Finanzierungssaldo der Unternehmen – also mehr oder weniger die Differenz aus Gewinnen und Investitionen.

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Traditionell bilden in einer Volkswirtschaft die Haushalte Ersparnisse, die die Unternehmen in Investitionen verwandeln um so die Voraussetzungen für Wachstum – und Zinsen – zu schaffen.

Seit gut zehn Jahren ist das in Deutschland nicht mehr der Fall. Die Gewinne reichen mehr als aus, um die Investitionen zu finanzieren. Mit anderen Worten: Die deutschen Firmen sind Nettosparer.

Weil die Haushalte aber natürlich weiter Geld auf die Kante legen und der Staat künftig auch kein Defizit machen will bleibt – weil ex post Ersparnisse immer gleich Investitionen sind – nur das Ausland übrig, um die deutsche Ersparnis aufzusaugen und einer irgendwie produktiven Verwendung zuzuführen.

Deshalb überschwemmen wir die Welt nun schon seit Jahren mit unserem Geld – und wundern uns dann, wenn wieder irgendwo eine Blase entsteht und sich die Ersparnisse in Luft auflösen. Die deutsche Wirtschaft ist vollkommen aus den Fugen geraten. Wir ruinieren erst andere und am Ende auch uns selbst.

Aber dafür sind wir Exportweltmeister.

273 Kommentare

  1.   Florian

    Was ist Ursache, was ist Wirkung?

    Mark Schieritz argumentiert, dass die beständigen deutschen Kapitalexporte für Ungleichgewichte im Euro-Raum sorgen.

    Könnte es aber nicht auch umgekehrt sein? Dass nämlich die Existenz des Euro zu beständigen deutschen Kapitalexporten führt?

    In der guten alten Zeit vor Einführung des Euro war es ja so:
    Wenn sich Deutschland einen Produktivitätsvorsprung erarbeitete, führte dies zwar kurzfristig zu höheren deutschen Gewinnen, dies wurde aber mittelfristig durch Aufwertungen der DM immer wieder neutralisiert.
    Durch flexible Wechselkurse gab es also einen Preismechanismus, der für einen mittelfristigen Ausgleich der Außenbilanzen führte (bzw. zumindest deren komplettes Aus-dem-Ruder-laufen verhinderte).

    Durch den Euro gibt es diesen Ausgleichsmechanismus nun nicht mehr.
    Und deshalb können sich die Ungleichgewichte verfestigen. Und hier konkret: dadurch entstehen immer höhere Kapitalexporte.

    Fazit:
    Es ist nicht so sehr deutscher Export-Wahn, der den Euroraum in die Krise führt. Sondern die Existenz des Euro, die den früher bestehenden Begrenzungs-Mechanismus für deutsche (Waren- und Kapital-) Exporte zerstört hat.

  2.   rjmaris

    @Florian: genau diesen Umstand ist der Grund dafür, dass Deutschlands Vorzeigeunternehmen die Währungsunion herbeiwünschten. Die Politik hätte längst gegensteuern müssen, aber offenbar wird hier eine Art Neomerkantilismus betrieben.

    Nebenbei: Schieritz redet mit keinem Wort von Ungleichgewichten im Euro-Raum. Er stellt lediglich saldenmechanische Verhältnisse fest.


  3. @ Mark Schieritz

    Traditionell bilden in einer Volkswirtschaft die Haushalte Ersparnisse, die die Unternehmen in Investitionen verwandeln um so die Voraussetzungen für Wachstum – und Zinsen – zu schaffen.

    Traditionell ist an dieser argumentativen Kausalkette lediglich die gebetsmühlenartige Überlieferung durch Sparkassenpräsidenten, Wirtschaftsbücher sowie unzählige Vertreter der Mainstream-Ökonomie, die nicht verstanden haben, welche Funktionen das Geld in einem modernen Kreditgeldstandard hat, sondern immer noch in einer ricardianischen Kornökonomie und/oder einem Goldstandard gefangen sind.

