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Niedrige Löhne = gut, niedriger Euro = schlecht?

 

Die Debatte um die Wechselkurse zeigt sehr schön, in welche logischen Widersprüche man sich verstrickt, wenn man versucht, den deutschen ökonomischen Mainstream zu vertreten.

Am Wochenende berichtete die FAZ über die Abwertung des Euro und bringt das Argument, dass eine solche Abwertung langfristig von Nachteil sein könne, weil sich die Unternehmen wegen der Währungsvorteile nicht mehr anzustrengen brauchten.

Deutschland kann sich auf dem Erreichten ausruhen, statt ständig die Produktivitätspeitsche D-Mark im Rücken zu haben.

Man kann diesen Punkt machen. Er ist legitim. Aber dann kann man nicht zugleich auf die Gewerkschaften eindreschen, wenn die mit der Peitsche der Produktivität argumentieren, wenn es um Lohnforderungen geht.

Mir ist nicht bekannt, dass die FAZ oder die hiesigen Wirtschaftsprofessoren sich an dieser Stelle in den vergangenen Jahren jemals auf die Seite der Arbeitnehmervertreter geschlagen hätten. Stattdessen wurde und wird reflexhaft der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit beklagt, sobald irgend jemand in Deutschland auf die Idee kommt, vielleicht einmal höhere Löhne einzufordern. Dabei spielt es für die Wettbewerbsfähigkeit keine Rolle, ob die Abwertung extern (über die Währung) oder intern (über die Löhne) erfolgt.

Ordnungsökonomie heißt also heute offenbar: Billig ist gut – aber nur wenn es den Arbeitnehmern so richtig weh tut. Wenn nicht ist teuer besser. Schöne Theorie.

37 Kommentare

  1.   wirtschaft

    Ich kann der Argumentation für eine Abwertung der Währung nicht soviel abgewinnen. Eine Abwertung der Währung verschlechtert schlicht die Terms of Trade. Für die Erlöse aus dem Export kann man sich dementsprechend weniger im Ausland leisten. Der Anstieg der Nettoexporte beruht darauf, dass die Exporte billiger werden und damit zunehmen, während die Importe teurer werden und damit abnehmen.

    Die Menschen in dem jeweiligen Land konsumieren ja nicht nur Produkte aus einheimischer Produktion, sondern auch Produkte aus Importen. Wenn die Importe jetzt teurer werden, können sich die Menschen von Ihrem Gehalt davon weniger leisten. Dementsprechend tut der Lebensstandard der Menschen unter einer Weichwährung im Normalfall leiden. Man sollte also den Lebensstandard der Menschen nicht unbedingt am Bruttoinlandsprodukt messen, ebenso nicht am BIP-pro-Kopf. Das BIP macht lediglich eine Aussage zur Höhe der Wertschöpfung im Inland. Es ist allerdings kein guter Indikator für die Lebensqualität der Menschen.

  2.   Henry Kaspar

    Fuer die Wettbewerbsfaehigkeit spielt das vielleicht keine Rolle, fuer die Beschaeftigung aber schon: den Loehne sind nicht nur Kostenfaktor sondern auch Faktorkosten. Lohneerhoehungen provozieren Investitionen in kapital- statt arbeitsintensive Produktionsweisen. Bei nominaler Aufwertung hingegen kommt es nicht zu solchen relativen Verschiebungen.

  3.   Wolfgang Waldner

    @Henry Kaspar

    Die These, dass Lohnerhöhungen eine kapitalintensivere Produktion zur Folge hätten, ergibt sich zwar aus den Modellen der VWL, ist aber wie alle Dogmen der VWL eine Beleidigung der menschlichen Intelligenz:

    Dann müsste nämlich Hochzinspolitik für mehr Beschäftigung sorgen, weil sie doch das Kapital und die Investition teuer macht. In der Realität führt Hochzinspolitik aber zu Massenarbeitslosigkeit, wie wir historisch mit jeder Krise immer wieder sehen könnten, statt den Modellbau der VWL zu studieren.

