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Hans-Werner Sinn will mehr Inflation

 

Wir kennen Hans-Werner Sinn als Großkritiker jeder Form einer expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), die wahlweise die Sparer enteignet oder den deutschen Steuerzahler schröpft.

Nun bin dank Makrointelligenz auf ein sehr interessantes Papier von Sinn aus dem Jahr 2000 gestoßen. Darin plädiert er auf Basis einer Balassa-Samuelson-Analyse dafür, dass die EZB eine Inflationsrate von mindestens 2,5 Prozent anpeilen sollte, um Deflation zu verhindern.

Hier aus der Schlussfolgerung:

In light of nominal price rigidities some inflation is needed to allow for a decline of relative prices and to provide the economy with the necessary flexibility to accommodate structural change

Und weiter:

We find that the ECB has to tolerate roughly one additional percentage point of inflation in the aggregate beyond what had been considered appropriate for Germany alone. The Bundesbank traditionally had aimed at an inflation rate of 1.5% to accommodate for Germany’s internal structural change. If this target remains valid for Germany within the European currency union, the euro-11 countries need an aggregate inflation target of about 2.5% or more

Ganz generell scheint Sinn damals noch keine Angst vor steigenden Preisen gehabt zu haben.

However, as long as the evidence of economic costs of moderate inflation rates remains as weak as it is, we conclude from our analysis that the ECB should tolerate a substantially higher inflation rate in Europe than the Bundesbank used to in Germany

Nun hat Sinn auch in jüngeren Beiträgen auf die Bedeutung der Inflation für Preisanpassungen hingewiesen, wenn die Fernsehkameras an sind, spricht er darüber jedoch nicht. Als Kronzeuge für die AfD jedenfalls dürfte er sich damit disqualifiziert haben.

41 Kommentare

  1.   Phil89

    Sehr geehrter Herr Schieritz,

    ich möchte Sie auf diese Grafik und den darin gezeigten Zusammenhang aufmerksam machen:

    flassbeck-economics.de/wp-content/uploads/2014/11/2014_11_04-Abb-1-ULC-GDP-deflator.jpg

    Die Analyse von Sinn ist also – quelle surprise – korrekt gewesen. Hat man in einer Währungsunion keinen Wechselkurs mehr, muss man diesen quasi vortäuschen, indem man die Inflationsraten der Teilnehmerländer angleicht.
    Da Deutschland inflationstechnisch seit Einführung der EWU eine miese Geschichte hinter sich hat, hat es eine besondere Verantwortung, um
    (1) auf die Zielinflationsrate zu kommen
    (2) die GIIPS-Staaten nicht mehr zur Deflation zu drängen.
    Es sollte mittelfristig eine Inflation von mehr als 2% anstreben, wie oben zu sehen, eben über eine ja … Stärkung der Gewerkschaften.
    Dies erhöht auch die Nachfrage und senkt langfristig und schmerzhaft den deutschen Leistungsbilanzsaldo.

  2.   Peter

    Ich denke, dass in unserer Situation jeder mehr Inflation haben will. Spätestens, wenn der Strafzins bei den Privathaushalten ankommt, dann gibt es den großen Bank Run mit den bekannten Folgen. Auf der anderen Seite droht Hyperinflation, wenn das billige Geld nicht mehr nur zur Spekulation verwendet wird und in der Realwirtschaft ankommt. Vorhersagen kann das keiner, was zuerst kommt. Einzig der Bank Run kann durch Draghi ausgelöst werden.
    Derzeit wundert es mich eh, warum Banken noch Kredite vergeben. Einfach bei der EZB Geld leihen und in high-yield Staatsanleihen der Eurozone anlegen, solange die Leverage Ratio noch nicht umgesetzt ist. Dafür braucht man keine Kunden, keine Filialen und verdient Geld mit den durch den Steuerzahler/ EZB garantierten Papieren. Einfach himmlisch, was EZB und die Politik derzeit so anbieten. Man bräuchte jetzt nur noch das Kleingeld, um eine Bank zu eröffnen…

  3.   Brick

    “Nun hat Sinn auch in jüngeren Beiträgen auf die Bedeutung der Inflation für Preisanpassungen hingewiesen, wenn die Fernsehkameras an sind spricht er darüber jedoch nicht.”