    Korrekt müsste es lauten:

    Traditionell bilden in einer Volkswirtschaft die Haushalte Ersparnisse, indem die Unternehmen kreditfinanzierte Investitionen tätigen, in deren Folge es zu Wachstum und somit auch zu Zinszahlungen kommen kann (loans make deposits).

    Am 30./31. Oktober werden wir diesen Mythos am Weltspartag zum 89. Mal werbewirksam inszenieren und die heilige Monstranz zu unseren Sparkassen tragen.

    Ich kann mich hier nur wiederholen:

    Banken verleihen keine Einlagen der Sparer!

    zinsfehler.wordpress.com/2014/09/04/bankmythen/

    LG Michael Stöcker


  4. @ Florian # 1

    Könnte es aber nicht auch umgekehrt sein? Dass nämlich die Existenz des Euro zu beständigen deutschen Kapitalexporten führt?

    Nicht die Existenz des Euro ist die Ursache, sondern die Nichteinhaltung von Regeln. Und hier ist Deutschland einer der größten Regelbrecher, weil wir uns nicht an die expliziten und impliziten Regeln einer Währungsunion gehalten haben. Vor allem die Lohnzuwächse unterhalb der alten Lohnformel des SVR haben zu diesem Dilemma geführt (zeit.de/1965/51/das-dilemma-unsere-lohnpolitik).

    In der guten alten Zeit vor Einführung des Euro…

    Meinen Sie damit die Zeit der exzessiven Währungsspekulationen der 90er Jahre mit unkalkulierbarem Overshooting?

    LG Michael Stöcker

  5.   wirtschaft

    Allerdings waren die Wechselkurse der D-Mark selten flexibel. Sowohl im Bretton-Woods-System als auch im Europäischen Währungssystem war die D-Mark in ein System fester Wechselkurse eingebunden. Wenn Deutschland also einen Produktivitätsvorsprung erarbeitete, führte dies immer wieder zu Devisenzuflüssen in ausländischer Währung. Da das Angebot und die Nachfrage nach ausländischen Devisen den Wechselkurs bestimmen, geriet dieser durch das Überangebot an ausländischen Devisen immer wieder aus den Fugen. Die D-Mark drohte aufzuwerten. Um dies zu verhindern musste die Bundesbank das Überangebot an ausländischen Devisen aufkaufen. Somit konnte der Wechselkurs gehalten werden. Der Nachteil bestand darin, dass sich die Geldmenge stärker als gewünscht aufblähte sodass die Inflation höher lag als gewünscht. Für Auf- und Abwertungen war nicht die Bundesbank, sondern die Bundesregierung zuständig. Um die Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft nicht zu gefährden, sperrte sich die Bundesregierung gegen eine Aufwertung. Stattdessen versuchte man über Umwege zu einem Zahlungsbilanzausgleich zu gelangen, allerdings ohne Erfolg. Letztlich scheiterten diese Systeme fester Wechselkurse immer wieder an realen Falschbewertungen der Währungen, die zu Ungleichgewichten führten.

    Mittelfristig erfolgt schon eine reale Anpassung. Allerdings geht das nur über das Preisniveau. Dies kann aber eine lange Zeit dauern. Vor allem sind innere Abwertungen immer wieder mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit verbunden, damit der Lohnanstieg gebremst wird.