    Niedrige Zinsen müssten dann Arbeitslosigkeit verursachen. Erzählen Sie das mal der EZB oder der FED – die Zentralbanken hätten seit jeher alles falsch gemacht und genau umgekehrt wäre es richtig gewesen: Krisen und Massenarbeitslosigkeit würde man nach der VWL durch Zinssenkungen verursachen, weil die das Kapital billiger als die Arbeit machen, Vollbeschäftigung käme durch möglichst hohe Zinsen. Die Dogmen der VWL an unseren Universitäten sind der letzte Witz oder der blanke Wahnsinn oder beides.

    Zum guten Schluss ist dann noch zu bedenken, dass niedrigere Löhne auch die Produktion der die menschliche Arbeit sparenden Maschinen billiger werden ließen. Also nicht real, aber nominal (der Unterschied würde unsere VWL geistig völlig überfordern). Diese Frage sollten mal unsere Wirtschaftsweisen klären, die ja immer meinen, Arbeitslosigkeit käme von zu hohen Löhnen und völlig unzureichenden Renditen, was selbstverständlich ein von den Unternehmern sehr gut honoriertes Dogma der VWL-Professoren ist.

  4.   Dietmar Tischer

    >Mir ist nicht bekannt, dass die FAZ oder die hiesigen Wirtschaftsprofessoren sich an dieser Stelle in den vergangenen Jahren jemals auf die Seite der Arbeitnehmervertreter geschlagen hätten. Stattdessen wurde und wird reflexhaft der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit beklagt, sobald irgend jemand in Deutschland auf die Idee kommt, vielleicht einmal höhere Löhne einzufordern.>

    In den VERGANGENEN Jahren gab es ja auch keine spürbare Abwertung des Euro.

    Im GEGENTEIL (EUR zu USD):

    Von 0,85 (2001) bis zu 1,55 (2008) stieg er nahezu kontinuierlich und danach fiel er vergleichsweise moderat auf knapp 1,40 (2014).

    Erst seit dem 2. Halbjahr 2014 fällt der EUR zum USD sehr schnell und sehr erheblich.

    Das annähernd gleiche Bild ergibt sich für EUR zu JPY, was insbesondere für Maschinenbau und Automobilindustrie mit den Japanern als Hauptwettbewerber nachteilig war.

    Es war in der Vergangenheit weitgehend richtig und keine „reflexhafte“ Reaktion, unter Währungsgesichtspunkten gegen höhere Löhne zu argumentieren.

    Und noch ein Punkt:

    Löhne und Produktivität können wir selbst beeinflussen, Wechselkurse nur sehr, sehr bedingt.

    Das ist der Unterschied beim preislichen Wettbewerbsvorteil.

    Mit Blick darauf ist es schon problematisch, die preislichen Wettbewerbsvorteile durch Abwertung und durch Lohnzurückhaltung bzw. Vernachlässigung von Produktivitätsanstrengungen gleichzusetzen.

  5.   Dietmar Tischer

    Korrektur:

    Es muss natürlich heißen

    Mit Blick darauf ist es schon problematisch, die preislichen Wettbewerbsvorteile durch Abwertung und durch Lohnzurückhaltung bzw. Produktivitätssteigerungen gleichzusetzen

  6.   Marlene

    Die Summe aller Wettbewerbsfähigkeiten ist immer 1.

    Wird die Wettbewerbsfähigkeit zu ungleich ‚verteilt‘ schrumpft die Wirtschaft.

    Mit einer ruinierten Volswirtschaft kann man keinen Handel mehr treiben.

  7.   Henry Kaspar

    @ Waldner

    Die These, dass Lohnerhöhungen eine kapitalintensivere Produktion zur Folge hätten, ergibt sich zwar aus den Modellen der VWL, ist aber wie alle Dogmen der VWL eine Beleidigung der menschlichen Intelligenz:

    Ja wissen Sie, mit diesem brutalen Niveau and Roh-Intelligenz konfrontiert zu werden bin ich halt nicht gewohnt.