    Hmm, es ist sogar viel schlimmer:

    ” Die EZB muss die Preise stabil halten. Im Maastrichter Vertrag ist von stabilen Preisen, also von Null-inflation die Rede. Momentan haben wir keine Deflation, sondern noch immer eine leichte Inflation. Die Kerninflationsrate, die stark schwankende Bestandteile wie die Energiepreise herausrechnet, liegt bei 0,8 Prozent. Die EZB verletzt ihr Mandat ein bisschen, weil sie Inflation erlaubt, aber das ist tolerabel, solange die Teuerung unter 2 Prozent bleibt.”
    merkur-online.de/aktuelles/wirtschaft/hans-werner-sinn-europa-droht-eine-zweite-verlorene-dekade-4116697.html

  4.   Tomah4wk

    Der Grund, warum es keine Inflation gibt ist: die Globalisierung.

    Solange es Länder gibt, in denen die Leute für einen Sack Reis im Monat arbeiten, werden die Gewerkschaften in Europa NIEMALS satte Lohnsteigerungen raushandeln. Ergo wird die Inflationsrate auf niedrigem Niveau verharren.

    Ergo: Inflation gibt es wieder, wenn sich die Lebensverhältnisse auf der gesamten Welt mehr oder weniger angenähert haben und dann die Angestellten wieder Verhandlungsmacht haben.

  5.   Tiefenwahn

    Ich habe kein Problem mit einer Inflationsrate um die 2%, habe auch kein prinzipielles Problem mit QE. Aber das man das neu gedruckte Geld nur dazu verwendet, um damit Spekulanten ihre Fehlinvestitionen abzukaufen, da habe ich schon etwas dagegen. Wie soll dabei Inflation entstehen? Inflation entsteht durch eine Erhöhung der Nachfrage nach realen Gütern, und dies erreicht man nicht, indem man Spekulanten ihre schlechten Risiken abkauft. Dabei werden nur diejenigen mit dem neuem Geld beschenkt, die eh schon genug haben.

    Wenn man wirklich Inflation will, dann muss man die Nachfrage erhöhen, und dies erreicht man am effektivsten, wenn man das neu gedruckte Geld an alle gleichmäßig verteilt, etwa über Coupons für alle Bürger. Mit Sicherheit wird man dabei wesentlich weniger neues Geld brauchen, als wie wenn man auf den Trickle-Down Mechanismus hofft, wo dann von den Reichen ein paar Krümel abfallen. Weder in den USA noch in Japan haben die unteren 80% der Bevölkerung wirklich etwas von dem neuen Geld gesehen. Natürlich werden diesen 80% auch Verluste durch die dann enstehende Inflation entstehen, aber in diesem Fall haben sie wenigstens vorher einen Ausgleich erhalten. QE nur für Spekulanten ist reine Umverteilung von Arm nach Reich.

    Der Effekt, dass dann einige Spekulanten ihre Verluste realisieren müssen, wird sich wesentlich geringer auf die Nachfrage auswirken, wie die erhöhte Nachfrage der unteren 80%. Für Riesterrenten und kleine Lebensversicherungen wird sich sich eine Lösung finden, die nur einen kleinen Bruchteil der bisherigen Rettungen verschlingt.

  6.   Phil89

    @ Brick

    Hans Werner Sinn verdreht hier die Dinge, wie es seinem Monetaristenhirn am besten gefällt. Art. 127 AEUV (dejure.org/gesetze/AEUV/127.html) fordert »Preisstabilität«, was volkswirtschaftlich schon mal reiner Irrsinn ist, wie man im ersten Semester Makro lernt, da man nicht alle Preise stabil halten kann, sondern nur ein Preisniveau und die EZB kann das ohnehin nur sehr ungenau.