    Umgekehrt ist ein System völlig flexibler Wechselkurse eine Gefahr für den europäischen Binnenmarkt, der dann nicht mehr zu halten wäre. So bestünde immer wieder die Gefahr, dass manche Länder gezielt zur Abwertung greifen (wie es in den 80er-Jahren der Fall war) um sich einen Vorteil zu verschaffen. Dadurch werden manche Güter plötzlich teurer. Die Folge ist, dass sich die Unternehmen gegen solche Wechselkursschwankungen absichern müssen, was allerdings die Produkte auch teurer werden lässt. Um der eigenen Wirtschaft einen Vorteil zu verschaffen, würde auch wieder zu Handelshemmnissen gegriffen werden. Frankreich hat in den 80er-Jahren nach einem misslungenen Konjunkturpaket bspw. 3mal in Folge eine Abwertung durchgesetzt, was den anderen EWS-Ländern nicht so gefiel.
    Umgekehrt hatte die Bundesbank bei der Inflationsbekämpfung in den 90er-Jahren das Problem, dass die Zinserhöhung zwar auf der einen Seite das Geldmengenwachstum reduzieren konnte. Auf der anderen Seite haben die hohen Zinsen zu Kapitalzuflüssen aus dem Ausland geführt, sodass sich die Geldmenge wieder erhöhte. Dementsprechend vergrößerte sich die Geldmenge wieder, was die Inflation wieder antrieb. Es dauerte sehr lange, bis die Inflation auf ein annehmbares Maß gesenkt werden konnte.
    Als sich die EWS-Krise im Jahr 1992 zuspitzte, mussten die Lira und das Pfund aus dem EWS ausscheiden, weil die Notenbank den Kurs nicht mehr verteidigen konnte. Auch die spanische Peseta musste erheblich abwerten. Diese Ländern wollten das aber nicht. Dementsprechend warf man Deutschland vor zu egoistisch zu sein. Die Neuanpassungen der Wechselkurse haben immer wieder zu Streitigkeiten geführt, worunter auch die Zusammenarbeit litt. Um diese Kluft zu überwinden und den Erhalt des Binnenmarktes zu sichern, hat man dann den Euro eingeführt. Das Motiv war ja vernünftig.

    Um die Zustimmung des Volkes zu gewinnen (gerade in Ländern wo Volksbefragungen notwendig waren), hat man allerdings auch die Kosten eines solchen Projektes verschwiegen. Dies werden nun offenbart. Die Lösung besteht meiner Meinung nach allerdings darin, den Euro zum Funktionieren zu bringen. Die Kosten einer Rückabwicklung und eines neuen Nationalismus dürften um ein Vielfaches höher liegen.

  6.   wirtschaft

    Die Banken verleihen schon das Geld der Sparer. Ansonsten wäre Einlagepolitik und die Zinszahlungen völlig widersinnig und ein reines Verlustgeschäft. Zwar kann die Bank zunächst wirklich das Geld erschaffen, wenn der Kunde einen Kredit aufnimmt. Auf der Aktivseite der Bilanz steht dann der Kredit, auf der Passivseite das Kontoguthaben des Kunden. Wenn der Kunde nun aber bspw. das Geld abheben möchte, verschwindet das Kontoguthaben auf der Passivseite. Die Bankenbilanz wäre also unausgeglichen. Um das zu verhindern, leiht sich die Bank das Geld. Dann erscheint auf der Passivseite das entsprechende Fremdkapital und die Bilanz ist wieder ausgeglichen. Einlagepolitik ist deshalb beliebt, weil sich die Banken dadurch günstig refinanzieren können.

    In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist es doch so: Steigen die Ersparnisse der Haushalte unerwartet an, kommt es bei den Unternehmen zunächst zu Lagerinvestitionen, weil Güter nicht verkauft werden können. Zusätzlich kommen natürlich noch Staatsschulden hinzu, weil es zu Steuerausfällen kommt. Der Effekt ist aber zu vernachlässigen. In der Folge passen die Unternehmen ihre Produktion an, sodass die Einkommen sinken. Dadurch werden die Haushalte zum Entsparen gezwungen. Dadurch würden auch die Lagerbestände wieder verbraucht. Wenn dies passiert ist, steigt die Produktion auch wieder und damit auch die Einkommen.

    Genau dieser Weg würde auch in der offenen Volkswirtschaft offen stehen. Wenn sich das Ausland nicht verschulden möchte, passiert genau das gleiche. Richtig ist allerdings, dass die fallenden Zinsen in Südeuropa mit der Euro-Einführung annähernd unweigerlich einen Investitionsboom herbeiführten. Das war aber nicht mal das Problem. Das Problem war, dass es sich dabei um jede Menge unrentable Immobilieninvestitionen handelte. Es kam hier zu einer Fehlallokation des Kapitals, weil die Zinsen zu stark fielen.