    In dem Fall kommt Ihnen aber doch vielleicht einiges durcheinander: Geld- und Gueterzins, Zentralbankrzins (= Preis fuer Liquditaet) und realwirtschaftliche Rendite, Nachfrage und Angebot. Mark Schieritz hat ein paar schoene Beitraege dazu geschrieben, dass man Zentralbankzin und realwirtschafltiche Rendite besser nicht verwechseln sollte – zum Beispiel hier:

    http://blog.zeit.de/herdentrieb/2013/05/08/die-kalte-enteignung-der-sparer_6025

    Besten Gruss,
    HK


  8. Die Abwertung droht den deutschen Leistungsbilanzüberschuss weiter zu vergößern ohne das sich die Leistungsbilanzen der Krisenländer Griechenland, Spanien und Portugal verbessern,denn diese verfügen über kaum weltmarktfähige Produkte Richtung China oder USA. Dieses können wir uns in der Eurozone nicht leisten, die einfach bei riesigen Leistungsbilanzunterschieden nicht stabil sein kann. Hier gibt es nur ein Mittel für Deutschland entweder höhere Löhne oder höhere staatliche Investitionen um den Leistungsüberschuss runter zu fahren. Diesen Spielraum haben die Krisenländer trotz Abwertung aber nicht. Insgesamt muss das Eurosystem Strafen auf Target2-Salden und Leistungsbilanzabweichungen (plus und minus) erheben, sonst bleibt das Eurosystem nicht stabil. Bisher hat es aber immer Leistungsbilanzunterschiede gefördert und wundert sich gleichzeitig ob ihrer eigenen Instabilität.

  9.   Henry Kaspar

    @ wirtschaft

    Ich kann der Argumentation für eine Abwertung der Währung nicht soviel abgewinnen. Eine Abwertung der Währung verschlechtert schlicht die Terms of Trade. Für die Erlöse aus dem Export kann man sich dementsprechend weniger im Ausland leisten

    Das gleiche gilt allerdings bei Lohnkuerzungen, oder?

  10.   Wolfgang Waldner

    @Henry Kasper

    Mark Schieritz kommt in dem von Ihnen verlinkten Beitrag zu der Aussage, dass es sich um eine Verteilungsfrage handelt. Das gilt für Zinsen wie für die Löhne. Eine Senkung der Löhne führt also nicht zu mehr Beschäftigung und diese wäre auch gar nicht im Interesse der Kreise, die ständig Lohnsenkungen fordern. Sie führt zu einer Umverteilung der Einkommen von den Arbeitern zu den Klassen der Rentiers und Kapitaleigner.

    Die VWL bedient diese Interessen mit ihrem Unsinn, dass Lohnerhöhungen eine Verdrängung der Arbeit durch Kapital und damit den Verlust von Arbeitsplätzen bewirken würden.

    Lohnerhöhungen führen zu einer Senkung der realen Schuldenlast und der realen Zinsen. Daher fördern Lohnerhöhungen tatsächlich die Investition in eine bessere Ausstattung der Firmen, Bauinvestitionen und die allgemeine Güternachfrage. Damit werden aus zunächst nur nominalen Lohnsteigerungen über die wachsende Produktivität reale Lohnsteigerungen und ein wachsender Massenwohlstand bei hoher Auslastung der Kapazitäten. Die Beschäftigung steigt durch Lohnerhöhungen, solange die Geldpolitik der Notenbank nicht mit Zinserhöhungen die Wirkung der stetig steigenden Nominallöhne auf den Realzins zunichte macht.

    Die Modelle der VWL beruhen alle auf der falschen Voraussetzung, dass Geld neutral wäre. Ist es aber nicht, daher sind sinkende Löhne schlecht für die Arbeitsplätze, weil bei Deflation der Realzins zu hoch wird. Da die VWL das Geld und die monetären Zusammenhänge nicht beachtet, lehrt sie meist genau das Gegenteil der wirklichen Zusammenhänge. Sie bedient damit aber immer zahlungskräftige und einflussreiche Interessen.