    Das Ganze aber als Nullinflation zu interpretieren und so freundlich zu sein, wenigstens Inflationsraten bis 2% zu dulden, da macht Sinn einen Fehler. Es gibt gewisse Messfehler bei der Preisniveauberechnung und es gibt die Weiterentwicklung von Gütern, insb. im technischen Bereich, die der (Harmonische) Verbraucherpreisindex nicht messen kann. Deshalb muss von vornherein eine gewisse Inflationsrate angepeilt werden, weil sie auch Darlehen und Arbeit attraktiver macht, wenn alles andere gleich bleibt, was nicht zugunsten der Arbeitnehmer wäre. (aber auf Arbeitnehmer nimmt in diesem Land gerade ohnehin niemand Rücksicht.) Die EZB hat sich eine Inflationsrate von knapp unter 2% auf die Fahne geschrieben.

    Wenn man diese Inflationsrate unterschreitet, dann ist es für die EZB problematisch und sie versucht, mit expansiver Poliik gegenzusteuern, klappt aber nicht, da sich die Löhne manchmal auf Talfahrt befinden und manchmal auch einfach nicht genug steigen, und so der Wirtschaftskreislauf quasi entdynamisiert wird.


  7. Hans-Werner Sinn vertritt diese Meinung durchaus auch vor laufender Kamera: blogs.faz.net/fazit/2013/11/08/hans-werner-sinn-deutschland-muss-mehr-inflation-akzeptieren-2903/

    Interessant ist allerdings, dass er zwischen seinem Paper, der Diskussion mit Stiglitz und seinen letzten Stellungnahmen immer wieder unterschiedliche Schwerpunkte setzt: flassbeck-economics.de/klagen-gegen-die-politik-der-ezb-oder-wenn-das-recht-die-oekonomie-abloesen-soll/

    Als grundsätzlicher Euro Befürworter wird sich Sinn aber sicherlich nicht für den Abschwung für Deutschland als Kronzeuge vereinnahmen lassen: handelsblatt.com/politik/deutschland/rueckschlag-fuer-afd-chef-luckes-eurokritische-oekonomen-initiative-vor-dem-aus-seite-all/9850532-all.html
    LG Michael Stöcker


  8. Prof. Sinn hat damals, wie fast alle, einen anderen, als den hier diskutierten, schwerwiegenden Fehler begangen. Er hat unterschiedlichen Inflationsraten in der Eurozone das Wort geredet. Diese haben sich auch eingestellt. Deutschland nach 2000 um die 1% die heutigen Krisenländer um 3% ja sogar bis 5%. Damit war der Stein für die stark divergierenden Leistungsbilanzen gelegt und damit die daraus folgenden internen Spannungen des Euros. Eine stabile Währungsunion bedingt halt ähnliche Inflationsraten, Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsbilanzen. Unterschiedliche Inflationsraten und Leistungsbilanzen sind innerhalb einer Währungsunion, wie von etlichen Volkswirten damals behauptet , eben kein Artefakt, sondern der Totengräber einer Währungsunion.