    In Griechenland hat sich dagegen der Staat verschuldet. Dieses Geld wurde nicht für Investitionen verwendet, sondern für zusätzliche Konsumgüter, welche daraufhin importiert wurden.

  7.   Mark Schieritz

    “Traditionell bilden in einer Volkswirtschaft die Haushalte Ersparnisse, indem die Unternehmen kreditfinanzierte Investitionen tätigen, in deren Folge es zu Wachstum und somit auch zu Zinszahlungen kommen kann (loans make deposits).”

    Klar, aber diese Debatte wollte ich hier nicht führen sondern auf die Salden hinweisen


  8. Ein wesentlicher Teil der Reallohnzuwächse vor dem Euro ergab sich auch aus den Aufwertungen. Seitdem wir den Euro haben, ist dieser Effekt nicht mehr vorhanden. Seitdem gab es (im Gegensatz zu Spanien, Griechenlland, …) bei uns auch keine Reallohnzuwächse mehr. Wir bezahlen also durchaus schon für den Euro. Dazu kommen natürlich noch die expliziten und impliziten Transfers. alleine Griechenland dürfte jährlich 40 bis 50 Mrd Euro jährlich benötigen, um seinen (niedrigen) Standard zu halten. Da es keine Ausgleichsmechanismen im Euro gibt, werden sich die nötigen Transfers zwangsweise im Laufe der Zeit erhöhen. Portugal, Spanien, Italien und auch Frankreich benötigen immer höhere Kapitalimporte, um ihren Lebensstandard zu halten. Solange dies über Gelddrucken möglich ist, merken wir hier in Deutschland nur wenig davon, da die Inflation sich im wesentlicehn nur auf die Assetpreise auswirkt. Aber so werden Dinge wie ein Eigenheim für den Normalbürger immer unerschwinglicher. Auf Dauer wird dies auch Auswirkungen auf die Miete haben.

    Ein Ausgleich der Ungleichgewichte über erhebliche Lohnerhöhungen ist illusorisch. Dies hätte zwangsweise eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit auf europäisches Durchschnittsniveau zur Folge. Das mag für Leute mit sicheren Arbeitsplätzen beim Staat angenehm sein, aber für die überwiegende Anzahl der Arbeitnehmer ist dies keine Alternative – die hängen an ihrer Arbeit.

  9.   Dietmar Tischer

    >Die Gewinne reichen mehr als aus, um die Investitionen zu finanzieren. Mit anderen Worten: Die deutschen Firmen sind Nettosparer.

    Weil die Haushalte aber natürlich weiter Geld auf die Kante legen und der Staat künftig…>

    Ich verstehe die Logik nicht.

    Die Frage nach der ersten Feststellung ist doch, warum hierzulande nicht investiert wird, wenn die Investitionen finanziert werden könnten.

    Und WAS hat das (erst einmal) mit den Haushalten und dem Staat zu tun, wenn Sie aus den GEWINNEN der Firmen finanziert werden könnten?

    Es muss aus der ersten Feststellung folgen:

    Wir ruinieren uns, weil es UNINTERESSANT (nicht profitabel genug) ist, hierzulande zu investieren.

    Davon ausgehend kann man weiter diskutieren.

  10.   Roland Dressler

    Als Laie (der ich wahrlich bin) würde ich es mal so ausdrücken:

    “Es gibt einfach zu viel Geld”.

    Da Banken quasi aus dem Nichts Geld schöpfen können wird das sicher auch nicht besser. ich sehe da auch weder ein typisches europäisches Problem noch eine besondere Ursache im deutschen Exportüberschuss. Am Ende gilt: es gibt kaum noch etwas worin man großartig investieren könnte, der Bedarf an Konsumgütern ist eben irgendwann auch limitiert. Zumindest wenn man nichts an der Einkommensverteilung ändert.