  9.   Yeti-1

    Ich finde es schön, Herr Schieritz, dass Sie so gereizt reagieren. Jahrelang haben Sie den Lesern einzureden versucht, dass die Eurokrise mit viel Geld und gutem Willen vorübergehen wird. Das ist natürlich, wie u.a. Herr Sinn vorausgesagt hat, nicht passiert, weil die Bereitschaft, immer neues Geld zu geben, die Inangriffnahme struktureller Reformen quasi verhindert hat. Griechenland, Italien, Frankreich, nirgendwo ist etwas einschneidendes passiert. Die Griechen haben ihre Sozialleistungen vermindert, und die hohe Arbeislosigkei hat die Löhne gedrückt. Der Rest ist kreative Buchführung und dreiste Lügen, die gerade Journalisten besonders eifrig akzeptieren. Hier sollte man noch hinzufügen, dass ohne Änderungen am politischen System keine wirtschaftliche Gesundung möglich sein wird, die Probleme also weitgehend nichtökonomischer Art sind. Die Angst der Europäer vor dem politischen Umsturz ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum Griechenland heute noch im Euroraum ist.
    Was Sie so triumphierend herumreichen, ist doch eine schlichte ökonomische Wahrheit, die von Herrn Sinn auch heute nicht bestritten wird. Als Hilfe für Strukturreformen ist eine unterstützende Anpassungsinflation nützlich und notwendig. Sonst entsteht Deflation, die im allgemeinen für wirtschaftlich schädlich gehalten wird, was aber höchst umstritten ist. Ohne diese Reformen ist die Anpassungsinflation schädlich, weil sie den Reformdruck vermindert und Vermögen vernichtet. Dieser einfache politische Zusammenhang kann ihnen doch bei ihren herausragenden theoretischen Kenntnissen nicht entgangen sein.
    Die politische Strategie, Reformen gegen Geld, hat bisher nicht funktioniert, und wird es auch in Zukunft nicht tun, solange die Länder ihre ökonomische Chance nicht im Euro-Raum suchen. Erst gab es Geld aus den Rettungsfonds, dann von der EZB und danach kommt nur noch der Austritt aus dem Euro. Dann, wenn die wirtschaftlichen Kosten für beide Seiten zu hoch werden, also in ein paar Jahren.
    Am Anfang wurde der wirtschaftliche Preis für den Euro wesentlich von Deutschland (bzw. der DM-Zone) bezahlt durch niedriges Wachstum, hohen Geldabfluss und eine geringe Investitionsqquote. Die anderen Länder erlebten durch niedrige Zinsen einen Wirtschafts- und Schuldenboom. Jetzt sind sie hart gelandet, und die Anpassung der Realwirtschaft steht bevor. Sie wollten den Vorteil des Euro, nicht aber die (von den deutschen Ökonomen präzise vorhergesagten) Anpassungsprobleme für ihre Wirtschaftsstruktur. Der Euro hat sich also zu einr echten Bombe entwickelt, die hörbar tickt, bei der man aber nicht weiß, wann sie hochgehen wird.

  10.   Wolfgang Waldner

    @Bernd Klehn

    Das war kein Fehler mit dem Lohndumping durch die Agendapolitik in Deutschland und den damit unterschiedlichen Inflationsraten. Das war von vornherein Absicht, um den Euroraum durch deutsche Exportüberschüsse in eine schwere Krise zu treiben und möglichst wieder zu sprengen.

    Die Absicht besteht immer noch, denn sonst würden die Massenmedien längst steigende Löhne und Sozialleistungen in Deutschland fordern. Das wäre nämlich die einzige Chance, um eine deflationäre Depression im Euroraum zu verhindern, als Folge der Austeritätspolitik und des Lohn- und Sozialabbaus in den Krisenstaaten.

    Da die Massenmedien die Agendapolitik ausgerechnet in Deutschland durchgesetzt haben, was die Zwangsverschuldung der deutschen Handelspartner im Euroraum bewirken musste, wäre nach den Auftraggebern der Eurokrise zu fragen. Je mehr sich die Krise verschärft, desto nachdrücklicher.

    Denn es müssten ja nur die Löhne in Deutschland steigen, statt die Löhne in den anderen Staaten zu senken. So dumm kann niemand sein, das nicht zu begreifen, auch nicht in der EZB oder anderen Gremien. Selbstverständlich kann die Deflation nur mit Lohnsteigerungen in Deutschland verhindert werden, weil Zinssenkungen und das QE der EZB ja die Folgen der Agendapolitik nicht aufheben können.